EKHN-Kreuz EKG Gonsenheim Header

7. Sonntag nach Trinitatis am 25. Juli 2010

Predigt über Johannes 9

Liebe Gemeinde,

1.

im 9. Kapitel des Johannesevangeliums wird von der Heilung eines von Geburt an blinden Menschen berichtet.

Krankheit und Heilung führen zu Gesprächen - zum Teil sind es auch Streitereien - unter ganz verschiedenen Menschen, so dass der Bericht die Zeitspanne fast eines ganzen Tages umfasst.

Im Verlauf macht ein Mensch seine ersten Schritte im Glauben – und Jesus spricht von Glauben und Unglauben, von Menschen, die ihr Augenlicht haben und doch ihn, Jesus, nicht erkennen können.

Bis heute ist es so: Wenn es um unseren Glauben geht oder unseren Unglauben, dann hat das immer mit einer Geschichte zu tun. Mit unserer eigenen Geschichte. Manches kommt uns vielleicht bekannt vor, wenn wir der Geschichte dieses Mannes – jedenfalls für den Tag, von dem berichtet wird – folgen.

2.

"Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der von Geburt an blind war.

Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, daß er blind geboren ist?

Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.

Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.

Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt."

Da ist ein Kind blind auf die Welt gekommen. Es hat noch nie im Leben etwas gesehen. Keine Farben, keine Gesichter.

Größer geworden kann der Jugendliche keiner geregelten Arbeit nachgehen wie andere. Er bleibt abhängig von anderen, lernt, einen Beitrag zum Lebensunterhalt durch Betteln zu erwerben.

Und muss sich damit arrangieren, ein "Aussgestossener" der Gesellschaft zu sein. Eine Randexistenz. So wie er am Rand der Straße sitzt, so ist auch sein Platz unter den Menschen. Immer am Rand. Immer an der Seite. Nie mitten drin.

Seine Krankheit ist ein Makel und isoliert ihn von den anderen.

Das kennen wir. Und ich glaube nicht, das uns das Denken so fremd ist, das dem Kranken entgegenschlägt: Woran liegt es, dass er krank ist? Hat es mit seinen Eltern zu tun? Oder mit ihm selber vielleicht? Hat gar einer Schuld daran? Und Gott? Warum läßt er das zu? Oder ist es gar eine Strafe Gottes für eine Schuld in der Familie? Da lag schon immer etwas in der Familie, ihr kennt doch die Eltern ... ?

Das ist nicht weit weg von uns. Ist es nicht auffällig, bei jedem Unglück, bei jeder Katstrophe, wie sehr wir drängen, die Frage nach den Ursachen, nach dem Warum? zu beantworten. Es ist sicher nur ein Aspekt dieser Fragen: aber vielleicht liegt darin auch die Möglichkeit, sich zu distanzieren – oder sich in der falschen Sicherheit zu wiegen, ein Unglück ein für allemal auschließen zu können.

Wenn ein Schuldiger gefunden wird. Wenn Verschulden festgstellt werden kann. "Sie hat schon immer das Falsche und überhaupt zuviel gegessen, er hätte viel früher mit dem Rauchen aufhören sollen, ... "

Da ist ja auch was dran. Es gibt ja ein Fehlverhalten, das sich auf den ganzen Menschen - bis hinein in seinen Körper - auswirken kann. "Als ich meine Schuld verschweigen wollte, da verschmachteten meine Gebeine", sagt ein Psalmbeter des Alten Tesatments (Psalm 32).

Aber Jesus zerreisst hier diesen Zusammenhang von Schuld und Strafe und verbietet den Außenstehenden das Urteil über einen anderen Menschen und seine Familie.

Jesus analysiert nicht, um etwas erklären und sich dann distanzieren zu können. Er glaubt und schenkt Nähe.

Jesus fragt nicht zurück nach dem "Warum mußte mir das passieren?", um Gründe und Erklärungen zu finden. Er fragt nach vorn, "Was kann daraus werden? Wie kann Licht hinein kommen und etwas werden aus diesem Leben?“

Und Jesus selbst weiß zunächst auch noch nicht genau, was hier werden kann. Ob hier ein Mensch gesund werden soll oder ob es um Hilfe in einem anderen Sinn geht. Aber er glaubt. Ein kluger Lehrer der Bibel (Otto Michel) hat einmal gesagt: "Der allmächtige Gott ist für uns Menschen immer eine Möglichkeit, nicht aber eine Selbstverständlichkeit, auch nicht für Christen."

3.

"Als Jesus das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden.

Und er sprach zu ihm: Geh zum Teich Siloah - das heißt übesetzt: gesandt - und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder."

Jesus nimmt den Menschen in seine Obhut. Er nimmt ihn in Schutz vor den Vorstellungen und den Verurteilungen der Menschen. Er muss ihn in Schutz nehmen sogar vor den religiösen Vorstellungen der eigenen Jünger.

Und mit welch einfachen Mitteln handelt er an ihm. Er behandlet ihn wie ein Arzt mit den Mitteln der damaligen Heilkunde – die uns ungewohnt klingt. An manchen Stellen im Neuen Testament kommt das vor.

Jesus beugt sich herab und nimmt Anteil am Leiden der Kreatur, jetzt in diesem einen Menschen. Er nimmt etwas von der Erde, und seine Spucke, etwas von sich sehr persönlich, und berührt damit den Kranken. Das sind die Werke Gottes - äusserlich in Form der einfachen Medizin, wie man sie damals kannte. Also darf ich auch in dem heute sehr viel weiter fortgeschrittenen ärztlichen Tun das Handeln Gottes erwarten. Das ist tröstliches Wissen, für Ärzte, Patienten und alle Menschen in heilenden Berufen (Manfred Seitz).

Zunächst ist es fast nichts, was der Mensch da von Jesus bekommt. Das sieht doch erstmal ganz schön armselig aus. „Das kann ja unsere alte Tante besser“, haben sich manche vielleicht gedacht. Seine Jünger haben schon einmal so reagiert: Jesus, was du da hast, ist doch fast nichts, was willst du uns denn geben? Fünf Brote und zwei Fische? Davon sollen alle satt werden?

Und Jesus schaut, ob die Menschen es begreifen, daß hinter dem scheinbar Nichts in seinen Händen er selbst steht, seine Person – und die Macht Gottes. Man muß es sich vielleicht gefallen lassen; daß man scheinbar nichts oder wenig bekommt. Aber es ist etwas an dem, was scheinbar nichts ist.

So wenig cool wir als Gemeinde manchmal für jüngere Leute rüberkommen; so mühsam wir uns manchmal Worte abringen, wo wir merken, hier ist unser Glauben gefragt oder ein Mensch braucht von uns ein Zeichen der Hoffnung, der Zuversicht ... Und wenn wir manchmal denken, das war doch jetzt fast nichts, was wir füreinander tun konnten ... Es ist etwas an dem, was scheinbar nichts ist. Gott handelt so.

Auch wenn Jesus Brot und Wein gibt und sagt: Das bin ich ... In dem wenigen wird immer wieder etwas Wichtiges geschehen.

4.

Die Nachbarn nun und die, die ihn früher als Bettler gesehen hatten, sprachen: Ist das nicht der Mann, der dasaß und bettelte?

Einige sprachen: Er ist´s; andere: Nein, aber er ist ihm ähnlich. Er selbst aber sprach: Ich bin´s.

Nachbarn sind hier Menschen, die Anteil nehmen. Ohne Nachbarn kann kein Mensch existieren. Manche haben Nachbarn, auf die sie lieber verzichten möchten. Aber Nachbarn gehören zum Leben dazu, und selbst wenn man ganz einsam lebt, bekommt man Nachbarn auf angenehme oder weniger angenehme Weise. Es gibt gute und böse, interessierte und gleichgültige, hilfreiche und lästige Nachbarn. Aber Nachbarn gibt es. Hier stößt das Interesse der Nachbarn weitere Gespräch an. Sie sind neugierig. Da ist etwas passiert? Erstaunlich: Sie zeigen keine Freude. Und sie stellen in Frage, daß an der Geschichte überhaupt etwas dran ist – bis hin zu der schon kränkenden Frage: "Kennen wir dich? Bist du das überhaupt oder liegt hier eine Verwechselung vor. Vielleicht läßt sich das alles ganz einfach erklären. Es gibt für alles eine Erklärung."

Er selber muß laut und deutlich sagen: Nein, ich bin es wirklich, den ihr als Blindgeborenen und als Bettler kennt.

Das ist ein Mensch auf dem Weg zum eigenen Glauben.

Er läßt sich gefallen, daß Jesus in wenigem, in fast nichts, ihm nahe kommt und an ihm handelt.

Er läßt sich auf einen Weg schicken zum Teich Siloah und tut, was Jesus sagt und geht dabei eigene Schritte. Jesus hat er noch gar nicht gesehen mit eigenen Augen,

er ist ja in diesem Moment noch blind. Aber er vertraut. Und handelt selbst.

Unglaublich viel verändert sich im Lauf dieser Geschichte. Der eine Mensch sitzt nicht mehr am Rand und bettelt, sondern steht unter den Menschen und sagt, wer er ist.

Ich bin´s und sage das so, daß mich keiner verwechseln kann.

Es gibt eine Scheu, den Worten Jesu einfach zu folgen, aus der falschen Befürchtung heraus, dann nicht mehr ich selbst sein zu dürfen, dann tun zu müssen, was mir fremd ist und den eigenen Neigungen widerspricht. Hier sieht man, dass es ganz anderes ist. Da kommt ein Mensch wieder auf die Beine und lernt, eigene Schritte zu gehen und auch anderen gegenüber zu sich selbst zu stehen – in dem Moment, als er Jesus folgt. Der vorher Bettler war, beginnt zu einem selbstbewußten Menschen zu werden. Das kann der Glaube leisten.

5.

"Da fragten sie ihn: Wie sind deine Augen aufgetan worden?

Er antwortete: Der Mensch, der Jesus heißt, machte einen Brei und strich ihn auf meine Augen und sprach: Geh zum Teich Siloah und wasche dich! Ich ging hin und wusch mich und wurde sehend.

Da fragten sie ihn: Wo ist er? Er antwortete: Ich weiß es nicht."

Da ist ein Mensch auf dem Weg zum Glauben. Und da soll er den anderen schon Jesus zeigen. "Zeig uns doch mal deinen Gott!" Wir sehen ihn gar nicht. Wenn der so wichtig ist für dich, wo ist er denn? Versteckt er sich?"

Die Fragen, die uns manchmal in Verlegenheit bringen, kennen wir auch.

6.

"Da führten sie ihn, der vorher blind gewesen war, zu den Pharisäern.

Es war aber Sabbat an dem Tag, als Jesus den Brei machte und seine Augen öffnete.

Da fragten ihn auch die Pharisäer, wie er sehend geworden wäre. Er aber sprach zu ihnen: Einen Brei legte er mir auf die Augen und ich wusch mich und bin nun sehend.

Da sprachen einige der Pharisäer: Dieser Mensch ist nicht von Gott, weil er den Sabbat nicht hält. Andere aber sprachen: Wie kann ein sündiger Mensch solche Zeichen tun? Und es entstand Zwietracht unter ihnen."

7.

Jetzt gehen die theologischen Auseinanderstzungen los. Und so sind Theologen. Manchmal maßen sie sich etwas zuviel an, nämlich zu sagen, was sein darf und was nicht sein darf. Natürlich in korrekter Auslegung der Bibel. Aber merkwürdig - leider auch typisch, manchmal aber auch notwendig - darüber geraten sie in Streit. Einen Streit der Lehrmeinungen.

Interessant dabei: Die Pharisäer sind sich nicht einig. Einige sind schon bereit, sich mit Jesus auseinanderzusetzen. Es ist immerhin etwas passiert. Da kann man nicht einfach dran vorbeigehen. Das kann man nicht einfach wegerklären.

8.

"Da sprachen sie wieder zu dem Blinden: Was sagst du von ihm, daß er deine Augen aufgetan hat? Er aber sprach: Er ist ein Prophet.

Dann fragen sie die Eltern und sprachen: Ist das euer Sohn, von dem ihr sagt, er sei blind geboren? Wieso ist er nun sehend?

Seine Eltern antworteten ihnen und sprachen: Wir wissen, daß dieser unser Sohn ist und daß er blind geboren ist.

Aber wieso er nun sehend ist, wissen wir nicht, und wer ihm die Augen aufgetan hat, wissen wir auch nicht. Fragt ihn, er ist alt genug; laßt ihn für sich selbst reden."

Das ist schlau. Die Eltern fürchten sich, Stellung zu beziehen. Sie merken, hier zieht ein Streit herauf. Das ist eigentlich ein Streit um Jesus und der reicht ziemlich tief. Das kann Menschen trennnen. Und auf der Seite Jesu kann man ganz schnell wieder ausgegrenzt, zum Trottel erklärt und nicht mehr ernst genommen werden.

9.

"Da riefen sie noch einmal den Menschen, der blind gewesen war, und sprachen zu ihm: Wir wissen, daß dieser Mensch - Jesus - ein Sünder ist (er hat ja mit seiner Heilung und seinen Anweisungen an den Blinden gegen das Feiertags-Gebot verstossen) – auch, einen Menschen zu heilen, galt damals als unerlaubte Arbeit.

Der Geheilte aber antwortete: Ist er ein Sünder? Das weiß ich nicht; eins aber weiß ich: daß ich blind war und bin nun sehend.

Da frageten sie ihn: Was hat er mit dir getan? Wie hat er deine Augen aufgetan?

Er antwortete ihnen: Ich habe es euch schon gesagt, und ihr habt´s nicht gehört! Was wollt ihr´s abermals hören? Und dann ironisch: Wollt ihr denn auch seine Jünger werden?

10.

Da schmähten sie ihn und sprachen: Du bist sein Jünger, wir aber sind Moses Jünger.

Wir wissen, daß Gott mit Moses geredet hat; woher aber dieser ist, wissen wir nicht."

Das eigene Wissen kann einem Menschen im Weg stehen, Christus zu erkennen. Manchmal reicht es nicht, sich auf einmal erworbenes Wissen zu berufen. Was wir wissen, hilft nicht immer – wenn es uns verschließt für neue Erfahrungen. Die Chance, selbst und persönlich ihm, Christus, näher zu kommen, ihn vielleicht selbst als Licht für das eigene Leben zu erfahren, die zieht hier an Menschen vorüber. Das Entscheidende bliebt ihren Augen hier – in diesem Moment jedenfalls – verborgen.

11.

"Der Mensch antwortete und sprach zu ihnen: Das ist verwunderlich, daß ihr nicht wißt, woher er ist, und er hat meine Augen aufgetan – und wieder könnte man einen leicht ironischen Unterton heraushören. Die anderen merken das.

Sie antworteten und sprachen: Du bist ganz in Sünden geboren und lehrst uns? Und sie stiessen ihn hinaus."

Jetzt müssen sie den Geheilten diffamieren, weil sie nicht annehmen wollen, was er sagt und weil sie die Konsequenzen fürchten. Weil sie sich anders zu Jesus stellen müßten. Das ahnen sie und dem verweigern sie sich an dieser Stelle.

12.

Es kam vor Jesus, dass sie den Geheilten ausgestossen hatten. Und als Jesus ihn fand, fragte er: Glaubst du an den Menschensohn?

Er antwortete und sprach: Herr, wer ist´s, dass ich an ihn glaube.

Das ist sehr schön erzählt. Ein Mensch ist auf dem Weg zum Glauben. Während die anderen eben gerade mit ihrem Wissen (auch ihrem biblischen Wissen) sich jeder Einsicht verweigert haben, da läßt er, der noch gar nicht richtig weiß, wer Jesus ist, sich auf ein Gespräch ein. In dem er sehr sympathisch und offen zugibt, eigentlich nicht zu wissen, wer das ist, über den die Leute sich da streiten, den kenne er eigentlich gar nicht.

"Wer ist es, dass ich an ihn glaube?" Die Bibel schätzt das Fragen sehr hoch ein. Da ist ein fragender Mensch – und ein Weg zeichnet sich ab – es ist immer ein Weg, eine Geschichte – die zum Glauben führt. Und am Ende wird er – der frühere Bettler - mehr wissen als die Schriftgelehrten.

13.

"Jesus sprach zu ihm: Der nach dem du fragst: Du hast ihn gesehen, und der mit dir redet, der ist´s.

Der Mann aber sprach: Herr, ich glaube, und betete ihn an.

Und Jesus sprach: Ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen, damit, die nicht sehen, sehend werden, und die sehen, blind werden.

Das hörten einige der Pharisäer, die bei ihm waren, und fragten ihn: Sind wir denn auch blind?

Jesus sprach zu ihnen: Wärt ihr blind, so hättet ihr keine Sünde; weil ihr aber sagt: Wir sind sehend, bleibt eure Sünde."

Mit diesen mahnenden Worten schließt das Kapitel.

Der von Geburt an blinde Mensch, einer, der lange gar nichts sehen konnte, der am Rand saß, nicht dazu gehörte, der auf Almosen angewiesen war – er wird uns hier als ein Beispiel und Vorbild vorgestellt – als ein Mensch, der – als im Christus auf sehr menschliche, fast armselig anutende Weise, begegnet, doch fähig ist zu erkennen, dass Gott an seine Tür anklopft; der darauf reagiert und Schritte im Glauben und Gottvertrauen geht, die auch Schritte in ein eigenes selbstbestimmtes Leben sind.

Solchen Glauben schenke uns Gott. Amen.

Rogate (Betet) am Sonntag, 9. Mai 2010

So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und für alle Obrigkeit, damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit.

Dies ist gut und wohlgefällig vor Gott, unserm Heiland, welcher will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung ...

1. Timotheus 2, 1-6a

Liebe Gemeinde,

1.

Rogate, Betet!

Wir – meine Frau und ich – hatten einen sehr schönen Abend verbracht mit einem befreundeten, alten Ehepaar. Es war spät geworden und Zeit, ins Bett zu gehen. Da holten die beiden wie selbstverständlich ihre Gebetbücher, schlugen sie uns an einer bestimmten Stelle auf und beteten mit uns abwechselnd einen Psalm und dann einen Abendsegen.

Überraschend war das für uns. Ich habe mich gefragt, ob ich selbst mich das trauen würde mit Gästen, die zu uns kommen und habe es seitdem – leider – nur ein oder zweimal so getan. Dabei war es ein schöner Moment. Was uns im Gespräch über Gott und die Welt und auch Persönliches umgetrieben hatte, kam zur Ruhe. Das Gebet hat uns daran erinnert: Gott ist da. Und das war gut.

2.

Ich habe das Gefühl, dass uns das Beten heute schwer fällt. Mir selbst fällt es nicht leicht. Manchmal rede ich mich damit heraus, dass ich ja immer wieder einmal an Gott denke ... beim Autofahren, vor dem Einschlafen ... dabei weiß ich, dass da mehr drin steckt, es sehr viel mehr, zu lernen, zu erfahren, zu entdecken gibt – und dass sich vieles verändert, wenn ich bete.

Viele Menschen sind heute durch die hohen Anforderungen ihres Berufsalltags oder auch der Familie stark beansprucht. In der verbleibenden, freien Zeit, der so knappen, umkämpften Zeit für mich selbst, fällt es oft schwer, noch etwas anzugehen, was den Anschein von Anstrengung, Konzentration, Übung an sich hat.

Aber die Anforderungen in Schule, Beruf oder Familie, die zunehmende Schnellebigkeit unserer Zeit allein kann es nicht sein. In einem Kurs in der Stadtkirchenarbeit erzählte eine Frau im Austausch der Gruppe: „Ich muss in diesen Wochen nicht arbeiten. Ich habe den ganzen Tag frei. Und trotzdem fällt es mir schwer, oder schaffe ich es nicht, die verabredeten 20 min für Stille und Gebet einzuhalten.

Und auf der anderen Seite ist da eine ganz große Sehnsucht – dass sich in aller Hektik einmal ein Ort der Ruhe findet, dass bei aller Fremdbestimmung meines Lebens ich einmal auch zu mir selbst komme, dass ich aus Einsamkeit heraus in ein Gespräch finde ...

Ich bin sicher, dass diese Sehnsucht – manchmal vielleicht verschüttet - in fast jedem Menschen lebt: dass da ein Gott ist, der mich hört.

3.

Erich Kästner erzählt die Geschichte vom Doppelten Lottchen. Die Zwillinge sind getrennt von ihren Eltern, die haben sich scheiden lassen und leben an verschiedenen Orten, jeder mit einem der Zwillinge. Es gibt eine Verwechselungsszene, die Eltern sind wieder zusammengekommen, sind in einem Zimmer, sprechen miteinander und überlegen, ob sie zusammen bleiben können. Die beiden Mädchen sind vor dem Zimmer und eine sagt zur anderen: Jetzt müsste man eigentlich beten können. Es fällt ihnen aber kein Gebet mehr ein, außer – und das sprechen sie dort: „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast.“

Die beiden wussten – nicht mehr ganz, aber noch ein wenig – von dieser schönen Sprache des Gebetes, die uns Menschen eigentlich zur Verfügung stehen sollte; weil wir sie brauchen.

Inger Hermann hat einige Jahre an drei Stuttgarter Förderschulen Religionsunterricht gegeben. Über ihre Erfahrungen mit Kindern und Jugendlichen in der Schule hat sie ein sehr anrührendes Buch geschrieben. Ab und zu musste ich das Buch weglegen, weil die Schicksale der Kinder, die sie schildert, geprägt von Gewalt und sexuellem Missbrauch in ihren Familien in der Brutalität manchmal nicht mehr auszuhalten waren.

Von einer Stunde erzählt sie, in der sie vollständig scheitert. Einer der Jungen, Jose, stört immer wieder und lässt sich auf keine Weise zur Ruhe bringen. Die Stunde endet im Chaos. Als es klingelt und Inger Hermann – am Ende ihrer Kraft - sagt: „Ihr könnt gehen“, fragen die Kinder nach dem Ritual, das sonst immer die Stunde beschließt: „Heute kein Segen?“

„Nein jetzt nicht, ich kann nicht!“

„Sie haben aber gesagt, beten kann man immer, sogar beim Autofahren“, erinnert eine Schülerin.

„Trotzdem, ich kann jetzt nicht. – Ich sag den Segen heute abend für euch.“

„Für mich auch?“

„Ja.“

„Für mich auch?“

„Für dich auch?“

„Und für mich?“

„Ja, ich denke an jeden Einzelnen von euch.“

Sie gehen. Ich sitze – erzählt Inger Herman weiter – mit Jose in der Verwüstung am Boden. Ein Chaos.

„Ich will auch in die Pause.“

„Ich weiß, aber jetzt müssen wir hier aufräumen.“

„Okay.“

Ich lasse ihn los. Er hebt zwei Bücher auf und – wutsch ist er zur Tür hinaus ... Erschöpft und traurig räume ich die Bücher und Kreiden weg, auch die Stühle muss ich heute allein hochstellen.

Schulschluss. Ich strebe dem Parkhaus zu. Da kommt Jose hinter mir hergerannt: „Warten sie doch!“

Ich warte.

„Tun sie`s für mich auch?“

„Was soll ich tun?“

„Sie wissen schon – heute abend.“

„Den Segen? Für dich soll ich auch den Segen sagen?“

Er nickt heftig, dreht sich um und läuft johlend zu den anderen zurück.

Einige Wochen später erzählt er uns, dass seine Familie in ihre Heimat nach Spanien zurückkehrt. Er freut scih nicht, ist still und bedrückt.

Wir üben den Psalm 23. Jose, trotz seiner Rappel, hatte ihn als erster auswendig gekonnt.

„Willst du ihn noch mal sagen?“

Jose will: „Der Herr ist mein Hirte,

mir wird nichts mangeln,

er weidet mich auf einer grünen Aue,

und führet mich zum frischen Wasser.

Er erquickt meine Seele

und führt mich auf rechter Straße ...“

„Wenn du in deinem Land bist, und wir sprechen diesen Psalm, dann können wir ganz fest an dich denken.“

„Tut ihr das dann auch wirklich?“

„Ja, das tun wir dann wirklich.“

Das war vor eineinhalb Jahren. Aus der dritten ist eine fünfte Klasse geworden und aus dem 23. Psalm, der „Jose-Psalm“. Immer wieder schlägt eines der Kinder vor, den „Jose-Psalm“ zu sprechen. Neue Schüler wundern sich. Dann erzählen wir ihnen von Jose, wie schlimm er war, was er alles angestellt hat – und es klingt meist sehr liebevoll.

Neulich musste Petra ins Krankenhaus. Sie hat Angst.

„Sagt ihr für mich auch einen Psalm?“

„Sollen wir miteinander überlegen, welchen?“

Neben dem 23. können wir inzwischen den 139. und den 91. Psalm auswendig.

„Gott beschirmt dich mit seinen Flügeln,

unter seinen Schwingen findest du Zuflucht, ...

dir begegnet kein Unheil

kein Unglück naht deinem Zelt,

Denn Gott hat seinen Engeln befohlen,

dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“

Ich denke an die völlig daneben gegangene Stunde vor eineinhalb Jahren, an meine pädagogische und menschliche Niederlage, am Boden sitzend im Chaos, nicht mehr fähig und bereit, den Schlussegen zu sprechen.

Ohne diese Niederlage hätten sechzehn Kinder nicht von der Möglichkeit und der Kraft der Fürbitte erfahren. Jose, der Unbändige, Jose, der Schlimme, ihm danken wir es.

Als Inger Hermann einen Titel für ihr Buch suchte, hat sie den Ausspruch eines dieser Kinder gewählt. Das Buch heißt: „Halts Maul, jetzt kommt der Segen!“

4.

Im Timotheusbrief heißt es: „Damit wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit.“

Wie in dieser Förderschulklasse wünschen sich auch die Menschen der Bibel ein Leben, das nicht – oder vielleicht sagen wir vorsichtiger – nicht nur von der Unruhe der Gewalt, von der Not der Verfolgung, vom Lärm der Unterdrückung erzählt.

„Ruhig und still, fromm und ehrbar“ – das alte Deutsch führt uns in die Irre, wenn wir glauben, hier spreche einer vom Rückzug in die fromme Ecke und stiller Andacht in Weltvergessenheit. Im Gegenteil: hier haben Menschen fast zu viel von der Welt gesehen; und sehnen sich nach einem Raum, in dem Kinder im Frieden groß werden und Erwachsene menschlich miteinander umgehen – einem Raum, in dem Glauben, Liebe und Hoffnung weitergeben werden.

5.

Und darum auch – für unsere Ohren ganz ungewohnt – das Gebet für die Obrigkeit ... heute nicht mehr für den König, sondern für die Kanzlerin, für Ministerpräsidenten und Minister und wer immer Verantwortung trägt ...

Damals machten die Christen klar: die uns regieren, das sind keine Götter, das sind alles Menschen wie wir, darum brauchen sie unser Gebet, sie sind dessen bedürftig. Die Fürbitte für die Mächtigen hat sie heruntergeholt vom Thron der Gottähnlichkeit und sie zu Menschen gemacht, die sie sind. So liegt im Gebet auch eine Freiheit im Umgang mit den Mächtigen – zusammen mit der Sorge um das Wohl des Staates und der Gesellschaft.

Was passieren kann, wenn eine Regierung versagt, ein Land herunterwirtschaftet, es zu Unruhen und Ausschreitungen kommt, bis in einem brennenden Gebäude drei Menschen sterben – wir haben es gerade in Griechenland mit ansehen müssen. Allen muss daran liegen, dass eine Regierung ihren Job macht – und dafür beten wir – und heute ist manchmal auch die Abwahl eine Möglichkeit, das haben wir den ersten Christen voraus, Gott sei Dank!

6.

„Damit wir ein ruhiges Leben führen können“.

Was darin liegt, drückt für mich sehr schön das Bild aus von der Wasseroberfläche: Wenn sie nicht mehr aufgewühlt und bewegt ist, wenn sie in der Windstille glatt daliegt, „spiegelglatt“ sagen wir, dann kann ich mich, wenn ich hineinschaue, darin erkennen.

In der Stille des Gebetes liegt die Chance, dass sich meine innere Unruhe, mein inneres Chaos, ordnet.

Und wieder merken wir: „ein ruhiges und stilles Leben“, das ist keine Weltfremdheit, sondern bringt im Gegenteil eine höhere Aufmerksamkeit und Wachheit, einen geklärten Blick auf die Welt, die Menschen und mich selbst.

Eines Tages – so erzählt eine jüdische Geschichte - kam der Rabbi von Krakau in das Zimmer, wo sein Sohn in tiefem Gebet versunken war. In der Ecke stand eine Wiege mit einem weinenden Kind. „Hörst du nicht, dass dein Kind weint?“ Da sagt der Sohn: „Vater, ich war in Gott versunken.“ Der Vater antwortet: „Wer in Gott versunken ist, sieht sogar die Fliege, die auf der Wand kriecht.“

Die Berufsberaterin Ute Glaubitz weist in ihrem Buch „Generation Praktikum“ auf ein großes Problem bei der Berufswahl junger Menschen hin: Das Problem sie gar nicht immer der schwierige Arbeitsmarkt oder der Schulabschluss, sondern häufig die Unfähigkeit junger Menschen zu sagen, was sie eigentlich wollen, was in ihnen steckt, was sie können, wofür ihr Herz schlägt, wo es sie hinzieht ...

Ute Glaubitz: „Die Leute sollten sich viel mehr Zeit nehmen, in sich hineinzuhorchen ... um sich selbst kennen zu lernen und eigene Entscheidungen zu treffen ... um – ich fand das ein sehr schönes Wort – „im eigentlichen Leben anzukommen“.

Die Ruhe des Gebets hilft und, in unserem eigenen Leben anzukommen. Es schützt uns vor der Gefahr, wie ein Hamster im Laufrad rennend mit unserem Leben doch immer nur auf der Stelle zu treten – oder wie eine Elster auf alles zu fliegen, was ein bisschen glänzt – und unsere wahre Bedürfnisse ständig zu übergehen.

„Halt´s Maul, jetzt kommt der Segen!“ Das hat ein Kind gesagt, um in der Klasse Ruhe zu schaffen für das, was ihm wirklich wichtig ist. Es hat damit auch eine andere Wahrheit ausgesprochen: Auch im Gebet kann ich mal die Klappe halten und still werden – und darauf achten, was sich in mir regt und ordnet, was wach wird an Gedanken, welche Ideen mir Gott schenkt oder wie einfach etwas in mir zur Ruhe kommt ...

7.

Zum Schluss noch ein paar wenige praktische Hinweise:

Vom Beten beim Autofahren war schon die Rede. Was macht jemand, der keinen Führerschein hat? Und: Gibt es ein Art zu Beten, die weniger Benzin verbraucht?

Unser Gesangbuch hat im hinteren Teil sehr schöne Gebete für morgens, mittags und abend. Ich liebe sehr – trotz ihrer alten Sprache - Luthers Morgen- und Abendsegen, die auch abgedruckt sind. Ich kann solch ein Gebet lesen, sprechen, einen Moment still sein und anfügen, was ich selbst sagen möchte.

Die Psalmen, die wir am Anfang unseres Gottesdienstes gemeinsam sprechen, sind Gebete, in denen ich mich mit meinen Empfindungen und Erlebnissen wieder finden kann – und was mir erst einmal fremd ist, öffnet mir manchmal überraschende Einblicke. In Auswahl finde ich sie hinten im Gesangbuch – und alle natürlich in der Bibel.

Ein schöner Brauch ist es, eine Kerze anzuzünden, an einen Menschen zu denken, ein Anliegen, ein Wunsch, eine Bitte – und vielleicht ein kurzes Gebet zu sprechen.

Ich gehe ab und zu morgens eine Runde spazieren, weil ich dort besser zur Ruhe komme als zu Hause, ich spreche manchmal nur ein kurzes Gebet, merke, wie Stille auch schwer sein kann, weil auch dunkle Gedanken mich bedrängen und hartnäckig festsetzen wollen. Ich versuche, sie kommen aber auch wieder gehen zu lassen und mich mit allem Gott anzubefehlen.

Im Einklang mit dem Atem kann man beten. In Verbindung mit einem Wort, das ich mir aussuche: Mit dem Einatmen sage ich in Gedanken: „Mein“ mit dem Ausatmen: „Gott“ oder „Jesus Christus - erbarme dich!“ Das wiederhole ich einige Minuten lang.

Manche Menschen haben sich in ihrem Zimmer eine Ecke gestaltet. Da steht eine Kerze oder es hängt ein Bild oder ein Spruch dort oder eine Ikone. In manchen Gegenden nennt man das den Gotteswinkel.

Einem Bekannten ist es über den Kopf gewachsen, er findet keine Zeit mehr, für alle Menschen zu beten, die ihm am Herzen liegen. Er schriebt einen Namen auf einen Zettel und legt ihn dorthin, vor eine Kerze oder eine Ikone und befiehlt sie damit der Fürsorge Gottes an.

8.

Martin Luther war ein manchmal laut und derb polternder Zeitgenosse, aber auch er hat von der „Ruhe“ des Gebets gelebt. „Wenn ich mehr noch als sonst zu arbeiten habe“, sagte er, „dann brauche ich um so mehr Zeit für das Gebet.“

Damit kein falscher Eindruck von frommer Beschaulichkeit entsteht: Luther ist auch ein wunderbares Beispiel für die Freiheit, für den Mut, ja manchmal die Frechheit eines Gott vertrauenden Gebetes:

So berichtet Luther in einer seiner Tischreden vom Gebet für seinen Freund und Mitarbeiter: „ Da Magister Philipp Melanchthon todkrank lag, habe ich im Gebet um ihn gerungen und hab’ gedrohet, wenn er sterben würde, würde ich unserm Herrgott den Sack vor die Füße werfen.«

Ein Kollege hat mir dieser Tage von einer Frau erzählt, die vor vielen Jahren einmal einen Glaubenskurs mitgemacht hat – und damals einen für sie ganz wichtigen persönlichen Kontakt zu Gott entwickeln konnte, der sie jetzt in der Zeit schwerer Krankeit getragen hat. Was ihr Menschen gegenüber nicht leicht fiel, ja fast unmöglich war, konnte sie Gott gegenüber tun: mit ihm wie mit einem Vertrauten sprechen und ihm ihr Herz ausschütten

Rogate! Betet! Es geht wirklich nicht um eine Pflichterfüllung, sondern darum, den Schatz zu entdecken, der im Gebet verborgen liegt: dass ich, dass wir, einen Ort und eine Zeit haben, in der uns aussprechen und schweigen dürfen und spüren, dass Gott für uns da ist. Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.

Pfarrer Andreas Nose

Lätare (4. Sonntag in der Passionszeit) am 14. März 2010 Konfirmation

Liebe Konfirmandinnen, liebe Konfirmanden,

liebe Eltern und Angehörige, Paten und Freunde,

liebe Gemeinde,

1.

als ich anfing, über diese Predigt zu Eurer Konfirmation nachzudenken, habe ich mir das Evangelium angeschaut, das zu diesem Sonntag in der Passionszeit gehört. Das habe ich gleich wieder weggelegt, weil ich dachte: das geht gar nicht! Das kannst Du denen nicht zumuten. Es gibt ja Bibeltexte, da versteht auch der Pfarrer erst mal Bahnhof oder denkt: such weiter, du findest bestimmt noch einen Spruch, der fröhlicher ist, der sofort gut klingt, den man gern hört und schnell versteht, der allen Mut macht ... gibt es ja alles in der Bibel.

Dann fing die Sucherei an, das war nicht so prickelnd. Ich habe sogar meine Frau gefragt. Die hatte auch – wie immer – gleich eine gute Idee. Ach, aber irgendwie ...

Ich habe dann einen Tag später noch mal diese Geschichte in die Hand genommen und gedacht: Mensch, Andreas, das sind doch keine kleinen Kinder mehr. Trau denen doch was zu, die haben das drauf. Die können da schon was mit anfangen. Und die Eltern auch und die Paten, vielleicht sogar die Großeltern, die sind` doch noch nicht zu alt. Die denken gerne noch mit. Und freuen sich noch über Neues. Und wenn das erstmal ein bisschen fremd ist – das ist doch aufregend. Wäre doch ganz langweilig, wenn immer nur das käme, was man sowieso schon kennt und sowieso immer schon gesagt oder gedacht hat ... Da würde ich ja auf der Stelle treten. Und wir wollen doch alle noch ein bisschen weiter kommen mit unserem Leben, mit unserem Glauben und mit uns selbst ... Also los!

Die Geschichte spielt sich ab in dieser Jahreszeit kurz vor Ostern, damals vor dem Passafest in Jerusalem, kurz vor dem Tod Jesu.

2.

Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. Die traten zu Philippus, der von Betsaida aus Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollten Jesus gerne sehen. Philippus kommt und sagt es Andreas, und Philippus und Andreas sagen´s Jesus weiter.

Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

Johannes 12, 20-24

3.

In dieser wirklich irgendwie sperrigen Geschichte, in der ich mich erst noch zurechtfinden muss – und ich weiß nicht, ob ich am Ende alles gut finde, was hier steht – auch in dieser Geschichte finde ich erst einmal etwas sehr Vertrautes:

Da wird ein Fest gefeiert. Und die Leute gehen hin.

So wie Ihr. 1 ½ Jahre seid Ihr unterwegs gewesen, um zu diesem Fest zu kommen. Ein langer Weg. Die Leute im Evangelium haben nicht so lange gebraucht. Aber ein paar Tage waren die auch unterwegs, mit dem Schiff übers Mittelmeer, mit Karawanen über Land, zu Fuß durch Israel, damit sie das Fest in Jerusalem mitfeiern konnten. 1 ½ Jahre Konfiunterricht, 20 Gottesdienst mindestens, etwa 120 Konfistunden, wenn man Samstage und Freizeiten mit einrechnet ... und dann immer noch irgendwas aufsagen müssen ... ein langer Weg.

Aber jemand muss ihn gehen! Stell dir vor, da gibt’s ein Fest und keiner geht hin!

Verrückt – und trotzdem gibt es das. Zur Konfirmation kommt bei uns noch der größere Teil der Jugendlichen. Aber klar, gibt’s auch Leute, die sagen: „Ist nicht mein Ding! Sagt mir nichts! Bringt mir nichts! Geh ich nicht hin!“ Das ist in Ordnung. Darum geht’s ja gerade: dass Ihr Euch entscheidet; dass Ihr eine eigene Entscheidung trefft. Die habt Ihr getroffen. Darum seid Ihr hier. Darum seid Ihr dabei bei diesem Fest.

4.

In unserem Leben – und das gilt für jeden von uns - gibt es etwas zu feiern. Wisst Ihr, wissen Sie, wo Jesus das erste seiner Wunder getan hat damals? Auf einem Hochzeitsfest. Warum auf einer Hochzeitsfeier?

Seine Mutti hatte ihn vorher schon immer mal bedrängt: „Jesus, jetzt tu doch endlich mal was, damit die Menschen merken, wozu du auf der Welt bist!“

Da sind die Mütter auf der ganzen Welt alle gleich, oder? „Jetzt tu doch endlich mal was für die Schule! Jetzt heb doch mal den Hintern hoch! Jetzt räum endlich dein Zimmer auf! Wenn du später mal einen Job haben willst, musst du auch Ordnung halten! Ja, weiß du gar nicht, was du willst? Wofür interessierst Du dich eigentlich außer für Deinen Computer?

Aber Jesus hat auch gelernt, seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Und er hat Zeit gebraucht. Auch bei ihm war nicht alles gleich da. Dinge entwickeln sich. Und irgendwann merkst Du: Ja, das ist es. Jetzt gilt es. Das ist mein Ding! Und jetzt ist die richtige Zeit. Und dann kriege ich auch den Hintern hoch.

Über einen unserer Söhne sagte seine Lehrerin: „In der Oberstufe wird er durchstarten.“ Er kommt jetzt in die Oberstufe. Und kam nach Hause und erzählte gleich, was ein anderer Lehrer ihm gesagt habe: Bei ihm, dem Lehrer, sei es mit Ernst, Schwung und Freude erst im Studium so richtig losgegangen. Da sei er aufgewacht. „Aha, was willst Du mir jetzt damit sagen?“, fragen sich da leicht besorgte Eltern.

Aber für Eltern ist das auch ein Trost: Unsere Kinder werden ihren Weg finden. Auch wenn es manchmal einfach seine Zeit braucht. Und ich wünsche Euch das: dass Ihr Euer Eigenes findet, dass Ihr eure eigenen Entscheidungen trefft; dass ihr dieses Gefühl in Euch pflegt, das Euch sagt: das ist jetzt meine Sache, das ist mein Ding; dass ihr nicht nur tut, was andere Euch sagen; dass Ihr nicht nur macht, was sich halt gerade ergibt; sondern dass Ihr immer wieder mal merkt: das ist jetzt meins, da will ich hin, hier gilt es, hier greife ich zu; dafür setzte ich etwas ein!

Als Pfarrer lernt man ja eine Menge Menschen kennen. Ich habe Leute kennen gelernt, die haben mit 40 noch bei Mutti gewohnt, manchmal sogar mit 50 oder ihr Leben lang. Einer hat immer noch die kleine Landwirtschaft der Eltern weiter gemacht, obwohl damit lange schon nichts mehr zu verdienen war. Mein Eindruck war, der hatte nie eine eigene Entscheidung getroffen. Manchmal ist das für Eltern schwer, wenn die Kinder sagen: Euren Laden übernehme ich nicht, die Firma ist mir nicht wichtig, ich habe andere Ziele. Und das andere gibt’s ja auch: dass ein Sohn, eine Tochter gern den Betrieb weiterführt, den die Eltern aufgebaut haben. Aber auch dann: es muss ihre eigene, freie Entscheidung sein. Sonst bringt es nichts.

Und das ist auch hier so. Bei der Konfirmation. Das muss schon Eure (!) Sache sein. Sonst wird das kein Fest. Sondern nur ne lahme Kaffeetafel mit Onkel, Tante und Krawatte.

Aber ich möchte noch mal auf Jesus kommen und seinem Auftritt beim Fest. Es gab diesen Moment, den Zeitpunkt, da hat Jesus das gemerkt – und hat gesehen: das ist es jetzt. Dafür bin ich auf der Welt. Das ist „mein Job“. Und da hat er zugepackt. Da musste dann auch die Mutti nicht mehr drängeln. Wobei ja die Katholiken sagen, die Maria ganz besonders gern haben und verehren – wenn Maria hier nicht gedrängelt hätte, dann hätte der Junge das noch nicht gemerkt. Die Mutter ist wichtig. Und das Drängeln manchmal auch.

Bei diesem Hochzeitsfest hat Jesus gesehen: Jetzt geht es los. Als ob er in diesem Moment seinen Job gefunden hat. Als ob er in dieser Situation – beim Feiern – gemerkt hat: ja, dazu bin ich auf der Welt. Hier können Menschen am besten sehen, wie Gott es mit ihnen meint, wer Gott ist und wo er zu finden ist – Gott liebt jeden Menschen so wie ein verliebtes Paar sich liebt. Er möchte nichts mehr, als mit uns zusammen zu sein und das Leben mit uns zu teilen. Er sucht unsere Nähe und freut sich daran. Ihn kennen zu lernen, das ist ein Fest. Da gibt es nicht nur Wasser, sondern Wein. Da gibt es nicht nur das Nötigste zum Leben, sondern etwas zum Freuen.

Natürlich kann das auch sehr schön sein mit Onkel und Tante Kaffe zu trinken. Ich wünsche Euch aber sehr, dass dies wirklich Euer Fest wird und Ihr Euch an dem tiefsten Grund für dieses Fest freuen könnt: Das Gott mit jedem von Euch in großer Liebe das Leben teilen und einen guten Weg gehen will.

Wir haben schon gehört, dass es Menschen gibt, die gar nicht zu diesem Fest kommen. Es gibt aber auch Leute, die kommen zwar zum Fest, aber haben bis zum Schluss nicht verstanden, was eigentlich gefeiert wird. Da geht’s dann nur ums Essen und Trinken und vielleicht noch drum, die Verwandten zu sehen und eine gute Zeit zu haben.

5.

Auch schön, aber die Menschen, die wir in unserer Geschichte antreffen, erwarten mehr. Die hängen nicht in irgendeiner Jerusalemer Kneipe ab. Auch sie haben sich entschieden. Sie wissen was sie wollen. Darum suchen sie Philippus. Wahrscheinlich haben sie gehört, dass der Mann eine gute Adresse ist. Der Philippus scheint hier ein bisschen wie das Vorzimmer von Jesus zu sein. Der seinen Kalender führt und die Termine macht. Und der den Leuten sagt, wann und wie Sie den Boss treffen können.

Solche Leute brauchen wir. Leute, die genau diesen Job machen. Ich brauche Menschen, die mir helfen, Jesus zu sehen; die mir helfen, das ich in meinem Leben Gott finden kann.

Was Philippus hier tut – eine Arbeit wie in Gottes Vorzimmer – haben Sie´s schon gemerkt? Wir haben mal versprochen, das Gleiche zu tun: Bei der Taufe der Kinder haben Sie als Eltern und Paten das mal versprochen – und ich bin darum Pfarrer geworden - wir haben gesagt: wir möchten helfen, dass unsere Kinder, unsere Patenkinder, die Menschen unserer Gemeinde, ihre eigenen Termine bei Gott bekommen, dass wer es möchte, in seinem Leben Jesus kennen lernen, ihm vertrauen, mit ihm zu sprechen, auf ihn zu hören lernt. Erinnern Sie sich noch?

Ich muss mich manchmal daran erinnern, wozu ich da bin: dass ich nicht angetreten bin, ein guter Pfarramtsmanager zu sein und möglichst viele Sitzungen zu schaffen, sondern ein paar Schritte mit Menschen zu gehen, die Gott suchen.

Wenn es Ihnen damit so geht wie mir manchmal und Sie ein wenig ein schlechtes Gewissen bekommen und sich sagen: das haben wir eigentlich viel zu wenig versucht – dann sage ich Ihnen: es ist noch nicht zu spät: Sie können ja, auch wenn Ihr Patenamt heute offiziell endet, weil die Jugendlichen religionsmündig – also in Fragen von Kirche und Glauben als Erwachsene gelten – vielleicht trotzdem noch etwas tun: ihnen zum Beispiel eine Dauerkarte für den Jugendkirchentag schenken, der Anfang Juni in Mainz stattfindet – oder ihnen mal erzählen, was sie eigentlich vom Glauben mitbekommen haben, ob es Menschen gibt, die Sie beeindruckt haben, vielleicht auch, was Ihnen Mühe macht und wo Sie selbst noch am Suchen sind.

Aber erzählen Sie bitte nicht die Geschichte vom Wald. Ich gehe selbst auch gern in den Wald und ich kann auch im Wald Gott finden. Aber wenn mir Leute sagen: da finde ich Gott, dafür brauche ich keine Kirche und keinen Gottesdienst – denke ich: na, dann bist du schon fast ein Heiliger, ich kann das nicht. Ich brauche dazu auch andere Menschen, die suchen und fragen, die mir von ihren Erfahrungen erzählen können, bei denen ich mir was abgucken kann, von denen ich lerne, wie man beten kann, wie man Gott besser kennen lernt, wie man mit schweren Dingen zurecht kommt, ohne zu verbittern, die auch mal für mich beten ...

Wer dieses Fest feiern will, der braucht dazu andere Menschen. Ich möchte Sie und Euch ermutigen, den Glauben nicht als Privatsache zu behandeln und ihn ganz tief drinnen in sich zu verschließen. Man kann auch über seinen Glauben sprechen, ohne rot zu werden.

Wer ein Fest feiern will – das war damals in Jerusalem so, das ist heute so und das gilt besonders für das Fest, wenn einer Gott in seinem Leben findet – da geht man in die Stadt, da geht man dahin, wo schon Leute sind, die dieses Fest feiern, da macht es keinen Sinn, allein zu bleiben.

6.

Als die Menschen unserer Geschichte - mir sind sie inzwischen schon gute Bekannte geworden - in Jerusalem ankommen, fällt schnell auf, die Evangeliengeschichte erzählt das auch: das sind Ausländer, Griechen, keine Gonsenheimer, die kommen von auswärts, das sind Fremde ...

Ich kann mir vorstellen, viele von Euch – und wenn Sie als Eltern mitgekommen sind, auch von Ihnen – haben sich, als Sie hier die ersten Male zum Gottesdienst gekommen sind, erst mal wie Ausländer gefühlt. Für manche ist das vielleicht bis heute so geblieben, dass Ihr, dass sie sagen: Gottesdienst, das ist nicht meine Veranstaltung, das ist nicht meine Sprache, das sind nicht meine Lieder, meine Musik ...

Mit 14 ging es mir auch so, mit 30 habe ich mich sehr darin zu Hause gefühlt. Aus heiterem Himmel hat mich auf dem Schulhof mal einer gefragt: Glaubst Du eigentlich an Gott? Und ich hab ohne nachzudenken gesagt: Ja. Ich war da schon lange nicht mehr in die Kirche gegangen. Aber als ich später Christen getroffen habe und die mich einluden, dachte ich: Wenn Du glaubst, dann kannst Du eigentlich auch ernst machen. Ich wollte damals nicht Pfarrer werden. Darum geht es nicht. Aber ich bin in eine Jugendgruppe gegangen, die mir gefallen hat und die was gebracht hat und ich habe später – auch wenn ich an andere Orte gezogen bin – geschaut, wo ich Anschluss finde, weil ich gemerkt habe: wenn du es ernst meinst mit dem Christsein, dann brauchst du das. Das geht nicht allein. Ich bin nicht hingegangen, wo es langweilig war. Ich habe schon geschaut, wo ich auch was davon habe und wo Menschen es ernst meinen.

Ein Fest feiert man nicht allein ... es gibt schon Feste, das ist jeder allein, aber das ist kein Fest, das ist ein Trauerspiel.

7.

Die Leute, die hier nach Jerusalem gekommen sind, wissen das. Sie wissen, dieses Fest hat einen tiefen Sinn, da geht´s um mehr als um Geschenke, Kaffee und Kuchen. Darum finden sie den Philippus. Darum sagen sie: „Wir möchten den Herrn sehen!“

Vielleicht gab es in der Konfirmandenzeit die eine oder andere Stelle, wo Ihr spüren konntet: Ja, darum geht es, „den Herrn zu sehen“, Gott zu entdecken ...

... vielleicht auf der Burg Hohensolms, als der Akrobat mit seinen Jonglierbällen die Geschichte Jesu erzählt hat oder als er – während er einen Konfirmanden zersägte – nebenbei erzählte, was ihm der Glauben bedeutet ...

... vielleicht auch in Eurem Vorstellungsgottesdienst zum Thema „Gebet“ und in der Vorbereitung, als manche von Euch überlegt haben: was möchten wir selbst beten, was ist mir wichtig, Gott zu sagen ...

... vielleicht auch beim Kanufahren, als Ihr gemerkt habt, was man schaffen kann und welchen Spaß es macht, wenn man etwas gemeinsam tut in einer Gruppe, die etwas verbindet und die etwas ausprobiert von dem, was Jesus den Menschen weitergegeben hat ...

... vielleicht auch das eine oder andere Mal in einem Gottesdienst, in dem Euch etwas angesprochen hat ...

... oder auch ganz woanders ...

Ich wünsche Euch jedenfalls, dass dieser Wunsch in Euch lebendig bleibt – „Wir möchten den Herrn sehen“ – denn das kann man wirklich. Man kann etwas mit Gott erleben, auch so Schönes, dass es sich zu feiern lohnt.

Und ich wünsche Euch, dass Eure eigenes Konfirmationsfest einen Geschmack davon gibt: dass es etwas Schönes ist und wirklich ein Grund zu feiern, wenn ein Mensch Gott kennt.

8.

Unseren Freunden in Jerusalem passiert allerdings etwas Eigenartiges. Und das möchte ich noch erzählen, weil ich glaube, dass uns das auch manchmal so geht.

Sie haben gesagt, was sie sich wünschen, sie haben ihre Bitte bei Philippus ausgesprochen - das ist ja wie ein Gebet - und dann?

Jesus, der ganz oft auf die Bitten von Menschen von Herzen gern reagiert hat, der oft noch genauer nachgefragt hat: sag, was ist es, was ich für dich tun soll? ...

Er scheint diesmal gar nicht auf den Wunsch der Menschen einzugehen und antwortet wie in einem Rätsel:

Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

Sie fragen: Wir möchten den Herrn sehen. Und er spricht von seinem Tod am Kreuz.

Ich weiß nicht: Hat jemand von euch den Film gesehen? „Die Passion Christi“ von Mel Gibson? Bestimmt nicht, Ihr schaut ja keine Filme, die erst ab 16 freigegeben sind.

Ich habe ihn mir zweimal angetan. Ich bin nicht für diese Art von Filmen. Aber etwas fand ich doch sehr beeindruckend und wirklich in diesem Film gut erzählt:

Er schildert ja die letzten Stunden im Leben Jesu, die von einer scheußlichen Folter, von Leiden, Sterben und Tod geprägt sind. Aber der Film erzählt gleichzeitig auch eine andere Geschichte: Er rückt immer wieder Menschen ins Blickfeld, die am Rande stehen, die – auf verschiedene Weise – diesem leidenden Jesus begegnen ...

... die Jünger, als sie beim Abendmahl zusammen sitzen und Jesus den eigenen Tod schon vor Augen, sich noch um sie kümmert, ihnen Brot und Wein reicht und ihnen andeutet, dass sein Tod eine Bedeutung hat und sie verbunden bleiben werden für alle Zeit, dass nichts mehr sie trennen kann ... oder Judas, der zuvor gekommen war, um Jesus an die Soldaten zu verraten und Jesus tritt auf ihn zu und sagt – genau dort! – zu ihm: mein Freund ... der römische Soldat, der an der Verhaftung Jesu beteiligt wird, Petrus schlägt ihm mit dem Schwert ein Ohr ab, Jesus geht auf ihn zu und heilt ihn ... dann Petrus, als er Jesus im Hof verleugnet und sagt: Nein, ich gehöre nicht zu ihm und im gleichen Moment als der Hahn kräht merkt, dass Jesus ihn anschaut und ihm das verzeiht ... der römische Hauptmann unter dem Kreuz, der als er sieht, wie Jesus stirbt, ausruft: Er war wirklich Gottes Sohn ... oder der Verbrecher, der neben Jesus hingerichtet wird und kurz vor seinem Tod ihn anspricht: Bete für mich, wenn du bei Gott bist und Jesus ihm sagt: Auch du wirst bei Gott angenommen sein ...

„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“

Es gibt Dinge im Leben, die gewinne ich nur, wenn ich etwas dafür einsetzte, wenn ich mich ganz dafür einsetze, wenn ich ein Opfer bringe – das muss nicht immer gleich das eigene Leben sein. Bei Jesus war es so. Und das hat eine große Bedeutung für uns

Der Termin eurer Konfirmation ist schon ein bisschen schräg. Vielleicht seid Ihr die letzten, mit denen wir so früh im Jahr feiern. Mit dem nächsten Jahrgang probieren wir den Mai aus. Aber vielleicht hat dieses Datum in der Passionszeit auch eine Bedeutung für Euch. Wir haben einen Gott, der selbst dem Leiden nicht ausweicht. Der sich etwas zumutet, weil wir ihm am Herzen liegen. Der uns so nah kommt. Der sich auch unter dem, was Böses geschehen kann unter den Menschen, immer noch finden lässt.

Das ist eine starke Zusage. Eine Zusage, mit der man das Leben - und alles - bewältigen kann.

Confirmare heißt „befestigen“, „fest machen“, „stärken“. Ihr empfangt Gottes Segen – hier einmal ausdrücklich und persönlich für Euch zugesprochen, aber auch auf vielerlei Weise in Eurem Leben. Gott schenke Euch offene Augen dafür - und einen fröhlichen Glauben, guten Grund zu feiern.

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.

Invokavit (1. Sonntag der Passionszeit) 21.02.2010

Hebräer 4, 14-16

Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis.

Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht mit leiden könnte mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde.

Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.

Liebe Gemeinde,

1.

in der Entstehungszeit des Briefes, in den Jahren, als diese Zeilen geschrieben wurden, da wussten die Menschen noch, was ein Thron ist, und ein Herrscher, der auf dem Thron sitzend residiert.

Manchmal sehen wir das in solchen Monumentalfilmen wie „Ben Hur“ oder dem „Gladiator“: die Blicke der Menschenmenge, der im römischen Kolosseum „Brot und Spiele“ geboten werden, wenden sich bei allen gleichzeitig hin zur großen Tribüne. Auf einem Thron sitzt dort der Herrscher. Und alle warten auf sein Zeichen. Geht der Daumen nach unten – das Todesurteil für den Kämpfer in der Arena – oder geht er nach oben: ein Mensch darf leben!

2.

Als Mensch des 21. Jahrhunderts mag ich den Thron nicht besonders, auch nicht als ein Bild für Gott. Zu sehr verbindet sich in meiner Phantasie das Bild vom Thron Gottes mit weißem Rauschebart und drohendem Gesicht.

Sehr viel lieber sind mir andere Bilder: das Abendmahl, eine schöne Vorstellung: mit Gott an einem Tisch zu sitzen, beim Essen und Trinken, auf Augenhöhe; vielleicht sogar im Wohnzimmer in der Couchgarnitur, Gott in unseren Häusern, das packt mich; oder bei einem Spaziergang durchs Gonsbachtal oder den Lennebergwald, an meiner Seite, schweigend oder im Gespräch, die gleiche Blickrichtung, mal zusammen anschauen, was da vor uns liegt, wenn du dann spürst, du bist nicht allein.

Vor einem Thron mich zu sehen, verunsichert mich. Welche Haltung nimmt man da eigentlich ein? Wahrscheinlich stehen, sitzen geht ja wohl gar nicht, knien, auf dem Boden liegen, verbeugen, die Hand mit dem Ring küssen ... ? Eine ganz andere Haltung ist da gefragt.

3.

In Gonsenheim trifft man ja manchmal Menschen - nicht nur unter den katholischen Freunden – die von der Italienreise heimgekehrt mit Begeisterung erzählen, dass sie auch an einer Papstaudienz teilnehmen konnten. Ein evangelischer Kollege aus Franken erwähnte fast direkt nach unserer Begrüßung, dass er gerade erst seinem Bischof die Hand geschüttelt hätte. Der Ton verriet, dass sein Selbstwertgefühl noch eine Weile davon zehren wird.

Ich möchte mich nicht darüber lustig machen. Im Gegenteil: Ich bin sogar sicher, dass wir uns dem gar nicht ganz entziehen können.

4.

Wenigstens zum Teil leben wir alle – jeder, jede von uns - davon, wie ein anderer Mensch uns anschaut, wie andere Menschen über uns urteilen.

„Schau mal Schatz, was für einen hübschen Pullover ich bei H+M gefunden habe! Wie gefällt er dir? Ja, was denken andere über meine Kleidung? Was denken andere überhaupt über mich? Wo ordnen andere in einer Klassengemeinschaft mich ein zwischen Looser und Streber? Was denken sie über meinen Freund oder meine Freundin? Geht der Daumen hoch oder runter?

In den Castingshows treten junge Leute vor den Thron der 3er-Jury und warten auf das Urteil, das Heidi Klum oder Dieter Bohlen über sie und ihre Leistung aussprechen.

Wahrscheinlich ist für jeden von uns wichtig, dass jemand unsere Arbeit anerkennt; dass jemand wertschätzt, was wir tun. Egal, ob das harmonische Verhältnis zu den Eltern nie in Frage steht oder wir uns vehement von ihnen abgrenzen - ein Leben lang – glaube ich – bleibt uns wichtig – im Positiven wie im Negativen – wie sie über uns denken.

Und – manchmal ganz tief unter all dem verborgen – steht die Frage: Habe ich hier einen Platz? Darf - und kann - ich hier sein? Darf ich sein? ... bevor ich irgendetwas leiste und beweise, und wenn ich gar nichts vorzeigen könnte: darf ich sein einfach, weil ich „ich“ bin?

5.

Ich glaube, das sind Glücksmomente - in denen wir die Erfahrung machen, dass wir geliebt sind. Ich glaube auch, dass wir das in jedem Alter brauchen.

Eines unserer Kinder geht im Moment durchs Abitur – und ist uns im Moment dankbar, weil es deutlich spüren konnte, dass wir Eltern aufgehört haben, aus den Noten ein Thema zu machen. Noten sind kein Thema mehr. Sie weiß: Wir stehen einfach hinter ihr – egal wie das ausgeht.

Ich bin selbst überrascht. Ich glaube, für mich ist diese Erfahrung genauso wichtig wie für unser Kind.

6.

Manchmal hat´s die Liebe so schwer, uns zu erreichen. Da muss sie sich durch so viele Schichten von Verletzungen und Enttäuschungen hindurcharbeiten, da muss sie so hohe Mauern des Misstrauens überwinden – und auch den Unglauben überwinden: manchmal frage ich mich, was uns schwerer fällt zu glauben: dass es einen Gott gibt oder dass wir, dass ich seiner Liebe wert bin.

Der Morgensegen Martin Luthers - ein kurzes Gebet und ein ganz großer Reichtum darin: „Ich danke dir, mein himmlischern Vater durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn, dass du mich in dieser Nacht vor allem Schaden und Gefahr behütet hast und bitte dich, du wollest mich auch diesen Tag behüten vor Sünden und allem Übel, dass dir all mein Tun und Leben gefalle ...“ Nachdem ich dieses Gebet schon lange morgens vor der Arbeit spreche, ist er mir erst vor kurzem etwas aufgefallen, was ich vorher nie bemerkt hatte. „... dass dir all mein Tun und Leben gefalle ...“

An dieser Stelle war mir, als ob im Nachsprechen noch einmal eine Tür aufgeht, ein neuer Zugang sich öffnet: Das ist ja keine schlechte Frage am Ende eines Tages: ob Gott mein Tun und Leben heute gefallen hat. Nicht bemerkt hatte ich, dass in diesem schönen Satz nicht nur eine Frage, sondern auch eine wunderschöne Zusage liegt:

Tatsächlich sagt Gott uns allen am Ende eines Tages wirklich gern zu: Du, das fand ich schön, was du heute gemacht hast! Mir hat gefallen, wie du dies und jenes heute geregelt hast. Und natürlich sehe ich auch, was dir in die Hose geht. Aber denk doch mal dran, dass ich es bin, der dich geschaffen hat! Wie sollte ich mich da nicht jeden Tag daran freuen, dass du da bist und dass du lebst! Wir leben davon, wie Gott uns anschaut!

7.

Sie werden, ihr werdet auch noch die Nachricht vom Tod des Lehrers in Ludwigshafen im Kopf haben. Nach Jahren wird er von einem ehemaligen Schüler erstochen, weil dieser sich – so jedenfalls die ersten Auskünfte – ungerecht benotet gefühlt habe. Es fällt mir sehr schwer, das nachzuvollziehen – dass ein junger Mensch Noten dieses über Leben entscheidende Gewicht gibt; auf was für einen Thron hat er da seinen Lehrer gesetzt, wie viel Macht spricht er ihm damit nachträglich noch zu über das eigene Leben? Mir scheint das an der Wirklichkeit völlig vorbei zu gehen.

Unter den Christen kann man beobachten, dass es unter ihnen immer Menschen gab, die nicht einmal vor dem Kaiser sich fürchteten, weil sie Gott auf dem Thron wussten. Der Kaiser hat – anders als der Lehrer – wirklich Macht, Leben zu nehmen. Und doch wissen Christen in den ersten Gemeinden, dass selbst diese Macht begrenzt ist durch Gott, der regiert.

In der Nazizeit – als es auch unter den Christen viele gab, die blind dem Führer glaubten – sammelten sich doch genauso Christen in der Bekennenden Kirche. Sie wussten etwas davon, dass Gott auf dem Thron sitzt – und haben sich nicht verführen lassen, einen Menschen auf den Thron zu setzen und ihn mit erhobenem Arm und dem Ruf „Heil“ zu grüßen. Auf einmal wirkt das Bild vom Thron Gottes hinein in die Politik und entwickelt eine kritische, befreiende Kraft.

Und Trost und Hoffnung liegen in diesem Bild.

Als der Pfarrer Blumhardt nachts durch die Straßen geht, kurz vor der Verzweifelung über das Elend im Dorf, sagt er sich betend, bekennend zu: „Es wird regiert!“ (Gott sitz auf dem Thron).

Es dauert eine Weile, aber dann fängt er an, Zeichen der Herrschaft Gottes unter den Menschen zu erkennen – und das hat etwas unglaublich Befreiendes für viele.

„Lasst uns festhalten am Bekenntnis ...“ so sagt es der Schreiber des Hebräerbriefes Christen, die darin offensichtlich etwas müde oder verunsichert geworden sind.

8.

Jetzt sind wir – wenn Sie mir in Gedanken gefolgt sind – ein wenig drum herum gegangen um den „Thron der Gnade“, aber – hoffe ich – auch wieder angekommen vor diesem „Thron“.

Das ist nämlich etwas ganz Besonderes an dieser Stelle im Hebräerbrief: Der Thron, auf dem sonst ein Herrscher sitzt, der mal mehr, mal weniger gut beraten, mal mehr, mal weniger willkürlich seine Entscheidungen verkündet, den Daumen hebt oder senkt - dieser Thron hat hier etwas Besonderes an sich. Er ist ein „Thron der Gnade“.

Und der Schreiber des Hebräerbriefes weiß, dass es hier keine Eintrittskarte, kein Schlangestehen und keine Gesichtskontrolle braucht, der Zugang ist frei.

Wo früher das Allerheiligste mit der Bundeslade im Tempel vor den Blicken der Gläubigen geschützt war - nur der Hohepriester hatte einmal im Jahr Zugang – zerreißt in dem Moment, als Jesus am Kreuz stirbt, der trennende Vorhang. Der Zugang zum Allerheiligsten, zu Gott, ist frei und jeder darf kommen.

Martin Luther hat den Gedanken wieder ins Bewusstsein gehoben und an das „Priestertum aller Gläubigen“ erinnert – genau dieser Moment ist damit gemeint: Jede Christin und jeder Christ hat den gleichen freien Zugang zu Gott. Es braucht keine Vermittlung durch Priester, Bischof oder Papst. Das einfachste Gebet reicht, um eine Audienz bei Gott zu bekommen. Das ist die priesterliche Würde jedes Menschen, das Recht und die Möglichkeit, sich Gott zuzuwenden.

Mit Blick auf dieses Bild ahnen wir vielleicht etwas von einer unglaublichen Kraft und Freiheit – Er „macht den Weg frei“. Tatsächlich geschieht dies in dem Weg, den Jesus geht und den wir in der Passionszeit bedenkend nachgehen. „Er macht den Weg frei“.

Er öffnet Türen, weil er nicht Böses mit Bösem vergilt. Er, der allen Grund hätte, nach Vergeltung zu schreien, verurteilt nicht, sondern vergibt. Die Schuld der Menschen nimmt er auf sich, damit das Böse auf ewig seine Leben zerstörende Kraft verliert. Er ist gekommen, sagt uns der Wochenspruch, die Werke des Teufels zu zerstören.

Wie ist das mit dem Bild vom Thron? Ist das noch ein taugliches Bild für Gott, für Christus? Ich meine, wer sich aus freien Stücken das Gewand des Dieners anlegt, wer sich niederkniet um den anderen die Füße zu waschen, der darf herrschen.

Er trägt eine ganz andere Gesinnung und Haltung zum Menschen in die Welt und hier bis an den dunkelsten Ort – damit wir wissen: noch an dem von Gott am weitesten entfernt liegenden Winkel kann er uns begegnen und seine Liebe uns berühren.

Gott segne uns die Passionszeit, unser eigenes, persönliches Zugehen auf Ostern und das Fest der Auferstehung.

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrrn. Amen.

Septuagesimae (Drittletzter Sonntag vor der Passionszeit am 31.01.2010)

1. Korinther 9, 24-27

Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt.

Jeder aber, der kämpft, enthält sich aller Dinge; jene nun, damit sie einen vergänglichen Kranz empfangen, wir aber einen unvergänglichen.

Ich aber laufe nicht wie aufs Ungewisse; ich kämpfe mit der Faust, nicht wie einer, der in die Luft schlägt, sondern ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn, damit ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde.

Liebe Gemeinde,

1.

im Brief, den Paulus an die Christen in Korinth schreibt, findet sich diese schöne Stelle, Predigttext für diesen Sonntag, so wie wir ihn gerade gehört haben:

Zwischen ihm, dem inzwischen weiter gezogenen Gründer und der Gemeinde in Korinth - und auch innerhalb der Gemeinde selbst – gibt es harte Auseinandersetzungen. Paulus hört davon, schreibt diesen Brief, geht auf viele Fragen ein und schreibt dann auch diese Zeilen:

Er fragt die Korinther, ob sie sich eigentlich mit Sport auskennen; ob sie Ahnung haben vom Laufen und Boxen.

Also bei mir ist das so: Meine Erfahrungen mit dem Boxen: Ich weiß, wer Max Schmeling und Henry Maske sind, die „Killerqueen“ Susi Kentikian und die frühere Weltmeisterin Regina Halmich, von der Stefan Raab ja unbedingt mal in seiner Show eine aufs Auge haben wollte. Ich erinnere mich an die Begeisterung meines Vaters, als wir damals nachts aufstanden, um die Kämpfe von Cassius Clay alias Muhammed Ali – ein Großmaul, genialer Boxer, die „tanzenden Biene“ - gegen Joe Frazier und George Foremann im Fernsehen zu sehen; und später Werner Schneider, dieser kluge, sprachbegabte Künstler, feiner Kabarettist, der als Kommentator dem staunenden Laien erklärte, was für feine Künste bei einem Boxkampf zum Zuge kommen.

Beim Laufen kann ich aus eigener Erfahrung sprechen. Fünf mal die Woche haben wir trainiert, sonntags Wettkampf – als Abiturient hat man noch so viel Zeit - und die Frage: „Ach Ihr joggt auch?“ war eine Beleidigung. Ich habe nicht oft auf dem Treppchen gestanden; aber das Glücksgefühl kam woanders her: das waren die ganz besonderen Momente auf der Bahn, in denen alles Geschehen drumherum wie auf stumm geschaltet zurücktrat und dieses Gefühl da war für den eigenen Körper, eine ganz besondere Mischung aus Kraft und Leichtigkeit, aus Spannung und Harmonie – da war der Platz auf der Zielgeraden fast egal.

Ob Paulus selbst wirklich ein so großer Sportkenner gewesen ist? Zweifel daran sind erlaubt. Denn die Christen will er doch fit machen dafür, dass nicht nur einer wie im Stadion, sondern jede und jeder von ihnen den Sieg packt. Und einem Boxer zu empfehlen – so heißt es wörtlich übersetzt – „gezielte Schläge gegen den eigenen (!) Leib zu führen“ - das steht wohl nicht im Trainerhandbuch.

2.

Trotzdem taugt ihm der Sport in wenigen, aber entscheidenden Punkten als ein Bild für das, was er den Christen sagen möchte.

Laufen und kämpfen, den Leib bezwingen und enthaltsam sein ... und statt immer nur im Kreis zu laufen, das Ziel im Auge behalten, statt in die Luft zu schlagen, Treffer setzen ...

Eine ungewohnte Sprache für den Glauben?

Was im ersten Moment ungewohnt klingen mag, ist uns in anderen Zusammenhängen doch vertraut:

„Enthaltsamkeit“ kennen wir aus Diätprogrammen und der „weight-watchers-Gruppe“; den Leib bezwingen wir mit Nordic Walking und auf dem Laufband, und wer richtig viel Geld hat, kann einen eigenen Personaltrainer bezahlen. Aus einem -übrigens sehr schönen, anspruchsvollen - Radiointerview weiß ich, dass Roger Cicero auf Tournee einen eigenen Yogalehrer mitnimmt. Ich habe gelernt, dass Singen nicht nur mit der Stimme, sondern mit den ganzen Körper zu tun hat. Wenn Cicero auf die Bühne geht, ist der fit! Finde ich klasse!

Gibt es das auch für Christen? „Fitness für die Frömmigkeit“ oder „Gymnastik für den Glauben“? Paulus meint „Ja!“

3.

Ich sage Euch mal, wie unsere Großmütter das gemacht haben – oder eure Urgroßmütter, vielleicht nicht alle, aber sehr viele von ihnen. Die haben Lieder auswendig gelernt, viele Lieder, viele Strophen. Das geht nicht so einfach, das merkt Ihr Konfirmanden gerade im Endspurt vor der Konfirmation, das muss man üben, trainieren. – Was glaubt ihr, nebenbei gesagt, warum wir heute so viele Jesusworte und –geschichten kennen? Damals konnten die Menschen sich etwas merken, die konnten vieles auswendig behalten – besonders natürlich, was sie selbst interessiert, was sie betroffen, was sie begeistert hat, was ihnen wichtig wurde – aber die hatten das auch trainiert, ihr müsstet mal sehen, wie das im jüdischen Unterricht zuging zwischen Lehrer und Schüler, wie laut es war in einem Lehrhaus, da wurde gestritten und gesprochen, diskutiert, Wörter und Geschichten hin- und herbewegt, die hat man zu Hause immer noch gekonnt. Die zunächst mündliche Überlieferung der Bibel halte ich für ziemlich zuverlässig. – Aber zurück zur Großmutter. Sie hat mit dem Gesangbuch trainiert. „Befiehl du deine Wege“ – wollt Ihr Konfis mal mitsprechen mit mir zusammen, wollen Sie´s auch mal versuchen? – „Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt, der Wolken, Luft und Winden, gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.“

So – und jetzt stellt euch vor, ihr Mann kam aus dem Krieg nicht mehr nach Hause. Und sie saß da allein mit ihren Kindern. Wenn es gut ging, noch einen Schwester oder einen Bruder in der Nähe, manchmal noch Eltern, was auch nicht immer einfach war, wenn viele in einem Haus miteinander und mit so viel Leid zurecht kommen mussten. Und dann sieht meine Großmutter, wie hoch diese Latte liegt, auf 4,80 m und denkt, da komme ich niemals drüber weg. Und vielleicht dauert es etwas, bis sie sich traut, aber dann nimmt sie diesen Paul-Gerhardt-Vers wie einen Stab in die Hand und nimmt Anlauf und läuft und läuft und springt und mit diesem Stab in der Hand schafft sie das.

Den Mut für den Anlauf hat sie gefasst, als sie diesen Hochsprung-Stab in die Hand nahm und gespürt hat, mit dem könnte es klappen. „der allertreusten Pflege“ hat sie gesagt und ihr fiel ein, dass sie ja eine Freundin hat mit dem gleichen Schicksal, einen Menschen, der darum ohne viele Worte versteht, was sie durchmacht, der nicht mit Durchhalteparolen kommt, sondern das aushält, wenn sie einfach mal weinen muss und ihr dann einen guten Malzkaffee macht. „Ja“, denkt sie, „das stimmt eigentlich: Gott lässt mir „allertreuste Pflege“ zukommen ..., aber „Wege, auf denen mein Fuß gehen kann“? Und vielleicht fängt meine Großmutter dann an zu schimpfen und ihre ganze Wut und ihren Zorn rauszulassen auf den Krieg und auf die Männer und auf Gott, der das alles zulässt ... und denkt: schön wär´s, den Weg wäre ich gern mit meinem Mann gegangen ...! Und ich weiß doch gar nicht, wo wir eigentlich noch hingehen sollen!“ Aber weil ihr das Lied nicht aus dem Kopf geht, hört meine Großmutter diesen Vers wieder: „Er wird auch Wege finden“ und spürt und versteht auf einmal, dass Gott weiß: sie kann nicht, sie weiß im Moment nicht, wie es weiter gehen wird, aber Er wird Wege finden, die sie gehen kann. Sie merkt, dass Gott sich kümmert und auch, dass hier ein Versprechen für die Zukunft liegt, „er wird auch Wege finden“. Wenn sie jetzt noch nicht wirklich weiß, wo sie in einem Jahr sein, wovon sie im nächsten Monat leben werden – dann reicht es vielleicht wirklich einmal, jetzt nur für heute sich Gedanken zu machen und das, was direkt vor den Füßen liegt, anzunehmen und nur den einen erkennbaren Schritt zu tun, auch wenn ich noch nicht den zweiten oder dritten sehen kann. Und dann fällt meiner Oma noch einmal die „allertreuste Pflege“ ein und sie denkt an einzelne, aber wichtige Menschen, die nicht böse sind und nur an sich denken, sondern die auch mal ein gutes Wort und etwas Freundlichkeit übrig haben, oder etwas Kohle oder Holz zum Feuern und einiges mehr fällt ihr noch ein, in dem sie die „allertreuste Pflege“ Gottes erkennen kann; und das sie ahnen lässt: er ist wirklich mit mir auf dem Weg.

Das zu spüren, ermutigt sie, nach langer Zeit mal wieder ihre Bibel aufzuschlagen. Ihr fällt die Geschichte von der armen Witwe ein, die nichts zu essen hatte und die von der Frau, die wegen Streit und Eifersucht von der Sippe in die Wüste geschickt wurde und dort eine für ihr Leben so wichtige Erfahrung macht, dass heute noch ein Brunnen an diesem Ort danach benannt ist: „Jahwe roi – du bist ein Gott, der mich sieht.“ Sogar in der Wüste.

Woher kennt sie diese Geschichten? Aus dem Kindergottesdienst? Aus dem Konfirmandenunterricht? Oder aus dem Erzählen ihrer eigenen Großmutter, die Mütter selbst hatten dafür ja selten Zeit, da war immer zu viel Arbeit.

Sie hatte etwas gelernt und eingeübt. Es hilft ihr, etwas „abzurufen“ – um das in der Trainersprache zu sagen – das ihr zeigt: dein Leben ist nicht nur ein Lauf ins Ungewisse, deine Mühe ist nicht nur ein vergebliches Schlagen in die Luft.

4.

Ich möchte noch von einem jungen Mensch erzählen, einem Mann, der immer – sein Leben lang – viel trainiert hat.

Ignatius von Loyola. Der hat zunächst allerdings nicht die Bibel gelesen sondern Ritterromane. Und er hat sich damals auch nicht im Glauben geübt, sondern in der militärischen Ausbildung. Und war begeistert Soldat.

Nach einer schweren Verletzung lange ans Bett gefesselt, greift er zu seinen Büchern. Um die Langeweile zu vertreiben und sich zu unterhalten, liest er die alten Ritterromane – und macht an sich selbst eine Beobachtung:

Das Lesen spannender Geschichten ist immer noch ein Genuss; aber die Freude, die es ihm macht, hält über die Zeit des Lesens hinaus nicht an. Rasch ist sie verflogen. Was ihm im Moment des Lesens hilft, weil es seine Stimmung aufhellt, das verfliegt so rasch (damit kann man die 4,80 m nicht überspringen).

Und dann macht er eine ganz andere Erfahrung, als ihm eine Sammlung von Heiligengeschichten und eine Nacherzählung des Lebens Jesu (?) in die Hände fällt. Er merkt, das was ihn hier beim Lesen berührt, das hat eine Wirkung auch über die Zeit des Lesens hinaus; das begleitet ihn; was beim Lesen Trost oder Freude ausgelöst hat, tut dasselbe nach einiger Zeit immer noch, in der Erinnerung bleibt es lebendig und behält seine Wirkung.

Als Ignatius diesen Unterschied zwischen Ritterroman und Christengeschichten am eigenen Leib spürt, bedeutet das eine Wende in seinem Leben. Immer intensiver befasst er sich mit dem christlichen Glauben – und stellt einige Weichen seines Lebens neu. Die Soldatenlaufbahn gibt er endgültig auf. Und er folgt dieser Spur, die für ihn zentral mit dieser Leseerfahrung zu tun hat und der Frage: Was berührt mich - „nachhaltig“ würden wir heute sagen - ? Was bleibt über den reinen Unterhaltungswert hinaus wichtig? Was stimmt mich positiv? Worin liegt echter Trost? Was führt mich zu Gott? Und was bringt mich von ihm weg, was hält mich ab von ihm?

Und dann kommt ein wenig der ehemalige Soldat zum Vorschein. Im Laufe seines Lebens entwickelt er „Übungen“, die ihm selbst und vielen Menschen eine große Hilfe werden auf der Suche nach Gott, die sogenannten „Exerzitien“. Die Soldaten haben auf dem Platz der Kaserne exerziert. Für den Christen ist der Schauplatz seiner Übungen sein eigenes Leben, seine Lebenserfahrungen.

Ignatius – ein Zeitgenosse Martin Luthers - lebt in einer Zeit des weltgeschichtlichen Umbruchs. Unglaublich modern mutet die Spur an, der er dabei folgt.

Für Ignatius beginnt alles mit einer gar nicht frommen Frage: Wonach sehnst du dich? Was ist deine größte Sehnsucht? Was wünschst du dir von Herzen? Diese Frage lässt er in seine Gebete und das Betrachten der biblischen Geschichten mit einfließen. Dass ein Mensch zu sich selbst findet und zu Gott – das fällt für Ignatius zusammen, das gehört untrennbar zusammen, es ist das Gleiche.

Die Übungen des Ignatius leiten dazu an, achtsam zu werden – für mich selbst, für meine eigenen Gedanken und Gefühle, für meine Stimmungen, für alles, was sich in mir regt und lebt; sie leiten dazu an, eine biblische Geschichte nicht bloß zu lesen, sondern sie „mit allen Sinnen“ zu erfahren; den Schauplatz der Geschichte stelle ich mir vor Augen, die Menschen, die darin vorkommen, was höre ich, wie riecht es dort, welche inneren Bewegungen spüre ich ... Dabei verbinden sich meine eigenen Erfahrungen und Gedanken mit dem, was in den biblischen Geschichten geschieht, was in den Psalmen ausgesprochen wird, in der Welt ihrer Gedanken und Gefühle finde ich mich wieder ...

Es kann sein, dass es ein Satz einer Geschichte ist, manchmal vielleicht nur ein Wort, das mir haften bleibt, das mich berührt, das mir wichtig wird; dann bleibe ich dabei stehen und nehme mir etwas Zeit dafür ...

Das alles lasse ich einfließen in mein Gebet; was ich erlebe und wahrnehme, trage ich zu Gott; was mich ärgert, sage ich, wo ich Widerstand spüre und etwas ganz anders sehe, wo ich mich wieder finde und merke, das bin ich – alles trage ich ohne Schere im Kopf, unzensiert, zu Gott ...

Für manche Menschen ist es eine ganz neue Erfahrung mit dem Gebet: dass ich selbst darin vorkommen darf mit allem, was mich bewegt; dass ich das an einer Stelle sagen darf; und die Erfahrung mache, wie in ein inneres Gespräch gezogen zu werden; und genauso im betrachtenden, betenden Umgang mit biblischen Geschichten, wie in ein inneres Gespräch gezogen werde mit den Personen, mit bestimmten Situationen – und in dem allen mit Gott.

Es ist die gleiche Erfahrung wie die der Großmutter, wenn sie „Befiehl du deine Wege“ singt, betet oder ihr die Verse in den Sinn kommen, während sie das Geschirr spült. In Worten und Bildern des Liedes findet sie ihre Lebenserfahrung– und etwas verändert sich da, wo sie ihren eigenen Weg vor Augen hat, als sie „Befiehl du deine Wege“ singt, wenn sie - vielleicht ohne Worte - den eigenen Schmerz zu Gott trägt „und was dein Herze kränkt“, wenn ihr bei der „allertreusten Pflege“ die Freundin einfällt oder eine gute Begegnung der vergangenen Woche.

5.

Das hier ist eine Kirche und kein Fitnesstudio. Aber auch im Feiern des Gottesdienstes üben wir sehr Vieles ein, damit es uns im Alltag der Woche zur Verfügung steht; das Zuhören, aber auch etwas zu Bekennen und zu etwas zu stehen, etwas gemeinsam zu tun und auch, mit Stille umzugehen, vielleicht auch, falsch zu singen und sich dabei trotzdem gut zu fühlen, dass Schuld ausgesprochen und vergeben werden kann, wie man beten kann, an andere Menschen zu denken in den Fürbitten, in der Kollekte üben wir das Teilen ...

Cassius Clay war dank seines Boxtrainings in der Lage, nicht nur einen Gegner zu vermöbeln, sondern konnte ohne Mühe auch einer Nachbarin die neue Waschmaschine in die Wohnung zu tragen.

Wir gehen vom Gottesdienst nicht in die Woche, um jeden Tag zum Sonntag zu machen und aus allem, was wir tun, ein frommes Geschäft. Wenn wir uns zu besonderen Zeiten – wie dem Gottesdienst oder der Inselzeit, unseren eigene Zeiten, in denen wir Stille suchen oder beten – wenn wir uns in etwas üben, dann darum, dass es uns im alltäglichen Leben zur Verfügung steht; dass wir mitten im Leben Wege gehen, die nicht ins Ungewisse führen und kämpfen können, ohne dabei vergeblich in die Luft zu schlagen.

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.

Predigt

12. Sonntag nach Trinitatis (30.08.2009)

Markus 7, 31-37

Und als Jesus wieder fort ging aus dem Gebiet von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte.

Und sie brachten zu ihm einen, der taub und stumm war, und baten ihn, dass er die Hand auf ihn lege.

Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und berührte seine Zunge mit Speichel und sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf!

Und sogleich taten sich seine Ohren auf und die Fessel seiner Zunge löste sich, und er redete richtig.

Und er gebot ihnen, sie sollten´s niemandem sagen. Je mehr er´s aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus. Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen redend.

Liebe Gemeinde,

1.

Diese kleine Erzählung aus dem Evangelium – sie ist eine Geschichte über einen Menschen, der durch seine Krankheit in einer großen persönlichen Not lebt und Hilfe erfährt.

Sie ist auch eine Geschichte über Jesus. Nicht als Wundertäter mit übernatürlichen Kräften wird er geschildert. Er steht vielmehr vor uns als Einer, der aus einer besonderen Nähe zu Gott heraus lebt und dessen Willen tut.

Gottes Willen aber ist, dass dem einzelnen Menschen geholfen wird, gleichzeitig damit aber nicht weniger als die Schöpfung wiederhergestellt, ja diese Welt, wieder ins Lot gebracht wird.

Die dabei waren haben das verstanden. „Er hat alles wohl gemacht“, sagen sie am Schluss. Sie erinnern sich an die Schöpfungsgeschichte. Der gleiche Wortlaut steht auch dort am Ende, als es heißt, „Gott sah an alles was er gemacht hatte und siehe, es war sehr gut!“

Und die Erinnerung daran ist noch lebendig, dass der Mensch abends mit Gott im Garten spazieren geht oder mit ihm spricht wie mit einem Freund; die Erinnerung daran, dass der Mensch dazu geschaffen ist, in Beziehung zu leben, im Hören und Antworten, in einem lebendigen Gespräch mit Gott.

Im Markusevangelium steht die Geschichte von der Heilung des Taubstummen inmitten von „Gegengeschichten“: Da tummeln sich Leute, die mit Jesus absolut nichts anfangen können, die nicht verstehen oder verstehen wollen, was er sagt, die blind sind dafür, dass Gott schon längst hier ist und das Gespräch mit ihnen sucht und denen, die sich verirrt haben, neu seine Freundschaft anbietet. Manche von ihnen fordern ein „Zeichen vom Himmel“, dann würden sie vielleicht glauben, dass Jesus ihnen etwas zu sagen hat. Und dabei machen doch direkt nebenan gerade Menschen die Erfahrung mit einem Gott, der hilft und heilt.

Auch die Jünger sind davon nicht ausgenommen. Kurz nachdem sie Zeugen der wundersamen Brotvermehrung gewesen waren, machen sie sich schon wieder Sorgen, dass ihr Brot für den nächsten Tag nicht reicht. Sie sind begeistert, Jesus nachzufolgen, aber ertragen es nicht, als er vom Leiden spricht.

Und noch heute finden wir uns als Leser und Zuhörer dieser Geschichten wieder in der Schilderung von Menschen, die Neugier und Sehnsucht nach Gott treibt und die zweifeln, fragen und manchmal sich ein Zeichen wünschen.

Und wir ahnen vielleicht, dass beides zusammen hängen könnte: dass sich im Gottvertrauen, im Glauben an Christus Herz, Mund und Ohren öffnen auf für den Mitmenschen; dass der Freund, die Freundin Gottes auch dem Menschen Freund ist; dass wer „mit Gott spazieren geht“, nicht gegen Menschen in den Krieg zieht, dass wer mit Gott redet, sich auch mit dem Hören, Sehen und Sprechen unter Menschen leichter tut, ja Freude daran hat und das Leben darin spürt. Glauben stiftet Beziehungen.

„Und er redete richtig ...“ heißt es gegen Ende der Geschichte – der Geheilte nutzt die Möglichkeit, die Gott ihm geschenkt hat.

2.

Es ist also eine Geschichte, die – eingewickelt in den Bericht einer körperlichen Heilung – gleichzeitig auch von Glauben, von Vertrauen spricht, von Begegnung und Beziehung.

Als Jesus mit der Not des Menschen konfrontiert wird, sieht er zum Himmel auf und seufzt.

Er ist nicht der mit magischen Kräften begabte Wundertäter, der sagt, „Wir machen das schon, wir können das!“ Er ist ein Mensch, der sich von der Not eines anderen Menschen betreffen lässt und seufzend zu Gott ihm Himmel fleht.

Er blickt zum Himmel“. Vielleicht haben die anderen im Moment einfach nicht die Kraft dazu und er tut es stellvertretend für sie – und einer bewahrt sich im Anblick der Not den Blick zum Himmel. Das ist ein Geschenk. Nicht immer gelingt uns das. Wir dürfen darum bitten. Und Gott hilft uns dazu, indem er sich hier und da in Erinnerung bringt.

Manchmal scheint das nicht viel und ist doch mehr als nichts: dass einer in einer Not noch eine Adresse weiß, jemanden, an den er sich wenden kann. Und nicht im Alleinsein verbittert. Erinnern wir uns: da stehen andere Menschen am Anfang der Geschichte, die den Taubstummen bringen und für ihn bitten, der das selbst nicht tun kann. Da ist einer unter den Menschen geblieben und schon darin spiegelt sich das Wunder, wird angedeutet, wozu Jesus gekommen ist.

Der sieht seufzend zum Himmel und spricht: „Hefata“, das heißt „Tu dich auf!“

Wahrscheinlich kennen wir alle Situationen, die Menschen zum Verstummen bringen; die einem die Sprache verschlagen; die einen taub werden lassen für alles gute Zureden ...

Die Erfahrung von übermächtiger Gewalt, die seelischen Verletzungen eines Kindes, traumatische Erfahrungen, die enttäuschte Liebe zu einem Menschen, der Missbrauch von Vertrauen, die Erfahrung von Ausgrenzung ...

Häufig verschließt sich der Mensch, der verletzt wurde, um sich vor weiterem Schmerz zu schützen. Was zu Zeiten notwendig ist, eine Hilfe zum Überleben, kann später ein Hindernis sein, offen auf Menschen zuzugehen, noch einmal Vertrauen zu fassen, der Liebe zu glauben, Lebensfreude wahrzunehmen, Gott zu glauben ...

„Tu dich auf!“ Ich glaube, dass Jesus das sagen kann, weil er dem Menschen mit Liebe und Vertrauen begegnet. Und weil man bei ihm in guten Händen ist.

„Tu dich auf!“ Das darf kann und darf nicht fordern, wer wie ein Paparazzi das ganz Persönliche in die Öffentlichkeit zerren will, wer zu Unterhaltungszwecken Menschen bloß stellen will.

Hier fällt auf, wie betont erzählt wird, dass Jesus den Menschen aus der Menge herausbittet und beiseite nimmt. Es gibt Dinge, die gehören nicht in die große Runde. Er weiß das. Er nimmt Rücksicht darauf und schützt den Menschen und sein Inneres. Diesen Schutzraum zu erfahren, ist ein Geschenk – und vielleicht auch eine Bedingung dafür, dass Heilung geschehen kann.

3.

Wie in dieser Geschichte Heilung geschieht, wird uns heute wohl befremden: „ Er legte ihm die Finger in die Ohren, benetzte seine Finger mit Spucke und legte sie ihm auf die Zunge.

Für die damalige Zeit war das nichts Besonderes. Jesus benutzt hier die bekannten Mittel und Kenntnisse der Volksmedizin. Auffällig dabei ist, dass er die kranken Körperteile berührt, dass er die bei diesem Menschen nicht funktionierenden Sinne anspricht – wie in einer heilgymnastischen Behandlung in Kurzform.

An dieser Art der Begegnung fällt mir Verschiedenes auf:

Erstens sehe ich, dass Jesus die Mittel der Medizin ernst nimmt, dass er die Heilmethoden seiner Zeit schätzt. Da ist kein Gegensatz zwischen medizinischer Behandlung und menschlicher Begegnung, zwischen ärztlichem Können, dem Nutzen alter Volksweisheit und dem Vertrauen auf das Gebet zu Gott. Eigentlich ist das gar nicht so mirakulös, ist es gar nicht so geheimnisvoll, was Jesus hier tut.

Jesus ist alles andere als ein Wunderheiler. Das hier passt nicht in eine Uri-Geller-Show.

Wie schade, denke ich, dass zwei schwerkranke Frauen – so war vergangene Woche in der AZ zu lesen – sich von einer 25jährigen Schwindlerin, die sie auf der Straße anspricht und ihnen eine Wunderheilung verspricht, um 170.000,00 € betrügen lassen. Und wie gemein, die Verzweiflung von Menschen so schamlos auszunutzen.

Und wie anders erzählt das Evangelium – von einer menschlichen Begegnung, in der Vertrauen entsteht.

Und da fällt mir noch ein zweites auf an dieser Szene der körperlichen Berührung zwischen Jesus und dem kranken Menschen – sie will auch zeigen, wie Gott uns begegnet: auf einer menschlichen Ebene. Man kann fast sagen: Gott lässt sich berühren, begreifen, fassen, auf der Zunge und mit allen Sinnen spüren. So sehr geht er ein auf den Menschen, den er geschaffen hat - . in menschlicher Gestalt, in Menschen und Begebenheiten. In Berührungen, die unsere Ohren und alle Sinne öffne, dass wir hören, wahrnehmen, was uns hilft.

Und an ein drittes muss ich im Blick auf diese körperliche Berührung denken – an einen berühmten deutschen Arzt, Victor von Weizsäcker. Er hat von 1889 bis 1957 gelebt und gilt als Begründer der psychosomatischen Medizin. Er ist Sigmund Freud und Martin Buber begegnet.

Er hat eine Klinik für psychosomatische Medizin begründet, deren Leitung später Alexander Mitscherlich übernahm.

Menschen, die ihn kannten, waren beeindruckt, wie offen und ehrlich im Kreis um Weizsäcker über die eigene Verstrickung in die nationalsozialistische Vergangenheit gesprochen wurde.

Mir wirft das noch einmal ein Licht darauf, wie vielschichtig das Wort Jesu zu dem Kranken gemeint ist: „Tu dich auf! – Öffne dich!“

Von Weizsäcker hat in seiner Arbeit als Arzt gemerkt, dass etwas grundsätzlich nicht stimmt in der Beziehung zwischen Arzt und Patienten und sagt: „Die moderne Medizin weiß von Krankheiten, aber sie weiß nichts vom kranken Menschen.“

Ihm ist es mit zu verdanken, dass die Beziehung zwischen Arzt und Patient als wichtiges Thema der Medizin ernst genommen wurde: Wie behandele ich nicht nur eine Krankheit, sondern einen Menschen? Ein Mensch spürt, wie ich ihn „behandele“ doch nicht allein daran, welches Rezept ich ausstelle.

Von Weizsäcker war fasziniert von Sigmund Freud und der damals noch jungen Psychoanalyse. Und er war Christ. Und interessiert sich auch von daher für die Zusammenhänge zwischen körperlichem und psychisch-seelischem Ergehen des Menschen und legt Wert darauf, dass – wo es sinnvoll ist - auch die Frage nach dem Glauben einbezogen wird.

„Es kam hinzu“, sagt von Weizsäcker an einer Stelle, „dass die Neurose uns als eine Art von seelischer Not ... aufgegangen war, in der ein Mensch sich unbewusst verloren hatte und sich unbewusst selbst suchte. Die religiöse Seite der Sache war doch nicht zu verkennen“.

4.

So führt diese kleine Evangeliengeschichte – betrachtet man sie eine Weile - auf tiefe Fragen – nach Gesundheit und Krankheit, nach dem Menschen, seinem innerem und äußeren Leben, nach der menschlichen Begegnung, nach der Offenheit und dem Schutzraum der Liebe, nach Glauben und Vertrauen ... „Er hat alles wohl gemacht“, sagen sie am Ende.

In einer Welt, die sich in vielem für Gott verschlossen hat, wird er trotzdem nicht müde, Menschen zu berühren und uns die Sinne zu öffnen, dass sein Heil zu uns kommt.

Unsere Hoffnung darauf zu lebendig zu halten, auch dazu ist uns das Evangelium für diesen Sonntag gegeben.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amenl.

7. Sonntag nach Trinitatis (26.07.2009)

Markus 6, 32-44

Und sie fuhren in einem Boot an eine einsame Stätte für sich allein. Und man sah sie wegfahren, und viele merkten es und liefen aus den Städten zu Fuß dorthin zusammen und kamen ihnen zuvor.

Und Jesus stieg aus und sah die große Menge und sie jammerten ihn, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er fing eine lange Predigt an.

Als nun der Tag fast vorüber war, traten seine Jünger zu ihm und sprachen: Es ist öde hier und der Tag ist fast vorüber; lass sei gehen, damit sie in die Höfe und Dörfer ringsum gehen und sich Brot kaufen.

Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen! Und sie sprachen zu ihm: Sollen wir denn hingehen und für zweihundert Silbergroschen Brot kaufen und ihnen zu essen geben? Er aber sprach zu ihnen: Wie viel Brote habt ihr? Geht hin und seht! Und als sie es erkundet hatten, sprachen sie: Fünf und zwei Fische. Und er gebot ihnen, dass sie sich alle lagerten, tischweise, auf das grüne Gras. Und sie setzten sich, in Gruppen zu hundert und fünfzig.

Und er nahm die fünf Brote und zwei Fische und sah zum Himmel, dankte und brach die Brote und gab sie den Jüngern, damit sie unter ihnen austeilten, und die zwei Fische teilte er unter sie alle.

Und sie aßen alle und wurden satt. Und sie sammelten die Brocken auf, zwölf Körbe voll, und von den Fischen. Und die die Brote gegessen hatten, waren fünftausend Mann.

Liebe Gemeinde,

1.

Diese Geschichte wird sechsmal erzählt im Neuen Testament, öfter als jede andere. Sie wird bezeugt von allen vier Evangelisten – und wir sollten wohl weniger auf die kleinen Unterschiede achten in den Erzählungen, ob es nun viertausend oder fünftausend Menschen waren, die gespeist wurden, als vielmehr staunen über die Fülle und Größe, von der sie sprechen.

Was sechsmal erzählt wird, das sollen wir nicht überhören, dass sollen wir nicht vergessen können; sondern es erfassen oder uns erfassen lassen von dem erzählten übergroßen Reichtum. Zwölf volle Körbe blieben übrig nach der wunderbaren Vermehrung! Das ist ein Überfluss, der auf uns überfließen will. Das ist eine Geschichte, die weiterfließen will, weitergehen zu uns und mit uns. Sechsmal erzählt ist nicht genug. Darum will ich sie heute, hier und für uns neu erzählen.

2.

Und sie – die Jünger mit ihrem Herrn - fuhren in einem Boot an eine einsame Stätte für sich allein.

Das Schiff der Kirche steuerte auf Rückzugskurs an den Rand der Welt, weg von den Menschen und ihren Sorgen. Nach zweitausend Jahren Geschichte war die Kirche müde geworden, ohne Kraft, ohne Ideen.

Aber die Völker der Welt kamen hinter ihr her. Sie brachten ihre Nöte und suchten bei ihr Hilfe. Aus den großen Städten liefen sie zusammen. Aus Kalkutta, wo man Säuglinge in der Mülltonne findet; aus Mexiko Stadt, aus Laos und aus Kairo, wo Zehntausende in den Abfallgebirgen hausen. Aus den Ländern, die Kaffee, Kakao und Tabak für die Reichen auf ihren besten Böden bauen, so dass kein Platz mehr bleibt für ihre eigenen Grundnahrungsmittel und sie hungern müssen. Landlose Bauern aus Südamerika, die im Gefolge der großen Holzunternehmen und Minengesellschaften den verbliebenen Wald brandroden, um sich kurzfristig einen Platz zum Überleben zu sichern. Aus den Favelas von Rio, Familien, die elf Kinder haben, weil sie in der Kinderarbeit eine letzte Möglichkeit zum Überleben sehen. Flüchtlinge aus Sri Lanka und Äthiopien und dem Sudan und aus den Gefängnissen Chinas. Von überall waren sie zusammengekommen.

3.

Und Jesus sah die große Menge und sie jammerte ihn. Denn sie waren wie Schafe, die von schlechten Hirten gnadenlos geschoren wurden. Er erschrak zutiefst, als er ihre eingefallen Gesichter und ihre ausgemergelten Leiber sah. Schmerz erfüllte ihn beim Anblick der Spuren von Folter und Gewalt. Und er fing eine lange Predigt an: Dass er ihre Not sehe und ihren Schmerz teile. Dass er an ihrer Seite stehe. Dass den Armen das Reich Gottes gehört und die Reichen so schwer zu Gott kommen wie ein Kamel durch ein Nadelöhr geht.

Seine Jünger waren ergriffen von den kräftigen Worten. Ganz von dem Gesagten überzeugt, schrieben sie eifrig mit und sprachen zur Vertiefung in Kleingruppen über das Gehörte. Ja, das wäre wert, mal in den Talkshows zum Thema zu werden und natürlich wieder beim nächsten G8-Gipfel.

4.

Aber als es Abend wurde, da traten sie zu ihm hin und sprachen: Entlass die Völker mit einem Segenswort, dass sie hingehen, wo sie hergekommen sind. Sie sollen sich selbst das Brot bei denen besorgen, die es besitzen. Als Einheimische wissen besser als wir, was dem Land hilft.

Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen. Und sie sprachen: Wir haben nichts als unser eigenen Vorräte, die reichen gerade für uns selbst. Dafür haben wir auch hart arbeiten müssen. Niemand hat uns etwas geschenkt. Die Armen müssen lernen, sich selbst zu helfen. Und Gott soll für sie sorgen. Sollen sie doch erst einmal mit Arbeiten versuchen und sich dafür nicht so stark vermehren. Gibt es nicht genug Hilfsorganisationen und Sozialprojekte? Außerdem ist gesagt, wir sollen mit unserem Besitz vernünftig haushalten. Wir können den Nahrungsmittelüberschuss nicht einfach auf dem Weltmarkt verschleudern, sonst verfallen die Preise und wir werden am Ende selbst arm. Wem ist damit geholfen? Und unser Erspartes? Das brauchen wir für unsere Kinder oder für´s Alter oder für magere Zeiten. Man weiß ja nie, was noch kommt. Wir müssen erst einmal die eigene Wirtschaftskrise überstehen. Armut gibt es auch in unserem Land ...

5.

Jesus aber sprach: Wie viel habt ihr? Geht hin und seht! Und bringt mir alles, was ihr habt!

Und sie gingen und brachten etwas. Sie schickten Spenden an „Brot für die Welt“.

50 Jahre lang schon, immer ein wenig mehr, so dass es im Jahr 2007 über 52 Millionen Euro waren aus der Evangelischen Kirche in Deutschland. Die fünftausend Mitglieder der Gonsenheimer Kirchengemeinde hatten etwa 5.000,00 Euro dazu beigetragen, das waren von jedem Gemeindemitglied durchschnittlich 1 Euro im Jahr. Dazu die Kollekte am Erntedanktag für die Welthungerhilfe: 2,50 Euro von jedem Gottesdienstbesucher. Und sie merkten, das ist eigentlich nicht viel. Ein Tropfen auf den heißen Stein in einer Welt, in der in einem Jahr 10 Millionen Menschen an den Folgen von Hunger und Unterernährung sterben, alle 3,5 sec. ein Mensch.

6.

Da wurden sie betroffen und dachten nach. Und es kam ihnen eine Idee. Jeder wollte in Zukunft 2 Euro pro Woche in einer besonderen Dose sparen. Das wurden von jedem 100,00 Euro im Jahr. Und zusammen nur von dieser einen Gemeinde – weil alle mitmachten – fast 500.000,00 Euro. Denn sie hatten im Ökurier davon gelesen, wollten dabei sein und fingen an, es genauso zu tun. Das wurde ein kleiner Regen statt der Tropfen. Und wie durch ein Wunder geschah es: Keinem fehlte etwas. Sie konnten sich weiterhin fast alles leisten, was sie sich bisher geleistet hatten.

Die Katholiken lasen es. Und wer von ihnen den Ökurier nicht las, weil er ihn immer gleich ins Altpapier warf, hörte es beim Bäcker, beim ALDI oder auf dem Markt. Und wurde stutzig. Waren die Katholiken waren nicht immer die besseren Spender gewesen? Das sah man doch schon an ihrer großen Kirche mit zwei Türmen. Jetzt ging es um den guten Ruf, da wollte man doch die Evangelischen gern wieder übertreffen –bei aller Liebe zur Ökumene. Und es gelang ihnen mühelos mit 3 Euro pro Woche für „Misereor“. Die Nachricht ging wie ein Lauffeuer durch Mainz und Rheinlandpfalz. Denn sogar die AZ, die es schon einmal fertig bringt, auf der prominenten Seite drei ganzseitig über Gartenbepflanzung zu schreiben, griff die Meldungen auf. Die Wiesbadener sagten sich: Was die Mainzer können, das können wir doch schon lange. Ja wer ist denn das wahre Zentrum der Rhein-Main-Region, fragten sich da die Frankfurter.

7.

In Berlin geriet man in Aufregung. Politiker sahen schon ihre Stühle wackeln durch den Meinungsumschwung - im September sind doch Wahlen. Bloßen Versprechen glaubt in diesen Tagen sowieso keiner mehr. Also wurde zur Freude von Frau Ministerin Wieczorek-Zeul – der „roten Heid“ - der Etat für die Entwicklungshilfe verdreifacht. Woher das Geld kam? Überraschend einfach war das: Porsche-Chef Wiedeking hatte gerade angekündigt hatte, die 50 Millionen-Abfindung für seinen Rücktritt zu teilen, alles andere hätte ihn vor einer sensibilisierten Öffentlichkeit als größten Abzocker Deutschlands dastehen lassen. Daraufhin aber hielten die Vorstände von Porsche und VW es mit Blick auf die Reaktionen ihrer Kunden für klüger, auf alle juristischen Kniffe zu verzichten und den anstehenden Milliardendeal ganz ehrlich zu versteuern.

Als Berlin anfing, den Handel mit der sogenannten „Dritten Welt“ auf gerechte Preise hin zu kontrollieren, wurden die Niederländer, Franzosen und Engländer aufmerksam; hatten sie doch eine langjährige Erfahrung und Geschichte in den Ländern der südlichen Halbkugel. Von der neuen Entwicklung informiert wollten sie nicht abgehängt werden. Die großen Banken strichen ihre Schuldenkonten zusammen. Die Bauern brachten ihre Nahrungsmittelüberproduktion. Die Industrie spendete Maschinen, Lastwagen, Schiffe und Flugzeuge zum Transport und zur Verteilung der Güter.

Barak Obama hatte es anfangs schwer. Zu viele Abgeordnete in Senat und Kongress der USA hatten gerade begonnen, seinen sozial orientierten Reformen ihre Bedenken entgegen zu stellen. Doch als sie merkten, dass die USA ihren Ruf als Führungsmacht und starke Nummer eins in der Welt zu verlieren, zögerten sie nicht lange! Und es wurde auch Zeit, eindlich einmal ein wirksames Zeichen des „goodwill“ an die arabische Welt zu senden. Die großen Fluzeugträger wurden für kurze Zeit entrüstet. Sie trugen Container voll mit kalifornischem Weizen in die Welt. Voraus ging die Entscheidung, den Anteil der Getreideproduktion, der für Tierfutter und Biokraftstoff verwandt wird, nicht weiter zu erhöhen.

8.

Und Jesus ließ die Völker sich lagern auf den Kontinenten, und ließ sie in gleich große Gruppen einteilen, 6 Milliarden Menschen, in Gruppen zu je 100.000 und 500.000, damit man den genauen Überblick hatte zur gleichmäßigen und gerechten Verteilung der Gaben

Jesus nahm eines der Brote in die Hände, sah auf zum Himmel, sprach das Dankgebet, sprach´s in Hebräisch mit den uralten Worten: Gepriesen seist du, Herr, unser Gott, König der Welt, der du das Brot aus der Erde hervorgehen lässt, - er sprach´s und manche wollten ihn danach haben lachen sehen vor Freude. Dann gab er das Brot den Jüngern, und sie teilten es aus an die Völker. Und sie aßen alle und wurden satt – auf jedem Kontinent, in jedem Land der Erde.

Ja, es stellte sich heraus, dass allein schon das Getreide ausreichte, um jeden Menschen auf der Erde zu versorgen – und das noch Körbe voll da waren, weiter verteilt zu werden an die Menschen, die es nötig hatten: Fleisch und Milch, Baumwolle und Medikamente, Wasserpumpen und Öfen mit Solarstrom, Werkzeuge und Schulbücher, junge Bäumchen zum Aufforsten der Tropenwälder ... Dinge, die man am nächsten Tag und in Zukunft brauchen würde, damit auch diese Geschichte weiter gehen kann, sechsmal, siebenmal und immer weiter.

Die aber gegessen hatten an jenem Tag waren 6 Milliarden Menschen. Sie aßen alle und wurden satt.

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Predigtideen von

Fulbert Steffensky, Wo der Glaube wohnen kann, Stuttgart, 1989, S. 134f

Hubertus Halbfas, Religionsbuch für das 3. Schuljahr, 1985, S. 48f

Dekan Pfr. Helmut Wöllenstein, Marburg

5. Sonntag nach Trinitatis am 12.07.2009

Lukas 5, 1-11

Es begab sich aber, als sich die Menge zu ihm drängte, um das Wort Gottes zu hören, da stand er am See Genezareth und sah zwei Boote am Ufer liegen; die Fischer aber waren ausgestiegen und wuschen ihre Netze.

Da stieg er in eines der Boote, das Simon gehörte, und bat ihn, ein wenig vom Land wegzufahren. Und er setzte sich und lehrte die Menge vom Boot aus.

Und als er aufgehört hatte zu reden, sprach er zu Simon: Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!

Und Simon antwortete und sprach: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen; aber auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.

Und als sie das taten, fingen sie eine große Menge Fische und ihre Netze begannen zu reißen. Und sie winkten ihren Gefährten, die im anderen Boot waren, sie sollten kommen und mit ihnen ziehen. Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken.

Als das Simon Petrus sah, fiel er Jesus zu Füßen und sprach: Herr, geh weg von mir! Ich bin ein sündiger Mensch. Denn ein Schrecken hatte ihn erfasst und alle, die bei ihm waren, über diesen Fang, den sie miteinander getan hatten, ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, Simons Gefährten.

Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.

Und sie brachten die Boote an Land und verließen alles und folgten ihm nach.

 

Liebe Gemeinde,

1.

mich begeistert diese Geschichte. Sie begeistert mich so sehr, dass ich mich mit Fragen, die man aus heutiger Sicht an sie stellen kann, guten Fragen, kritischen Fragen, trotzdem gar nicht lange aufhalten mag.

Da heißt es, sie haben alles verlassen, und sind Christus nachgefolgt.

Alles verlassen - das können wir doch für uns gar nicht übertragen, oder?

Und wenn doch? Wäre das vielleicht sogar einmal hilfreich zu schauen: Gibt es denn für mich etwas, das mir soviel bedeutet, das mir so wichtig ist, dass ich dafür anderes dran geben würde? Kenne ich Situationen in meinem Leben, in denen ich gespürt habe: jetzt gilt es! Jetzt geht es nur um das Eine, um einen Menschen, um eine Entscheidung, um eine Aufgabe, und alles andere muss dafür – wenigstens im Moment – zurück stehen? Spannende Frage!

Aber auch dass sie ihm nachfolgten?

Sind wir damit nicht fertig? Zumal in Deutschland bei unserer Geschichte? „Führer befiehl, wir folgen!“ Was dabei herauskam, wissen wir – Millionen Tote. Und ist es nicht wichtiger, dass wir lernen, für uns selbst einzustehen, dass wir Verantwortung übernehmen für das eigene Leben anstatt einem Idol nachzueifern?

Ja natürlich, und trotzdem bin ich heilfroh, Menschen zu kennen, von denen ich lernen kann, die mich beeindruckt haben, die mir Vorbilder geworden sind. Und ich habe den Eindruck, dass für mich bei dem Wunsch, Christus nachzufolgen, nichts Schlechtes herauskommt, im Gegenteil.

Dann dieser Ruf, Menschen zu fischen.

Das klingt so nach Sekte oder Drückerkolonne. Will ich „Menschen fangen“?

Ich gebe zu: ich finde das hier sehr schön erzählt. Es ist nicht meine Sprache, ich würde nicht sagen, „Ich fische nach Menschen“; aber ich finde es schön, wie Jesus hier mit Petrus spricht, dass er ein Bild aus seinem gelernten Beruf braucht, und ihm etwas Neues anvertraut, weil er etwas in ihm sieht und spürt, dass Gott noch etwas anderes mit ihm und seinem Leben vorhat. Und wenn ich mir sage, dass es doch darum geht, dass Menschen die Liebe Gottes begegnet, dass Menschen Heil widerfährt und etwas, das ihnen zur Freiheit hilft – und daran kann ich mitarbeiten, dann kann ich das Bild vom Menschenfischen stehen lassen.

„Alles verlassen“ – „Nachfolgen“ – „Menschenfischen“ – Ganz bestimmt kann man diese Geschichte kritisch befragen – und ihr dadurch auf die Spur kommen. Mich persönlich hat sie auf andere Weise angesprochen.

2.

Im Zuhören haben sich mir nacheinander verschiedene Schauplätze aufgetan, an denen sich etwas ereignet. Da geschehen Dinge, mit denen verbinde ich eigene Erfahrungen – dass ich mir sage: das hast Du – vielleicht nicht ganz genau so, ein wenig anders, aber doch – auch schon erlebt. An diesen Schauplätzen möchte ich gern noch einmal mit Ihnen entlanggehen.

3.

Vom ersten Schauplatz wird nicht viel erzählt, er wird nur kurz angedeutet, denn er liegt schon zurück, vor der Geschichte. Das ist die vorhergehende Nacht. Wir erfahren, dass die Fischer am See Genezareth die ganze Nacht gearbeitet hatten. Sie waren lange draußen gewesen, aber die Netze blieben leer. Ohne nennenswerten Ertrag mussten sie am frühen Morgen heimkehren.

Sie werden müde gewesen sein und frustriert.

Fast jeder von uns wird das kennen; dass ich mal wirklich was für die Schule tue und ein Lehrer mir trotzdem wieder die „5“ reinhaut. Dass ich mich in der Arbeit mühe, aber Anerkennung ausbleibt, dass ich mich um die Beziehung zu einem Menschen bemühe, sich aber noch nichts verändert ... dass ich manchmal das Gefühl habe, warum machst du das eigentlich, was bringt es, dass du dich abrackerst?

Es gibt diese Orte der Enttäuschung und der leeren Netze auch in meinem Leben.

4.

Der zweite Schauplatz, den ich vor Augen habe, ist ein ganz anderer. Da ist das Seeufer, es ist Morgen, die Sonne ist aufgegangen, es sind noch angenehme Temperaturen und unglaublich viele Menschen sind zusammengekommen. Ein richtiges Gedrängel gibt es. Das ist eigentlich gar nicht mein Fall, mich so in die Menge zu stürzen, aber hier drängele ich mit, denn ich will nichts verpassen von dem, was da vorn, dicht am Wasser vor sich geht.

Jesus spricht. Er redet anders als die Pharisäer und Schriftgelehrten, er spricht mit einer ganz besonderen Vollmacht, hat jemand gesagt; „Worte des Lebens“ hat ein anderer es genannt, der ihn gehört hat und so hätte noch niemand von Gott gesprochen wie er, ihr Leben hätte sich verändert, nachdem er zu ihr gesprochen hat, erzählt eine Frau ...

Ob das übertrieben ist? Das kann ja jeder selbst herausfinden.

Im Gottesdienst beim Parkfest der Vereine habe ich von Hape Kerkeling erzählt, wie er das erlebt auf seinem Weg nach Santiago de Compostella, wie Gott ihn dort sehr persönlich anspricht – zum Beispiel in dem Slogan auf einem Werbeplakat, das ihm als er aus dem Bahnhof herauskommt, ins Auge fällt.

Aber um so etwas zu erleben - um diese Erfahrung zu machen: Gott spricht mich an - muss man sicher nicht nach Santiago laufen. Das geht auch in Gonsenheim. Und es muss auch kein Werbeplakat sein. Ich bin sicher: Wenn wir heute Morgen Gelegenheit hätten zu erzählen, würden wir viele Geschichten voneinander hören von Momenten, in denen uns ein Wort, ein Satz, ein Gedanke, innerlich stark berührt hat, bei manchen wird es vielleicht ihr Konfirmationswort sein, ihr Tauf- oder Trauwort, bei manchen ein Traum in der Nacht, ein Satz in einem Buch, ein Gedanke aus einem Gespräch, eine Einsicht während des Betens ... Gott spricht auf so vielfältige Weise zu uns. Und wer anfängt, damit seine Erfahrungen zu machen, der drängt sich natürlich mit ans Wasser, um Jesus zu hören, der möchte das nicht mehr verpassen.

5.

Diese Szene nimmt eine kleine Wende, als es zu eng wird am Ufer. Jesus spricht einen der Fischer, Simon Petrus an und bittet ihn, dass er ihn in seinem Boot aufs Wasser bringt, ein paar Meter vom Ufer, damit die Menschen ihn besser hören können.

Noch so ein wunderbarer Moment. Da kreuzen sich die Wege von Simon Petrus und Jesus. Das wäre wieder so ein Moment zum Innehalten. Was für Wegkreuzungen gibt es in meinem Leben?

Dieses Zusammentreffen finde ich besonders spannend. Der müde, erschöpfte Mensch, der gerade von einem beruflichen Misserfolg herkommt und sich davon innerlich vielleicht noch gar nicht so frei machen kann – Er ist hier an diesem Ort, an dem Jesus redet. Dass der nicht schlafen geht. Dass der noch den Nerv hat, zuzuhören. Dass der nicht sagt „Alles Käse, mir hat Gott jedenfalls nicht geholfen, als ich ihn gebraucht hätte heute Nacht!“ Nein, das ist doch erstaunlich. Das gibt es auch. Dass ein Mensch mit seiner Enttäuschung anders umgeht. Dass er in einer Krise nicht Gott anklagt, vielleicht hat er’s ja auch getan, aber er bleibt nicht dabei hängen. In einem Moment, in dem er seine Grenzen spürt, fängt er an zu hören.

Ich glaube, dies Zusammentreffen ist kein Zufall. Und vielleicht hört der ja noch mal anders, er, dessen Netze leer sind; sucht nach Worten, die tragen; nimmt anders wahr, was hilfreich ist; ahnt, was einen Weg weisen kann, spürt, dass das Leben nicht aufgeht in Arbeiten ... „Arbeit war sein Leben“? Das ist nicht genug!

Möglich auch, dass Jesus schon etwas tiefer gesehen hat, als er gerade den Simon Petrus um einen Gefallen bittet und nach seinem Boot fragt.

Das ist nicht nur gute Psychologie. „Ein Mann ist frustriert. Dann gib ihm etwas zu tun!“ Nein, es noch mehr. In diesem Moment, in der Bitte Jesu, begegnet Gott dem Simon. Und auf was für eine Weise. Hinter Jesus steht hier Gott, der dem Menschen mit einer Bitte begegnet; der sagt: Ich brauche dich; du kannst etwas beitragen; und ich würde dich nicht zu etwas zwingen – soviel zum Thema Drückerkolonne.

Das haben die Menschen damals an Jesus ablesen können, an seinem Reden und Handeln gemerkt: Wie kommt Gott uns hier entgegen, in welcher Freundlichkeit und Demut, ein Gott, der den Menschen um etwas bittet – hier um eine Boot, ein andermal um einen Esel, oder etwas Wasser, bei seinem Besuch bei Abraham in Gestalt dreier Männer um etwas Gastfreundschaft ... Er ist ein bittender Gott. Er ist kein Gott, der Menschen etwas aufzwingt.

Eigentlich geschieht hier schon – auf eine fast alltägliche und unscheinbare Weise – doch das gleiche, was wenig später „Altes verlassen“ und „Jesus nachfolgen“ heißt.

Es wäre doch spannend einmal zu schauen: Was ist es, worum Gott mich bittet? Gibt es da auch etwas, das ich ihm geben, für ihn tun kann – vielleicht genauso unscheinbar, vermeintlich wenig, wie ein paar Meter Bootsfahrt – aber wichtig?

6.

Zur nächsten Station der Geschichte müssen wir raus auf den See. Das ist jetzt ein bisschen verrückt, denn es widerspricht der Erfahrung und der Fachkennntis des Fischers. Am Tag fängt man da nichts, weiß Simon Petrus. Aber als Jesus ihn auffordert, draußen noch einmal die Netze auszuwerfen, antwortet er: Auf dein Wort hin will ich’s wagen.

Das ist wieder so ein schöner Satz. Und da ist es wieder, das „Wort“ vom Anfang, die Worte, wegen der überhaupt die vielen Menschen gekommen sind, sie zu hören. Das Wort, von dem sie sich etwas versprochen haben, für das es sich lohnt, zum Seeufer zu gehen, für das es sich lohnt, die Müdigkeit zu überwinden und dem ein Fischer so vertraut, dass er etwas in seinen Augen Blödsinniges trotzdem tut.

Diesmal fangen sie so viele Fische, dass ihnen die Netze zu zerreißen drohen.

Was hier geschieht, ist ein Wunder. Aber wo geschieht es? Bei der Arbeit. Was zuvor in der Nacht noch der Ort der Enttäuschung gewesen ist, wird zu einem Ort des Erfolgs. Wie kam es dazu? Ich glaube nicht, dass man hier ein Erfolgsrezept herauslesen darf – und trotzdem lohnt es sich, jedes einzelne Detail zu achten, denn hier wird nichts ohne Absicht und tiefen Sinn erzählt. Jesus steht hier für Gott ein. Simon hat ihm seine Not erzählt – er hat gebetet („wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen“), er hat sich in eine Begegnung mit Christus hineinziehen lassen, seine Not geklagt, aber auch zugehört und über das Hören zu einem kleinen Dienst sich bewegen lassen, zu einem gewissen Grad des Vertrauens gefunden, ein Vertrauen, das ihn auch einmal etwas scheinbar Unvernünftiges tun lässt ... in diesen Situationen und Momenten ist in aller Kürze doch ein Weg des Glaubens beschrieben mit vielen kleinen Schritten ... und das alles – für Simon Petrus – an seinem Arbeitsplatz, in seinem alltäglichen Umfeld.

7.

Erstaunlich auch: Im Moment eines großen beruflichen Erfolgs – die Netze sind voll, endlich mal eine gute Einnahme, Geld, das die Familien für eine Weile ernähren kann, jetzt geht’s wieder aufwärts – gerade in diesem Moment trifft Simon Petrus – und einige andere – der Ruf Jesu: Folgt mir nach! Und sie lassen alles stehen und liegen und gehen – nach den Evangelienberichten für mindestens ein Jahr – mit Jesus.

Aus dem Wunsch, ihn zu hören, ist der Wunsch geworden, ihm nachzufolgen.

Lukas gibt diesen Bericht weiter, damit die Hörer des Evangeliums in den Gemeinden sich in dieser Geschichte wieder finden können – mit ihren Enttäuschungen und Niederlagen, aber auch mit ihrer Suche nach Gott in ihrem Alltag, mit ihrer Sehnsucht, die sie empfänglich macht und ein Gespür gibt, wo Worte zum Leben helfen, mit ihrer Bereitschaft zu hören und auch den kleinen Dienst zu tun, wenn es Gott ist, der sie darum bittet; dass sie sich wieder finden in dieser Geschichte, weil auch sie Menschen sind, die Gott freundlich bittet, für deren Hilfe er dankbar ist, die er aber auch locken möchte an der einen oder anderen Stelle etwas Unvernünftiges zu tun – vielleicht, weil sich dahinter ein Wunder verbirgt.

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.

Sonntag Kantate

Matthäus 11, 25-30

Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart. Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.

Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

 

Zu der Zeit fing Jesus an und sprach ...

Liebe Gemeinde,

der Anfang dieses Abschnittes aus dem Evangelium markiert einen Einschnitt, etwas Neues geschieht hier: „zu der Zeit fing Jesus an und sprach: ...

Menschen, die den Weg Jesu aufmerksam verfolgt haben, ist das aufgefallen: Hier hat sich etwas verändert. So hat Jesus vorher nicht gesprochen. Erst zu dieser Zeit fing er an, so zu reden.

Schaut man einmal über das ganze Evangelium, wie es von Jesus erzählt, dann bestätigt sich der Eindruck:

Jesus war jemand, der sehr aufmerksam wahrgenommen hat, was um ihn herum geschah. Er hat Nachrichten gehört, er hat zur Kenntnis genommen, was in der „großen Politik“ geschah. Er hat die Armut gesehen. Er wusste, wie es den „kleinen Leuten“ vor Gericht ergehen kann. Er kannte die Arbeitsbedingungen von Menschen in „prekären Arbeitsverhältnissen“ hat aber auch verstanden, was einen reichen Bauern beschäftigt. Er hat einen sehr kritischen Blick auf den Gottesdienst geworfen und gespürt, wer Gott sucht und wer sich nur produzieren will. Er hat auch gemerkt, wenn es in der Kirche nur ums Geld ging. Und dann zeigt sich immer wieder, was für einen guten Blick für Menschen er hatte. Manchmal merkt er, was Menschen denken und sagen wollen, bevor sie es aussprechen.

Und an manchen Stelle in den Erzählungen des Evangeliums – bei unserem Text heute morgen - kann man noch sehen: Jesus hat reagiert auf das, was um in herum geschah.

Er hat nicht einfach „sein Ding durchgezogen“. Er hat mit seinen Jüngern keinen 5-Jahres-Plan ausgearbeitet, wie sie die Welt frömmer machen würden.

Natürlich hat Jesus Ziele gehabt; hat gewusst, wofür er leben will und auch, wofür er bereit ist, notfalls zu sterben. Ja, es gab sogar Dinge, die waren ihm wichtiger als sein eigenes Leben (Ich denke, es ist gut, sich einmal zu überlegen, was das für mich ist; welche Dinge es in meinem Leben sind, die mich etwas kosten dürfen; für die ich bereit bin, mehr einzusetzen als üblich, wofür ich vielleicht auch mal über die Schmerzgrenze gehen, wofür ich meine „Komfortzone“ verlassen würde).

Jesus hat natürlich gewusst, was ihm wichtig war. Aber das waren Dinge, die waren nicht ein für alle mal in Beton gegossen. Sie haben sich in einem lebendigen „Gespräch“ mit seiner Umwelt geklärt. „Lebendig“ – weil das auf so vielfältige Weise geschieht, wie das Leben vielfältig ist.

Ich empfange Wertvolles von meinen Eltern, der Umgebung, in der ich aufwachse. Ich finde meinen Weg aber auch, indem ich mich notwendig abgrenze und dabei merke, wer ich selbst bin und was Gott in mein Leben hineingelegt hat. Jesus war verwurzelt in der Geschichte seines Volkes, er hat ihre Erzählungen gut gekannt – und auch auf diesem Hintergrund seinen eigenen Lebensweg besser verstanden. Und dann hat er offensichtlich damit gerechnet, dass Gott ihm in allen Dingen begegnen kann und zu ihm spricht – in Menschen, die seinen Weg kreuzen, in historischen Ereignissen, im Zuspruch und im Widerstand, der ihm begegnet. Jesus hat hingehört und sich in einer Wachsamkeit geübt. Manchmal merkt man, wie er sich von Ereignissen fast treiben lässt, dann zieht er sich wieder zurück, sucht die Stille und das Gebet, um für sich die wichtigen Dinge zu klären ... dann ist es wieder eine Begegnung, eine Beobachtung und er entdeckt darin, was der Wille Gottes ist ...

Manchmal ist es gut, wenn wir uns fragen, wie unser Leben an Tiefe, an Würde und an Profil gewinnt und wozu wir auf der Welt sein möchten – wir sind ja kein Gemüse, sondern wache Menschen, mit Verstand und vielen Sinnen begabt ...

Eine Stelle in den Evangelien liebe ich besonders. Da haben sie – Jesus und die Jünger – eine schlimme Nachricht erhalten. Johannes der Täufer, der Wegbereiter Jesu, ein Vorkämpfer für die Sache Gottes unter den Menschen, ist hingerichtet worden. Herodes hat ihn köpfen lassen, weil er den unmoralischen Lebenswandel des Köngishauses kritisiert hatte. Jesus und seine Jünger waren verbunden mit Johannes und seinen Gefährten. Sie haben ähnliche Anliegen geteilt. Die Nachricht von seinem Tod hat sicher alle sehr getroffen. Und auch Fragen aufgeworfen. Was heißt das für uns? Machen wir weiter? Ziehen wir uns erst mal alle zurück in unsere Schlupflöcher?

Da folgt eine wunderbare Stelle in der Bibel. Es heißt, dass sie sich in ein Boot setzten und an einen anderen Ort ruderten um für eine Weile in Ruhe zu sein.

Als Jugendlicher habe ich selbst gerudert. Ich weiß wie man im Boot sitzt – manche sagen „falsch herum“, weil mit dem Rücken zum Ziel. Ich schaue immer dahin, wo ich herkomme. Was passiert dabei? Ich schaue noch einmal auf das, was gewesen ist – und gewinne dabei langsam Abstand. Das ist ein Geheimnis. Da liegt ganz viel Wertvolles drin – noch einmal anschauen, langsam Abstand gewinnen, ein- und ausatmen, sich bewegen, anfangs orientiere ich mich noch an dem Ort, den ich zurücklasse, dann aber immer mehr von einem neuen Ziel her –

Wenn Jesus mit seinen Jüngern einmal einen einsamen Ort aufsucht – wenn wir uns einmal Zeit zum Beten nehmen, für die Stille, für einen Spaziergang, für ein Gespräch in Ruhe – dann ist das kein „ich verkrieche mich unter meiner Decke“. Dieses Bild vom Ruderboot zeigt eine Art und Weise, sich für einen Moment zurückzuziehen und Abstand zu suchen, der eine ganz hohe Qualität hat – und Richtung gewinnt.

„Zu der Zeit fing Jesus an zu reden ...“

Jetzt habe ich Johannes den Täufer erwähnt und seine Hinrichtung. Auch hier, in dem im Predigttxet festgehaltenen Moment aus dem Leben Jesu, hat er Widerstand gespürt. Die Dinge laufen nicht so, wie ein Prediger sich das wünscht. Jesus merkt, wie unterschiedlich die Menschen darauf reagieren, wenn einer kommt, und ihnen etwas von Gottes Liebe vermitteln möchte.

„Und zu der Zeit fing er an zu reden und sprach: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart ...“

Was bedeutet das?

„Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen.“

So ein Satz rutscht nicht einfach raus. Dass, was geschehen ist, so und nicht anderes geschehen ist, weil es Gott gefallen hat, es so geschehen zu lassen, ... das versteht sich ja – auch für einen frommen Menschen übrigens – nicht von selbst.

Das ist eine andere, eine neue Sicht auf mein Leben, auch auf das Leben einer Gemeinde übrigens: Die Dinge, die hier geschehen, sie geschehen sicher auch oft, aber nicht nur, weil ein Pfarrer an einer Stelle etwas ganz toll macht, an einer andereren Stelle Dinge überhaupt nicht auf die Reihe bringt und verschläft, Dinge geschehen nicht nur, weil Ehrenamtliche da sind und sich einsetzen und sie fallen nicht aus, nur weil Menschen fehlen, die wichtige Aufgaben übernehmen ... Das stimmt zwar alles auch immer wieder mal, aber es gibt in dem allen eben – ich sag’s mal ein bisschen flapsig – auch noch einen anderen Mitspieler. Und das ist Gott.

„Ja“, sagt Jesus, „Ja, Vater, denn so hat es dir wohlgefallen!“ Und achten wir hier mal bitte auf jedes (!) Wort.

„Ja“, sagt Jesus. Er macht die Augen auf, er schaut die Wirklichkeit an wie sie ist, er sieht, was sich verändert hat – und er sagt „Ja“ dazu.

Ich glaube, dass das eine ganz große Leistung eines Menschen ist, „Ja“ zu sagen, „Ja“ zu sagen zur Wirklichkeit, so wie sie wirklich ist. Mir persönlich fällt das oft sehr schwer.

Ich werde in diesem Jahr 50 Jahre alt. Ich muss „Ja“ sagen dazu, dass ich alt werden, noch nicht steinalt, aber mittelalt. Das braucht ein „Ja“. Es hätte keinen Sinn, das Älterwerden zu verdrängen. Es wäre dumm so zu tun, als ob ich noch 25 wäre. Aber es braucht eine Einwilligung, ein „Ja“ dazu. Dass etwas anders geworden ist.

Denken wir noch mal an Jesus: „zu der Zeit fing er an zu reden ...“ Ich rede heute nicht mehr wie ein 14jähriger, ich spreche anders – Sie fänden das alle sehr komisch, wenn es nicht so wäre ...

Wenn ich „Ja“ sage zu einer Lebenssituation, dann kann ich auch draufschauen und sehen, was sich verändert und, ja, was „neu“ wird ... welche Gabe in dieser Situation, welcher Gewinn, welche Gabe in diesem Alter liegt ...

Wenn ich den Marathon laufen wollte, als ob ich 25 wäre, dann würde ich bald an einem Herzinfarkt zusammenbrechen. Ich könnte da heute nicht mitlaufen mit dem Ziel, in der Spitzengruppe mitzuhalten. Ich könnte aber mitlaufen, wenn ich auf mein eigenes Tempo achte und auf das, was mir möglich ist. Ich könnte auch so mitlaufen, dass dieser Stoff ausgeschüttet wird, der Läufer so glücklich macht – ich kenne das, weil ich früher selbst gelaufen bin. Ich könnte auf meine Weise und in meinem Tempo etwas erreichen, was mich glücklich macht, was einen Erfolg und eine Leistung bedeutet – aber nicht in den Augen dessen, der sich am Weltrekord misst, der auf die 20jährigen schielt und sich mit den Hochleistungssportlern vergleicht. Und wieder: es geht darum, wahrzunehmen, zu sehen, was ist. Und dazu „Ja“ zu sagen.

„Ja“ sagen zur Wirklichkeit bedeutet nicht, die Hände in den Schoß zu legen. Laufen kann ich trotzdem. Ich muss nicht auf dem Sofa sitzen bleiben. Ja, im Gegenteil – erst in dem Moment, in dem ich das, was ist, annehme, kann ich die Möglichkeiten entdecken, die darin liegen, kann ich - nach meinen Möglichkeiten laufen – statt schon nach 1000m zusammenzubrechen.

Wenn ich annehme, dass ich älter werde, statt am Ideal des jungen Menschen festzuhalten, erst dann kann ich entdecken, welche Möglichkeiten im Älterwerden liegen, wo Neues möglich wird, Dinge, die heute meiner Wirklichkeit angemessen sind.

Und das gilt für einen Menschen – egal welchen Alters – genauso wie auch für eine Kirchengemeinde. Auch für uns gilt es, die Wirklichkeit heute wahrzunehmen, zu sehen, was ist und unser „Ja“ dazu zu sagen – anstatt dem „Gestern“ nachzutrauern.

Das kann schon ein Schmerz sein, für den, der sich an Gutes erinnert, an schöne Familienfreizeiten, einen lebendigen Bibelkreis, prickelnde Diskussionen bei Vortragsabenden – wenn manches, was mir einmal lieb und teuer war, heute nicht mehr so ist.

Aber was hilft es, mir eine Zeit zurück zu wünschen, in der man sich Sonntag morgens mit dem Gesangbuch in der Hand auf der Breiten Straße getroffen hat, auf dem Weg zum Gottesdienst – wenn es so gewesen wäre?

Es lenkt ab. Es gibt einen Blick zurück, der verhindert, die Gegenwart wirklich zu sehen, die Menschen wahrzunehmen, die heute an manchen Stellen vielleicht andere Fragen und Bedürfnisse und andere Einstellungen haben.

Der Blick zurück ist nicht verboten. Denken wir noch einmal an das Ruderboot, in dem Jesus mit seinen Jünger sitzt. Dieser Blick auf das zurückliegende Ereignis hat eine Bedeutung. Es kann Orientierung geben. Es ist wichtig, nicht einfach ziellos irgendwohin zu rennen. Es ist wichtig, was gewesen ist, angemessen zu bedenken.

Aber nicht, um immerzu am gleichen Ufer sitzen zu bleiben. Ein Boot, das nicht segelt, ist sinnlos. Eine Gemeinde, die sich nicht bewegt, stirbt. Ein Mensch, der kein „Ja“ zu Veränderungen findet, wird starr und verhärtet.

„Ja, Vater, denn dir hat es so gefallen ...“

Das ist noch einmal ein anderer Blick auf die Dinge. Das „Ja“ zur Wirklichkeit, das „Ja“ zu meinem Leben kommt aus dem Vertrauen, dass Gott seine Finger mit im Spiel hat. Dass Dinge mich nicht einfach überfallen, dass ich dem Leben nicht einfach ausgeliefert bin, sondern dass Gott dahinter erkennbar ist – und seine gütige Führung.

Und da noch einmal zu Jesus. Was ist es denn, was bei ihm anders geworden ist? Was hat er wahrgenommen, warum spricht er seit dieser Zeit anders?

„Ich preise dich Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart. Ja Vater, denn so hat es dir wohlgefallen.“

Jesus hat sich in großer Liebe um die Menschen gemüht. Ihn noch einmal so auch unter uns hören zu können, wie er zu Menschen gesprochen hatte – kein Wunder, dass viele daran heil geworden sind! Kein Wunder, dass so viele kamen, um ihn zu hören!

Dann gab es aber eine Punkt, an dem hat Jesus gemerkt, dass etwas anders wird; dass nicht jedem sein Erzählen von Gott gefällt; dass er nicht bei allen gleich willkommen ist; dass manche sich in ihren Besitzständen bedroht fühlen; dass er auf Widerstand stößt, auch auf offene Ablehnung bis hin zu Hass und Morddrohungen.

Er hat – in dieser Situation jedenfalls – nicht über eine neue Strategie nachgedacht, auch diese Zielgruppe zu gewinnen. Er hat keinen neuen Flyer gedruckt, keinen Zeitungsartikel als Werbung lanciert und zwei zusätzliche Veranstaltungen eingeplant.

Das Bild vom Ruderboot finde ich einfach sehr sprechend: Er hat hingeschaut, aber auch Abstand gesucht. Er hat es sich geleistet, nichts zu tun und erst einmal einen ruhigen Ort aufzusuchen. Er hat sich der biblischen Geschichten erinnert und der Geschichte der Väter und Mütter im Glauben, er war mit seinen Jüngern zusammen und hat gesprochen, er hat gebetet ...

Ich habe das Gefühl, dass es heute in unserer Arbeit oft so läuft, dass wir immer gleich das nächste drauf setzen, anstatt mal „rudern zu gehen“, gleich das nächste Projekt und noch zwei, drei gleichzeitig, anstatt mal eine Weile im Boot zu verbringen, auf dem See, ohne Handy und PC, um noch mal in Ruhe hinschauen, was ist da eigentlich gewesen? Was sagt uns das? Und was ist heute dran? Wie könnte das unseren Kurs bestimmen? Und was denkt Gott dazu? Hat es Gott vielleicht gefallen, geschehen zu lassen, was geschehen ist, will er uns dadurch etwas sagen, zeigen, neue Einsichten öffnen, einen anderen Reichtum schenken ... ?

Jesus beobachtet, dass sich besonders die Gruppe der klugen Menschen, der Weisen seiner Zeit, Gott verschließt. In dieser Situation, merkt er, ist es nicht dran, ein neues Programm aufzulegen. Warum? Weil es Gott so gefällt!

„Du, Vater, hast dies den Weisen und Klugen verborgen und hast es den Unmündigen offenbart.“ Jesus sagt „Ja“ zu seiner Wirklichkeit, er sieht hinter den Dingen Gott und erkennt dann, welche besondere Gabe Gottes darin liegt.

Für mich kommen an diesem Punkt die Dinge wirklich zusammen. Wer ist das? Wer sind die Weisen und Klugen?

Das sind die Menschen, die immer schon Bescheid wissen. Die lachen, wenn einer sagt, ich muss mich zum Beten und zur Stille mal zurückziehen. Die nicht verstehen können, dass man auch mal Boot fahren muss. Die mich für faul halten, wenn ich sage: Wir müssen auch mal die Hände in den Schoß legen. Die sagen: wozu hinschauen und zuhören, wir wissen doch, wo´s lang geht.

Schaffen wir das, mal zu sagen: Ich weiß nicht, wo´s langgeht! Ich habe keine Ahnung, welcher Kurs der richtige ist?

Die Weisen und die Klugen.

Das gibt es, dass Gott sich verbirgt. Offensichtlich will Gott sich nicht einfach einplanen lassen in die fertigen Programme von Menschen, will er sich nicht stumm einfügen lassen in unserer Denkgebäude und Ansichten ...

Bischof Kamphaus hat zu diesem Evangelientext darauf hingewiesen: Es geht nicht darum, eine bestimmte Bildungsschicht zu disqualifiziern, sondern eine bestimmte Haltung. Es trifft nicht die Gebildeten, sondern die Eingebildeten. Es meint die Leute, die ihre eigene Klugheit als der Weisheit letzten Schluss ausgeben, die so klug sind – oder besser: sich für so klug halten, dass sie genau über Gott Bescheid wissen. Ihnen bleibt die Botschaft Christi verborgen.

Den Unmündigen wird sie offenbart. Eigenartig! Alle Welt redet heute von Mündigkeit. Mündige Menschen, mündige Christen, mündige Gemeinden ... Unmündigkeit gilt nicht als Vorzug, sondern als Übel, dem so schnell wie möglich abgeholfen werden muss. Und hier wird nun die Unmündigkeit gefeiert! Wie soll man das verstehen?

Die Unmündigen sind den „Armen“ und den „Letzten“ des Evangeliums benachbart. Menschen sind gemeint, die an die Grenzen der Welt und ihrer eigenen Möglichkeiten gestoßen sind und nicht von dorther alles erwarten, sondern von Gott. Sie wissen, dass sie auf ihn angewiesen sind. Sie sind nicht mit Gott fertig. Sie ahnen, dass seine Gedanken größer sind als unsere, dass seine Wege über unsere hinausgehen. Da sie klein sind, können sie Gott groß sein lassen. Sie sind die „letzten“ Menschen, die „Erste“ werden. Sie folgen dem, der nicht den ersten Platz für sich beanspruchte, sondern den letzten Platz zum Platz Gottes unter uns gemacht hat.

Jesus preist die „Unmündigen“ selig, wo immer sie stehen, rechts oder linkes, jene, die arm genug sind, sich von Gott reich beschenken zu lassen.

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Judika (5. Sonntag der Passionszeit)

29. März 2009

Da gingen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sprachen: Meister, wir wollen, dass du für uns tust, um was wir dich bitten werden.

Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich euch tue?

Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit.

Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, um was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?

Sie sprachen zu ihm: Ja, das können wir. Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr werdet zwar den Kelch trinken, den ich trinke, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde;

zu sitzen aber zu meiner Rechten oder zu meiner Linken, das steht mir nicht zu, euch zu geben, sondern das wird denen zuteil, für die es bestimmt ist.

Und als das die Zehn hörten, wurden sie unwillig über Jakokus und Johannes.

Da rief Jesus sie zu sich und sprach zu ihnen: Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an.

Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein.

Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.

Markus 10, 35-45

Liebe Gemeinde,

1.

das hier ist eine von den vielen, vielen Geschichten, für die ich die Bibel liebe. Die berühmte Frage – „Wenn ich nur ein einziges Buch auf die einsame Insel mitnehmen dürfte“ – natürlich wäre die Bibel meine Wahl. Keinen Moment würde ich zögern.

Was denn sonst außer der Bibel bringt alles (!) Menschliche, alles, was und wie der Mensch ist, zur Sprache - was ihn im Tiefsten antreibt und schmerzlich quält, was den Menschen unbeschwert singen lässt und verzweifelt weinen, was seine königliche Würde ist und sein abgrundtiefes Versagen – nirgendwo sonst ist es so unglaublich genau in die Sprache bewegender Geschichten geflossen.

2.

Manche Ausleger haben zu diesem Predigttext bemerkt, dass die Zebedäus-Brüder so auf Jesus zu gehen, wie es manchmal kleine Kinder tun, wenn sie ihre Eltern um etwas bitten möchten, was ihnen ganz arg wichtig ist – wie sie all ihren Mut zusammen nehmen, ihre Unsicherheit hinter einer ängstlichen Entschiedenheit verstecken: „Was ich dir jetzt sage, dass musst du mir aber wirklich geben!“

Das Matthäusevangelium hat ebenfalls eine Erinnerung an den Vorfall aufbewahrt. Anders als bei Markus ist es dort die Mutter, die zu Jesus geht und sagt: „Wir wollen, dass du für die beiden tust, worum wir dich bitten“.

Manche Ausleger erkennen darin den typischen Ehrgeiz von Eltern, die alles für ihre eigenen Kinder tun, weil die nur das Beste verdient haben. Ein anderer findet es nur peinlich, dass die Mutter hier für ihre Söhne redet.

3.

"Meister, wir wollen, dass du für uns tust, um was wir dich bitten werden."

Schon die Antwort Jesu auf diese Ansprache ist eine Kostbarkeit, ein Kleinod, eine Schatztruhe!

"Er sprach zu ihnen: Was wollt ihr, dass ich euch tue?"

Der aufmerksame Bibelleser denkt an dieser Stelle: „Hoppla, das kenne ich doch!“ Genau! Als ein Lahmer zu Jesus gebracht wird, als ein Blinder ihn ruft, immer wieder, wenn Menschen auf ihn zukommen, stellt Jesus diese Frage: „Was willst du, dass ich dir tun soll?“ Und zwar selbst dann, wenn ein Mann, eine Frau kommt, der die Not auf 1000 anzusehen ist, dass man denkt, „was für eine blöde Frage?“, scheut Jesus sich nicht, sie doch zu stellen: „Was willst du, dass ich dir tun soll?“

Das ist ja so, als ob der Arzt den Patienten, der mit einer offenen Platzwunde an der Stirn in die Praxis kommt, fragt: „Na, wo fehlt´s uns denn heute?“

„Was willst du, dass ich dir tun soll?“ Warum tut er das? Warum fragt Jesus so?

Ich stelle mir vor, wie der blinde Mensch, nachdem er sehend geworden ist, nach Hause geht. Und dann hat er diese Frage noch im Ohr. Die Worte Jesu klingen in ihm nach. In seinen Gedanken bleiben sie lebendig und es ist, als ob Jesus, als ob Gott weiter noch mit ihm spricht. „Was willst du, dass ich dir tun soll?“

Und dann spürt er, dass hinter dem so übermächtig gewordenen Wunsch, wieder sehen zu können, noch ein anderen Wunsch, eine andere Sehnsucht liegt, die bisher verdeckt war. Ich kann wieder sehen. Aber die Frage, was ich mir für mein Leben wünsche, steht immer noch im Raum. Sie ist doch noch lange nicht erledigt. Ja, vielleicht fängt sie gerade erst an, sich zu regen, als ich merke, da ist mir einer begegnet, der hat mich gehört, der hat mein Bitten ernst genommen. Eine Tür hat sich aufgetan. Und jetzt schaue ich mal, was im nächsten Raum auf mich wartet.

Und wenn es Menschen gab, damals, wenn es sie gibt, heute, die auf die Frage Jesu „Was willst du, dass ich dir´s tun soll?“ nicht gleich eine Antwort geben können - Ich glaube, dass diese Frage sich im Gemüt einhakt wie ein Rettungsanker – und ein Seil hängt dran, dass mich immer stärker mit Gott verbindet. „Was willst du, dass ich dir tun soll?“

Denn diese eine Frage - sie zielt mitten in mein Herz!

Und lässt mich spüren: so fragt einer, der ist bemüht, mich zu verstehen; und mir da zu begegnen, wo mein Herz schlägt, wo mein Sehnen aufbricht.

Gott fragt, wonach ich mich sehne. Er möchte wissen, was ich mir wünsche. Und wo ich unsicher bin, will er mir helfen, der Sehnsucht meines Lebens auf den Grund zu gehen.

4.

Ich möchte gern von einer kleinen Übung erzählen, zu der wir auf meiner letzten Fortbildung angeleitet wurden.

Unser Ausbilder lud uns ein, für etwa 7 min eine entspannte, aber aufmerksame Sitzhaltung einzunehmen, evtl. die Augen zu schließen, einen Moment auf unseren Atem zu achten, ohne ihn zu verändern und dann zu schauen, was ich mir wünsche. Wenn ich etwas gefunden hätte, sollte ich mir vorstellen, wie es wäre, wenn der Wunsch in Erfüllung ginge und bei dieser Vorstellung ebenfalls einen Moment verweilen. Dann sollte ich darauf achten, ob sich an dieser Stelle ein weiterer Wunsch einstellt und mit ihm genauso verfahren ... mir seine Erfüllung ausmalen um nach einem kurzen Verweilen zu schauen, was sich als nächstes Bedürfnis meldet ... und das insgesamt etwas 6 oder 7 mal.

Die Erfahrungen waren ganz unterschiedlich. Einer in unserer Gruppe schläft bei solchen Übungen gern mal ein, für jemand anders ist es beim ersten Mal etwas zäh und mühsam, und bei anderen sprudeln die Bilder, als ob sie nur auf die Gelegenheit gewartet haben, und sich jetzt hervortrauen ...

Ich denke, das ist genauso vielfältig wie bei den Menschen, die Jesus damals gefragt hat, „Was willst du, dass ich´s dir tun soll?“

Auf diese Frage hin tauchten vor meinen inneren Augen so verschiedene Bilder auf wie Bergwanderschuhe, aber auch eine bestimmte Situation im Altarraum unserer Kirche ...

Dann bat der Ausbilder uns, das erste und das letzte der Bilder in Gedanken nebeneinander zu stellen.

Da stehen dann die Bergwanderschuhe neben dem Altar. Nach einer kleinen Weile des Nachdenkens konnte ich eine Verbindung für mich erkennen zwischen Schuhen und Altar.

Und mir fällt ein Wort ein vom Kirchenvater Augustinus, der die Erfahrung der zwei Bilder, die Erfahrung mit einem Weg der Sehnsucht im Menschen in einen Satz gefasst hat: „Unser Herz ist unruhig, Gott, bis es Ruhe findet in Dir.“

Wie Gott mit unseren Wünschen umgeht, das können wir an dem Gespräch Jesu mit den Zebedäusbrüdern, mit Johannes und Jakobus, sehen.

5.

"Sie sprachen zu ihm: Gib uns, dass wir sitzen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit."

Die beiden möchten gern die Ehrenplätze neben Jesus einnehmen. Sie möchten gern mit ihm herrschen. Vor dem Passafest spüren sie, dass sein Weg auf eine Krise, auf eine Entscheidung zugeht. Es wird etwas passieren. Wenn Gott sein Reich aufrichtet, dann wollen wir dabei sein.

Dass sie nach den ersten Plätzen verlangen, ist gar nicht so abwegig. Die Forschung an der Bibel sieht Hinweise darauf, dass die Zebedäus-Familie zur weitläufigen Verwandtschaft Jesu gehörte. Daraus würden sich solche Ansprüche ableiten lassen.

6.

Trotzdem schütteln wir innerlich wohl den Kopf. Die beiden haben ja wohl überhaupt nichts verstanden. Das geht doch bei Jesus wirklich anders zu, oder?

So reagieren die anderen Jünger, die das Gespräch mitbekommen haben, sehr verärgert und mit Unwillen. Was spielen die beiden sich da in den Vordergrund?

Jesus reagiert ganz anders.

Den freimütig ausgesprochenen Wunsch verurteilt er nicht. Mit dem, was Menschen ihm sagen, geht er behutsam um.

Das kennen wir doch: Da ist ein Gespräch beendet, bevor es richtig angefangen hat, weil einer merkt: hier werde ich korrigiert oder abgebügelt, belehrt oder beschwichtigt. Wir spüren sehr genau, ob unser Gegenüber ein Interesse daran hat, was uns eigentlich bewegt – so schräg oder komisch das gerade rauskommen mag – weil ich keine besseren Worte finde oder mir selbst noch gar nicht so klar ist, was ich eigentlich denke, suche, brauche ...

Jesus kanzelt die Bitte der Brüder nicht ab. Es beginnt hier – ausgelöst durch die Bitte – erst eigentlich ein Gespräch.

Und auch das ist so wahr an dieser biblischen Erzählung: Wünsche müssen nicht immer erfüllt, Sehnsucht muss nicht immer zum Ziel kommen. Aber wo sie verdrängt werden, bahnen sie sich meist ungut woanders und im Verborgenen einen Weg und drücken sich aus in dem Gefühl, zu kurz gekommen zu sein, nicht gesehen zu werden, immer die schwache Position zu haben, um Macht kämpfen zu müssen ... Und dann streiten wir und wissen manchmal gar nicht warum – weil das, wonach ein Mensch eigentlich sucht, noch gar nicht ausgesprochen werden konnte, vielleicht ihm selbst noch nicht klar geworden ist ...

So reagiert Jesus behutsam auf die Bitte der Brüder. Ein gerade begonnenes Gespräch wird nicht abgebrochen. Es kann sich vertiefen.

Und dabei – schau mal an – fängt die Bitte, der Wunsch an, sich zu verändern. Er kann sich verändern, weil er zu Gott hin ausgesprochen worden ist. Weil er nicht im Untergrund über lange Jahre eines Lebens zur Unzufriedenheit werden konnte, zum stillen Vorwurf an Gott und die Welt, warum sie mich so schlecht behandeln und ich zu kurz gekommen bin. Einer Unzufriedenheit, der wir – leider – bei alten und bei jungen Menschen immer wieder einmal begegnen und die unerreichbar geworden scheint für jedes gute Wort.

Auf die Bitte der Brüder reagiert Jesus behutsam. Es ist ein Raum da, den Herzenswunsch auszusprechen. Ein Gespräch vertieft sich, in dem Veränderung möglich ist.

7.

"Jesus aber sprach zu ihnen: Ihr wisst nicht, um was ihr bittet."

Auch das – glaube ich – geht oft so. Im ersten Moment scheint das eine klare Sache zu sein. Und manchmal merke ich, dass noch etwas anderes dahinter steckt.

Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?“, fragt Jesus.

Und die lieben Brüder verstehen sofort, was er meint: das ist eine Anspielung auf seinen Tod. Wer Jesus nahe sein will, der lernt – rechts oder links neben ihm, an seiner Seite – auch den eigenen Tod anzunehmen.

Und noch einmal: Hier kommt jetzt nicht der fromme Teil in einem geistlichen Gespräch, nein, nein! Jesus ist hier ganz bei den Jüngern, bei ihrer Bitte, bei ihrer Sehnsucht. Die nimmt er sehr ernst. Er zeigt ihnen – denn das wissen sie noch nicht – wonach sie eigentlich fragen; und hilft ihnen damit, ihrer eigenen Sehnsucht näher zu kommen.

„Ihr wollt rechts und links neben mir sitzen? Ihr wollt mir nahe sein und wollt mit mir herrschen? Gut, dann zeige ich Euch, was das bedeutet! Schaut Euch an, wie ich herrsche, wie ich Macht ausübe, auf welche Weise ich Menschen begegne und Veränderungen anstoße in ihrem Leben!

Aber macht Euch gefasst darauf, dass es ganz anders ist, als Ihr es von Euren Politikern kennt, von Wirtschaftsführern und Vorgesetzten ... dass es bei mir nicht um einen Job geht, sondern um eine neue Haltung, um eine Veränderung des Lebens und um einen Einsatz, der aus dem Innersten kommt und den ganzen Menschen einbezieht ...

Und wenn Ihr es seht und versteht, dann könnt Ihr Euch noch einmal überlegen, ob es das ist, was Ihr gesucht habt, als Ihr Eure Bitte vor mir ausgesprochen habt; Ihr könnt – und müsst – noch einmal prüfen, worum es Euch bei Eurer Frage nach den Plätzen neben mir wirklich geht: um die Position vor den Menschen oder die Nähe zu mir; um Macht und Einfluss oder um die Möglichkeit, teilzuhaben an meiner Sendung um in der Macht der Liebe Menschen zu bewegen.“

8.

In die zeitliche Nähe zu diesem Gespräch mit den fällt ein Abendessen. Und hier trägt Jesus noch einmal zur Klärung der Frage bei. Man merkt daran, wie wichtig ihm das ist. Er tut es nicht nur für die beiden Brüder, sondern für alle seine Jüngerinnen und Jünger.

Den Verlauf dieser besonderen Mahlzeit hat uns der Evangelist Johannes überliefert. Er erzählt, wie Jesus sein Obergewand ablegt, eine Schüssel und ein Tuch nimmt und dann beginnt, den Jüngern – einem nach dem anderen - die Füße zu waschen.

An drei Stellen – nämlich als Jesus sein Leiden und Sterben ankündigt – gibt es heftigsten Protest der Jünger gegen Jesus. An drei Stellen – und an dieser hier; als er sich hinkniet, die Schüssel nimmt und das Tuch, um ihnen die Füße zu waschen.

„Auf gar keinen Fall, hör sofort auf damit!“, fährt Petrus ihn an, „du bist der Meister, der Herr, ein König. Es kommt überhaupt nicht in Frage, dass du uns dienen solltest wie nur ein niedriger Knecht es gezwungen ist zu tun.“

Und Jesus sagt: „Ihr habt völlig Recht, ich bin ein Herr und Meister. Und nun schaut her, auf welche Weise ich herrsche! Und nehmt euch ein Beispiel daran!“

Im Gespräch mit den Zebedäussöhnen sagt Jesus – und an dieser Stelle wendet er sich ebenso an den ganzen Kreis seiner Jünger:

“Ihr wisst, die als Herrscher gelten, halten ihre Völker nieder, und ihre Mächtigen tun ihnen Gewalt an. Aber so ist es unter euch nicht; sondern wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“

9.

Das ist ein anspruchsvoller Gesprächsgang. Aber die Zebedäusbrüder haben ja auch eine wichtige Frage gestellt. Und nun sind sie selbst in der Lage, eine Entscheidung zu treffen.

Sie können sagen: „Ja, das ist es, was wir suchen. Wir möchten neben Jesus sitzen, um mit seinen Augen auf die Welt, mit seinem Blick auf die Menschen zu schauen. Wir möchten mit ihm herrschen, in dem wir uns üben darin, anderen Menschen einen Dienst zu erweisen. Und es wird kein Zeichen von Schwäche sein, sondern im Gegenteil eine Weise, stark zu sein und Einfluss zu nehmen und etwas zu verändern in der Welt, wenn wir uns in unserem Handeln mehr und mehr von der Liebe Jesu bestimmen lassen. Und wir wollen diesem Weg in der Nachfolge Jesu treu bleiben, auch wenn es den Einsatz unseres Lebens verlangt.“

Jesus hat die Bitte der Zebedäusbrüder nicht abgewehrt. Er nimmt sie auf und hilft ihnen zu einer Klärung ihres eigenen Wollens und zu einer Klärung ihres Weges.

Jesus lässt sie frei, ihre eigene Entscheidung zu treffen. Ich bin ganz sicher: Auch wenn die beiden auf dieses Gespräch hin merken, es ist doch nicht das, was sie im Moment wollen – wir können das ja ehrlich nur für das „Heute“ sagen und es kann sich auch wieder verändern – wenn die Brüder jetzt also einen anderen Weg wählten – dann würde Gott auch auf diesem Weg ganz bei ihnen bleiben. Er würde sie nicht weniger lieben, er würde sie nicht weniger aufmerksam begleiten, er würde sie auch dann segnen.

„Was willst Du, dass ich´s Dir tun soll?“ Das ist eine ernsthafte Frage. Ich bin wirklich gefragt. Vielleicht etwas flapsig möcht ich´s doch so sagen: „Ich bin ein gefragter Typ.“

Gott meint es wirklich ernst. Er nimmt meine Antwort ernst. Er nimmt mich ernst. Und darum spielt meine Sehnsucht, mein Wünschen und mein Wollen eine ganz große Rolle für ihn. Er geht darin einen Weg mit mir.

Auf diesem Weg sind die Bergwanderschuhe vielleicht genauso wichtig wie der Altar – und wenn ich das Eine verleugne, kann das Andere keine Freude machen.

10.

Was habe ich jetzt aus diesem Evangelium gelernt? Ich möchte 7 Punkte fest halten:

1. Lasst uns die eigenen Wünsche ernst nehmen, weil Gott sie ernst nimmt.

2. Lasst uns auf den moralischen Zeigefinger verzichten und nicht urteilen darüber, was sich im anderen oder in mir an Wünschen regt.

3. Lasst uns immer wieder unsere Sehnsucht Gott sagen und in ihm einen Ansprechpartner dafür finden.

4. Lasst uns der Versuchung widerstehen, die Enttäuschung über versagte Möglichkeiten in uns zu vergraben und darüber auf Dauer böse zu werden.

5. Lasst uns damit rechnen, dass Gott einen Weg mit uns geht, auf dem wir selbst uns auch mit unseren Wünschen und Zielen verändern.

6. Lasst uns – wenigstens manchmal – vor dem Tod keine Angst haben; vielleicht, weil wir schon ein paar Mal unser Leben in Gottes Hand geworfen haben und etwas geschmeckt haben von der Freude, etwas herzugeben und dabei doch von ihm versorgt zu bleiben.

7. Lasst uns Gott vertrauen, dass Er in Liebe alle unsere Wege mitgeht.

Amen.

Zur Konfirmation

Lukas 9, 57+58

Für die Predigt zu Eurer Konfirmation möchte ich mich an den Bibeltext halten, der in der Evangelischen Kirche für diesen Sonntag vorgeschlagen ist. Er steht im Lukasevangelium im 9. Kapitel. Ich lese daraus zwei Verse:

Und als sie auf dem Weg waren, sprach einer zu Jesus: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

liebe Eltern und Familienangehörige,

liebe Gemeinde,

1.

zuerst einmal vorweg – bevor wir uns diese beiden Sätze anschauen – warum machen wir das eigentlich jeden Sonntag? Warum nehmen wir uns die Zeit, warum machen wir uns die Mühe und denken über ein Bibelwort nach?

Ich habe in einem Gottesdienst schon einmal die Geschichte von Friedrich II. erzählt. Wenn der heute leben würde, dann würde er jede Sendung von „Galileo“ schauen. Das war so ein Wissenschaftsinteressierter, so ein Forschungsfreak, nicht nur mächtig, sondern schlau werden, war sein Motto.

Heute streiten Menschen darüber, ob es wirklich nötig ist, so viele Tierversuche zu machen. In Kaiser Friedrichs Zeit hatte man überhaupt kein Problem damit, wissenschaftliche Experimente auch mit Menschen durchzuführen.

Unsere Sprache hat Friedrich total fasziniert. Er wollte unbedingt wissen, woher unsere verschiedenen Sprachen kommen und ob es stimmt, dass die Menschen früher einmal eine gemeinsame Sprache gesprochen haben – und welche das ist.

Ich stelle mir vor, dass Friedrich nicht nur Spaß hatte an seinem Experimentierkasten, dass er nicht nur neugierig war wie einer, der auch gern einmal einem Frosch ein Bein ausreißt – nein. Ich glaube, dass er sehr ernsthaft war und ein wirkliches Anliegen hatte. Ich stelle mir vor, dass er einfach gelitten hat – so wie wir im Konfirmandenunterricht an manchen Stellen – dass er gelitten hat daran, dass Menschen sich nicht verstehen, dass sie anscheinend ganz verschiedene Sprachen sprechen. Und man merkt, wir schaffen das manchmal überhaupt nicht, was wir sagen möchte so zu sagen, dass der andere es versteht; oder etwas so zu hören und aufzunehmen, wie es eigentlich vom anderen gemeint ist.

Eure Eltern kennen das gut. Mann und Frau sprechen manchmal so verschiedenen Sprachen – obwohl beides deutsch ist – dass der eine den anderen nicht versteht ... und Erwachsenen und Jugendlichen, Eltern und Kindern geht das manchmal auch so ...

Zurück zum Kaiser! Friedrich hatte eine Vermutung. Damit fängt jedes Experiment an. Er glaubte, dass es eine allen Menschen gemeinsame Ursprache noch gäbe – und dass man die auch heute auffinden könne – und hat sich vorgestellt: wenn Eure Mamas am Anfang mit Euch Babys nicht Deutsch gesprochen hätten, dann würde vielleicht von selbst aus dem tiefen Gedächtnis der Menschheit die alte Sprache in Euch auftauchen – und Ihr hättet sie gesprochen. Klingt vielleicht ein bisschen verrückt – aber das war der Stand der Forschung.

Vielleicht ahnt Ihr schon das Schreckliche, dass dann geschah: Kaiser Friedrich ließ neugeborene Babys von ihren Müttern wegnehmen. Er gab sie den Ammen, das waren Frauen, die Anweisung hatten, die Kinder zu stillen, sie sauber zu machen und mit allem zu versorgen, was sie brauchten - mit nur einer Ausnahme: Sie durften kein einziges Wort mit ihnen sprechen!

Kein „Eieieieiei“, kein „Dududududu“, kein Schlaflied am Kinderbettchen, kein Gebet, keine Geschichte, mit gar keinem Wort durften die Ammen diese Kinder ansprechen. Was geschah mit diesen Kindern, die abgesehen von der menschlichen Ansprache im Haus eines Kaisers mit allem aufs Beste versorgt waren?

Nach weniger als einem Jahr waren alle diese Kinder gestorben. Keines von ihnen ist älter geworden als ein Jahr.

2.

Solche Experimente machen wir heute nicht mehr – Gott sei Dank!

Oder vielleicht doch? Vergessen wir Eltern vielleicht doch manchmal, dass ein kleines Kind, aber genauso ein großer pubertierender Jugendlicher, eine Tochter, ein Sohn auf dem Weg zum Erwachsenwerden, immer wieder auch ein freundliche Ansprache braucht, ein Wort, Zuwendung, an der er und sie merken kann, dass sie von uns wertgeschätzt werden, dass wir sie lieben – nicht nur, wenn sie brave Kinder sind, gute Noten nach Hause bringen, keinen Ärger machen, kein Lehrer anruft, kein Nachbar sich beschwert, sie nicht mit Alkohol und Zigaretten rummachen und alles, was Eltern sonst noch so Streß machen kann ... ? Vielleicht vergesse ich es doch manchmal, dass ich meinen Sohn, meine Tochter so anspreche, dass sie das merken können: dass ich sie liebe und wertschätze einfach nur, weil sie es sind, und nicht für das nur, was sie tun und machen und leisten ...

Und noch etwas frage ich mich: Wissen wir wirklich immer, was unsere Töchter und Söhne brauchen? Wisst Ihr selbst immer, was Ihr wirklich und am meisten braucht? Ich habe da manchmal meine Zweifel und frage mich, ob ich, ob wir, ob unsere Gesellschaft, nicht dabei sind, „Kaiser Friedrich“ zu spielen.

Und – wenn wir´s natürlich nicht alle haben, so ein Schloss wie er – doch darauf schielen: „Wir überlegen, ob wir noch eine Kind bekommen. Das ist ja auch eine Frage des Geldes. Und ich möchte meinem Kind etwas bieten können.“

Was läuft denn gut im Fernsehen? Die Millionärsshow, die Ziehung der Lottozahlen, die Ausscheidungsrunden bei DSDS oder Popstars – was sind denn unsere Leitbilder für ein gelingendes, zufriedenes Leben? Wo liegen denn meine eigenen Vorbilder auf der Skala zwischen Dieter Bohlen und Mutter Theresa?

Ich wünsche mir, dass wir es das merken: Der Palast des Kaisers Friedrich mit seiner ganzen prächtigen Ausstattung – und da hat es wirklich an nichts gefehlt – und nach einem Jahr waren die Kinder tot.

3.

Warum nehmen wir uns in der Kirche Zeit, auf ein Bibelwort zu hören? Weil wir davon leben!

Weil wir davon leben, dass uns jemand wert schätzt und mit Liebe anspricht; jemand, dem wir nicht egal sind; jemand, dem etwas daran liegt, dass ich zurecht komme; dass ich den eigenen Weg finde; dass ich nicht verkümmere; dass ich nicht – satt von allem anderen – am Fehlen der Liebe verhungere. Am Fehlen der Liebe kann ich verhungern – jedes Ehepaar weiß das; jedes Kind weiß das auch.

Es gibt jemanden, dem bin ich so viel wert, dass er mit mir spricht.

Eines der Kernworte der Bibel ist für mich – alles andere auswendig Gelernte könnt Ihr von mir aus vergessen, wenn Ihr das eine hier behaltet – das ist für mich ein Satz, den sagt Gott, einer der Propheten des Alten Testamtens hat ihn für uns aufgeschrieben, Got sagt: „Fürchte dich nicht, ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ (Jesaja 43, 1)

Was der Kaiser den Kindern vorenthalten hat, also auch, was ich als Vater meinen Kindern nicht immer so gegeben habe, wie sie es gebraucht hätten – das spricht Gott hier jedem Menschen – und doch sehr persönlich jedem von Euch und auch mir - zu: „Fürchte dich nicht, ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“

4.

So – und jetzt zu dem Wort, das heute fast alle Gottesdienstbesucher in den evangelischen Kirchen der Predigttext ist. Das steht im Lukasevangelium:

Als sie auf dem Weg waren, sprach einer zu Jesus: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.

Ich habe mir für Kaiser Friedrich und seine Kinder so viel Zeit nehmen wollen, weil das, was wir hier hören, man anders gar nicht verstehen kann, wenn man nicht merkt, dass hinter diesen Worten eine ganz große Liebe steht.

„Einem anderen nachfolgen“ – Russen gebrauchen diese Redewendung, wenn sie davon sprechen, dass sie verliebt sind, mit jemandem gehen, einen Partner gefunden haben, heiraten wollen, dafür gebrauchen sie ein Wort, das heißt wörtlich „einem anderen nachfolgen“.

Und genau das ist es hier. Da hat sich einer verliebt. Oder besser noch: Er hat gemerkt, dass er geliebt wird. Als er Jesus begegnet ist.

Ich kann das nachempfinden, weil ich es selbst auch erlebt habe. An verschiedenen wichtigen Stellen meines Lebens ist Christus mir begegnet – auf eine Weise, dass ich merken konnte: da schaut dich einer mit Liebe und Wertschätzung an, da spricht einer mit dir.

Und ich habe auch erlebt, nicht immer, aber immer wieder, dass mir Christen begegnet sind, zu welcher Kirche die gehörten, war egal, die mir so begegnet sind, wie der Mensch hier im Evangelium es gerade bei Jesus erlebt; Menschen, in denen mir eine aufrichtige, ehrliche Liebe und Wertschätzung begegnet ist.

Klar, nicht so, dass die mich alle heiraten wollten. Das brauche ich ja nicht. Ich glaube, das versteht ihr schon richtig. Aber eine Achtung und Wertschätzung, eine Liebe, wo man einfach spürt, denen bist du jetzt wichtig, da hört einer wirklich dir zu, da will sich einer nicht selber immer dicke machen, sondern bemüht sich darum, zu verstehen, was du meinst und wie es dir geht ..

An einigen Stellen meines Lebens habe ich Menschen getroffen, da habe ich so etwas gespürt. Da merkte man, das ist nicht normal, da ist etwas ganz Besonderes, das ist nicht das, was unter Menschen üblich ist und was man jeden Tag erleben kann, da habe ich es auch mit Gott zu tun, da ist etwas drin, das macht er, das ist größer, als das, was Menschen allein zustande bringen ...

Als sie auf dem Weg waren, sprach einer zu Jesus: Ich will dir folgen, wohin du gehst.

Der hat genau das erlebt! Dass ihm hier, als Jesus da auftaucht, etwas ganz Besonders begegnet, eine Liebe, die er festhalten möchte, von der er sich wünscht, dass sie auch in seinem eigenen Leben vorkommt, dass sie ihm nicht wieder verloren geht ...

Ich weiß nicht, woran er das gemerkt hat, ob es daran lag, wie Jesus ihn angeschaut hat, oder wie er mit ihm geredet hat oder etwas anderes, was sie an diesem Tag zusammen erlebt hatten ...

Auf jeden Fall hat er’s gespürt und hat gemerkt: das ist das Wichtigste, was mir in meinem Leben bis jetzt passiert ist ... und er sagt: „Ich will dir nachfolgen, wohin du gehst, Jesus.“

5.

Und dann kommt eine ganz eigenartige, eine sehr merkwürdige Antwort.

Man könnte im ersten Moment meinen, der will gar keine Nachfolger haben. Das ist so, als wenn ich heute sagen würde, „Sparen Sie sich doch die Kirchensteuer, Tretet doch nach der Konfirmation ruhig alle aus! Christsein – das ist für Euch sowieso zu anstrengend.“

Jesus sagt zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.

Auf deutsch - sagt Jesus: „Wenn Du unbedingt willst, kannst du natürlich mit mir gehen. Ich freue mich, wenn Du dich konfirmieren lässt, wenn der Glauben ein Teil Deines Lebens ist, wenn es Dir etwas bedeutet, dass Gott Dich in der Konfirmation segnet und Dir ein Konfirmationswort zuspricht, an dem auch du merken kannst, wie sehr Er Dich liebt und für Dich da sein will.

Aber“, sagt Jesus, „wenn Du einen Weg mit Gott gehen willst, kann ich Dir nicht versprechen, dass Du jeden Abend ein warmes Bett findest. Ich kann Dir nicht versprechen, dass Du keinen Unfall hast, dass Du nicht krank wirst, dass Du nicht auch Not durchleiden wirst ...

Sich konfirmieren zu lassen bedeutet, Jesus nachzufolgen; einen Schritt weiter zu gehen auf einem Weg mit Gott. Und innerlich zu sagen: „Von Dir wünsche ich mir noch mehr in meinem Leben.“

Die Antwort Jesu macht deutlich: Das ist ein Weg, der ist nichts für Weicheier.

Christsein ist nicht für jeden etwas. An Gott zu glauben ist kein Kinderspiel. Wer nicht ein bisschen Mumm hat, der lässt das besser. Wer nicht ein bisschen Interesse, ein bisschen Leidenschaft, ein bisschen Anstrengung dafür einsetzen möchte, der bleibt besser zu Haus. Und Jesus ist aufrichtig, dass er das vorher sagt.

„Was ich Dir aber verspreche kann“,, sagt Er, „das ist, dass Gottes Liebe in jeder Sekunde Deines Lebens für Dich da ist, dass Er dich begleitet und Dir hilft, Deinen Weg zu finden, dass Er Dir Kraft geben wird und Mut und Besonnenheit, dass er Dir helfen wird, auch mit Schwierigkeiten und Problemen, auch mit ernsten Sachen, klar zu kommen, und dass Er Dir helfen wird – denn darum geht es eigentlich – dass Du ein Mensch wirst, der andere lieben kann, weil dir so tief ins Herz gefallen ist, dass du selbst ein von Gott geliebter und wertgeschätzter Mensch ist ...

6.

Das ist eigentlich das Merkwürdige, das Besondere, das Kostbare an diesem Jesuswort: Man spürt, dass hier einer redet, der die Welt kennt, der unsere Welt und unser Leben kennt, der weiß, dass wir oft nicht weich gebettet, dass wir manchmal ganz schön hart liegen, keinen friedlichen Schlaf finden und uns ungeborgen fühlen. Jesus kennt das ja.

Und trotzdem, gleichzeitig, weiß er selbst sich so bei Gott geborgen, dass er losgehen kann, seinen Weg gehen kann im Vertrauen - auch wenn er nicht weiß, ob er abends ein Dach über dem Kopf findet.

Klar, ich weiß natürlich, wo heute abend mein Bett steht. Und der Kirchenvorstand wird mir nicht sagen: „Das Pfarrhaus verkaufen wir. Machen Sie es doch wie Jesus. Der hat auch nicht immer gewusst, wo er schlafen soll.“

Nein, das wird – hoffe ich – in Gonsenheim nicht passieren. Und trotzdem - die Ungeborgenheit im Leben, die kenne ich – die kennen wir alle - auch ...

... und spüren vielleicht, wie hilfreich es sein könnte, wenn wir darum so glauben könnten, solches Vertrauen zu Gott hätten wie Jesus – gerade heute, in einer Zeit, in der Vieles wieder unsicher geworden ist ...

... wie wichtig das ist, dass ich einen Ort habe, an dem mir Wertschätzung widerfährt und ich als Mensch geachtet bin, einen Ort, an dem es nicht darum geht, welche Schulbildung ich habe und wie hoch meins Einkommen ist, welche angesagten Leute ich kenne oder welche Musik ich höre ...

Jesus hat aus einer großen Geborgenheit heraus gelebt. Und die hat auch mit einem Konfirmationsspruch zu tun. Das klingt vielleicht ein bisschen schräg. Jesus ist doch nicht konfirmiert worden? Doch, ist er!

„Konfirmieren“ heißt „befestigen, fest, stark machen“.

Jesus hat Zeiten gekannt, in denen er überhaupt nicht stark war, in denen ihm alles über dem Kopf zusammen gebrochen ist ... Dann hat er sich für eine Weile zurückgezogen, die Stille gesucht, gebetet – bis er den Zuspruch Gottes wieder hören konnte, die Worte, die ihn meinen und ihm helfen, seinen Weg zu finden und zu gehen ...

So wie sein Taufwort, das er nun wirklich bekommen hat damals, es ist überliefert worden und heißt: „Du bist mein geliebtes Kind, an dir habe ich Wohlgefallen!“

Dieser Zuspruch - nichts anderes – ist es, was den Kindern des Experiments gefehlt hatte. Wie den Kindern Kaiser Friedrichs muss es uns nicht ergehen, keinem, den jungen nicht und auch nicht den alten.

Mich hat es gefreut, dass die Leseordnung unserer Kirche auf Eure Konfirmation dieses Evangelium fallen ließ von dem Menschen, der sagt: „Jesus, ich will dir nachfolgen!“

Auch wenn es etwas kostet – auf diesem Weg ist alles zu gewinnen. Dass Ihr das erfahrt, wünsche ich jedem von Euch.

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen.

Zur Konfirmation

9. März 2008

Liebe Gemeinde, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

1.

einem noch jungen Pfarrer wird die Frage gestellt, ob er bereit wäre, eine Gruppe von 50 Konfirmanden zu übernehmen. Der zuständige Pfarrer, der diese Gruppe bisher begleitet hat, sei am Ende seiner Kräfte und würde dort zu Tode geärgert.

Den jungen Pfarrer, der eigentlich Studentenpfarrer an einer Uni ist, juckt es in den Fingern und er sagt die Vertretung zu.

Als er dann in der ersten Stunde von dem inzwischen auch gesundheitlich angeschlagenen Amtskollegen eingeführt werden soll, geschieht Folgendes:

Der alte Pfarrer betritt mit dem jungen Kollegen das Treppenhaus der Schule, in der der Unterricht stattfindet. Oben hängen die Jugendlichen über dem Geländer, machen einen unbeschreiblichen Lärm und schmeißen Müll auf die ankommenden Pfarrer herunter, die langsam die Treppe herauf steigen. Oben angekommen, versucht der ältere Pfarrer die wilde Meute mit Geschrei und Gewalt in den Unterrichtsraum zu drängen. Dann versucht er ihnen zu sagen, dass er einen neuen Kollegen mitgebracht hätte, der sie von jetzt an unterrichten solle. Aber als er seinen Kollegen den Konfirmanden vorstellt, fangen die an, sich über dessen Namen lustig zu machen und ihn veralbernd durch den Saal zu brüllen. Der alte Pfarrer weiß nichts anderes als einfach zu gehen. Er lässt den jungen Kollegen allein zurück.

Der bleibt in diesem Raum voller Tumult. Was macht er?

Er lehnt sich, die Hände in den Taschen, schweigend an die Wand und schaut minutenlang dies wilde Treiben an. Die Konfirmanden merken, dass nichts passiert, einige fangen an, nervös zu werden, weil der Neue überhaupt nichts tut. Und weil der gar nicht wütend wird, verlieren einige die Lust, ihn zu ärgern.

Dann, auf einmal, beginnt der junge Pfarrer leise zu sprechen, aber nur so, dass es die Jugendlichen in der vordersten Reihe verstehen können. „Er könne ihnen etwas von New York, erzählen, vom Stadtteil Harlem.“

Inzwischen ist es tatsächlich still geworden. Als der junge Pfarrer mit seiner kurzen Erzählung am Ende ist, sagt er, wenn sie wollen, dann würde er wieder kommen und das nächste Mal mehr erzählen.

So kommt es. Er hat in den folgenden Wochen wenig Probleme mit der Gruppe und entscheidet sich, sie bis zur Konfirmation zu begleiten. Dafür stellt er in dieser Zeit fast alle anderen seiner Aufgaben zurück.

2.

Ihr habt bestimmt gemerkt: Mit Eurer Gruppe von 26 Jungen und Mädchen haben diese Jugendlichen nichts zu tun. Einige von ihnen könnt Ihr sehen, wenn Ihr auf Euer Gottesdienstblatt schaut. Da sitzen sie. Und sind – die von ihnen, die noch am Leben sind – heute 90 Jahre alt.

Der bei ihnen sitzt ist der junge Pfarrer, er heißt Dietrich Bonhoeffer; ein Mann, der später von den Nazis aufgehängt wurde, weil er sich am Widerstand gegen Hitler beteiligt hat.

Die 50 Jungen - damals waren Mädchen und Jungen noch in getrennten Gruppen, einige von Euch hatten sich das für unsere Gruppe auch gewünscht und das hätte wahrscheinlich manches einfacher gemacht – diese 50 Jungen jedenfalls kamen aus einem Arbeiterviertel in Berlin.

Mich hat das neugierig gemacht. Was hat der junge Pfarrer Bonhoeffer den Jugendlichen damals – 1932 - erzählt? Und was soll denn Jugendliche aus einem Arbeiterviertel in Berlin begeistern an Harlem, dem Stadtteil der Schwarzen in New York – in einer Zeit, in der in Deutschland noch fast niemand einen Schwarzen überhaupt gesehen hatte.

3.

Ich habe da ein bisschen gesucht und rumgewühlt und versucht, etwas rauszukriegen.

Und ich glaube, es hängt alles an einem Punkt: Als Bonhoeffer von den Schwarzen in Harlem erzählte, da haben die Arbeiterkinder aus Berlin in den Geschichten sich selbst und ihre eigene Situation wieder erkannt.

In Harlem lebten auf einer Größe von nur 1,5 Quadratmeilen – ich weiß nicht genau, wie groß die Fläche Gonsenheims ist, vielleicht ist das fast auch unsere Größe hier, wir haben im Moment 21.000 Einwohner – in Harlem lebten auf so einer Fläche 170.000 Menschen. Der größte Teil der Mainzer Bevölkerung, stellt euch das vor, die würden alle nach Gonsenheim ziehen.

Das würde hier sehr eng werden. Da wärs wohl vorbei mit der Rede vom schönsten Vorort von Mainz.

Dazu kommt – das kann man sich denken – dass dort eine ganz große Armut herrschte. Bonhoeffer war in Amerika in der Zeit nach dem großen Börsenkrach, in Jahren der wirtschaftlichen Depression. Viele Menschen hatten alle ihre Ersparnisse verloren.

Dazu kam, dass man damals Schwarze meistens nicht wie Menschen behandelt hat. „Wozu brauchen die eine Schulbildung? Die kriegen doch eh die Putzjobs, wenn überhaupt! Das sind doch keine Menschen wie wir!“ So haben Weiße damals geredet.

Und wie man sich dann fühlt, wenn man rumgeschubst wird, als ob man der letzte Dreck wäre – ich glaube, dass konnten die Berliner Kinder nachfühlen; die meisten waren ja selbst richtig arm und wussten wie das ist, wenn man in einer Gesellschaft kaum eine Chance bekommt ...

4.

Was konnte Bonhoeffer den Berliner Jugendlichen erzählen?

Ich stelle mir vor, dass er ihnen von den Kirchen in Harlem erzählt hat. Das waren gar keine Kirchen wie bei uns. Das waren Räume, da wurde zur einen Zeit Gottesdienst gefeiert und dann wurde in den gleichen Räumen eine Lebensmittelausgabe organisiert, Hausaufgabenbetreuung angeboten, Selbsthilfegruppen trafen sich ... ob das ein Laden war oder eine Kirche hat man beim Reinkommen gar nicht gemerkt.

Aber jeder hat´s merken können, wenn der Gottesdienst losging!

Und so etwas hatte Bonhoeffer in Deutschland noch nicht erlebt. Da wurde es laut – aber nicht, weil es für Konfirmanden zu lang ist, eine Stunde still zu sitzen und auch nicht, weil Tante Lisbeth beim Suchen nach dem nächsten Lied vier Minuten mit den Gesangbuchblättern raschelt oder Olaf in der dritten Reihe Husten hat, nein!

Hier wurde es wirklich laut, weil Erwachsene und Jugendliche und Kinder gesungen haben und gebetet, gerufen und gelacht und auch mal geweint und wieder gesungen und gebetet und erzählt ...

Bonhoeffer hat gesagt, die haben dort „die roten Lieder“ gesungen. Da muss man wissen, dass es für ihn als Kind zwei Sorten von Liedern gab: die „roten Lieder“, da ging´s ums´ echte Leben und den Glauben, die „schwarzen Lieder“, das waren die, die man in der Kirche singt.

Ihr müsst Euch das vorstellen: Menschen, die ganz wenig zum Leben haben, in engen Wohnungen hausen und in einer Gegend, die im täglichen Müll zu ersticken droht, Menschen, die weniger Rechte und weniger zu essen haben als viele andere, die behandelt werden, als ob sie keine Menschen wären – die finden einen Ort, an dem sie ihre Trauer raus schreien, aber auch Freude erleben können, einen Ort, an dem sie Klagen und Feiern, an dem sie merken, dass sie mit vielen anderen zusammen gehören und erfahren, was das bringt, wenn man eine starke Gemeinschaft wird, die einen Ort finden, an dem sie ihre Würde zurück bekommen und spüren: egal ob arm oder reich, ob weiß oder schwarz, ich habe ein Recht zu leben und ich habe Respekt verdient, egal welche Schulbildung ich habe, ich bin etwas wert, weil ich ein Mensch bin.

Das haben die in diesen Ladenkirchen erlebt. Und warum dort?

5.

Das hat mit den Geschichten aus der Bibel zu tun. Solchen Geschichten wie wir gestern abend im Gottesdienst eine gehört haben. Die haben die dort auch gehört und vielleicht noch einmal ganz anders gehört als wir – die Geschichte von den 99 Schafen und dem einen „Verlorenen Schaf“, dass dem Hirten nicht egal ist; weil der Hirte – das will die Geschichte ja sagen! – so wie dieser Hirte ist Jesus, so ist Gott - und der geht anders um mit einem Menschen.

Und wenn 99 Streber sagen: „Ist doch egal, ob der eine mitkommt!“, wenn 99 Verdienende sagen: „Was geht mich das an, ob eine Familie von Hartz IV leben kann“, wenn 99 Klassenmacker sagen: „Selber schuld, du Opfer!“ – dann gibt es mindestens Einen, dem bist du nicht (!) egal.

Ich glaube, das war es, was die Berliner Jungs gemerkt haben. Wenn Bonhoeffer erzählt hat. Dann haben die gemerkt, das ist Einer, dem bin ich so viel Wert, dass er sich auf den Weg macht und nach mir sucht – wie ein Hirte, der locker 99 Schafe stehen lässt, weil es ihm wichtig ist, das Eine, das verloren gegangen ist, wieder zu finden und nach Hause zu bringen.

So viel bin ich Gott wert.

6.

Nach der Konfirmation da steht ja – Ach du Schreck! – schon das nächste Fest an. Bestimmt brauchen manche unter uns dringend mal ein paar entspannte Tage. Trotzdem sage ich: Feiert noch mal! Feiert Ostern! Feiert Karfreitag und Ostersonntag!

Wer nämlich Ostern feiert – so feiert, wie wir gestern abend drüber gesprochen haben – wer Ostern feiert, der merkt, wie viel er Gott wert ist.

Jesus hätte nicht am Kreuz sterben müssen. Er hätte sich da elegant aus der Affäre ziehen können. Er hatte alle Chancen gehabt, in dem Moment auf der anderen Seite zu stehen – bei den Herrschern oder bei den Kirchenfürsten. Aber ihm war wichtig, dass Gottes Liebe bis zu dem ärmsten Schlucker kommt, bis ins größte Elend und sogar bis dahin, wo es um Leben und Tod geht. Weil es ihm immer um Dich und mich geht – und um so einen Menschen zum Beispiel, wie er neben Jesus gekreuzigt wird, - und der kann sogar dort noch merken, welche Kraft, welche Liebe und welche Hoffnung durch Jesus ins Leben kommt – und wenn es kurz vor dem Tod ist.

So viel bin ich Gott wert. Er geht jeden Weg – und ist er noch so weit – um mich zu finden.

Euer Konfirmationssegen soll euch helfen, dass Ihr das merken könnt, wie viel Gott an Euch liegt. Euer Konfirmationssegen soll Euch helfen, dass dieses Vertrauen in Euch wächst, dass Gott überall und in jeder Situation für Euch da ist.

7.

Zum Schluss noch ein Wort zu Bonhoeffer: Er kam aus keinem frommen Elternhaus. Als er zu Hause sagte, er würde Theologie studieren, haben die anderen das sehr komisch gefunden und gemeint, für die Kirche sei er doch zu schlau. Der war auch schlau.

Bonhoeffer ist ein brillanter Theologe geworden, so ein richtiger Überflieger, hatte schon Bücher veröffentlicht über die Kirche, über Gott und die Welt und wurde überall zu Vorträgen eingeladen.

Aber erst, als er in Harlem erlebt, wie die Menschen dort Gottesdienst feiern, passiert etwas in ihm, das sein Leben wirklich verändert. Als er später auf die Zeit zurück schaut, sagt er:

„Ich kam zum ersten Mal zur Bibel ... Ich hatte schon oft gepredigt, ich hatte schon viel über die Kirche geschrieben – und ich war doch kein Christ geworden ...“ Und dann spricht er von einer großen Verlassenheit - weil er merkte, dass er in allem, auch dem Erfolg, eigentlich bei sich selbst geblieben, allein geblieben ist - und sagt: „Daraus hat mich die Bibel befreit ...“

Seinen Freund, Paul Lehmann, bittet er in Amerika, niemanden zu verraten: dass auch seine Ausflüge unter der Woche ... nicht zu New Yorker Sehenswürdigkeiten führen, sondern zu den Gebets- und Singstunden mit den „roten Liedern“.

Bonhoeffer war Mitte zwanzig, als er tiefer erfahren hat, was Gott mit seinem Leben zu tun hat – und dann selbst auch etwas damit anfangen konnte.

8.

Mit dem Segen, den Ihr bei der Konfirmation empfangt, kann, aber muss nicht eine besonders tiefe Glaubenserfahrung verbunden sein. Aber dass dieser Segen euch begleitet und sich in Eurem Leben auswirkt, auch so auswirkt, dass Ihr echte und tiefe Erfahrungen mit Gott und mit der Liebe Gottes macht, und damit, was seine Liebe in einem Leben und in der Welt verändert, das wünsche ich Euch schon.

Das kurze Leben Bonhoeffers, aber auch mancher seiner Konfirmanden, von deren späteren Leben einiges bekannt ist, sind ein starkes Beispiel dafür, was der Segen und was die Liebe Gottes aus einem Menschenleben machen können.

Ich möchte gern schließen, indem ich ein paar Sätze vorlese, die Bonhoeffer später aufgeschrieben hat. Er sagt:

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandkraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen.

In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.

Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Schicksal ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet

Der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.

Das Bonhoeffer-Zitat am Ende der Predigt stammt aus Widerstand und Ergebung, Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft, DBW Bd. 8, Gütersloh 1998

Die Geschichte für den Anfang der Predigt habe ich bei Andreas Schneider, Pfarrer in Witterschlick und Oedekoven, gefunden. Das Ereignis ist beschrieben bei Eberhard Bethge, Dietrich Bonhoeffer, München 1978, S. 272f. Wie Bonhoeffer den Gottesdienst in Harlem erlebt hat, beschreibt sehr schön Renate Wind in ihrer Bonhoeffer-Biografie für Jugendliche, Dem Rad in die Speichen fallen, Weinheim, 2. Aufl. 1999, S. 69f.

Konfirmation 2008

 

Richter 18,5-6

Sie sprachen: Befrage doch Gott, daß wir erfahren, ob unser Weg, den wir gehen, auch zum Ziel führt. Er antwortete ihnen: Ziehet hin mit Frieden; euer Weg, den ihr geht, ist dem HERRN vor Augen.

 

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde,

Vaya con dios, geh mit Gott, so heißt ein Film, den wir auf der Konfi-Abschlussfahrt gesehen haben. Ein wunderbarer Film, er hat viel mit unserem Thema: unser Weg mit Gott zu tun. Drei Männer suchen ihren Weg, ihren Weg mit Gott. Es sind Mönche, Kantorianer, die daran glauben, dass man mit Singen einen direkten Kontakt zu Gott bekommt. Und sie singen auch wirklich wunderbar, zunächst zu viert, da ist ihr Abt noch bei ihnen, in ihrem Zuhause, einem Kloster in Deutschland. Aber als der Abt plötzlich einen Herzanfall bekommt, wird alles anders. Vor seinem Tod beauftragt er die drei, mit dem Heiligen Buch des Klosters ins Mutterkloster nach Italien zu gehen. Und er schenkt dem Jüngsten, der als Waise im Kloster aufgewachsen ist, eine Stimmgabel mit einem Kreuz. Dann stirbt er.

Die drei machen sich auf den Weg, es ist der Weg nach Italien, zugleich aber auch der Weg zu ihrer eigenen Persönlichkeit. Führe mich in Versuchung, heißt der merkwürdige Untertitel des Films, und in der Tat wird jeder der drei seiner ganz persönlichen Versuchung begegnen. Das ist auch wichtig und gut so, auch die Begegnung mit der Versuchung ist ein Weg mit Gott, das, finde ich, ist die sehr tiefsinnige Botschaft des Films.

Wisst Ihr noch, wie die drei losgehen und keine Ahnung von der Welt haben, nach all den Jahren im Kloster? Ohne das Junge Mädchen, das sie in ihrem Auto mitnimmt, wären sie kaum vorangekommen, aber das Mädchen ohne die drei auch nicht. Nach ersten gemeinsam überstandenen Abenteuern wünscht sich der erste Mönch, ein Bauer aus Leidenschaft, auf dem Hof seiner Mutter vorbeizuschauen. Könnt Ihr Euch noch erinnern, wie er ganz begeistert mit dem Traktor auf dem Hof herumkurvt und die Wäscheleine mitnimmt? Eigentlich ist da ganz klar - der bleibt, spätestens, als Mutter sein Lieblingsessen auf den Tisch stellt. Und er bleibt auch. Was hättet Ihr an seiner Stelle gemacht? Wärt ihr geblieben? Und Sie, als Eltern? Wie geht es einem, wenn das eigene Kind nach Jahren, ohne dass man vorher etwas gehört oder gesehen hätte, wieder vor der Tür steht. Lässt man es ziehen, nach einem gemütlichen Kaffee? Irgendwie habe ich die Mutter sehr gut verstehen können. Zumal sie nicht mehr die Jüngste ist, dazu die ganze Arbeit auf dem Hof... So bleibt der Mönch, seine Mutter wäscht auch die Kutte zu heiß, also, klare Verhältnisse. Die zwei anderen ziehen weiter.

Sie stranden in Karlsruhe auf dem Hauptbahnhof, weil sie mit den Zügen nicht so richtig zurechtkommen. Und in Karlsruhe wird der ältere von seinem alten Mitbruder aus dem Jesuitenorden aufgesammelt, den er um der Kantorianer willen verlassen hat, denn Jesuiten haben es nicht so mit dem Singen. Früher waren beide erbitterte Konkurrenten, und wie das mit Konkurrenten so ist - sie kennen sich sehr genau, und der Jesuit weiß gut, was seinen ehemaligen Bruder in Versuchung führen kann. Eine ganze Musikbibliothek inklusive Mitarbeitern bekommt er zur Verfügung gestellt, natürlich gibt es dabei ein Hintergedanken, der Jesuitenchef will nämlich an das Heilige Buch. Ich weiß nicht, ob euch eine alte Musikbibliothek in den siebten Himmel versetzen könnte, ich glaube es eher weniger. Aber auch für euch gibt es eine ganz besondere Versuchung, die euch den Atem rauben würde. Ein Auftritt bei Germanys next Topmodel vielleicht? Oder ein Nachmittag mit Orlando Bloom? Eine Einladung zu deiner Lieblingsband, die sich unbedingt wünscht, dass gerade du bei ihnen mitsingst oder spielst. Eine Reise nach Australien oder ein eigenes Pferd? Für jeden gibt es diese Versuchung. Auch für die Erwachsenen. Wenn sie klug sind, wollen sie dieser Versuchung ins Auge schauen. Jesus hat das auch getan, in der Wüste. Nur so weiß man, wer man wirklich ist. Und darauf kommt es sehr an.

Denn - ist der intellektuelle Mönch tatsächlich der, der in der Bibliothek glücklich ist? Sein jüngerer Mitbruder ist es nicht, ihm fehlt das Singen, und er spürt, dass er fehl am Platz ist. So flieht er aus dem Haus der Jesuiten und nimmt das Heilige Buch mit. Ja, und er ruft die junge Frau an, die ihnen auf der Reise schon einmal geholfen hat. Das ist dann seine Versuchung, denn sie hat sich in ihn verliebt. Und er, er weiß es nicht genau. Die beiden schlafen letztlich mit einander, aber er geht doch und verlässt sie, ob er die Stimmgabel bewusst bei ihr gelassen oder sie vergessen hat - was meint ihr?

Ja, und der Bauer? Da war die Mutter klüger als der Sohn. Sie hat nämlich gemerkt, dass ihrem Sohn trotz Lieblingsspeise und Traktor etwas entscheidendes fehlt - der gemeinsame Gesang mit seinen Brüdern. Sie, die Mutter, ist es, die ihn losschickt - suche deine Brüder. Ich wünsche euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, dass eure Eltern ebenso klug sind wie diese Mutter. Und so liebevoll. Leicht ist es nämlich nicht, das eigene Kind loszulassen. Die Mutter spürt, dass ihr Sohn, wenn sie ihn festhält, unglücklich wird. So lässt sie ihn los, ja, fordert ihn auf, zu erkennen, wer er wirklich ist und was sein Weg ist. Vaya con dios, geh mit Gott - das sagt sie zu ihm. Und schickt ihn weg. Können Sie das, liebe Eltern? Noch ist es ja nicht so weit, und doch: Heute ist klar, dass der Tag nicht weit ist, an dem gerade diese Herausforderung auf Sie zukommt: Zu spüren, was Ihren Kindern gut tut, und sie auf die Reise zu schicken. Möglicherweise kennen Sie das ja aus eigener Erfahrung: Wie gut es tut, wenn die eigenen Eltern einen freigeben. Auch dann, wenn sie genau sehen, dass ein Kind gerade eine falsche Entscheidung trifft. Aber was heißt schon genau: Falsch! Das zeigt dieser wunderschöne Film ja auch, dass die Umwege unbedingt dazugehören! Wenn der Bauer sich nicht, zunächst, für seinen Bauernhof und seine Mutter entschieden hätte, dann hätte er nicht sehr bewusst diese Entscheidung revidieren können. Wer jeder Lebensmöglichkeit ausweicht, der verpasst am Ende sein Leben! Im Rückblick kann man oft sehr genau sehen: Es kam gerade auf diesen Umweg an. Haben Sie das schon einmal gespürt? Und wer hat Ihnen auf diesen Umwegen geholfen. Wer hat Euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, auf Euren Wegen geholfen?

Euer Weg ist, glücklicherweise, kein einsamer Weg. Vaya con Dios. Geh mit Gott! Ihr geht mit Gott. Das ist der tiefe Sinn dieses Konfirmationsgottesdienstes, dass er Euch den Segen Gottes auf Eurem Lebensweg zuspricht, einem Weg, den Ihr von nun an immer eigenständiger, mit Euren, ganz persönlichen Umwegen gehen werdet.

Ja, und da kommen Eure Eltern an ihre Grenzen: Ihr müsst Euren Weg gehen, und niemand, auch nicht Eure liebsten und nächsten Menschen, wissen, welche Umwege und Wege tatsächlich die richtigen für Euch sind, weil Ihr auf Eurem Lebensweg die Aufgabe habt, Eure ganz persönliche Versuchung zu entdecken, um so zu Eurem Weg zu finden. Das kann keiner für Euch tun. Es ist die Aufgabe, um noch einmal auf die Stimmgabel zurückzukommen, die Aufgabe, den Ton Eures Lebens zu finden. Euren ganz persönlichen Ton. Deshalb habe ich auch eine Stimmgabel auf das Blatt mit Eurem Namen kopieren lassen.

Sein ganz persönlicher Ton, der wird bei dem intellektuellen Mönch dann geweckt, als seine beiden Brüder ein Lied anstimmen und es ihn letztlich hinreißt, er einfach mitsingen muss. Erinnert Ihr Euch? Mich hat diese Stelle am tiefsten berührt, vielleicht, weil ich auch so gerne singe und tatsächlich finde, dass ein Mensch, singend, einen ganz direkten Weg zu Gott finden kann.

Der intellektuelle Mönch spürt plötzlich: Er ist auf dem falschen Weg. Von außen hätte man das nicht so sagen können, er war ja auch glücklich in der Bibliothek, das war eine Herausforderung für ihn, da war auch viel von ihm am Platz. Aber etwas Entscheidendes fehlte. Die anderen haben ihm geholfen, das zu entdecken.

Auch das ist eine tiefe Weisheit des Films: Was mein Weg ist, das muss ich für mich alleine herausfinden, aber ich kann es nicht alleine herausfinden. Ich brauche die klaren, liebevollen, weitsichtigen Augen anderer. Doch nur mit meinen Gefühlen kann ich entscheiden, ob das, was sie mir sagen, das Richtige ist. Was mir dabei hilft, ist das Gebet: Man kann auch singend beten, viele Kirchenlieder sind solche Gebete. Du kannst aber auch in eine Kirche gehen, oder in dein Zimmer, und ganz still, für dich beten: Gott, lass mich den richtigen Weg für mich erkennen. Und Gott hört dein Gebet und hilft dir, ganz gewiss. Er wird dir die Umwege nicht ersparen, weil sie wichtig für dich sind. Auch harte Tage und leidvolle Erfahrungen wirst du haben, doch alleine wirst du nie sein. Vaya con dios: Geh mit Gott, weil Gott tatsächlich mitgeht!

Ja, und so kommen die drei im Kloster in Italien an, und zwei von ihnen sind damit richtig glücklich. Nur der dritte nicht. Er singt zwar wunderschön mit den anderen, doch sein Herz ist nicht mehr ganz dabei.

Eines Tages kommt sie und lässt ihm die Stimmgabel geben. Er soll selbst entscheiden, was er will. Und er entscheidet sich für sie. Er lässt die Stimmgabel im Kloster - den Ton seines Lebens hat er jetzt gefunden.

Es ist der Ton der Liebe.

Das ist übrigens bei jedem und jeder von uns so: Unser Lebenston ist ein Ton der Liebe. Und wenn wir unseren Weg entdecken, dann entdecken wir auch die Liebe und merken, wie lieb uns Gott hat.

Manchmal dauert es lange, bis Menschen das entdecken. Ich hoffe und bete für Euch und wünsche es mir, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, dass Ihr heute in Eurem Gottesdienst eine Ahnung von dieser Liebe habt, dieser Liebe Gottes, die Euch umgibt und mit euch euren Lebensweg gehen will.

Gleich werdet ihr gesegnet. Und für jeden von euch heißt es: Vaya con dios! Geh mit Gott.

 

Und sein Friede, der höher ist  als unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

 

Amen.

Sonntag Estomihi (Letzter Sonntag vor der Passionszeit)

3. Februar 2008

Jesaja 58, 1-9a

Pfarrer Andreas Nose

Rufe getrost, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakobs seine Sünden!

Sie suchen mich täglich und begehren meine Wege zu wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie begehren, dass Gott sich nahe. „Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst’s nicht wissen?“

Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein.

Ihr sollt nicht so fasten, wir ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit, wenn ein Mensch seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der Herr Wohlgefallen hat?

Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß das Joch weg! Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!

Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich!

Liebe Gemeinde,

1.

darf ich zuerst einmal fragen, wer den Film „Harry und Sally“ gesehen hat mit Meg Ryan und Billy Christal?

Der Film ist schon ein paar Jahre alt, aber ein Klassiker geworden - nicht nur wegen der berühmten Szene, in der Meg Ryan im Schnellrestaurant an der Autobahn lautstark einen Orgasmus vorspielt – mit so viel Leidenschaft und Überzeugung, dass eine ältere Tischnachbarin ihre Bestellung aufgibt mit den Worten: „Ich will genau das Gleiche was sie hat!“

Nein, das eigentlich Besondere an dem Film ist, dass es ihm gelingt, das Gespräch zweier Menschen über Jahre hinweg zu begleiten. Als Zuschauer kann ich mitverfolgen und innerlich mitdiskutieren wenn die beiden darüber sprechen, ob es bloße Freundschaft geben kann zwischen einem Mann und einer Frau oder ob es nicht früher oder später immer um das Eine geht und die Frage nach Liebe und Verliebt-Sein dazwischen kommt – mit allen Problemen, die dazu gehören. Der Zuschauer fiebert mit, ob die beiden – die sich offensichtlich mögen – zusammen kommen und wird dabei zum Begleiter durch Jahre voller Irrungen und Wirrungen, aber auch Entwicklungen und Reifung.

Der Film hat nicht viel mit unserem Predigttext zu tun – außer zwei – ich finde sehr wichtigen - Dingen:

1. Wie im Film spiegelt sich auch in unserem Predigttext in Ausschnitten ein Gespräch wider, das über einen längeren Zeitraum durch Höhen und Tiefen geht - mal bricht es ab, man verliert sich aus den Augen, dann sieht man sich und es wird wieder aufgenommen.

2. Und eine zweite Gemeinsamkeit: Das Ziel hier ist ebenfalls die Liebe, dass nämlich am Ende – und wenn’s geht, schon früher – zwei Partner zusammen finden, um fortan zusammen zu leben.

Und wer möchte kann sich auch hier – viel mehr noch als im Film – am Gespräch beteiligen, sich mit da hinein ziehen lassen. Und tatsächlich (!) ist dies das Ziel: dass wir, Sie und ich, uns so in dieses Gespräch hineinziehen lassen, dass wir am Ende alle unsere große Liebe finden. Hören wir mal hinein!

2.

Es beginnt damit, dass Gott redet.

Das ist kein Zufall! Alles, wirklich alles, beginnt damit, dass Gott redet. Das liegt an Gottes Worten. Die sind so schöpferisch, so Leben weckend, so kreativ und hilfreich und auf das Gute ausgerichtet und das Gute in uns aus seinem Schlaf aufweckend ... und endlich mal einer, der seine Liebe in Worten ausdrücken kann ...

Wir würden vielleicht nicht so ein großes Wort gebrauchen wie „Liebe“, aber warten wir nicht trotzdem alle darauf, dass ein anderer mir mit Respekt, mit Anerkennung, ja auch mit Liebe begegnet, mich anspricht ... ?

... dass der Mensch hinter seinem Schreibtisch in der Agentur für Arbeit nicht nur Akte und Nummer sieht, sondern einen Menschen, der es wert ist, sich für ihn einzusetzen ... dass ein Lehrer, eine Lehrerin ihr Ziel nicht darin sieht, Stoff abzuarbeiten, sondern Menschen zu fördern und zu unterstützen ... dass ein Nachbar mich nicht nur dann anspricht, wenn mein Hund zu laut bellt oder die Kinder Musik hören ... dass mein Partner, meine Partnerin in mir nicht nur den Verhandlungspartner für das Austarieren unterschiedlicher Interessen sieht oder mich verantwortlich macht für die Befriedigung eigener Bedürfnisse ....

Liebe kann ganz verschiedene Gesichter haben. Und wie schöpferisch ist das! Am Anfang spricht einer, der seine Liebe ausdrücken kann – im Reden und im Tun – das ist Gott. Und damit fängt alles an. Aber wie geht es weiter?

3.

„Sie suchen Gott täglich“ heißt es hier von den Menschen – und da merken wir schon etwas von der Dramatik des Gesprächs.

„Sie suchen Gott“, das ist erst einmal etwas sehr Schönes. „Sucht, und ihr werdet finden“, sagt Jesus später, „klopft an und euch wird aufgetan!“

Das ist gar nicht selbstverständlich. Auch wenn im tiefsten Innern – davon bin ich überzeugt – jeder Mensch nach Gott sucht, ist das bei vielen doch so verschüttet, dass sie’s selber gar nicht mehr spüren; wie leicht bleibe ich auf der Suche nach dem, was ein Leben ausfüllen kann, an einem billigen Ersatz hängen – am beruflichen Erfolg, an der Flasche Wodka zur Fastnacht, an einem oder vielen Partnern, die mir ein und alles sein sollen? Und dann wundere ich mich, dass am Aschermittwoch alles vorbei ist und mir nur der Kater bleibt. Das wäre ja kein Problem, wenn es nur der Aschermittwoch wäre. Aber wenn mir das immer so geht, das mein mir selbst verborgenes Suchen nur zum Kater führt und nicht mal irgendwo ankommt?

Etwas ganz besonders Schönes ist es, wenn ein Mensch sich aufmacht und noch einmal anfängt, zu suchen. Oft kommt es dazu, wenn ein Mensch sich in seinem eigenen Leben nicht mehr ganz zu Hause fühlt. Und spürt, wie es jemand mal so schön gesagt hat: „Es muss doch mehr als alles geben!“ Da wird eine Sehnsucht wach. Diese Sehnsucht ist wie ein verborgener Faden, der uns mit Gott verbindet. Reißen kann der nicht, verloren gehen kann der auch nicht. Er kann vielleicht für eine Zeit mal sich unters Sofa rollen oder auch im Computer-Kabel-Salat übersehen werden. Ich kann den Faden aus dem Auge verlieren, aber er ist da.

Und hier ist noch mehr als das: Menschen – scheint es – nehmen den Faden auf und reden mit Gott. „Täglich sucht ihr mich!“ Ein tolles Wort!

Da kommt es zu einem Gespräch, das nie ganz abgerissen war, jetzt wird es wieder aufgenommen. Ich hatte versprochen, wir hören da mal einen Moment rein.

4.

Da bekommen wir richtig was zu hören. Gott bekommt was zu hören.

„Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum quälen wir unseren Körper und du willst es nicht wissen?“

Die ärgern sich. Auch das ist wieder klasse. Menschen, die noch wissen, dass wir Gott unseren Ärger sagen können. Dass wir mal die Meinung sagen dürfen. Und was uns auf der Seele liegt und wo uns der Schuh drückt, dass wir’s ihm alles auch mal vor die Füße knallen dürfen. Das find ich gut.

Harry und Sally können das auch. Da (!) kommt – wenn’s gut geht – Qualität in eine Beziehung. „Herr Pfarrer, wir sind jetzt 50 Jahre verheiratet und haben und nicht ein einziges Mal gestritten!“ Vor der Treue habe ich riesigen Respekt, aber mir wird auch ein bißchen mulmig: Wäre ab und zu ein reinigendes Gewitter nicht mal gut gewesen. Dass einem mal der Kragen platzt und ich sagen kann, was mir schon so lange auf der Seele liegt. Damit’s dann weiter geht?

Also – das macht noch einen guten Eindruck hier, lebendig und echt, denke ich. Worum geht’s da eigentlich? Wenn die sagen: „Das ganze Fasten bringt’s wohl nicht. Gott sieht uns nicht. Die Quälerei – und nichts kommt bei raus! Gott interessiert sich nicht dafür!“

Ich gebe zu: Mit dem Fasten, das habe ich noch nicht ernsthaft probiert. Aber vielleicht sprechen die uns, mir, ja doch irgendwie aus dem Herzen: „Ich gebe mir soviel Mühe – und es kommt nichts bei raus“ oder „am Ende bist du doch allein und musst sehen, wie du klar kommst, da hilft dir kein Gott“ oder „gern würde ich mal hören und sehen, dass Gott da ist und sich um mich kümmert, aber das ist ja wohl ein Hirngespinst. Das muss man ja wohl glauben. Und wer’s nicht kann hat halt Pech gehabt!“

Vielleicht geht es Ihnen – nicht immer, aber manchmal – auch so. Mir geht es manchmal so.

Da möchte ich gern sehen, wie das Gespräch weiter geht. Und ob das stimmt, dass da ein Faden ist, der nicht abreißt.

5.

Und jetzt passiert etwas Merkwürdiges: Gott redet nicht mit denen! Gott redet nicht mit denen! Das sagt die Bibel. Das gibt es. Gott schweigt.

„Na, haben wir doch gleich gesagt. Und wenn der Pfarrer lange redet, für mich ist das nichts. Ich glaube das nicht. Bei mir hat Gott sich noch nicht vorgestellt. Ich habe da noch nichts finden können!“

Und genau hier lohnt es sich, noch einmal hinzuschauen!

Denn das stimmt gar nicht, dass Gott nicht antwortet. Was Gott zu sagen hat, was er damals gesagt hat, das können wir hier nachlesen. Die Worte kann ich ihnen vorlesen.

Die hat einer so klar verstanden, dass man die später sogar auf schreiben konnte. Aber sie richten sich – als ob das Gespräch weiter geht, aber ganz am Rande – an einen einzelnen Menschen. Ihn redet Gott an.

Er wird später Prophet genannt, seine Reden werden aufgeschrieben und den Worten des Propheten Jesaja, einer Sammlung, die schon vorlag, hinzugefügt. Darum sind die nicht verloren gegangen. Und wir erleben mit, wie Gott antwortet und dann jemanden schickt zum Reden.

So klingt das: „Rufe getrost, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk ...“

6.

Warum spricht Gott die Leute nicht direkt an – wenn sie ihn doch täglich suchen, also beten und sogar fasten? Warum spricht Gott die nicht direkt an? Er könnte das.

Die scheinen sich doch Zeit zu nehmen und – was wichtig ist, um Gott zuzuhören – auch mal aus ihrem Alltag herauszutreten, vielleicht in den Tempel zu gehen, in ihre Kirche, vielleicht gehen sie auch mal spazieren, wo sie alleine sind, vielleicht haben sie auch eine Ecke zu Hause, wo sie einen Moment Stille finden, vielleicht zünden sie sich dazu eine Kerze an, manche schlagen auch die Bibel auf oder das Gesangbuch, sprechen ein Gebet, achten auf die leise Stimme Gottes – „was zeigt er mir, worauf macht er mich aufmerksam, was bewegt sich in mir und meinen Gedanken?“ So kann man lernen, Gott zu hören.

Also: warum spricht Gott hier nicht direkt zu ihnen? Da gibt es offensichtlich eine Kommunikationsstörung zwischen Gott und den Menschen. Was geht hier schief?

Bei „Harry und Sally“ erlebt man so etwas besonders schön am Beispiel ihrer Freunde. Die haben sich gerade frisch verliebt und als Paar gefunden. Jetzt ziehen sie zusammen. Und er bringt einen Tisch mit, ein Prachtexemplar. Das ist ein großes hölzernes Wagenrad, das könnte noch aus einer von John Wayne zum Schutz gegen die Indianer gebildeten Wagenburg stammen. Auf dem Wagenrad ist eine Glasplatte montiert. Als er das Teil ins Haus trägt, sieht man ihr Gesicht und merkt: Hier geht gerade etwas richtig schief. Da haben zwei wohl nicht miteinander gesprochen. Und man weiß einen Moment wirklich nicht: Kriegen die das wieder hin oder zerkrachen und trennen die sich wieder im Streit um diesen hässlich-schönen Tisch? „Wer so einen Geschmack hat, mit dem kann ich nicht zusammen leben!“

Wir waren gerade bei einer Kommunikationsstörung zwischen Gott und den Menschen. Es gibt Situationen, da kann man nicht miteinander reden. Das kennen wir zwischen Mann und Frau, zwischen Freund und Freundin, Kollege und Kollegin und und und ... Entweder wartet man, bis das vorbeigeht und wir uns wieder annähren – hoffentlich – oder man holt sich Hilfe.

Gott holt sich Hilfe in Gestalt eines Propheten. Und seine Worte helfen aufzudecken – fast wie bei einem Paartherapeuten – warum im Moment etwas schief läuft und keiner von denen, die Gott doch täglich suchen, ihn finden kann.

7.

„Siehe, an dem Tag, an dem ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. Siehe, wenn ihr fastet, streitet und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drauf ... Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe ... ?“

Aha! Jetzt wissen wir, warum das Gespräch, in das unser Predigttext uns hineingezogen hat, ins Stocken gekommen war. Der Grund ist, dass im Leben etwas nicht stimmt. Da läuft etwas auseinander:

Wer andere unterdrückt, Arbeiter ausbeutet, lieblos, ja brutal umgeht mit seinen Mitmenschen, der muss sich nicht wundern, wenn seine Suche nach Gott nicht weiter führt. Und dem wird auch ein Schnellkurs in Buddhismus den inneren Frieden nicht bringen können.

Wer sich nichts sagen lassen will, der wird auch nichts hören. Da hilft dann auch kein Beten und kein Fasten.

Das Wort Jesu stimmt ganz und gar: „Wer sucht, der wird finden, wer anklopft, dem wird aufgetan“, aber zur Suche nach Gott gehört - und zum rechten Beten gehört - mein ganzes Leben, was ich tue und lasse, was mir wichtig ist, wie ich mit Menschen umgehe, und ob uns soziale Gerechtigkeit am Herzen liegt und wir uns um Fremdenfreundlichkeit bemühen.

 

„Das aber ist ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass frei, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß das Joch weg! Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe in dein Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“

8.

Die Suche nach Gott, das Beten, ist etwas Gefährliches. Ich könnte Antwort bekommen. Mein Leben könnte sich ändern.

Wenn ich dafür zu verbohrt bin, wird Gott doch das Gespräch nicht abreißen lassen. Er sendet immer wieder Menschen, die hören können und darum etwas zu sagen haben – auch zu mir. Ich bin darauf angewiesen. Und ich bin dankbar dafür. Ich weiß: auch wenn ich mich vor Gott und Menschen verschließe, findet er Wege, zu mir zu sprechen und diesen kostbaren Faden unseres Gesprächs nicht abreißen zu lassen. Dazu hat er Jesus gesandt.

„Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des Herrn wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der Herr wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich!“

9.

Ich hatte gesagt, das Besondere an „Harry und Sally“ ist, das wir einen ganzen Film lang zuschauen, wie ein Gespräch sich durch Höhen und Tiefen entwickelt. Als sie sich am Ende in den Armen liegen, da merkt man, der Gesprächsfaden ist nie abgerissen. Aber es ist mehr als ihr Gespräch: sie selbst haben sich verändert. Darum finden sie zueinander. Es ist einfach schön, wenn das auch zwischen Gott und Mensch gelingt.

Der Friede Gottes ... Amen.

21. Sonntag nach Trinitatis

28. Oktober 2007

Johannes 15, 9-17

Pfarrer Andreas Nose

Wie mich mein Vater liebt, so liebe ich euch auch. Bleibt in meiner Liebe! Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibt ihr in meiner Liebe, wie ich meines Vaters Gebote halte und bleibe in seiner Liebe. Das sage ich euch, damit meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde.

Das ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe.

Niemand hat größere Liebe als der, der sein Leben lässt für seine Freunde. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete. Ich sage hinfort nicht, dass ihr Knechte seid; denn ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich gesagt, dass ihr Freunde seid; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan.

Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt, damit, wenn ihr den Vater bittet in meinem Namen, er´s euch gebe.

Das gebiete ich euch, dass ihr euch untereinander liebt.

 

Liebe Gemeinde,

das ist ein sehr schöner und ein in vieler Hinsicht sehr schwerer Text über die Liebe.

Ich möchte gern zwei Geschichten erzählen, um ihm näher zu kommen. Die eine ist tatsächlich passiert, sie gehört zu unserer deutschen Geschichte und trug sich vor 80 Jahren zu. Die andere ist sehr schön erfunden von einer Schriftstellerin in unserer Zeit.

Ein Vers aus diesen Worten Jesu hat vor 80 Jahren in ganz Deutschland für Aufregung gesorgt. Der I. Weltkrieg war vorbei und überall im Land wurden Denkmäler und Gedenktafeln – so wie bei uns die Tafel in der Kirche hinten auf der rechten Seite. Über den Familiennamen der Gefallenen findet sich ein Engel, der einen sterbenden Soldaten in seinen Armen birgt. Im Unterschied zu vielen anderen findet sich an unserer Tafel kein Bibelwort. Unseren Großeltern und Urgroßeltern wurde beigebracht, Kirche, Volk und Vaterland in einem Atemzug zu nennen. Sterben im Krieg wurde als christliche Pflicht und Ausdruck von Nächstenliebe gedeutet. Und wenn häufig ein Bibelwort dazu gestellt wurde, dann war es dieser Satz aus unserem heutigen Predigttext: „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde". (V 13)

Es ist der 6. November 1928. Im Gemeindehaus der Ulrichsgemeinde in Magdeburg hält der Berliner Pfarrer Günther Dehn einen Vortrag . Er spricht über das – nach dem I. Weltkrieg bedrängende, aber auch nicht leichte - Thema „Kirche und Völkerverständigung". Günter Dehn ist 46 alt. Zwei Jahre hatte ihn die Universität Münster die Ehrendoktorwürde verliehen. Wenige Sätze seines Vortrages sind es, die einen Aufruhr ohnegleichen auslösen. Dehn sagt:

„Es ist allgemein üblich, dass von der Kirche der Tod fürs Vaterland unter das Bibelwort gestellt wird: 'Niemand hat größere Liebe denn die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde'. Wir wollen ganz gewiss diesem Tod seine Würde und auch seine Größe lassen; aber ebenso gewiss wollen wir auch die Wahrheit sagen. Es wird bei dieser Darstellung eben außer acht gelassen, dass der, der getötet wurde, eben auch selbst hat töten wollen. Damit wird der Vergleich mit dem christlichen Opfertod zu einer Unmöglichkeit.

Im Anschluss daran sollte man auch die Frage erwägen, ob es richtig sei, den Gefallenen Denkmäler in den Kirchen zu errichten. Sollte man das nicht vielleicht der bürgerlichen Gemeinde überlassen?"

Das reicht, um Günther Dehn als Vaterlandsverräter hinzustellen. Mit einem Schlag ist er bekannt in ganz Deutschland: der „rote Dehn". Die Deutschnationale Volkspartei Magdeburg-Anhalts tritt eine Hetzkampagne los. Wochenlang hagelt es Zeitungsartikel und Drohbriefe. Völkische Verbände protestieren beim Konsistorium.

Wenige Jahre später kommt es zum Hallischen Universitätskonflikt. Günther Dehn wird Anfang 1931 der Lehrstuhl für Praktische Theologie in Halle übertragen. Der „Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund, Hochschulgruppe Halle" hat schon Flugblätter drucken lassen. National gesinnte Verbände macten mobil und sorgen über mehrere Semester für Unruhe. Es kommt zu Ausschreitungen der Studenten auf dem Universitätsgelände. Die Professoren, die Dehn anfangs noch unterstützt haben, lassen ihn jetzt auch fallen. Im Oktober 1932 wird Dehn zunächst beurlaubt und im November 1933 ganz aus dem Staatsdienst entlassen. Seine Bücher waren schon im Mai desselben Jahres auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden. Erst 13 Jahre später, nach Ende des II. Weltkrieges und dem Zusammenbruch Deutschlands bekommt Günter Dehn, inzwischen 64 Jahre alt, eine Professur in Bonn.

Das Wort von der Liebe Jesu auf Gefallenengedenktafeln. Freiheit als Aufforderung zur Expansion Deutschlands über fremde Grenzen, Länder und Völker hinweg. Gerechtigkeit nur für die eigene Rasse – scheinbar gehört es zum Schicksal der großen, der wirklich schönen Worte und der echten menschlichen Werte, dass sie immer wieder missbraucht werden.

Gott wird missbraucht. Christus wird missbraucht. Seine Worte werden ihm geraubt und in den Dienst einer schrecklichen, ja verbrecherischen Politik gestellt.

Deshalb müssen wir immer wieder nachhaken: Was meinen wir, wenn wir von so Kostbarem reden wie Liebe, Freiheit, Gott? Darüber nachzudenken, dazu hatte Pfarrer Günther Dehn vor 80 Jahren aufgefordert. Er hat gefragt, ob Liebe und Nächstenliebe nicht in Dienst genommen und missbraucht werden für ganz andere Ziele.

Ich möchte nicht missverstanden werden. Eine echte Liebe, die tatsächlich bereit ist, das eigene Leben einzusetzen, um den Freund zu retten - diese Liebe hat es auch im Krieg wirklich gegeben. Mich hat es tief berührt, als mir heute alt gewordene Männer erzählten, welche Liebe, welche Verbundenheit, welches Einstehen füreinander sie in Stalingrad, sie im Schützengraben erlebt haben.

Das bleibt stehen, auch wenn es geschehen ist im Umfeld des Vernichtungskrieges einer menschenverachtenden Diktatur; auch wenn es an der Bereitschaft, einen fremden Menschen als Feind zu töten, leider Gottes nichts geändert hat.

Das ist mein Gebot – sagt Jesus – dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch liebe.

Ja, auch hier – in diesem Moment - spricht Jesus nicht zur ganzen Welt und allen Völkern. Er nimmt Abschied von seinen Jüngern, von den Männern und Frauen, die ihm lange gefolgt waren. Was er ihnen im Moment in seinen Worten mitgibt, das ist sein Testament, sein Erbe, sein Hinterlassenschaft.

Bei den Abendmahlsworten gebraucht mancher Pfarrer, manche Pfarrerin, wenn sie den Kelch hebt, die – auch biblischen Worte Jesu – „das ist mein Testament, das Blut des neuen Bundes …“

Jesus spricht von sich selbst, von seiner Liebe, die er seinen Nachfolgern und Nachfolgerinnen, die er ihnen vorgelebt, mit der er sie in Worten und Taten immer wieder sehr angerührt hat, in er sich ihnen, uns (!), über seinen Tod hinaus weiter ganz persönlich zuwendet – und die er bis heute (!) auch uns gebietet, darin zu leben, davon nicht abzulassen, daran – an dieser, an seiner Liebe – alles zu überprüfen, was wir tun und lassen, was wir reden und denken, wie wir mit den Nächsten und den Fernsten Menschen umgehen … und uns immer wieder fragen – denn nicht nur die Alten, wir heute sind doch genauso gefährdet wie sie – uns immer wieder fragen, ob wir Missbrauch und Schindluder mit ihr treiben oder ob wir wirklich in der Liebe leben.

Wenn ich mir ernsthaft diese Frage stelle, dann bin ich erschüttert. Und ich glaube, jeder Mensch, der sich ernsthaft die Frage stellt, ob er, ob sie wirklich in der Liebe lebt, wird erschüttert sein. Denn wo wir anfangen, so zu fragen – im Blick auf uns selbst, nicht auf die Gesellschaft, nicht auf die anderen, im Blick auf mich selbst, da werden wir feinfühlig und fangen an zu ahnen, wo Gleichgültigkeit und Egoismus in uns stecken und in was allem uns die Sorge um uns selbst so viel mehr als um den anderen uns treibt.

In der vergangenen Nacht haben tausende von Buchhandlungen über Mitternacht ihre Türen geöffnet. Ab heute morgen um 0.00 Uhr wird der von vielen lang erwartete siebte und letzte Band der „Harry-Potter-Reihe“ von Joanne K. Rowling in der deutschen Übersetzung verkauft.

Viele der überwiegend jugendlichen Leser werden die Gedankenwelt, die Joanne Rowling in den Romanen zugrunde legt, vielleicht, hoffentlich, zusammen mit der spannend erzählten Geschichte in sich aufnehmen. Ob viele diese Gedanken erkennen werden, da habe ich meine Zweifel. Dazu müsste man im Konfirmandenunterricht gut aufgepasst und schon öfter einmal bei der Predigt gut zugehört haben. Denn die Geschichte von Harry Potter ist in vielen Zügen der Geschichte Jesu Christi verblüffend nahe nachgestaltet.

Das wird am Schluss des letzten Bandes besonders deutlich.

Harry Potter ist nur deshalb am Leben, weil seine Mutter sich dem übermächtig Bösen, Voldemort entgegengestellt und in ihrer Liebe zum Kind ihr Leben geopfert hat. Selbst der Allerböseste kann die Macht der Liebe nicht überwinden. Aber dem Bösen ist eine Zeit gegeben in der Welt, in der er seine Kräfte sammeln kann und jeder Mensch sich fragen muss, ob er - aus Angst oder Machtgier - dem Bösen folgen will oder sich ihm – möglicherweise auch unter Einsatz seines Lebens – entgegenstellt.

Harry Potter merkt im Laufe der Geschichte nicht nur, dass offensichtlich er allein aufgrund seiner besonderen Herkunft in der Lage ist, den entscheidenden Kampf gegen den Bösen zu bestehen. Er entdeckt auch – und das gibt dem Roman in meinen Augen eine besondere Qualität – dass das Böse nicht nur auf der anderen Seite lauert, nicht nur im Feind sein Unwesen treibt. Er spürt, dass dieses Dunkel – Machtstreben, Lieblosigkeit, Gleichgültigkeit – auch eine Möglichkeit, ja eine Wirklichkeit in ihm selbst ist – und dass er dem Bösen innerlich näher steht als er das zugeben möchte.

In der entscheidenden Konfrontation mit dem Bösen, dem satanischen Zauberer Voldemort, muss Harry damit rechnen – wenn er ihn vernichten will – sein eigenes Leben zu verlieren. Er weiß, dass es in dieser Situation von ihm abhängt, ob seine Freunde und ihre Familien – auch seine Schule und ihre Lehrerinnen und Lehrer – gerettet werden und ob in der Welt das Böse endgültig triumphiert oder ihm tatsächlich Einhalt geboten wird.

Hier überwindet Harry sich in einer inneren Auseinandersetzung, die an Jesus im Garten Gethsemane erinnert, dazu, sein eigenes Leben herzugeben um seiner Freunde willen. Ja richtig, der Schluss und Höhepunkt der Harry-Potter-Reihe ist eine Auslegung des Jesuswortes: Niemand hat größere Liebe als der, der sein Leben lässt für seine Freunde.

Und auch darin ist fast alles der Geschichte Jesu nachgestaltet, dass Harry Potter überlebt. Im entscheidenden Moment wird deutlich, dass das Böse keinen Zugriff hat auf echte Liebe und diese nicht überwinden kann.

Und auch bei Joanne Rowling ist es so, dass den entscheidenden Kampf nicht irgendein Mensch führen kann, sondern nur der Eine, der durch sein Herkommen aus der Liebe dazu in der Lage ist. Er tut es stellvertretend. Und seine Freunde, seine Mitstreiter, seine Nachfolger, seine Weggefährten können kämpfen nur im Schutz und in der Verbundenheit mit ihm. Aber auch er selbst lebt von dieser Gemeinschaft, die ihn trägt.

Jesus spricht hier von der Liebe als etwas, das geboten ist. Die Liebe lässt sich gebieten. Sie ist eben doch sehr viel mehr als ein Gefühl, ja vielleicht eigentlich etwas ganz anderes als ein Gefühl. Sie ist ein Tun, sie ist die Verlässlichkeit für einen Menschen, sie kann in einem Wort liegen, das ich sage, in einer kleinen Geste, die dem anderen gilt, in einem einfach Da-Sein …

Und Jesus spricht von der Liebe als einer „Frucht“. Die Liebe ist etwas, das im Menschen reifen muss. Es ist kein Zufall, dass die Harry-Potter-Geschichte sieben Bände braucht, bis sie an ihr Ziel kommt. Sieben ist übrigens eine biblische und eine heilige Zahl. Harry braucht seine Zeit, um erwachsen zu werden und um reif zu werden. Er braucht Zeit für seine Pubertät, für sein eigenes inneres Zurechtfinden. Er muss auch sein eigenes Leben finden und herausfinden, was ihm etwas wert sein soll.

Damit eine Liebe in ihm reift, die nicht verordnet und gezwungen ist, sondern aus Einsicht und einer großen Freiheit heraus kommt.

Die Liebe, die Jesus meint, kann ein Opfer fordern. Aber sie ist immer, immer (!) für das Leben - das Leben zu fördern und zu Freiheit zu helfen. Sie lässt sich nicht einspannen für menschenverachtende und Leben zerstörende Zwecke.

Daran erkennen wir echte Liebe, dass sie Freiheit ausstrahlt und Freiheit bringt.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.

Auf die Geschichte Günter Dehns wurde ich aufmerksam durch Pfarrerin Margot Runge, Sangershausen. Sie hat die Fakten zu Günter Dehn bei www.wikipedia.de recherchiert.

18. Sonntag nach Trinitatis

7. Oktober 2007

2. Mose 20, 1-17

Pfarrer Andreas Nose

1 Und Gott redete alle diese Worte:

2 Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.

3 Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

4 Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist:

5 Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen,

6 aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.

7 Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht mißbrauchen; denn der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen mißbraucht.

8 Gedenke des Sabbattages, daß du ihn heiligest.

9 Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Werke tun.

10 Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes. Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt.

11 Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was darinnen ist, und ruhte am siebenten Tage. Darum segnete der HERR den Sabbattag und heiligte ihn.

12 Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß du lange lebest in dem Lande, das dir der HERR, dein Gott, geben wird.

13 Du sollst nicht töten.

14 Du sollst nicht ehebrechen.

15 Du sollst nicht stehlen.

16 Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

17 Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat.

 

Liebe Gemeinde

1.

was ich überhaupt nicht ausstehen kann ist, wenn ein Autofahrer vor mir die Spur wechselt, nach links oder rechts abbiegt, ohne den Blinker zu setzen; und wie mich das erst ärgert, wenn einer gerade noch bei „rot“ über die Ampel rast; und dann die Leute, die in einer Hand das Handy, mit nur einer Hand am Lenkrad sich durch den Verkehr wurschteln. Da kann ich mich aufregen.

Was mich nicht hindert – besonders wenn ich es eilig habe – das alles genauso zu machen. Nächstes Mal - wenn ich´s bei anderen sehe – rege ich mich trotzdem wieder auf.

Mich hat das so erleichtert, dass meine Frau mir gestern abend noch von einer Radiosendung erzählte, in der es genau darum ging: das unmögliche Verhalten mancher Menschen im Verkehr. Menschen kamen zu Wort in dieser Sendung, denen das auch so auf den Wecker geht, wenn einer rücksichtslos falsch parkt oder so tut, als sei er allein auf der Straße – das tat so gut zu hören: ich bin nicht der einzige, den das ärgert und sich fragt: bin ich hier der Letzte, der sich noch an irgendwelche Regeln und Gebote hält?

2.

Schon seit einigen Jahren wird darüber gestritten, ob die neue EU-Verfassung in ihrer Präambel – also dem wichtigen Vorspruch – einen Bezug auf Gott enthalten soll.

Den Befürwortern geht es nicht darum, ein christliches Verständnis von Gott und der Welt anderen Menschen aufzuzwingen, nein. Es geht auch nicht um den Glauben dabei. Es geht aber um die Frage, ob Gesetzte, Gebote und Regeln eine höhere Begründung brauchen; ob das alles nur Verabredungen sind, die wir morgen auch ganz anders treffen können, ob sie nur gültig sind, weil im aktuellen Parlament eine Mehrheit dafür gestimmt hat; oder ob wir Menschen alle uns noch einmal vor einer höheren Instanz als nur dem Menschen verantworten müssen; ob Menschenrechte wie die unverletzbare Würde, die Freiheit des Einzelnen, die Meinungsfreiheit und andere grundlegende Werte nur gelten, solange die Mehrheit dafür ist, oder ob sie immer gelten – und ihre Missachtung immer geächtet werden, als Unrecht gelten soll.

Es gibt Dinge, die verbieten sich. Es gibt Dinge, die dürfen nicht sein – nicht heute und nicht in 1000 Jahren. Die sind einfach falsch – willkürlich andere Menschen zu töten, einen Menschen sexuell zu missbrauchen, dem anderen wegzunehmen, was ihm gehört, für eine Ware einen Preis zu verlangen, den sie bei weitem nicht wert ist, junge Frauen unter Ausnutzung ihrer Notlage zur Prostitution zu zwingen, einem Menschen, dem ich das Leben retten könnte, nicht beizustehen, …

Das sind Dinge, die geboten sind. Darüber kann keiner abstimmen. Darum geht es, wenn unsere Verfassungen, die Grundlage unserer Rechtsprechung, von der Verantwortung vor Gott reden.

Diese Formel will nur dieses Eine zum Ausdruck bringen: den Respekt davor, dass dem Menschen eine Grenze gesetzt ist, die er nicht überschreiten darf, weil das unmenschlich wäre.

Wir müssen nicht an den gleichen Gott glauben, ich muss gar nichts glauben, aber damit unser Zusammenleben funktioniert muss ich anerkennen, dass es Dinge gibt, die geboten sind; dass es Dinge gibt, die heilig sind. Es gibt eine Tür, die zu öffnen mir nicht zusteht.

3.

Gerade sind die drei jungen Männer verurteilt worden, die einen vierten Mithäftling in ihrer Zelle grausam gefoltert und dann zum Selbstmord durch Erhängen gezwungen haben.

Einer der Täter – ich glaube, es war der Jüngste, bei der Tat gerade 17 Jahre alt – hat ausgesagt - mir ist dieser Satz noch im Ohr – dass er einfach mal sehen wollte, wie das ist, wenn ein Mensch stirbt.

Ich finde, in diesem Satz spürt man immer noch etwas von der Einsicht, dass ich hier eine Grenze überschreite, ein Tabu breche, etwas tue, was es eigentlich nicht geben darf. „Ich wollte mal sehen, wie das ist …“, das ist mehr als Neugier, was in diesem Satz mitschwingt.

4.

Vor kurzem hat das ZDF einen Film ausgestrahlt mit dem Titel „Swingers – Sex auf Bestellung“. Hinter dem reißerischen Titel verbirgt sich ein anspruchsvolles Kammerspiel. Zwei Paare verbringen das Wochenende miteinander. Eine Frau erlebt den Partnertausch als Befreiung von den engen, muffigen, kleinkarierten Verboten ihres Elternhauses. Endlich traut sie sich, etwas „Verbotenes“ zu tun. Die Frau, die in Kindheit und Jugend nur klein gemacht wurde, sich ständig anpassen sollte, keinen Mut zur eigenen Meinung entwickeln durfte, erlebt den Partnertausch als große Befreiung. Und man merkt, eigentlich geht es überhaupt nicht um Sex – mancher Zuschauer wird an der Stelle enttäuscht gewesen sein -, es geht auch nicht um den einen oder anderen Mann, es geht um die Befreiung eines Menschen von einer schlechten, weil tyrannischen und unfrei machenden Erziehung.

Schade, dass die Frau nicht schon früher eine der vielen anderen Möglichkeiten ergreifen konnte, zu mehr Freiheit zu finden. Denn dass der Partnertausch einen hohen Preis kostet, ja Menschen und Beziehungen zerrütten kann, wird an dem zweiten Paar deutlich – und auch der eigene Mann merkt, dass er im Laufe dieses Wochenendes eine Grenze überschritten hat und bittet seine Frau um Vergebung – ohne dieses Wort zu gebrauchen. Es ist ja kein religiöser Film – und doch spricht er von der Grenze zu dem, was heilig ist, und über das, was sich nicht gehört, über das, was sich verbietet – egal, ob einem Kind gegenüber oder einem Partner gegenüber.

5.

Ich erzähle diese letzte Geschichte auch deswegen, weil es Menschen gibt, die Gebote, Verbote, genau so erlebt haben – als klein machend und einengend, mit Drohungen verbunden und der Angst vor Strafen. Eltern glaubten sich im Recht, für ihre Erziehungsmethoden noch den „lieben Gott“ zu bemühen, den das Kind gar nicht mehr lieb fand, sondern beängstigend, weil er „angeblich alles sieht“ und jede kleine Sünde bestraft. Kein Wunder, dass sich ein Mensch irgendwann nichts mehr sagen lassen will, von niemandem. Das können wir doch verstehen.

6.

Die zehn Gebote der Bibel – sie haben eine Überschrift. An der darf man nicht vorbei lesen und nicht vorbei hören und reden – denn diese Überschrift schützt die Gebote vor Missbrauch und gibt ihnen ihren echten Sinn.

Ich lese die Überschrift nochmal: „Ich bin der Herr, dein Gott …“

„… dein Gott …“ – bevor Gott irgendetwas verbietet oder gebietet, stellt er sich vor. Gott stellt sich vor. Das ist wie wenn er an unserer Tür höflich anklopft oder am Telefon erst einmal seinen Namen nennt – übrigens noch etwas, was mich aufregen kann: „Klingeling, hallo? – kein Name“ – Gott stellt sich vor. Und sagt: „Ich bin dein Gott!“ Das ist revolutionär. Das kenne ich von keiner anderen Religion. Dass Gott das sagt: „dein Gott“. Das müssen wir hören, wie wenn ein guter Vater und eine gute Mutter sagen: „Du bist mein Kind. Du gehörst zu mir. Und ich zu dir. Wir lieben dich. Wir freuen uns so, dass du da bist!“

So stellt Gott sich vor, um gleich am Anfang klar zu machen: Hier geht´s doch gar nicht um Gesetze und Verbote, um den moralischen Zeigefinger und die Strafpunkte! Hier geht es um etwas ganz anderes. Hier geht es um eine innige Beziehung, um eine Freundschaft, um Vertrauen, um einen gemeinsamen Weg.

7.

Und so geht es weiter: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten, aus der Knechtschaft, befreit hat … Ich bin doch kein Gott, der dein Leben eng und dich selbst klein machen will! Ich brauche das nicht, dass du Angst vor mir hast. Im Gegenteil, ich freue mich über dein Vertrauen und deine Freiheit, ohne Angst mir zu begegnen. Das wünsche ich mir“ – dass du aufrecht gehen kannst und dich nicht verbiegen lässt.

Die zehn Gebote, die kommen ja nicht vom Rechtsanwalt mit der Post, die lernt Israel nicht kennen als Aushang im Treppenhaus.

Nein! Gott hat Israel aus der Sklaverei unter dem ägyptischen Pharao befreit. Er hat sie aus der Gefangenschaft, aus der Maloche, aus dem Dreck geholt. Und auf dem Weg in das ihnen versprochene Land, da gibt Gott ihnen durch Mose am Berg Sinai die zehn Gebote. Der Ort ist wichtig: Auf dem Weg in die Freiheit bekommt Israel die Gebote; damit sie sich nie wieder versklaven lassen von anderen Menschen, damit sie sich das geschenkte Leben nicht wieder kaputt machen, damit sie wissen, welche Tür sie nicht öffnen, welche Grenze sie nicht überschreiten dürfen, damit sie nicht wieder zu Sklaven werden, damit sie freie Menschen bleiben. Das ist der Sinn der zehn Gebote – damals und heute.

8.

Da könnten wir uns jetzt für jedes einzelne Gebot viel Zeit nehmen und würden bald entdecken, wie sehr unsere heutigen Fragen und Probleme, unsere politischen Diskussionen und der Weg jedes einzelnen Menschen berührt sind von dem, was die zehn Gebote ansprechen.

Dass der Mensch nicht wieder zum Sklaven wird, dass er seine Freiheit nicht verliert …

3 Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

Wie gefährdet sind wir, Dingen dieser Welt eine Bedeutung zu geben, die sie wie zu einem Gott für uns werden lässt, in dem sie uns und unseren Alltag bestimmen dürfen – wenn alle Gedanken nur noch ums Geld kreisen und wie viel Euro etwas gekostet hat – wenn wir unendlich viel Zeit in die Pflege unseres Körpers stecken, ankämpfen gegen das Altern, dem Jugendwahn fröhnen oder verzweifeln, weil wir nie und nimmer das Schönheitsideal der Medien erreichen … „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“ – das ist ein Ruf in die Freiheit.

4 Du sollst dir kein Bildnis machen.

… weil Gott größer ist als jedes Bild, das ich mir von ihm machen kann, weil es auch nicht gut ist, wenn ich einen Menschen festlege auf mein Bild von ihm und ihm keine Chance gebe, aus der Schublade herauszukommen, in die ich ihn oder sie gesteckt habe …

7 Du sollst den Namen des HERRN, deines Gottes, nicht mißbrauchen;

Das darf nicht sein, dass Menschen Anschläge planen und Gewalt anwenden und sich dabei auf einen Gott und die Religion berufen. Das ist Gott ein Greuel. Das ist Mißbrauch seines Namens.

8 Gedenke des Sabbattages, daß du ihn heiligest.

Ein Tag wird als Ruhetag reserviert – nicht nur für den Gottesdienst, sondern weil der Mensch das braucht, mindestens einen freien Tag, an dem er nicht funktionieren, nichts leisten muss, an dem er einfach Mensch sein darf – und sich vielleicht auch darauf besinnt, wozu er auf der Welt ist – oder Zeit hat, seine Beziehungen zu pflegen … Auch einer globalisierten Wirtschaft muss eine Grenze gesetzt werden, wenn sie versucht, den Sonntag abzuschaffen, damit die Maschinen durchlaufen können.

9 Da sollst du keine Arbeit tun, auch nicht dein Sohn, deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh, auch nicht dein Fremdling, der in deiner Stadt lebt.

Ich bin nicht allein auf der Welt, es gibt noch andere Menschen, die Achtung verdienen und denen ich das gönnen kann, was ich mir selbst doch auch wünsche.

12 Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.

„Ehren“ heißt es hier. Meine Schwiegermutter muss ich nicht über alles lieben. Aber im Sinne dieses alten Gebotes soll ich darauf achten, ob im Alter gut für sie gesorgt ist, sie einen Platz hat, an dem sie gut betreut leben kann. Mit Respekt soll ich ihr begegnen, weil ich weiß, dass ich selbst einmal alt und darauf angewiesen sein werde. Und natürlich ist das Gebot auch eine Frage an eine älter werdende Gesellschaft, wie sie sich umbauen muss, damit alt und jung im Frieden miteinander leben können.

13 Du sollst nicht töten.

Das Gebot meint ursprünglich ein ungesetzliches und willkürliches Totschlagen. Die Welt muss aufschreien und handeln, wenn in einem Land – wie zuletzt in Bosnien oder Ruanda – zum Völkermord aufgerufen und dieses Gebot Gottes gemeinschaftlich übertreten wird.

15 Du sollst nicht stehlen.

Es gibt Wohlstandsgefälle in der Welt, das fast den Charakter von Raub und Diebstahl annimmt, wenn man die extremen Ungleichheiten der Lebensgrundlagen von Menschen heute sieht. Das kann nicht nur Sache des Einzelnen sein, sondern geht die ganze Gesellschaft etwas an.

16 Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

Das falsche Zeugnis – ursprünglich ist die Falschaussage eines bestochenen Zeugen vor Gericht gemeint – ist heute vielleicht mehr als im Gerichtssaal ein Problem in den Medien, in denen ein falsches Urteil, ein tendenziöser Bericht, eine Manipulation von Fakten oder Bildern schnell einen Menschen ruinieren kann.

17 Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat.

Wie sehr ist das „Begehren“, das andere, mehr davon, das neue, haben zu wollen, zu einem Motor unseres Wirtschaftswachstums geworden. Freiheit muss doch etwas anderes sein, als die Möglichkeit, etwas kaufen zu können.

9.

Bei diesem Gang entlang der Gebote kommt mir schon einmal die Frage vom Anfang, aus dem Auto – wie viele Menschen sich eigentlich noch an Gebote halten – im Straßenverkehr, in ihren Beziehungen, in der Wirtschaft, in der Weltpolitik …

Wenn wir gleich das Abendmahl feiern, dann hat das sehr viel auch mit den Geboten zu tun. Wir kommen um einen Tisch zusammen und in einer Gemeinschaft, in der andere Regeln gelten als in der Welt üblich. „Ein neues Gebot gebe ich euch“, sagt Jesus – und fasst damit nur zusammen, was die alten Gebote im Innersten sagen wollen – „ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe“.

Wenn wir zu Gottesdienst und Abendmahl zusammen kommen, dann weil wir zu einer neuen Gemeinschaft gehören, die auf die Stimme Gottes achten lernt und sich rufen lässt in die Nachfolge Jesu, weil wir darin einen Weg in die Freiheit entdeckt haben.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.

14. Sonntag nach Trinitatis

Sonntag, 9. September 2007

1. Mose 28, 10-19a Jakob schaut die Himmelsleiter

Pfarrer Andreas Nose

Liebe Gemeinde,

1.

heute, am „Tag des offenen Denkmals“ werden in Deutschland mehr als 4.000.000 Besucher unterwegs sein. 7000 Baudenkmäler sind für die Besucher geöffnet, darunter Bürgerhäuser genauso wie Dorf-, Stadt- und Klosterkirchen, aber auch Gefängnisse und Bunkeranlagen, technischen Denkmäler genauso wie Schlösser, Burgen und Herrenhäuser, Parkanlagen ebenso wie Stadtmauern und archäologische Grabungen.

Jedes Jahr hat der Denkmaltag ein Schwerpunktthema. In diesem Jahr lautet es „Orte der Einkehr und des Gebets – Historische Sakralbauten“.

Sakralbauten – das sind Gebäude, die Menschen für Gott errichtet haben – für Gott und für die Menschen, die Gott suchen.

Braucht Gott ein Haus? Nein. Aber wir Menschen brauchen Orte, an denen kein Telefon klingelt und kein Fernseher läuft, einen Ort, an dem keine Geschäfte gemacht und keine Dienstleistungen erbracht werden. Wir (!) brauchen einen Ort, an dem Gott zu uns sprechen kann und wir mit ihm; an dem unsere Ziele geklärt und unsere Nöte ernst genommen werden, an dem unser Herz berührt und unsere Sehnsucht angesprochen wird; einen Ort, an dem wenn möglich, einmal alles schweigen muss, was mich ablenkt und zerstreut, was mich hindert, mein Leben zu finden und den eigenen Weg zu erkennen; einen Ort, an dem ich Zuspruch bekomme; einen Ort, an dem wir jemand vergibt; einen Ort, an dem ich Atem holen und Kraft schöpfen kann.

Nicht Gott, wir (!) brauchen diese Orte.

2.

Der Predigttext des heutigen Sonntags - das ist ein zufälliges, aber schönes Zusammentreffen – spricht von einem Menschen aus alter Zeit, der – auf der Flucht – solch einen Ort findet.

Die Geschichte von Jakob erinnert mich an diese schrecklichen Gerichtsreportagen, die man in Zeitungen lesen kann. Meist ist ein spektakulärer Fall von Mord oder Misshandlung schon über die Fernsehschirme geflimmert. Und dann schildert ein Journalist aus dem Gerichtssaal – und man liest es fassungslos und mit Entsetzen – wie ein Fall aufgerollt wird und dabei eine Familientragödie – oft über Jahre hinweg – sichtbar wird, eine Tragödie, die am Ende in einer schrecklichen Gewalttat endete.

Genau das droht über Jakob hereinzubrechen. Seine Mutter hat ihn, den jüngeren Sohn, über Jahre hinweg vorgezogen und zu seinen Gunsten intrigiert. Jakob hat sich´s gefallen lassen. Er selbst bringt es fertig, seinen Vater noch auf dem Sterbebett zu betrügen, dem Bruder hat er schon das Erbrecht des Erstgeborenen billig abgeluchst.

Ja – und dann geht es zu wie in den Fällen, die vor Gericht enden. Sein Bruder ist fest entschlossen, ihn zu töten. Hals über Kopf muss Jakob fliehen, keine Zeit, die Koffer zu packen, Erbe ade! Jetzt geht es nur noch ums nackte Leben.

Und das führt zur Geschichte, die – im ersten Mosebuch überliefert – uns heute als Predigttext gegeben ist. Ich lese aus 1. Mose 28:

Textlesung

Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen.

Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand vor ihm auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder.

Und der Herr stand oben darauf und sprach: Ich bin der Herr, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben.

Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden.

Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.

Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte und ich wusste es nicht!

Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.

Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf und nannte die Stätte Bethel (das heißt übersetzt: „Haus Gottes“) …

3.

Nun kann ich Jakob von sehr verschiedenen Seiten anschauen. Ich kann den

Lügner und Betrüger sehen, der die ihm nächsten Menschen, die eigene Familie und die persönlichsten Beziehungen tief verletzt, wenn nicht zerstört hat. Ich kann den Übeltäter sehen, der sich der Bestrafung entzieht. Ich kann in Jakob aber auch den Menschen sehen, dem durch eigene Schuld Heimat und Familie verloren gegangen ist; einen Menschen, der keinen Ort auf der Welt mehr hat, an den er gehen kann; einen Menschen, der – wenn er Vergebung suchen würde, wenn er sich nach Versöhnung sehnte – wohl keinen Weg finden würde, sie zu erfahren. Wer kann, wer will ihm helfen – außer Gott? Niemand!

In dieser Nacht, auf der Flucht, irgendwo draußen in der Wildnis, keine Decke und statt weichem Kissen einen Stein unter dem Kopf – da hat Jakob diesen außergewöhnlichen Traum von einer Leiter, die wie aus dem Nichts plötzlich zwischen Gott und ihm selbst erscheint.

Und da ist Verkehr auf der Leiter, eine Menge Verkehr, in beiden Richtungen so viel Engel wie Autos morgens im Berufsverkehr nach Frankfurt.

Engel steigen hinauf und tragen, Jakob, tragen Mensch, Deine tiefste Not zu Gott, sagen ihm, was Du dich kaum auszusprechen traust. Und genauso kommen Engel herab von Gott und sagen Jakob, sagen Dir, Mensch: Gott sieht dich. Er wendet sich niemals ab von dir. Du kannst ihm nicht verloren gehen. Er findet dich überall, auch auf der Flucht. Er möchte, dass du weißt: Er ist da. Er hat gute Gedanken über Dir und Deinem Leben. Er möchte nicht, dass du verloren gehst. Er wird dir helfen zur Versöhnung und zu neuem Segen – auch wenn du im Moment schläfst oder dich in dunkler Nacht ungeborgen und schutzlos wähnst; auch wenn das heißt, noch einen langen Weg zu gehen; Gott wird ihn mit dir gehen. Lass dich darauf ein.

4.

Ich vermute, eine Leiter wie diese findet sich nur in unserem jüdisch-christlichem Glauben.

In der Antroposophie Rudolf Steiners, im islamischen Glauben, in Buddhismus und Hinduismus würden keine Engel die Leiter nutzen. Dem Menschen wäre sie hingestellt, damit er auf ihr durch die Mühen eines religiösen Lebens Stufe um Stufe näher zu Gott empor kommt. Und je nach Religion hieße das tatsächlich, die Welt auf dem Weg zu Gott immer ein wenig mehr hinter sich zu lassen. Und wir wollen uns nicht über andere Religionen überheben. Auch das Christentum ist der Versuchung immer wieder erlegen, die Himmelsleiter umzudeuten – und auf ihr nicht die Engel Gottes zu sehen, sondern die Menschen, die sich mühen, Gott zu gefallen und sich selbst zu ihm emporzuheben.

Aber darin ist diese Geschichte radikal, weil – davon bin ich überzeugt – unser Glauben darin radikal ist: Der Mensch gehört nicht auf diese Leiter. In Wahrheit ist er nicht in der Lage, auch nur eine Sprosse auf ihr zu bewältigen.

Eine Erfolgsleiter, die können manche hochklettern. Aber dann stehen sie selbst ganz oben. Nichts dagegen, aber Glauben geht anders.

Gott stellt seine Leiter mit einem gewaltigen „Rumms“ auf den Boden der Tatsachen; er stellt sie auf die Erde, nicht damit wir der Wirklichkeit entfliehen, sondern damit Er in unserer Wirklichkeit ankommt.

„Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte und ich wusste es nicht!“, sagt Jakob, als er von diesem Traum erwacht.

Das andere aber wollen wir nicht übersehen: Auch wenn Zeit und Umstände, unter denen Gott hier einem Menschen begegnet, überraschend und ein Geschenk sind – sie haben natürlich eine Vorgeschichte im Leben Jakobs. Jakob hatte Menschen, die ihm Geschichten und Erfahrungen mit Gott erzählen konnten, die ihn angeleitet haben zum eigenen Gebet, die ihn lehrten, im Alltag und in der Welt Gott zu erkennen und mit seinem Reden und Handeln zu rechnen. Im Umgang mit unsrem Gott können wir uns üben. Jeder ordentliche Gottesdienst hilft uns dabei.

5.

Und dann gibt es immer noch solche Überraschungen: an einem Ort, zu einer Zeit und in einer Lebenssituation, in der ein Mensch nicht erwartet hat, Gott zu begegnen, geschieht genau das.

Und hier, als es geschieht, da macht ein Mensch aus dem Stein, auf dem er eben noch hart und kalt gelegen hat, einen Altar. Die Erfahrung des Glaubens schafft sichtbare Zeichen.

Ein Steinmal erinnert an ein Erlebnis mit Gott. Und ein Name, Bethel – „Haus Gottes“ – wird zum Hinweis auf eine unglaubliche Möglichkeit, auf Erden (!) eine Tür zum Himmel zu finden.

„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“

Jemand hat einmal gesagt, dass alte Kirchen ganz besondere Räume sind; weil hier die Steine sprechen; weil die Gebete all der Menschen vor uns hier nachwirken, ihre Lieder, die Worte, die gelesen wurden. Erfahrungen stehen dahinter.

„Eine Kirche ist nicht schon dann eine Kirche, wenn sie fertig gestellt und eingeweiht ist. Eine Kirche wird eine Kirche mit jedem Kind, das darin getauft ist; mit jedem Gebet, das darin gesprochen wird; mit jedem Toten, der darin beweint wird. Sie ist kein Kraftort, aber sie wird ein Kraftort, indem sie Menschen heiligen mit ihren Tränen und mit ihrem Jubel … Der Raum redet zu mir und erzählt mir die Geschichte und die Hoffnung meiner Toten und lebenden Geschwister … „(Fulbert Steffensky).

Gott kann mir überall begegnen, das muss nicht in einem Gottesdienstraum sein. Das zeigt uns Jakobs Traum.

Aber Jakobs Geschichte zeigt uns auch, dass Steine und Altäre, „Häuser Gottes“, etwas bewahren und weitergeben können davon, dass Gott zur Welt gekommen ist; dass er Träume geschenkt und Gebete erhört, dass er Boten gesandt und Zuspruch gewährt hat.

6.

Vor ein paar Tagen konnte jeder von uns noch einmal die Bilder von Prinzessin Diana sehen. Ihr Tod liegt jetzt 10 Jahre zurück. Fast zur gleichen Zeit wie sie starb Mutter Theresa, die große Fürsprecherin der Armen in Kalkutta, die Ordensfrau, die für ihren Einsatz und ihre selbstlose Liebe zu den Armen und stellvertretend für die Arbeit ihrer Schwestern den Friedensnobelpreis erhalten hatte.

10 Jahre nach ihrem Tod sind ihre über Jahrzehnte geführten Tagebücher öffentlich geworden. Sie selbst hatte gebeten, dass diese Bücher für immer unter Verschluss bleiben. Die Kirche hat diesen Wunsch abgelehnt. Und vielleicht sprechen wirklich gute Gründe dafür, diese sehr persönlichen Dokumente doch zu veröffentlichen.

Sie haben ein kleines Erdbeben ausgelöst. Das Time-Magazine der vergangenen Woche – und viele deutsche Zeitungen – haben darüber berichtet: Die Tagebücher Mutter Theresas zeigen auf erschütternde Weise, dass diese Frau, die so vielen geholfen hat und ein Vorbild geworden ist in Glauben, Liebe und Hoffnung, sich selbst in völliger Gottesfinsternis vorgefunden hat. Und das nicht als gelegentlicher Zweifel, wie ihn jeder Christ kennt, sondern als jahrzehntelanges Empfinden der Abwesenheit Gottes, was ihr persönliches Leben angeht.

"Wenn ich meinen Mund aufmache, um zu den Schwestern und den Menschen von Gott und Gottes Werk zu sprechen, gibt es ihnen Licht, Freude und Mut. Doch ich selbst bekomme nichts davon. In mir ist alles dunkel und ein Gefühl, dass ich von Gott total abgeschnitten bin."

Mit der Jakobsgeschichte gesprochen: Mutter Theresa hat anderen Menschen ein „Tor zum Himmel“ gezeigt und einen Altar gebaut, während sie selbst ein Leben lang auf dem harten Stein gelegen hat. Ihr eigenes Lächeln empfand sie manches Mal als eine „Maske“, sagt sie selbst.

Ich denke, das ist eine ganz große Ausnahme, aber auch das gibt es: dass einem Menschen die Erfahrung der Nähe Gottes verwehrt bleibt.

Sehr spät hat ein Geistlicher Begleiter Mutter Theresa helfen können, diesen Weg der inneren Dunkelheit und Leere als einen Weg anzunehmen, den Gott mit ihr geht.

So wie Jesus am Kreuz ruft „Mein Gott, mein Gott, wozu hast du mich verlassen?“ und dann betet „In deine Hände befehle ich meinen Geist“.

Tatsächlich gibt es in der Geschichte der großen Vorbilder und Zeugen des Glaubens einige wenige ähnliche Beispiele von Menschen, bei denen ein außergewöhnliches Wirken einhergeht mit einer großen inneren Dunkelheit – als ob das manchmal auf geheimnisvolle Weise zusammengehört.

Vielleicht passt die Veröffentlichung dieser persönlichen Dokumente in unsere Zeit, in der das Empfinden der Gottverlassenheit größer und mehr verbreitet zu sein scheint als in früheren Zeiten, das Gefühl, wie Jakob heimatlos zu sein und – heute selbst im Wohlstand – ungeborgen zu bleiben.

Mir scheint, ihr Geistlicher Begleiter hat Mutter Theresa sehr vorsichtig das Tor zum Himmel geöffnet und eine sehr schwere Erfahrung hineingestellt in die Geschichte Gottes.

„Orte der Einkehr und des Gebets“ – Lassen Sie uns den heutigen Denkmaltag mit seinem Motto und mehr noch die Jakobsgeschichte eine Ermutigung sein und hoffen und beten, dass Gott jedem Menschen den Ort zeigt, an dem er und sie ihre „Pforte des Himmels“ finden, angeregt vielleicht durch die Steine, die Menschen des Glaubens vor ihnen dort zusammen getragen haben – ermutigt vielleicht, selbst ein „Steinmahl“ zu errichten, also: die erfahrene Güte Gottes weiter zu geben.

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.

2. Sonntag nach Trinitatis

Gottesdienst mit Taufen zum Gemeindefest am 17. Juni 2007

„Wir bauen an Gottes Haus“

Liebe Gemeinde,

1.

„Wir bauen an Gottes Haus“ – so heißt das Motto, unter dem wir heute unser Gemeindefest feiern. „Wir bauen an Gottes Haus“ – diesem Motto möchte ich in der Predigt gern nachgehen.

Nächste Woche werden wir die Kirchenstühle, auf denen Sie gerade sitzen, zur Seite räumen. Dann werden hier Konfirmandinnen und Konfirmanden einfallen, ihre Isomatten und Schlafsäcke ausrollen und sich auf dem Boden ein Nachtlager einrichten.

Mit zwei Studenten habe ich eine Übernachtung in der Kirche vorbereitet. Zu einer guten Vorbereitung gehört, dass man sich vorher fragt: Was soll das eigentlich? Wozu machen wir das? Was soll da rüberkommen?

Ich finde es schön, wenn Menschen die Kirche schätzen und verstehen, wozu dieses Gebäude – wozu ein Gotteshaus - da ist und vielleicht sogar hören, wie die Steine anfangen zu sprechen und die vielen Zeichen und Farben in der Kirche anfangen, ihre Bedeutung preiszugeben. Das ist ein ganz großer Gewinn für jeden Menschen, wenn er oder sie die Botschaft dieses Raumes aufnehmen kann.

Vor kurzem hat ein Mädchen etwas ins Gästebuch eingetragen – ich habe sie noch gut in Erinnerung; sie gehörte zu einem früheren Konfirmandenjahrgang und ich weiß noch etwas von den Verhältnissen, in denen sie lebt und womit sie klar kommen muss – sie hat ins Gästebuch zusammen mit ihrem Namen den Satz geschrieben: „Ich liebe diese Kirche!“

Warum wollen wir hier übernachten? Wir haben gemerkt: Wir wünschen uns, dass die jungen Leute, wenn sie in dieser Kirche sind, merken: Bei Gott kann ich ein Zuhause finden.

Ich muss hier nicht zu jedem Fenster eine Erklärung und zu jedem Stein eine Jahreszahl wissen. Aber wenn ich hier spüre, dass ich bei Gott zu Hause sein kann, dann ist das ganz viel wert. Das bedeutet so viel für mein ganzes Leben.

2.

Ich brauche die Kirche, ich freue mich über das Gebäude und dass es Menschen einmal lieb und wert war, dieses Haus zu bauen. Mein Glauben braucht das Feiern gemeinsamer Gottesdienste – und doch:

Diese Erfahrung, dass ich bei Gott zu Hause sein kann, dass ich bei ihm ein Zuhause habe, die können wir an allen möglichen und ganz verschiedenen Orten machen.

Ich habe letzte Woche schon einmal meine Isomatte ausgerollt. Im großen Saal einer Schule im Stadtrand von Köln – zusammen mit 80 Mainzer Jugendlichen und Erwachsenen, die zum Deutschen Evangelischen Kirchentag angereist waren.

Nikolaus Ludwig von Zinzensdorf, der fromme Adlige, der im 18. Jahrhundert die Herrnhuter Brüdergemeine begründet hat, sagte: „Eine christliche Gemeinde muss sich täglich zusammenreden, zusammenbeten, zusammensingen ...“

Auch unser Singen ist ein „Bauen am Haus Gottes“. Vielleicht haben Sie das auch schon erlebt – ich wünsche es Ihnen – dass im gemeinsamen Singen ein Raum entsteht, in dem ich die Gemeinschaft von Menschen oder auch die Nähe Gottes erlebe. Wer ins 05-Stadion geht, bekommt einen Teil von diesem Erlebnis mit.

Ich würde gern einen Vers mit Ihnen, mit Euch singen, den letzte Woche mehr als 100.000 Menschen am Kölner Rheinufer miteinander gesungen haben.

Bless the Lord, my soul ...

Herr Paulitz spielt uns die Melodie auf der Orgel einmal vor. Vielleicht können Sie es dabei schon spüren. Die Lieder - und besonders Gesänge wie dieser aus Taize -, sind Gebete. In ihnen entsteht tatsächlich ein Raum, in dem wir mit Gott sprechen und auch er, Gott, mit uns spricht. Wir hören einmal die Melodie und singen anschließend gemeinsam.

3.

Wir haben auf den Kölner Rheinwiesen ein Konzert mit der A-capella-Gruppe Wise-Guys erlebt in einer Menge von 70.000 Menschen, die immer wieder auch gemeinsam gesungen haben.

„Wir bauen mit an Gottes Haus.“

Ich habe von dem Raum gesprochen, der im Singen entstehen kann. Aber hier auf den Rheinwiesen – mitten in einem begeisternden Open-Air-Konzert - stand plötzlich ein echtes Haus vor unseren Augen.

Eine liebevoll und sehr solide in Handarbeit gefertigte Lehmhütte aus Ruanda. Ein Fernsehjournalist war 1995 in das Land gereist. Er filmte damals eine Familie, in der die Eltern beide gerade an Aids gestorben waren. Die Tochter, 14 Jahre alt, war plötzlich allein – mit der Verantwortung für zwei kleinere Brüder im Alter von 5 und 9 Jahren. Das junge Mädchen musste irgendwie einen Lebensunterhalt bestreiten und dafür sorgen, dass sie für den Tag etwas zu essen hatten. Dann merkten sie, dass ihre baufällige Hütte bald über ihren Köpfen zusammen brechen würde.

Im vergangenen Jahr 2006 ist der Journalist wieder nach Afrika gereist, an den gleichen Ort.

Er hat wieder einen Film mitgebracht, auf dem vor einer – in Gemeinschaftsarbeit neu erbauten Hütte, eine junge Frau mit ihrer Familie zu sehen ist. Das 14jährige Mädchen von damals – inzwischen verheiratet und Mutter - erzählt, wie sie mit der Unterstützung kleiner und großer Hilfsorganisationen Mittel und Werkzeug bekam, um eigenes Geld zu verdienen und damit den Lebensunterhalt – auch noch anderer Familienangehöriger – zu sichern.

Ein Mädchen, das beide Eltern verloren hat, kann sich dennoch ein eigenes Leben aufbauen - und noch für andere Menschen sorgen.

„Wir bauen an Gottes Haus“.

Als wir auf den Rheinwiesen über Großbildleinwände diese Hütte sahen, da haben wir ein Haus gesehen, das uns sehr berührt. Wir haben aber auch noch ein anderes Haus gesehen. Wir haben gesehen, dass unsere Welt ein (!) Haus sein kann – in dem Menschen vieler Länder, in dem arm und reich miteinander leben und teilen lernen.

Ein Mausklick am Computer, eine Taste auf der Fernbedienung, eine umgeschlagene Seite meiner Zeitung – so nah sind wir uns heute.

Dass über die Globalisierungsfolgen heute diskutiert und gestritten wird, das ist richtig. Aber wir müssen doch nicht auf den Ausgang von Verhandlungen warten, um heute schon gute Nachbarn sein zu können!

Musiker wie die Wise-Guys sind für mich moderne Vorbilder. Sie geben ein Konzert und 70.000 Menschen können Party feiern und gleichzeitig nach Afrika schauen und sehen, was Menschen dort brauchen und dass Hilfe wirklich etwas bewirkt.

„Wir bauen mit an Gottes Haus.“

Dass so ein Abend am Rhein in Köln möglich ist, das ist kein Zufall. Von den Wise-Guys kommt einer aus der evangelischen, die anderen aus der katholischen Kirche. Die singen so gut, weil sie in der Chorarbeit der Kirche groß geworden sind. Und da sind wir wieder bei dem „Haus der Kirche“, an dem wir mitbauen wollen.

Die Musiker haben in der Kirche nicht nur ihre Stimmen geschult. Sondern auch etwas für ihr Leben mitbekommen – dass sie heute – auch wenn manche darüber den Kopf schütteln – auf einem Kirchentag auftreten, mit der Kindernothilfe zusammen arbeiten und auf ihre Homepage nicht nur Konzerttermine setzen, sondern auch einen Link zur Seite der „Weltbessermacher“. Klasse!

4.

Ich wüsste gern mal: Sind Konfirmanden hier heute morgen? Wo seid ihr denn?

Ich stelle Euch mal eine ganz blöde Frage: Kennt Ihr „Monrose“?

Natürlich kennt ihr sie. Die drei Frauen von „Monrose“ haben vor kurzem die Castingshow „Popstars“ im Fernsehen gewonnen und beglücken im Moment Deutschland mit Live-Auftritten und einer CD.

Ihr Auftritt war für den Abschluss des Freitag-Konzerts auf dem Kirchentag angekündigt.

Wie kommen die nun auf einen Evangelischen Kirchentag? Ich les’ euch mal vor, was sie auf ihrer Homepage schreiben:

Monrose haben Ansprüche an sich und ihre Musik. Mandy: "Ich bin fest davon überzeugt, dass wir mit der Single und unserem Album alle davon überzeugen können, wie hoch die Qualität der Monrose ist. Wir machen uns jede Menge Gedanken und wir haben viel zu sagen. Schließlich sind wir Multikulti und das macht Spaß! Wir arbeiten, wir feiern und wir beten zusammen."

Zwei der Frauen gehören dem Islam an; Mandy, das dritte und jüngste Mitglied der Gruppe, sagt in einem Interview in einem Teenie-Magazin: „Ich bin ja katholisch und war auch früher ganz oft in der Kirche, aber mittlerweile ist das nicht mehr so. Wir beten vor unseren Auftritten, Bahar und Senna sind da religiöser als ich ...

Mandy selbst – merkt man – kann im Moment mit dem Glauben ihrer Kirche nicht so viel anfangen. In der Jury der Castingshow aber sitzt ein Musikproduzent, der als engagierter Christ auch mit ihr immer wieder ins Gespräch kommt. Mal sehen, ob Mandy herausfindet, wo sie selbst im Glauben zu Hause ist.

5.

Bei diesen Musikern – ich weiß nicht, habt Ihr’s merken können? – da hat man heraushören können, dass noch an einem anderen Ort am Haus Gottes gebaut wird – und dazu möchte ich zum Schluss noch etwas sagen – dieser Ort ist die Familie.

Zwei Familien feiern heute Taufe. Eltern und Paten haben versprochen, dass sie in ihren Häusern auch den Glauben pflegen wollen, damit ihre Kinder damit aufwachsen und sie als Familie damit leben können.

Wir wissen, was in einer Familie – auch in meiner Familie – alles schief gehen kann. Aber wir wissen auch oder wir lernen es hier miteinander, was wir dagegen zu setzen haben. Hier nehmen wir etwas auf, dass wir in unserem Alltag durchbuchstabieren können, wie wir mit Glauben, mit Liebe und mit Hoffnung leben können.

Das wird sich auswirken – so wie bei den Menschen, von denen ich jetzt erzählt habe.

Wissen Sie, wie das bei Pfarrern ist? Sie kennen den netten Spruch: „Pfarrers Kinder, Müllers Vieh - ...“?

Ich lese gerade mit Begeisterung ein Wirtschaftsmagazin (brand eins). Das Heft für „Juni“ hat das Schwerpunktthema „Anstand und Kapitalismus“. Darin steht: „Man muss kein Gauner sein, um gute Geschäfte zu machen“. Glauben Sie das auch?

Die „Erste Bank AG, Österreichs Sparkasse“ hat eine gemeinnützige Stiftung, in die jährlich ein Drittel der Dividende eingezahlt wird. Weil die Sparkasse über die letzten Jahre stark gewachsen ist, sitzt Boris Marte heute in seinem Büro und überlegt, wie er 60-70 Millionen Euro im Jahr an Stiftungsgeldern sinnvoll ausgeben soll.

Da hat er sich gefragt, welche Idee steckt eigentlich hinter der Gründung unserer Bank? Eine Durchforstung verstaubter Archivunterlagen führte auf einen Pfarrer (!). Johann Baptist Weber lebte um das Jahr 1800. Sparen hieß damals, Vorräte anzulegen, also Nahrungsmittel im Vorratskeller zu stapeln. Als immer mehr Menschen das Land flüchteten, um in der Stadt Arbeit zu finden, bekamen sie natürlich keine Lebensmittel, sondern Geld als Lohn. Banken wie heute gab es nicht, Bankiers kümmerten sich in erster Linie um reiche Menschen. Also gründete Pfarrer Weber gemeinsam mit wohlhabenden Bürgern eine Sparkasse für die Armen. Die Kunden bekamen vier Prozent Zinsen für ihre Spareinlagen, die Funktionäre arbeiteten ehrenamtlich. So hat die Bank Währungskrisen und Kriege überlebt und sich zu einem profitorientierten Unternehmen entwickelt.

Heute gräbt diese Bank die Idee des fast vergessenen Pfarrers und seiner Mitstreiter wieder aus. Die Stiftung richtet in Zusammenarbeit mit der Caritas in einer „Zweiten Sparkasse“ Konten ein für Menschen, die bei keiner anderen Bank mehr ein Konto bekommen würden. Ich könnte jetzt lange davon erzählen, mit welchen und mit wie vielen Menschen sie auf diese Weise zusammen kommen, Menschen, die sich über diese Hilfe wieder eine Existenzgrundlage aufbauen und bald auch einer regulären Bank als Kunden wieder genehm sind.

Im gleichen Wirtschaftsmagazin liest man über eine Firma, ein echtes Vorbild für „Anstand im Kapitalismus“. Und wieder: sie geht auf den Sohn eines Pfarrhauses zurück!

Mir geht es ja gar nicht darum, zu sagen, wie toll die Pfarrer (und Pfarrerinnen sind). Für die ehrenamtliche Mitarbeit in der „Zweiten Sparkasse“ haben sich beim ersten Aufruf 180 Mitarbeiter der „Ersten Sparkasse“ gemeldet, um ihre Freizeit ohne Bezahlung für dieses Projekt einzusetzen.

Nein, es geht nicht um den Pfarrer. Aber wenn ein Wirtschaftmagazin sich mit der Frage nach Anstand, nach Ethik und Werten beschäftigt, dann stößt man - auf das Elternhaus.

Im letzten Jahrhundert hat ein Wissenschaftler gefragt: Was ist die wichtigste Werkstatt im Atomzeitalter? Und seine Antwort: die Familie!

Auch in der Familie bauen wir am „Haus Gottes“. Das ist uns eine besondere Verpflichtung, gerade weil da heute so viel im Argen liebt.

Ein alter Name für die Kirche ist „famlia dei“, die „Familie Gottes“. Ich denke, dass viele Kinder und Jugendliche, viele Menschen darauf warten, dass sie bei uns, in der Kirche, etwas erleben – vielleicht auch nachholen können, was ihnen in der eigenen Familie nicht begegnet ist.

Mir ist das selbst sehr ungewohnt, ich gebrauche nicht oft das Wort, das man für Christen auch gebraucht, aber im Grunde ist es sehr schön, wertvoll und richtig – wir sind „Brüder und Schwestern“. Und wenn mir der Name noch ungewohnt ist, dann muss ich mich eben noch einüben in die Weise, wie Christen zusammen leben – und mit ihrem Leben auch zu einem Zeichen werden in der Welt und zu einer Hoffnung für die Menschen.

„Wir bauen an Gottes Haus“ – es wäre schön, wenn Sie, wenn Ihr, heute einen Geschmack dafür, vielleicht eine Idee dafür bekommen habt, was das für Euch heißen kann.

Die Taufe feiern, und ein Gemeindefest feiern – wie wir das heute tun, gehört bestimmt auch dazu. Aber es soll nicht dabei bleiben. Das soll weiter gehen.

Und im Herbst, so Gott und das Mainzer Bauamt will – nehmen wir dann auch den Spaten in die Hand!

„Wir bauen mit an Gottes Haus!“

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

1. Sonntag nach Trinitatis 2007

Pfarrerin Dr. Angela Rinn-Maurer

Lukas 16, 19-31 Vom reichen Mann und armen Lazarus

19 Es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich in Purpur und kostbares Leinen und lebte alle Tage herrlich und in Freuden.

20 Es war aber ein Armer mit Namen Lazarus, der lag vor seiner Tür voll von Geschwüren

21 und begehrte, sich zu sättigen mit dem, was von des Reichen Tisch fiel; dazu kamen auch die Hunde und leckten seine Geschwüre.

22 Es begab sich aber, daß der Arme starb, und er wurde von den Engeln getragen in Abrahams Schoß. Der Reiche aber starb auch und wurde begraben.

23 Als er nun in der Hölle war, hob er seine Augen auf in seiner Qual und sah Abraham von ferne und Lazarus in seinem Schoß.

24 Und er rief: Vater Abraham, erbarme dich meiner und sende Lazarus, damit er die Spitze seines Fingers ins Wasser tauche und mir die Zunge kühle; denn ich leide Pein in diesen Flammen.

25 Abraham aber sprach: Gedenke, Sohn, daß du dein Gutes empfangen hast in deinem Leben, Lazarus dagegen hat Böses empfangen; nun wird er hier getröstet, und du wirst gepeinigt.

26 Und überdies besteht zwischen uns und euch eine große Kluft, daß niemand, der von hier zu euch hinüber will, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber.

27 Da sprach er: So bitte ich dich, Vater, daß du ihn sendest in meines Vaters Haus;

28 denn ich habe noch fünf Brüder, die soll er warnen, damit sie nicht auch kommen an diesen Ort der Qual.

29 Abraham sprach: Sie haben Mose und die Propheten; die sollen sie hören. 30 Er aber sprach: Nein, Vater Abraham, sondern wenn einer von den Toten zu ihnen ginge, so würden sie Buße tun.

31 Er sprach zu ihm: Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.

 

Herr, segne unser Reden und Hören. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

 

„wer von Euch weiß denn, was G 8 bedeutet?“ habe ich am Dienstag die Konfis gefragt. Eine konnte erklären: die 7 wichtigsten Industrienationen und Russland, aber insgesamt war das Ergebnis meiner Umfrage ziemlich mau, und ich habe die Konfis aufgefordert, doch einmal ihre Lehrer darauf hinzuweisen, dass sie sie über G8 aufklären sollen. Mir ist schleierhaft, warum dieses Thema nicht selbstverständlich ganz oben auf der Prioritätenliste des Stundenplans steht. Es geht um die Zukunft dieses Planeten und in der Schule sprechen sie über alles mögliche, nur nicht über dieses Thema. Doch ich will mir an die eigene Nase fassen - seit wann merke ich denn, dass ich über den Tellerrand hinausblicken muss? Ich schaue kurz zurück: 2001 waren wir im Autoreisezug unterwegs nach Livorno, und der Zug hatte Verspätung, weil er an der Grenze angehalten wurde. Andere Züge wurden gar umgeleitet und kamen gar nicht an ihrem Ziel an. Woran lag es - G8 Gipfel in Genua, die Situation eskalierte, ein Demonstrant wurde erschossen. In unserer friedlichen Toscanaidylle kam das allerdings nur gedämpft an, und weil der Urlaub so schön war, habe ich die ganze Angelegenheit auch bald vergessen. Zwei Jahre später flog ich nach Südostasien und besuchte auch Laos. Dort erlebte ich die erste Ausgangssperre meines Lebens, seitdem ich das 18. Lebensjahr vollendet hatte. Um 22 Uhr mussten wir im Hotel sein. Grund: In Laos fand die Asean Konferenz statt. Extra für die Konferenz hatte man eine große Straße vom Flughafen zum Tagungsort asphaltiert, der Rest von Laos versank weiterhin im gewohnten Staub oder Schlamm. Ich tobte in meinem Hotelzimmer. Was war das für ein korrupter Staat, der seine Menschen einfach einsperrt, typisch Steinzeitkommunismus. In unserer Demokratie wäre das so nie möglich. Nun, wenige Monate später kam Busch nach Mainz und ich merkte, was bei uns alles möglich ist. Z.B., Menschen aus Sicherheitsgründen zu verbieten, ans Fenster ihrer eigenen Wohnung zu treten. Und nicht nur in Laos wird für Konferenzen gebaut, auch hier in Deutschland, ein ganzer Zaun. Mag sein, dass ich als Kind des Jahrgangs 1961 ein gestörtes Verhältnis zu Zäunen habe. Als ich im Bauch meiner Mutter heranwuchs, da wurde auch einer gebaut und meine Mutter wusste nicht, ob sie das Kind, das sie erwartete, überhaupt kennenlernen würde, denn aus Sicherheitsgründen - Stichwort Kubakrise - stand der dritte Weltkrieg vor der Tür. Zäune lösen in mir daher, sozusagen als Geburtsschaden, zwiespältige Gefühle aus. Ich finde, wir haben genügend Zäune in Deutschland gehabt.

Der Kirchentag hat sich prominent und in einer Liveschaltung an die G8Teilnehmer gewandt. Wer das Evangelium dieses Sonntags hört und liest, dem ist auch sofort klar, warum G8 ein natürliches Anliegen für Christen sein muss. Nicht die Armut des Lazarus ist der eigentliche Skandal dieser Geschichte, sondern die Tatsache, dass diesem Menschen jede Würde verwehrt wird, die einem Geschöpf Gottes zukommt. Wenn einer nicht einmal das Lebensnotwendige besitzt, wenn die Hunde seine Geschwüre lecken, wenn er von anderen, die ihm helfen könnten, einfach übersehen wird und nicht einmal die Brosamen von ihrem Tisch bekommt, dann wird seine Würde mit Füßen getreten. Und diese Verletzung geschieht heute überall. Deshalb ist die Zukunft Afrikas ein wichtiger Punkt des G8 Gipfels. Übrigens  ist es auch eine Verletzung der Würde, wenn ich Menschen verletze, ihnen Gewalt antue.

Ich maße mir nicht an, über politische Rezepte zu diesem Thema zu verfügen. Aber das ist ja auch nicht meine Aufgabe. Ich finde, unsere Aufgabe als Christen ist: hinzuschauen, diese Lazarusse der heutigen Zeit wahrzunehmen und sie als Menschen zu sehen, als Ebenbilder Gottes, deren Würde mit den Füßen getreten wird. Jeder arme Mensch, der halbtot an die Küsten Teneriffas gespült wird, ist ein solcher Lazarus der heutigen Zeit, jedes Kind, das verwaist und elend an Aids stirbt, ist ein Lazarus. Unsere Aufgabe ist, ihre Würde hochzuhalten und anzumahnen. Genau das tut der Kirchentag, friedlich, eine friedliche Demonstration tausender Menschen.

Und unsere Aufgabe als evangelische Christen ist darüberhinaus, ein hohes Gut unseres Glaubens und unserer Tradition hochzuhalten. Es geht um Freiheit. Die Freiheit, die aus der Liebe Gottes zu seinen Menschen erwächst. Jeder von uns ist ein Mensch, der ohne eigene Leistung oder Verdienst von Gott geliebt ist. Das richtet auf, daraus erwächst eine unglaubliche Freiheit. Martin Luther hat für diese Freiheit Kopf und Kragen riskiert, die Hugenotten und die evangelischen Österreicher haben dafür ihre Heimat aufgegeben, weil sie lieber frei glauben als unterdrückt bleiben wollten. Beides hängt zusammen: die Freiheit und die Würde eines Menschen. Ich habe das in mir gespürt, als ich empört in Laos im Hotel saß, aber auch, als ich wegen des Besuchs des amerikanischen Präsidenten mich nicht frei in meiner eigenen Stadt bewegen durfte. Vielleicht muss man das erst einmal am eigenen Leib erleben, dass einem etwas genommen wird, was einem westlichen Europäer immer als selbstverständliches Gut erschien: die Freiheit. Um zu merken: Hier wird mit meiner Freiheit auch meine Würde eingeschränkt. Als Busch kam, bin ich deshalb lieber geflohen und mit meinem Kind nach Bonn gefahren. Die Schulen waren ja sowieso an diesem Tag geschlossen. In Bonn wurde unser Grundgesetz beschlossen, und nach Artikel 1 ist die Würde des Menschen unantastbar. Die Väter und Mütter des Grundgesetzes fühlten sich dem christlichen Erbe verpflichtet. Sie wussten genau, was sie mit Artikel 1 aussagten: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Um diese Würde zu wahren, wurde auch das Recht auf freie Meinungsäußerung und das Postgeheimnis festgelegt. Und heute? Seit dem Herbst des Jahres 2001 werden diese freiheitlichen Rechte immer mehr ausgedünnt, aus Sicherheitsgründen, wie es heißt. Im Namen der Sicherheit darf dann, vor dem G8 Gipfel, das Postgeheimnis verletzt, das Demonstrationsrecht zurückgenommen und Geruchsproben von Menschen genommen werden. Das geschieht im Namen der Sicherheit - mit der Würde des Menschen hat das aber gar nichts mehr zu tun. Und mit Christentum auch nichts.

„Als der Sohn unseres Gottes auf Staatsbesuch kam“, meint zu mir ein katholischer Priester, „da bauten sie keine Straßen, zogen keine Zäune und sperrten nicht die Bevölkerung aus.“ - „Vielleicht ist das ein schlechtes Beispiel“, sage ich, „denn du weißt ja, was sie dann mit ihm gemacht haben - sie haben ihn umgebracht.“ - „Ja“, sagt er, „aber das ist eben der Unterschied. Gott hat sich mitten unter seine Menschen begeben. Deshalb hat er auch ein menschliches Gesicht. Das ist natürlich ein Sicherheitsrisiko.“ Gott ist es eingegangen. Und deshalb hat jeder Mensch eine Würde, auch der geschundene, zerschlagene Mensch. Auch Lazarus. Gerade wie er sah unser Herr  auch aus, als sie ihn geschlagen und gefoltert hatten. Und schon deshalb hat jeder leidende Mensch seine Züge, die Züge Jesu Christi.

Wenn ich sie nicht wahrnehme, dann sitze ich schon zeit meines Lebens in der Hölle. Der Reiche achtet die Würde des Lazarus ja noch nicht einmal, als er in der Hölle sitzt. Er meint da noch, er könne über ihn bestimmen, könne ihn schicken oder beauftragen lassen. Schick den Lazarus, sende ihn zu mir. Noch in der Hölle kann der Reiche nur sich selbst sehen, hat einen Horizont, der über seinen Bauch nicht herausreicht, nimmt nur seine Bedürfnisse und nicht die der anderen wahr - zB die Bedürfnisse des Lazarus, der ausruht nach seiner Qual. Das ist höllisch, wenn ich nicht über den Tellerrand blicken kann. Es ist höllisch, und doch ist es Alltag.

Eine aktuelle Geschichte, die Jesus da erzählt hat, aktuell bis heute. Deshalb hat Jesus sie auch ganz lakonisch erzählt, fast unaufgeregt. So ist es. So leiden Menschen, ganz selbstverständlich. Und genauso selbstverständlich endet der Reiche in der Hölle.

Es ist zwischen uns und euch eine große Kluft, erklärt Abraham, dass niemand, der von hier zu euch hinüber will, dorthin kommen kann und auch niemand von dort zu uns herüber.

An der Kluft zwischen Himmel und Hölle können wir nichts ändern. Doch an den Mauern unserer Zeit, an der Kluft zwischen Arm und Reich, an der Verletzung der Würde von Menschen im Namen von Sachzwängen und Sicherheitsbedürfnissen, da können wir einiges dran ändern. Unsere Stimme erheben, Einspruch einlegen, im Namen unseres Herrn.

 

Amen.

Jubilate (3. Sonntag nach Ostern)

1. Mose 1, 1-4a.26-31; 2, 1-4a

Pfarrer Andreas Nose

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, uns es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.

Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war.

Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.

Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.

Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.

Und Gott sprach: Sehet da, ich habe euch gegeben alle Pflanzen, die Samen bringen, zu eurer Speise. Aber allen Tieren auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem Gewürm, das auf Erden lebt, habe ich alles grüne Kraut zur Nahrung gegeben. Und es geschah so.

Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Da ward aus Abend und Morgen der sechste Tag.

So wurden vollendet Himmel und Erde mit ihrem ganzen Heer. Und so vollendete Gott am siebenten Tag seine Werke, die er machte, und ruhte am siebenten Tag von allen seinen Werken, die er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, weil er an ihm ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte.

So sind Himmel und Erde geworden, als sie geschaffen wurden.

 

Liebe Gemeinde,

1.

es war gestern morgen beim Brötchenholen. Wir hatten vor dem Tresen über das sommerliche Wetter gesprochen. Beim Gehen beendete eine Kundin unser Gespräch mit dem Satz: „Der Mensch schaufelt sich sein eigenes Grab“.

Wie wäre das vor 10 Jahren gewesen? Da hätten wir uns wahrscheinlich auch über das Wetter unterhalten, aber zum Abschied - denke ich - einfach ein schönes Wochenende gewünscht. Heute leben wir mit dem Bewusstsein, dass der Mensch seine eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören, nicht nur in der Lage ist, sondern schon lange alles dazu tut, damit dies auch eintritt.

2.

Der Bundesumweltminister Sigmar Gabriel hat in der vergangenen Woche einen 8-Punkte-Plan zur Senkung der Treibhausgas-Emissionen um 40 Prozent bis zum Jahr 2020 vorgestellt.

Ich will das nicht kritisieren. Ich bin ja froh, wenn sich etwas bewegt, aber: Ankündigungen haben wir schon viele gehört. Wenn wir dabei ein gewisses Unbehagen empfinden, liegt das – glaube ich – nicht nur an einem Misstrauen Politikern gegenüber. Ich jedenfalls empfinde ein Misstrauen, das viel tiefer geht und weiter reicht, dass es sich nicht nur auf Politiker, sondern auf die Menschen überhaupt erstreckt, ja, auch auf mich selbst: „Bin ich denn fähig und willens, meine Lebensweise einschneidend zu ändern? Kann ich einen sinnvollen Beitrag leisten? Verändert das irgendetwas in der Welt? Und ist die Menschheit lernfähig?

3.

Wenn ich die biblische Erzählung von der Schöpfung lese und höre, dann scheint sie mir viel zu unwirklich und viel zu schön; als ob ich mir erst einmal die Hände waschen – und mehr noch das Herz reinigen –müsste, bevor ich mich trauen darf, sie in die Hand zu nehmen, geschweige denn, sie zu verstehen!

Und tatsächlich scheint sie mir nur zugänglich, wenn wir auch die nachfolgende Geschichte vom Sündenfall des Menschen bereit sind, zur Kenntnis zu nehmen.

Denn es geht (!) ein Riss durch die Schöpfung. Da ist etwas nicht in Ordnung. Da ist etwas grundlegend gestört. Und das hat mit uns Menschen zu tun.

In diesem Miteinander von Schöpfung und Sündenfall – da kommt uns das biblische Erzählen ganz nah und wird realistisch.

Ich empfinde jedenfalls, dass die Welt wie ein wenig aus der Kurve geflogen, aus einer guten Ordnung gefallen, ist – und das nicht nur, wenn ich die Nachrichten sehe, sondern auch, wenn ich mich selbst mit ehrlichen Augen betrachte.

Aber auch das andere kann ich doch manchmal spüren – wie das Leben gemeint ist, wann etwas gut ist und dass etwas gelingen kann ...

Und manchmal erkenne ich auch eine ursprüngliche Schönheit in den Dingen – und in den Menschen natürlich – und in unseren Beziehungen ...

Und da sind wir der Schöpfungsgeschichte auf der Spur. Denn sie erzählt in Wirklichkeit nicht von den ersten Tagen, sondern von der Schönheit und Ordnung der Welt, sie erzählt, warum und wozu wir da sind ... was gelingendes Leben bedeutet und was das Wesen von Mann und Frau ausmacht ...

Und natürlich wird das mit Absicht erzählt. Um uns auf den Weg zu locken, der über alle Risse und Abgründe des Lebens führt – in dem sie uns beschreibt, wie Gott es sich gedacht hat, wie schön diese Welt ist und von welcher Würde jeder einzelne Mensch, jeder von uns ...

So wie ich den Text nur in Auswahl gelesen habe, möchte ich auch hier nur einige Gedanken herausgreifen:

4.

Die Reihenfolge, in der erzählt wird, leuchtet fast auch dem Naturwissenschaftler ein und könnte so auf Tafeln im Biologiesaal hängen: Pflanzen, Tiere, dann der Mensch.

Aber es gibt seltsame Ungereimtheiten. Warum wird das Licht geschaffen, Tag und Nacht eingeführt, bevor die Sonne da ist? Warum kommen Sonne, Mond und Sterne erst am dritten Tag? Wer achtsam liest, kann merken, sie werden beschrieben fast wie bei einem Einkauf im Elektroladen. Lampen, die am Himmel befestigt werden. Als ob gleich der Elektriker die Leitungen anschließt.

An dieser Stelle zerstört die Bibel alte Mythen auf eine Weise, die in der Weltgeschichte kein Beispiel hat. Nichts (!) ist mehr mit Sonnengott und Mondgöttin, die bis heute durch magische Fantastereien und Mondkalender geistern. Schicksalsmächte? Nein! Beleuchtungskörper! Das ist bis heute einmalig. Sternbilder, Tierkreiszeichen ohne Einfluss auf den Menschen?

Der dänische Atomphysiker Niels Bohr hat erzählt, sein Nachbar habe in seinem Ferienhaus über der Eingangstür ein Hufeisen angebracht. Die Geschichte ist in viele Versionen weitergegeben worden. Der Nachbar, gefragt, ob er denn abergläubisch sei, dass er an so etwas glaube, habe geantwortet: „Natürlich nicht, aber man hat mir gesagt, das hilft - auch, wenn man nicht daran glaubt.“

Das ist auch mit den Horoskopen so. Natürlich glaubt niemand daran. Aber es ist doch auffällig, wie oft sie zutreffen?

Da wollen die Erzähler der Bibel unserer Moderne offenbar deutlich voraus sein. Darum werden Sonne und Mond erst am dritten Tag erschaffen und die Sterne klappern auch noch nach. Aus ehemaligen Gottheiten werden Beleuchtungsgegenstände. Sie gehören zu den geschaffenen Dingen. Göttlich ist Gott allein. Wenn erzählt wird, dass sie Tag und Nacht „beherrschen“ sollen, ist noch ein leichter Anklang an ihre alte Macht erhalten, aber er wird ganz zurückgenommen.

Da wird der Mensch auch von einer Angst befreit, dass hinter jedem Stein – nein in jedem Stein – eine Macht lauert, die mein Leben in der einen oder anderen Weise beeinflussen könnte.

Früher waren es Eingeborenenvölker, die beim Gang in den Wald Angst und Vorsicht zeigten, die Götter nicht zu verärgern. Heute sind es unsere Nachbarn von nebenan, die bei der Einrichtung ihrer Wohnung Sorge haben, etwas falsch zu machen und dadurch Mächte zum eigenen Schaden falsch zu kanalisieren.

Alles, was ist, ist von Gott geschaffen. Und natürlich ist er richtig, mit Achtung und Sorgfalt damit umzugehen, es aber auch in Dankbarkeit und Freiheit wahrzunehmen. Zu bebauen und zu bewahren. Auch verantwortlich und in der dem Menschen gegebenen schöpferischen Kraft weiterzuentwickeln.

Noch eine Warnung spricht unsere Geschichte hier aus: Immer muss der Mensch aufpassen, dass er sich nicht mit Gott verwechselt oder sich anmaßt, seine Stelle einnehmen zu können.

Das ist seltsam: Ein Mensch, der den einen (!) Gott nicht kennt, scheint entweder ganz vielen Göttern dienen zu müssen oder – in nur naturwissenschaftlicher und darum einseitiger Sicht auf die Welt - in der Gefahr zu stehen, dass er selbst diesen Platz einnimmt mit allen Konsequenzen für sich und seine Umwelt – bis er sich dann auch die Entscheidung über Leben und Tod anmaßt – am Anfang des Lebens und an seinem Ende, genauso wie für weite Teile der ihn umgebenden Natur.

5.

Der Mensch. Die Schöpfungsgeschichte zielt auf ihn.

Der frühere Bischof von Hannover, Horst Hirschler, erzählt von einem zufälligen Treffen auf dem Flughafen. Er sieht dort den Sohn eines guten Bekannten. Sie kommen ins Gespräch. Der junge Mann arbeitet in der Forschung bei CERN, diesem riesigen Teilchenbeschleuniger. „Was machen Sie da gerade“, fragt der Bischof. „Wir versuchen die erste zehn hoch minus sechszentel Sekunde des Weltalls nach dem Urknall zu erkunden.“ – „Was machen Sie?“ staunt der Bischof, „erzählen Sie mal!“ – Der junge Mann fragt: „Das interessiert Sie wirklich?“ – „Und ob!“ – Der Flug hat Verspätung, es bleibt Zeit für einen zwanzigminütigen Kurzvortrag. Schließlich fragt der Bischof: „Und wie bringen Sie in dem, was Sie da forschen, Gott unter?“ – „ Wie bitte?“, fragt der andere irritiert zurück. – „Wie reden Sie in solchen Zusammenhängen von Gott?“ – Fast erstaunt sagt der Forscher nach einigem Zögern: „So eine Frage habe ich mir in meinem ganzen Leben in dem Zusammenhang noch nie gestellt. Die gehört nicht zu den Fragen, die wir stellen.“ Dreht dann aber den Spieß um und sagt, etwas verlegen lachend: „Das ist doch nun wirklich ihr Thema! Was sagen Sie denn dazu?“

Der Bischof sagt, dass er das seltsam findet, wie wir heute über die Entstehung der Welt sprechen. Wir sagen: Das Licht entstand zusammen mit dem Urknall. Wir sagen: Die Evolution hat unglaubliche Lebewesen hervorgebracht. Aber wer handelt denn da. Die Evolution ist doch gar keine Größe, die etwas will. Man kann von Zufall und Notwendigkeit sprechen, von Abläufen, von Natur und Geschichte ... aber wenn man genau hinschaut, sind das alles eigentlich Ersatzworte - für einen Gott, der wirksam ist in dem allen. Eigentlich sind es Verlegenheitswörter, wie Platzhalter. Am Ende dieser Geschichte vom Anfang der Welt und der Evolution stehe ich doch selbst und frage mich: Was soll das alles? Wozu?

In dem Moment, in dem ich so frage, will ich nicht biologischer Abläufe noch genauer klären, sondern suche eine Vergewisserung meines eigenen Lebens. MARTIN LUTHER sagt: „Ich glaube, dass mich (!) Gott geschaffen hat, samt allen Kreaturen ...“ (Kleiner Katechismus). Ich glaube, dass ich da bin, weil Gott gerade mich gewollt hat. Es ist kein Zufall, dass ich da bin, sondern liegt an Gottes Liebe und Freude an diesem einen unverwechselbaren Menschen, der ich bin.

Und wenn es recht zugeht, dann kommt diese Liebe auch bei mir an und spiegelt sich sich zum Beispiel in der Liebe der Eltern zu ihrem Kind.

6.

In dieser Woche hatte ich ein kurzes Gespräch mit einem Schüler, der beiläufig, sehr ruhig und nüchtern von der Möglichkeit sprach, sich das Leben zu nehmen.

Auf der Schule hat er keine Zukunft. Wahrscheinlich muss er sie im Sommer vorzeitig verlassen. Das ist für ihn ein Endpunkt, über den hinaus er - im Moment jedenfalls – keinen Weg sehen kann.

In der Vergangenheit – und das schon über Jahre – ist er auf verschiedene Weise untersucht und getestet worden – Intelligenzquotient, Verhaltensauffälligkeiten, Lernschwächen und Sozialverhalten ... so dass die naturwissenschaftlich-technisch-medizinische Seite eigentlich abgedeckt scheint (und die ist auch hier wichtig).

Aber aus seiner Situation schreit eine ganz andere Frage aus ihm heraus – die LUTHER schon in seinem Kleinen Katechismus meinte – nach einer Vergewisserung: Was für einen Wert hat es eigentlich, dass ich da bin? Was ist mein Leben, was bin ich selber wert? Und ist da etwas, das tiefer reicht, als alle möglichen Messergebnisse und Noten und das - vor allem - auch unabhängig davon gilt?

Diesem Jungen wünsche ich natürlich, dass er die nötige Unterstützung bekommt und einen Weg findet, der ihm möglich ist. Ich wünsche ihm aber dazu, dass ihn im Herzen erreicht, wovon die Schöpfungsgeschichte spricht und worauf sie zielt:

7.

Dass der Mensch geschaffen wird, das ist ein Wunder. Und wenn ein Mensch geboren wird, ist das ein Wunder.

Das ist ein ganz kleines „bisschen“ Biologie. Aber damit ist das Meiste und Wichtigste über den Menschen noch gar nicht gesagt.

„Du machst ihn wenig geringer als Gott“, heißt es über den Menschen in einem Psalm. Der Mensch – ausdrücklich als Mann und Frau in gleicher Augenhöhe geschaffen – ist ein Gesprächspartner Gottes. Es hat etwas mit Liebe zu tun, dass er da ist und es macht Sinn – das Leben jedes einzelnen Menschen. Und eine Aufgabe ist damit verbunden – in dieser Welt verantwortlich und schöpferisch zu handeln.

Also freue ich mich – wenn auch zurückhaltend – auch über den Vorschlag von Sigmar Gabriel zur Verminderung des Treibhauseffektes.

Aber mehr Mut macht mir noch, dass Gott im Leben, Sterben und der Auferstehung Jesu in den Riss dieser Welt hinein Leben und Versöhnung gebracht hat – und noch einmal ganz deutlich macht, wie sehr ihm unser aller Leben am Herzen liegt.

Darum „Jubilate!“ – Freuet Euch!

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in ihm, Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.

Judika (5. Sonntag in der Passionszeit)

Johannes 11, 47-53

Pfarrer Andreas Nose

Da versammelten die Hohenpriester und die Pharisäer den Hohen Rat und sprachen: Was tun wir? Dieser Mensch – Jesus – tut viele Zeichen. Lassen wir ihn so, dann werden alle an ihn glauben, und dann kommen die Römer und nehmen uns Land und Leute.

Einer aber von ihnen, Kaiphas, der in dem Jahr Hoherpriester war, sprach zu ihnen: Ihr wisst nichts; ihr bedenkt auch nicht: Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe.

Das sagte er aber nicht von sich aus, sondern weil er in dem Jahr Hoherpriester war, weissagte er. Denn Jesus sollte sterben für das Volk und nicht für das Volk allein, sondern auch, um die verstreuten Kinder Gottes zusammenzubringen.

Von dem Tag an war für sie beschlossen, dass sie ihn töteten.

Liebe Gemeinde,

1.

ich liebe dieses Buch, die Bibel. Und das nur aus einem Grund: Fast egal, an welcher Stelle ich sie aufschlage – immer wieder habe ich den Eindruck: In diesem Buch hat alles Menschliche Platz ...

.... auch die „große Politik“.

Der kurze Abschnitt aus dem Johannesevangelium nimmt uns heutige Zuhörer ohne Umwege mit hinein in eine Sitzung, in der Verantwortungsträger eine Entscheidung fällen, die Weltgeschichte machen wird – mehr noch als die Römischen Verträge, die wir heute - 50 Jahre später – als Geburtstag des Europäischen Einigungsprozesses feiern.

Lassen wir uns durch die Amtsbezeichnung nicht täuschen. Das Amt des „Hohenpriesters“ ist auch ein politisches Amt. Das geht gar nicht anders in Palästina zur Zeit Jesu. Religion und Politik gehören untrennbar zusammen, so wie es heute nur noch in islamisch dominierten Ländern anzutreffen ist.

Das römische Weltreich gründete seinen Machtanspruch nicht nur auf militärische Überlegenheit, sondern auch auf die religiöse Einheit des Reiches.

Die Politik bewegte sich auf einer für die Einwohner der besetzten Länder gefährlichen Grenze. Solange die Bevölkerung die Herrschaft der römischen Besatzungsmacht akzeptierte, konnte sie sich relativ frei bewegen und auch den eigenen Glauben fast ungehindert weiter praktizieren. Wenn aber Aufstände drohten, griffen die Römer schnell und hart durch. Nicht selten verlangten sie dann als Beweis der Loyalität, der Gefolgschaft, die öffentliche Teilnahme am Kaiserkult, einer religiösen Zeremonie, in der der römische Kaiser gottgleich zu verehren war. Diese Demütigung der Bevölkerung hat über Jahrhunderte tiefe Spuren im Bewusstsein der Menschen hinterlassen.

In Palästina lag damals die Gefahr eines Aufstandes ständig in der Luft. Es war eine aufgeheizte, extrem angespannte Atmosphäre.

Jesus hat sich davon sehr deutlich fern gehalten. Wenn er nach den politisch-religiösen Konflikten befragt wurde, sind solche Antworten von ihm überliefert wie: „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört!“ oder „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ oder „Die Mächtigen herrschen über die Menschen, unter euch aber soll es anders sein. Wer unter euch herrschen will, der sei ein Diener aller Menschen“ oder „Ich bin nicht gekommen, um zu herrschen, sonder mein Leben zu geben als ein Lösegeld für viele ...“

Der Hohepriester Kaiphas kann so nicht denken. Er trägt Verantwortung. Er sucht, dem jüdischen Volk den Freiraum – das heißt vor allem: die freie Ausübung des eigenen Glaubens – zu bewahren. Nichts fürchtet er mehr als einen jüdischen Aufstand und die anschließende Reaktion der Römer.

In dieser Situation gelingt es Jesus nicht mehr, sich aus der „großen Politik“ herauszuhalten“. Ohne es zu wollen wird er hineingezogen in die Überlegungen der Mächtigen.

Denn Jesus ist bekannt geworden. Er hat Aufsehen erregt. Viele Menschen folgen ihm nach und hören auf seine Worte. Viele fragen schon, ob er vielleicht der Messias, der Retter und König, den Gott senden will, um sein Volk zu befreien.

Kaiphas und die Verantwortlichen in Israel können das im Moment überhaupt nicht brauchen.

Und so finden sie sich auf höchster Ebene zu der Aussprache zusammen, die Johannes in seinem Evangelium schildert und deren Ergebnis er in den – berühmt gewordenen - Satz des Kaiphas münden lässt: „Es ist besser, ein einzelner Mensch stirbt für das Volk, als dass das ganze Volk verdirbt“ (Johannes 11, 50).

2.

Ich bitte Sie sehr, diesen Satz und diese Haltung nicht zu schnell nach „Gut oder Böse“ zu beurteilen, so wie das heute die BILD-Zeitung, die Regenbogenpresse oder manche Stammtischdiskussion tun würden.

Denn dieser Satz ist sicher extrem, aber dann ist er uns doch auch wieder ganz nahe, denn er gehört zum politischen Denken und Handeln bis heute.

Im Moment beherrscht die großen Zeitungen in Deutschland der Rückblick auf die Zeit der Terroranschläge durch Baader-Meinhof und die RAF.

Als im „Deutschen Herbst“ am 5. September 1977 der Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer entführt worden war, galt es auch eine Entscheidung zu treffen: Darf der Staat den terroristischen Forderungen nachgeben, darf er das Leben eines Einzelnen auf das Spiel setzen? Und dahinter steht die Frage: Wie viel ist ein einzelnes Menschenleben wert? Bei Schleyer musste der Bundeskanzler, damals Helmut Schmidt, diese Entscheidung treffen.

In den letzten Jahre erst hat Parlament und Bundesverfassungsgericht die Frage beschäftigt, ob der Staat des Recht hat, unschuldige Menschen zu opfern, zum Beispiel beim gezielten Abschuss einer Passagiermaschine, um damit Anschläge und größeren Schaden zu verhindern.

Darf das Militär, darf eine Regierung bei der Verfolgung von Terroristen im Irak zivile Opfer bewusst in Kauf nehmen?

Was ist ein Menschenleben wert und wie lange ist es schützenswert.

Kaiphas hat sich entschieden und das Gremium, das damals entscheiden sollte, folgt ihm darin: Jesus wird sterben, damit ein größeres Blutvergießen verhindert werden kann.

3.

Der Evangelist Johannes wertet diesen Sitzungsverlauf und den Beschlussvorschlag des Kaiphas nicht. Er klagt auch niemanden an. Den Beschluss, der am Ende der Sitzung zustande kommt, teilt er sachlich mit: Von diesem Tag an, so berichtet Johannes, waren sie entschlossen, Jesus zu töten.

Und dann fügt er noch eine Bemerkung hinzu – das ist, als ob wir in den Tagesthemen oder einer Heute-Sendung nach den Nachrichten noch den Kommentar hören: In diesem Beschluss, der aus politischem Kalkül verantwortlicher Menschen folgt, geschieht noch etwas anderes. Der Beschluss, Jesus zu opfern, hat eine Tragweite und Bedeutung, die den beteiligten Personen in diesem Moment noch nicht bewusst ist.

Der Hohepriester Kaiphas spricht in diesem Moment, ohne es selbst zu wissen, eine Weissagung, eine Prophetie, aus.

Prophetie in der Bibel – das muss man dazu wissen – blickt sehr selten nur in die Zukunft. In der Bibel bedeutet Prophetie viel häufiger, dass etwas den Menschen Verborgenes aufgedeckt wird. Etwas, das jetzt schon geschieht, wird ans Licht gebracht, so dass unsere Augen und unser Verstand es wahrnehmen können.

Kaiphas hat etwas Wahres gesagt. Und die Wahrheit darin ist noch viel tiefer und geht weiter, als er ahnt. Jesus wird tatsächlich „für das Volk“ sterben und mehr noch, sein Tod wird alle verstreuten Kinder Gottes in der Welt zusammenbringen. In seinem Tod wird die Geburtsstunde eines neuen Volkes, einer neuen Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern liegen, die sich nach seinem Namen Christen nennen werden und die schon bald in der ganzen Welt versuchen werden, seinem Liebesgebot zu folgen.

Der Tod wird etwas bewirken, was in diesem Moment noch niemand ahnt, außer vielleicht Er selbst, Jesus. Denn er geht ja diesen Weg sehr bewusst.

4.

So - mancher wird sich an dieser Stelle noch drei Propheten mehr und noch fünf weitere Weissagungen wünschen. Das es fällt uns nicht leicht, diesen Weg Jesu durch Leiden und Tod nachzubuchstabieren und in seinem Kreuzestod einen tiefen Sinn für uns und diese Welt zu erkennen, „... nicht damit ich mir dienen lasse, bin ich gekommen, sondern damit ich diene“, sagt Jesus, „und meine Leben gebe zu einer Erlösung für viele“ (Matthäus 20, 28).

Ich möchte hier nur einige Momente aus der Geschichte herausgreifen, in denen doch sehr viel sichtbar wird, welches Geheimnis diese Geschichte für uns in sich trägt.

Das ist zuerst Jesus selbst.

So etwas Besonderes liegt darin, dass hier einer den Teufelskreis durchbricht und auf die Gewalt und den Hass in dieser Welt nicht mit Gewalt reagiert, dass einer darauf verzichtet zurück zu schlagen. Und das nicht, weil er schwach ist, ganz im Gegenteil. Jesus verzichtet sehr bewusst darauf, sich an die Spitze eines Volksaufstandes zu setzen. Er entzieht sich, als andere ihn zum König nach ihrem Geschmack ausrufen wollen, um in seinem Namen Feinde zu töten und die Macht an sich zu reißen.

Und noch etwas anderes, ganz Starkes, tut Jesus hier. Er verzichtet darauf, wegzulaufen. Einer hält dem Bösen stand. Einer hält auch in einer Situation der Gewalt und des Verrats die Liebe durch. Einer bleibt seinem Weg treu. Einer hält auch hier noch zur Wahrheit. Mitten unter die größte Bosheit der Menschen trägt Jesus die Liebe, die Geduld, die Barmherzigkeit Gottes.

Darum weiß ich, dass Gott auch von meiner Bosheit sich nicht abkehrt; sondern mir auch in meinem eigenen Versagen mit einer Liebe begegnet, die alles verwandeln kann.

Dann leuchtet etwas auf von der Bedeutung dieses Weges, des Kreuzes an einigen Menschen, die damit in Berührung kommen. Der römische Hauptmann unter dem Kreuz merkt an der Art, wie Jesus stirbt, dass er geholfen hat, einen Unschuldigen hinzurichten. Noch mehr merkt er in diesem Moment, nämlich dass das geschehen ist, damit sein Leben sich ändert, damit er umkehrt und erkennt, was Gut und Böse ist.

Dann der Verbrecher, der neben Jesus gekreuzigt wird und durch ihn erfährt, dass auch ein verpfuschtes Leben vor Gott noch in Ordnung kommen kann, dass auch ein Mensch, der sich selbst verloren glaubt, von Gott noch wieder gefunden wird.

Von den Christengemeinschaften, die sich bald in Hauskirchen bilden, wird glaubwürdig berichtet, wie sie Hab und Gut teilen, um Menschen in Not zu helfen und wie sie sich in einen geschwisterlichen Umgang miteinander einüben.

Was selten gesehen wird, dass selbst da, wo eine patriarchalische Gesellschaft das Bild von Mann und Frau auch unter den Christen noch prägt, der Keim ihrer Auflösung schon gelegt in dem christlichen Gebot an die Männer, ihre Frauen so zu lieben, wie Christus geliebt hat. Ernst genommen, lässt das keinen Raum mehr für Herrschaft und Unterordnung.

Natürlich – das wissen wir alle – ist die Kirche später von diesem einzigartigen Weg Jesu immer wieder abgewichen. Sie hat sich mit Mächtigen verbündet. Oft hat sie ihren ursprünglichen Charakter verloren und ist ihrer eigentlichen Berufung untreu geworden.

Und doch hat es immer wieder Gruppen und Menschen in allen Kirchen gegeben, die durch ihr Leben an Jesus erinnert und Menschen – und manchmal auch die Kirche selbst – auf den Weg Jesu zurückgerufen haben:

Franz von Assisi, Martin Luther King, Mutter Theresa ... gehören zu den bekannten von ihnen und es gibt doch noch viel mehr, die nicht durch Geschichtsbücher und Nachrichten gehen und doch in ihr eigenes Umfeld etwas hinein getragen haben vom Geist Jesu, seiner Liebe, seinem Glauben, seiner Hoffnung ...

5.

„... um die verstreuten Kinder Gottes zusammen zu bringen“ – das finde ich eine schöne Formulierung ...

... und ein schönes Versprechen, dass Gott zerstreuten Menschen hilft, zusammen zu finden.

Und die Taufen von Euch beiden sind für mich auch eine wirkliche Ermutigung. Auch in ihnen wird für mich etwas sichtbar von dem Bibelwort, das in unseren Kirchen über diesem Jahr 2007 steht: „Siehe“, sagt Gott,“ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?“

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.

Lätare (4. Sonntag der Passionszeit)

Konfirmation am 18. März 2007

Markus 2, 1-12

Und nach einigen Tagen ging Jesus wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause war. Und es versammelten sich viele, sodass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort.

Und es kamen einige zu ihm, die brachten einen Gelähmten, von vieren getragen. Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, machten ein Loch und ließen das Bett herunter, wo der Gelähmte lag.

Als nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.

Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihren Herzen: Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein?

Und Jesus erkannte sogleich in seinem Geist, dass sie so bei sich dachten, und sprach zu ihnen: Was denkt ihr solches in euren Herzen? Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen Steh auf, nimm dein Bett und geh umher? Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden – sprach er zu dem Gelähmten: Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim!

Und er stand auf, nahm sein Bett und ging alsbald hinaus vor aller Augen, sodass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben so etwas noch nie gesehen.

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Festgemeinde,

1.

Habt Ihr, haben Sie das alle gehört und wirklich mitbekommen, was da passiert ist, was Markus erzählt?

Ich bin mir gar nicht sicher, ob ich mir so etwas wünschen soll.

Erst mal ist es richtig voll gewesen das Haus in Kapernaum, rappelvoll, da ging keine Maus mehr rein ins Haus. Und draußen haben sie sich auch noch drängeln müssen, um wenigstens durch ein offenes Fenster vielleicht noch etwas mitzukriegen.

Das kennen wir hier auch. Bei Konfirmationen haben wir schon bis ins Foyer dicht gedrängt gestanden. Das war dann besonders für die Raucher schwierig, weil die zwischendrin so schlecht durchgekommen sind, um draußen mal schnell eine anzustecken.

Aber noch mal: Wünsche ich mir das wirklich?

Wir sind hier drin zusammen, der Gottesdienst hat schon angefangen, und dann fängt es plötzlich von der Decke an zu rieseln. Ein Bohrhammer rattert los, mir rieselts der Betonstaub auf die Bibel, ich kann gerade noch zur Seite springen, bevor die ersten Brocken auf den Fußboden schlagen und dann winken vier Männer von oben fröhlich durch die Decke und lassen ihren Freund auf einer Tragbahre runter.

Das fändet besonders Ihr vielleicht nicht so toll, wenn einer in Eure Konfirmation so einbricht. Ich auch nicht, vor allem habe ich versprechen müssen, dass wir um Punkt 12 Uhr hier rausgehen. Das klappt dann nicht mehr.

2.

Franz Kamphaus, er war bis vor kurzem Bischof von Limburg, ein ganz toller Mann, hat mal in der Adventszeit gefragt: Wollen wir das eigentlich, das passiert, was in der Bibel steht? Und damals hat er gefragt: Wollen wir das, was „Advent“ bedeutet, dass das, was wir da feiern auch wirklich stimmt, nämlich, dass Er (!) kommt – denn das heißt „Advent“ übersetzt; dass „Jesus kommt“. Da müssten wir ja unsern Betrieb unterbrechen. Da kämen wir nicht pünktlich ins Lokal. Da könnte ich meine Predigt nicht fertig halten ... und ob Herr Paulnitz noch zu seinem Orgelnachspiel käme, weiß ich auch nicht.

Manchmal denke ich: Besser, dass er so nicht zu mir kommt. Ich jammere schon mal gern, das kann ich aber besser allein. Gott, warum mutest Du mir das schon wieder zu? Warum muss ich dieses aushalten? Und auch die Frage: Ich soll an Dich glauben und dir vertrauen, Gott, wo ich so wenig von Dir sehe? ...

Wenn er mir hier aufs Dach steigen würde, wenn er zu mir durchbrechen würde, dann hätte er vielleicht selbst ein paar Fragen ... Irgendwie ahne ich das schon: „Sag mal Andreas, in Deiner letzten Predigt, da waren ein paar Punkte, da müssen wir mal drüber reden ...“ oder „An deine Zeiteinteilung Andreas, da hätte ich auch ein paar Fragen, bist Du sicher, dass Du die richtigen Prioritäten setzt?“ und „Wie Du letzte Wochen die Anruferin abserviert hast, hat mich traurig gemacht, sollen wir mal schauen, ob das auch anders geht ...?“

Ich bin doch in der Regel ganz froh, wenn Gott mir so nicht aufs Dach steigt. Nicht, dass ich sagen würde, in meinem Leben läuft alles super; aber will ich darauf angesprochen werden? Möchte ich deswegen etwas ändern? Das ist anstrengend!

3.

Jesus selbst hat das offensichtlich nicht gestört, dass da Leute durchs Dach gekommen sind. Das finde ich schon ganz erstaunlich bei dieser Geschichte und an Jesus. Obwohl er doch gerade im Gespräch war, da waren schon Menschen da – und nicht wenige -, die haben was von ihm gewollt, vielleicht war er auch mitten in einer kleinen Ansprache, einer Andacht oder er hat gerade gebetet ...

Jesus lässt sich unterbrechen. Was er gerade getan hat, das lässt er für den Moment liegen. Er sieht, das ist eine wichtige Unterbrechung. Er sieht die Menschen, die sich da durchs Dach arbeiten und dann – Markus hat das so aufgeschrieben – dann sah Jesus ihren Glauben.

Und das ist für Jesus so, als ob Gott selber ihm da gerade aufs Dach steigt.

4.

Kann man Glauben sehen?

Wenn Du Mumps hast oder eine Grippe, das kann ich schon sehen. Wenn Du Dir die Haare nicht gekämmt hast, das kann ich auch sehen. Aber woran kann ich den Glauben eines Menschen sehen?

Woran merkt Jesus, dass die Glauben mitbringen? Weil sie durchs Dach kommen? Und die vielen, die durch die Tür gekommen sind, haben die weniger Glauben? Jedenfalls spürt Jesus ihnen etwas ab. Er merkt, dass sie da sind, nicht nur weil sie 20 Gottesdienste voll machen müssen, sondern dass da noch etwas anderes ist, was sie motiviert, was sie suchen ...

Das freut ihn. So etwas nimmt Jesus sehr ernst. Da schaut er gut hin. Da nimmt er sich Zeit für. Ja, dafür unterbricht er sich auch.

5.

Und da liegt auch etwas Besonderes, etwas Kostbares drin, in dem, was da geschieht. Habt Ihr das gemerkt? Vier Leute tun sich zusammen, damit einer auch dabei sein kann. Vier Leute arbeiten dafür, dass einer – vielleicht ihr Freund, vielleicht ein Nachbar, vielleicht ein Mitschüler – nicht ausgeschlossen bleibt. Vier Menschen setzten sich dafür ein, dass einer dahin kommt, wo er so gern hin möchte. Vier Leute kümmern sich darum, dass einem anderen geholfen wird.

Heute hört man manchmal: „Wenn jeder an sich denkt, dann ist auch (!) an jeden gedacht.“ Aber wenn einer sich selbst nicht mehr helfen kann? Das ist ein blöder Spruch. Der zeigt nur, welcher Egoismus sich manchmal breit macht und wie schnell wir alle verlernen können, was menschlich ist.

6.

Darum fahre ich auch gerne Kanu. Wir haben es zusammen erlebt. Zum Beispiel:

Wenn ich voller Spielfreude erst mal eimerweise Wasser ins Boot plantsche, um mich dann fragen zu müssen: Wie bringe ich jetzt mein Handy in Sicherheit? Da lerne ich doch noch mal anders, mich zu organisieren.

Oder: Wenn ich ins Boot steige und denke, ich muss mir das nicht so ausführlich zeigen lassen, ich probier das lieber selber aus, dann fahre ich halt lange „Zick-Zack“. Da komme ich bei einer gar nicht so langen Strecke schnell auf die doppelten Kilometer.

Oder: Wenn ich einen starken Partner nicht ins Boot lassen will, weil ich den nicht so gut kenne oder weil ich zu stolz oder zu schüchtern bin oder weil es ein Mädchen ist oder weil ich mit dem sowieso nichts zu tun haben will, dann bin ich halt abends platt und alle. Das sind gute Erfahrungen!

Es ist gut (!), wenn wir merken, dass wir auch aufeinander angewiesen sind. Einmal brauche ich Hilfe, ein anderes Mal kann ich helfen.

Und vor allem: Es gibt doch Dinge, die mich lähmen können; dass ich glaube, ich komme nicht mehr weiter. Da brauche ich Menschen, die mich tragen.

Ich war früher sehr schüchtern – das merkt man mir heute – Gott sei Dank! – nicht mehr so an. Ich habe Menschen gebraucht, die das o.k. fanden, wenn ich mich in ihrer Clique mal dazu gestellt habe. Ich habe auch Menschen gebraucht, die mir etwas zutrauen und mir das auch mal sagen: Du schaffst das. Und wenn Du mal keine guten Noten hast, dann stehen wir auch zu dir. Und wenn Du noch nicht weißt, was Du mal werden willst, dann gucken wir mit Dir zusammen. Und wenn Du Krach hast zu Hause, dann kannst du bei mir anrufen ...

Es gibt vieles, was uns lähmen kann. Auch die Konfizeit war nicht frei davon. Auch im den vergangenen 1 1/2 Jahren haben manche von Euch Dinge erlebt, die einen Menschen lähmen können. Dass ich denke, da kann ich nicht mehr weiter. Dann brauchen auch wir ein paar Menschen, die uns tragen.

7.

Da möchte ich noch etwas sagen zu unserem letzten Elternabend. Wenn Eure Eltern euch Jugendlichen zu Hause nicht so viel erzählt haben – das haben Eltern ja manchmal so, dass sie zu Hause nicht so viel erzählen – dann seid Ihr jetzt für 2 min mal ausgeschlossen, sorry.

Also der Elternabend – ich habe schon bessere erlebt. Wir hatten Streit, es war irgendwann keine schöne Atmosphäre mehr, wir haben eine „Lösung“ gefunden, die für viele einen Kompromiss oder auch einen Verzicht bedeutet ... Ich habe einsehen müssen, dass es mindestens einen Punkt gibt, den ich hätte besser machen können ...

Sie können mir glauben, dass ich mir so einen Abend auch lieber sparen würde. Das ist ein Stress, den ich nicht unbedingt auch noch haben muss. Und trotzdem: das hat auch alles noch einmal eine andere Seite. Natürlich könnte ich mir überlegen: Wie sieht das aus und was denken die Leute jetzt schon wieder über die Kirche ...

Aber es geht doch um etwas anderes.

Ihr Jugendlichen empfangt Gottes Segen doch nicht für die Tage Eures Lebens, in denen alles glatt läuft. Ihr empfangt ihn nicht für die Situationen, in denen ihr alles richtig macht; und nicht für die Zeiten, in denen ihr sorgenfrei vorangeht. So sehr wir Euch wünschen und dafür beten, dass Ihr viele solcher Zeiten erlebt.

Aber der Segen Gottes ist nicht etwas bloß für die Schönwetter-Tage des Lebens. Da erfahre ich ihn auch.

Unsere vier Kinder sind heute alle gesund, und dafür bin ich sehr, sehr dankbar. Aber ich weiß auch, das kann morgen anders sein ... Ihr müsst Euch noch mit Eurem Schulabschluss herum schlagen. Das wird manchmal leichter und fröhlicher und manchmal anstrengender zugehen. Ihr werdet einmal vielleicht sehr leicht einen Job bekommen und ein andermal viel Mühe haben, bis Ihr einen Weg findet ...

Und dann gibt es immer wieder auch Dinge, da können wir uns noch so anstrengen und die haben wir einfach nicht in der Hand.

Ich bin froh, dass ich das Lied, das ihr auswendig lernen musstet, selbst auch kann:

Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt

Der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt.

Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn,

der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.

Mich erinnert das daran, dass ich einen Gott habe, der mich segnet.

Und ob ich schon wanderte durchs finstere Tal,

so fürchte ich kein Unglück;

denn du bist bei mir.

Dein Stecken und Stab trösten mich.

Ich hätte Euch schönes Wetter für heute gewünscht und wünsche Euch immer noch sehr ein wirklich schönes und friedliches Feiern in Euren Familien und Freude an Euren Geschenken. Das gehört dazu. Aber nur (!) darum sind wir nicht hier.

Beim Segen da geht’s noch um was anderes.

Da geht es um einen Zuspruch Gottes hinein in mein wirkliches Leben. Da geht es darum, dass Gott mit mir ist in allen Dingen, in meiner Freude und in meinem Ärger, in meinen Stärken und wenn mir was gelingt und auch in meinen Schwächen und wenn ich an meine Grenzen komme, wenn ich den Durchblick habe und genauso wenn ich nicht mehr weiter weiß ...

Beim Segen geht es darum, dass ich in meinem wirklichen Leben auf eine gute Spur komme und drauf bleibe ...

Segen bedeutet, dass Gott und Menschen mir mal aufs Dach steigen dürfen, dass ich mich mal unterbrechen lassen kann, wenn es nötig ist, dass in meine Wohnung auch mal was einbricht, was nicht aus dem Internet, von TV und mp3-player kommt ...

Segen Gottes bedeutet, dass ich – mit anderen zusammen – jemanden tragen kann oder etwas mittragen kann. Segen bedeutet, dass ich selbst mich tragen lassen kann von anderen und nicht glaube, dass ich alles alleine schaffen und können muss ...

Segen bedeutet, auch in Krisen noch einen Halt zu haben ... im Streit zu begreifen, was Versöhnung bedeutet ... aus einer Hartherzigkeit wieder heraus zu finden ...

Ein Beispiel:

In der ersten Gemeinde, in der ich als junger Pfarrer arbeitete, erfuhr ich von einem alten Herrn, dass er schon lange nicht mehr zum Abendmahl gegangen sei, weil er Streit mit seinem Nachbarn hat - und solange er nicht versöhnt ist ... – Richtig!, das hat Jesus so gesagt. Aber - meine Güte! - dann geh doch zu deinem Nachbarn und vertrag dich! Wenn du getan hast, was du dazu tun konntest, dann kannst du doch wieder zum Abendmahl gehen?

Wie oft lassen wir uns lähmen, Wie oft schaden wir uns selbst am meisten, weil wir nicht die Möglichkeiten wahrnehmen, die Gott uns gegeben hat?

8.

Ich habe gesagt, dass Jesus Glauben sehen kann und habe gefragt, woran kann man ihn sehen?

Ich glaube, wir haben etwas gesehen an den Menschen dieser Geschichte. Da muss man nicht Jesus sein, um etwas zu sehen an den Menschen. Das sieht man doch: Gemeinschaft – dass einer nicht alleine bleiben muss – und Hilfsbereitschaft – dass wir andere mittragen und selbst auch getragen werden. Das ist schon sehr schön, wenn das da ist.

Aber ich möchte den Blick gern noch auf etwas Drittes lenken. Das klang schon an. Das hat mit diesem Haus zu tun, von dem erzählt wird. Das ist ja ein ganz gewöhnliches Haus. An den Ort kann man heute noch gehen, nach Kapernaum am See Genezareth. Das Haus hat wahrscheinlich einem Fischer gehört.

Aber – das könnt ihr Euch denken – die hätten ja nicht das Dach abgedeckt, nur weil es da „Fisch und Chips“ gab.

Nein, die haben gehört, was sich in diesem Haus abspielt. Die haben gehört, Jesus ist da. Darum kommen sie. Da wollen wir hin.

Das sind Menschen, die möchten Jesus näher kommen. Und nehmen dafür echte Mühe auf sich. Die tun was. Die laufen nicht nur im Kreis rum mit ihrer Bahre. Die haben eine Richtung. Die wissen, wo sie hin wollen. Die sind fast ein bisschen wie magisch angezogen. Und das ist auch ein Geschenk. Ich glaube, dass kann man nicht machen. Das kann nur Gott machen.

Was passiert in diesem Haus. Markus beschriebt das ganz einfach: „Er – Jesus – sagte ihnen das Wort.“ Mehr nicht. Und da wollen die unbedingt hin.

Das ist ein bisschen eine eigenartige Formulierung, „das Wort“. Natürlich hat Jesus nicht nur ein Wort gesagt. Da hätten sich alle schön gewundert und wären längst nach Hause gegangen. Nein, wenn die später davon erzählt und aufgeschrieben haben, was sie da erlebt hatten, dann konnten die das so zusammenfassen:

„Er hat uns das Wort gesagt.“ Ihr merkt vielleicht, da ist etwas ganz Besonderes drin. Das ist kein Gerede, das morgen schon wieder vergessen ist. Da liegt etwas drin, das hilft mir, das sind Worte, die sagen mir etwas, die geben mir etwas ...

... und so kommt das auch für den Gelähmten. Er wird nicht enttäuscht. Als er unten angekommen ist und Jesus ihn sieht, hört er: „Deine Sünden sind dir vergeben!“

Denken Sie spontan das Gleiche wie ich: „Sünden vergeben“? – Aufstehn wäre mir lieber!

Offensichtlich braucht dieser Mensch im Moment genau dieses Wort, diesen Zuspruch Jesu. Gott nimt Dich an. Mach dir keine Gedanken, dass du Schuld bist an Deiner Krankheit; glaub doch nicht – auch wenn manche so reden, dass es eine Strafe Gottes ist. Gott geht anders mit Dir um. Er liebt Dich wie seinen eigenen Sohn und seine eigene Tochter.

Jesus merkt, dass der Gelähmte diesen Zuspruch braucht und dass ihm das wohl lange keiner gesagt hat.

Wer weiß, wie die Menschen damals über einen Krüppel gesprochen haben. Ob es viele gegeben hat, die auf ihn zugegangen sind? Oder ob er meistens gemieden und links liegen gelassen wurde. Und wie haben sie über Krankheit oder Behinderung geredet. Es gab damals und gibt heute viele lieblose Arten zu reden ... Es gibt auch heute Menschen, die möchten nicht, dass in ihr Wohngebiet ein Haus für Behinderte gebaut wird.

Ich kann mir vorstellen, dass dieser Mensch den Zuspruch vor allem anderen gebraucht hat; dass einer ihm „das Wort“ sagt, das ihm gut tut, das ihm aufhilft, damit er seinen Weg gehen kann.

9.

Euer Konfirmationsspruch, jeder einzelne von ihnen, ist so ein Wort. Ganz genau so ein Wort, wie das, das Jesus damals in Kapernaum dem bedürftigen Menschen zugesprochen hat.

Auch wenn heute kein Betonstaub gerieselt ist – ich bin trotz allem ganz froh, wenn es für heute auch dabei bleibt – dann gilt trotzdem heute ganz genau so:

Ihr empfangt den Segen und „das Wort“, das Jesus Euch zusagt, ...

... damit Ihr Euren Weg gehen könnt. Er sagt’s Euch aber auch zu,

... damit Ihr mit tragen könnt, wo das nötig ist und auch,

... damit Ihr selbst Euch tragen lassen könnt, wo Ihr das braucht.

Er sagt Euch das Wort und gibt Euch den Segen,

... damit diese Sehnsucht in Euch bleibt, immer wieder so ein Haus aufzusuchen – und wenn’s nötig ist, durchs Dach, um auch (!) an dem Ort zu sein, wo Jesus sein Wort immer neu und wieder frisch und sehr persönlich austeilt ...

Das Fischerhaus kann heute eine Kirche sein, es kann aber genau so gut das Gemeindehaus sein und jedes andere ganz normale Haus auch, in dem Christen sich treffen und wo man spürt, dass dort „das Wort“ lebendig ist, dass auf „dieses Wort“ gehört wird.

Es ist das Wort, das uns allen zum Leben hilft.

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.

Sonntag Septuagesimaae (drittletzter  Sonntag vor der Passionszeit)

Matthäus 9, 1-14

Pfarrer Andreas Nose

 

Liebe Gemeinde,

1.         Berufung

Und als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm.

Ganz knapp, mit nur wenigen Worten, wird eine Begegnung geschildert, die ein Leben verändert.

Früher hat mich das immer sehr beeindruckt.

Da macht einer gerade noch seine Arbeit – wie Petrus, der Fischer, räumt seine Netze zusammen, damit - wenn sie das nächste Mal raus fahren auf den See - alles beisammen ist. Er kontrolliert noch mal, ob ein Riss im Netz geflickt werden muss, er schaut nach, warum die Ruderpinne heute geklemmt hat. Hat gerade das  Werkzeug in die Hand genommen und will sich dran setzen.

Oder einer wie Matthäus, ein Zöllner. Sitzt am Stadttor, hält die Augen offen, damit keiner sich an der Zollschranke vorbeimogelt, schätzt gerade den Warenwert auf dem Ochsenkarren ab, um die Zollgebühr festzulegen. Hat sein Schreibwerkzeug in die Hand genommen, um gewissenhaft die letzte Einnahme einzutragen.

Da steht plötzlich Jesus – bei den kleinen Fischerbooten am Ufer des  Sees, ein andermal an der Zollschranke vor der Stadt – da steht plötzlich Jesus. Petrus merkt gleich: der ist nicht hier, um Fisch zu  kaufen. Matthäus sieht auf den ersten Blick: der Mann hat nichts zu verzollen.

Und dann sagt Jesus: Folge mir nach!

Petrus legt Netz und Werkzeug zur Seite, Matthäus schließt seine Zollstation ab. Und in einem Moment ist es, als ob sie in ein anderes Leben treten. Und tatsächlich ist das so, denn sie gehören jetzt zu Jesus.

Wie damals, als mich diese Geschichten das erste Mal sehr angesprochen haben, bin ich auch heute noch davon überzeugt: Da liegt etwas ganz Wunderbares über dem, was das passiert.

Und: Es kann heute noch genau so geschehen: In einer bestimmten Situation unseres Lebens spüren wir: Hier ist eine Entscheidung fällig. Hier muss etwas neu werden, sich neu ordnen. Wir stehen in einer bestimmten Weise an einem Wendepunkt. Es gilt, etwas wegzulegen und abzuschließen und einen neuen Schritt zu riskieren. Es gilt, noch einmal ein anderes Ziel für das eigene Leben zu finden; ein Ziel, das den Einsatz lohnt ...

2.         Alles hat eine Vorgeschichte

Dass etwas Wunderhaftes über solchen Momenten und Begegnungen liegt, in denen sich etwas entscheidet, ein Mensch sich entscheidet und eine neue Richtung findet, davon bin ich auch heute noch überzeugt.

Ich habe aber im Lauf der Jahre etwas hinzugelernt: Was Petrus, Matthäus und all die Menschen, die von solchen Wendepunkten in ihrem Leben erzählen können, in diesen entscheidenden Situationen erleben, das kommt nicht „aus heiterem Himmel“.

Das hat in aller Regel eine Vorgeschichte.

Heute weiß ich etwas mehr über Matthäus und das Leben eines Zöllners. Und auch im Rückblick auf meine eigene Lebensgeschichte kann ich heute besser sehen, welche Vorgeschichte wichtigen Entscheidungen voraus gegangen ist.

3.         Der Zöllner.

Die römische Besatzungsmacht verkaufte das Recht, Zölle einzunehmen zu einem hohen Preis an Unternehmer, die dafür genügend Kapital mitbringen mussten.

 

Der Unternehmer suchte sich – um selbst einen möglichst großen Gewinn zu erzielen – billige Arbeitskräfte. Er kaufte Sklaven, er vergab 400 € - Jobs, stellte Hartz VI - Empfänger ein. Das war ein echter Niedriglohnsektor. In den seltensten Fällen hielt der Unternehmer selbst sich am Zoll auf. Die da saßen waren eher arme Schlucker.

Den reichen Oberzöllner Zachäus trifft Jesus später eben nicht an einer Zollstation. Dort lässt er andere arbeiten.

Matthäus, den wir im heutigen Evangelium in der Begegnung mit Jesus kennen lernen, wird vermutlich eher zur Unterschicht, zum „Prekariat“ seiner Zeit gehört haben.

Doch wenn er zu denen gehörte, die sich mit dem Existenzminimum bescheiden mussten – das wäre nicht sein einziges Problem gewesen. Für seine Volksgenossen gilt er politisch als Verräter – schließlich treibt er das Geld ein, von dem die verhassten römischen Besatzer sich den größten Teil abziehen, ein Schmarotzer also, ein Kollaborateur – und religiös war er unten durch, sein Glauben wurde ihm rundweg abgesprochen, weil er sich mit den Heiden, den Unreinen und ihrem Geld abgab. Das kann kein frommer Mensch sein, der davon lebt. Gott wird ihn strafen. Und Menschen verachten ihn. Keiner wird sich mit so einem gewissenlosen Gesindel an einen Tisch setzen.

Natürlich können wir heute Matthäus nicht mehr ins Herz schauen. Aber seine Situation können wir beschreiben:

Gesellschaftlich ist er isoliert. Freunde wird er nur unter seinesgleichen, unter den Kollegen, finden können, die wie er für das, was sie tun, verachtet sind. Und was wir auch sagen können: Wenn nicht eine sadistische Freude daran, Menschen am Zoll seine ausgeliehene Macht spüren zu lassen, ihn antreibt, dann wird es die reine Not gewesen sein, für sich und seine Familie den Lebensunterhalt zu verdienen.

Manche von Ihnen werden sich an das „Gänsefleisch“ an der alten DDR-Grenze erinnern: „Gänsefleisch mal den Kofferraum aufmachen?“

Ich weiß nicht, ob irgendjemand den Zöllnern an der innerdeutschen Grenze viel Sympathie entgegengebracht hat.

4.         „den Armen das Evangelium verkünden“

Jesus hat sich auch um reiche, um gut situierte Menschen, sehr gemüht. Er ist ihnen sehr klar, manchmal streitbar, immer einladend und mit Liebe begegnet.

Und doch ist es nicht zu übersehen: Immer wieder findet man ihn – ob auf der Straße oder in den Häusern – unter armen, verachteten Menschen. Der Großteil seiner Jünger kommt aus weniger angesehenen Kreisen. Auch die Fischer aus Galiläa, Petrus und die anderen, gehen vielleicht einem ehrbaren Beruf nach. Aber sie kommen aus einer Provinzbevölkerung, die in unserer gesellschaftlichen Hackordnung etwa zwischen Ostfriese und Kanake eingeordnet würde.

Paulus schreibt später an die ersten Christengemeinden – im Blick auf die Menschen, die da – wie die ersten Jünger von Gott berufen – zur Gemeinde werden: „Schaut euch selbst an, liebe Brüder und Schwestern!  Sind unter euch, die Gott berufen hat, wirklich viele, die man als gebildet und einflussreich bezeichnen könnte oder die aus einer vornehmen Familie stammen? Nein, ...“ (1. Korinther 1, 26f).

Vorgestern ist der Bischof von Limburg, Franz Kamphaus, aus seinem Amt feierlich und mit sehr viel herzlicher Anteilnahme verabschiedet worden. Sein vie beachtetes Motto als Bischof lautete: „den Armen das Evangelium verkünden“. Das ist ein Zitat von Jesus. In den Abschiedsreden haben ihm viele bestätigt, dass man dieses Jesuswort sichtbar erleben konnte an seiner Person und seinem Lebensstil.

Franz Kamphaus hat Weihnachtsfeiertage mit Obdachlosen verbracht. Er hat seine Bischofsresidenz einer Flüchtlingsfamilie zur Verfügung gestellt und ist in eine 3-Zimmer-Wohnung gezogen. Ein Fernsehreporter hat einmal den absoluten Höhepunkt seiner Askese, seiner Enthaltsamkeit, bezeichnet, als er das bischöfliche Garagentor öffnete – nein, er sprach nicht vom Zöllibat – sondern meinte mitleidig den alten VW-Golf, mit dem Kamphaus – ohne Chauffeur – immer vorgefahren ist.

Den Bischofsstab hat Kamphaus sich aus Eichenholz von dem westfälischen Bauernhof seiner Eltern schnitzen lassen. Er hat sein Herkommen nicht vergessen.

Paulus schreibt, immerhin an die Gemeinde in Rom: „ Trachtet nicht nach den hohen Dingen, sondern haltet euch herunter zu den geringen. Haltet euch nicht selbst für klug“ (Römer 12, 16).

5.         Der Ruf zur Nachfolge

Wenn Gott einen Menschen berührt, wenn  Jesus Menschen in seine Nachfolge ruft, dann kann in kurzen Momenten das Leben eine neue Richtung bekommen.

Für mich ist ein Schlüssel, zu verstehen, was da geschieht, dieses: Dass ein Mensch spürt – und dann ist völlig egal, ob er arm ist oder reich – dass ein Mensch die Wertschätzung, die Anerkennung und Liebe spürt, mit der Jesus ihn anschaut und im Innersten anspricht.

Und dabei merkt: Aus meinem Leben kann schon noch etwas werden. Mein Leben ist  Gott etwas wert. Auch mit mir hat er noch etwas vor. Und wenn Menschen mich abqualifizieren oder verachten – Gott ist anders.

Ich finde es auf einmal gar kein Wunder, dass galiläische Fischer, Zöllner, Prostituierte, Kranke in Lepra-Kolonien, Menschen mit „Dreck am Stecken“, sich so zu Jesus hingezogen fühlten.

Dietrich Bonhoeffer hat uns ermahnt: Wenn wir Menschen für Christus gewinnen wollen, dann sollen wir sie nicht in ihren Schwächen ansprechen, sollen nicht ihre Notlagen ausnutzen, um sie für den Glauben einzufangen. Das ist richtig.

Jesus – so scheint mir – spricht den „schwachen“ Menschen auf seine Stärke an, auf seine Würde, auf seinen Wert, auf den Sinn auch seines Lebens und was daraus  werden soll – das heißt einen Menschen „berufen“.

Und man spürt doch: Die Menschen folgen Christus, nicht weil er ihnen die volle Suppenschüssel verspricht; sondern, weil sie seinen Anspruch an ihr Leben hören und eine Herausforderung – zu ihrem eigenen Erstaunen – bereit sind anzunehmen.

Und dann wundert mich auch nicht, dass – als sie im Haus des Zöllners zusammen sitzen – so viele dazu kommen von seinen Berufskollegen, Zöllner – „und Sünder“, erzählt der Evangelist Matthäus.

Menschen merken schon, wo sie ernst genommen werden und wer ihnen etwas zutraut. Und manchmal merken sie auch, wo Gott ihnen eine neue Chance anbietet und wo ihr Leben eine neue Richtung bekommen kann; merken, wofür es sich lohnt, auch etwas dranzugeben und vielleicht auch, noch einmal neu anzufangen.

Ich glaube, solche Momente kennen wir auch – und erleben sie immer wieder einmal. Vielleicht scheuen wir uns, dass eine „Berufung“ zu nennen. Aber dass Gott jeden und jede von uns – auf welche Weise auch immer – beruft, dass glaube ich schon.

6.         Die Pharisäer

Jetzt könnte die Freude ungetrübt sein, aber die Geschichte hat noch eine traurige Rückseite.

Die Pharisäer sehen, was da geschieht und verstehen die Welt nicht mehr. Sie sind überhaupt nicht einverstanden,  mit wem Jesus sich da gemein macht: „Mit denen gibt`s du dich ab? Du hast doch einen Ruf zu verlieren? Weiß du nicht, was das für Leute sind?“

Das gibt es überall unter uns. In der Schule gibt es Leute, mit denen lässt du dich auf dem Schulhof nicht zusammen sehen, weil du bei den anderen dann unter durch bist. Das gibt es genauso im Betrieb und in der Nachbarschaft auch.

Die Pharisäer sind interessante Leute. In vielem sind sie  mir, sind sie uns sehr nahe. Jesus gibt sich viel Mühe mit ihnen. Es wäre lohnend, ihnen einmal mehr Zeit zu widmen, aber nicht heute.

7.         Der Arzt und die Kranken

Jesus gibt ihnen eine interessante Antwort: „Die Starken brauchen keinen Arzt, sondern die Kranken brauchen ihn.“

Das beschreibt sehr schön, was hier in der Luft liegt. Die Pharisäer und Jesus – beiden schauen ganz verschieden auf die anderen Menschen. Sie schauen den gleichen Menschen an – und sehen etwas völlig anderes.

Die Pharisäer sehen den Menschen an und sehen, was nicht gut, was ungenügend, ärgerlich, was verachtenswert an ihm ist. Jesus sieht den Menschen an und sieht, was er braucht, wo seine Not ist, wonach er sich sehnt, wo ihm geholfen werden kann – und muss.

Ich weiß, dass mich mit den Pharisäern viel verbindet. Aber lernen möchte ich von Jesus.

Es kostet vielleicht Überwindung. Aber wenn es drauf ankommt, dann hoffe ich, den Mut aufzubringen und zu sagen: Ich gehe zum Arzt. Ich brauche ihn. Alleine kommt das nicht hin.

Wenn Jesus den Pharisäer sagt: „Ich bin so etwas wie ein Arzt. Wenn Ihr zu den Gesunden gehört, dann geht ruhig!“ – dann drückt sich darin durchaus auch eine Wertschätzung aus für den Eifer und die Lebensweise der Pharisäer.

Obwohl ich meine Zweifel habe: Ob nicht die Haltung der Pharisäer anderen Menschen gegenüber, dringend einer Heilung bedarf?

Ein Arzt ist da, um kranken Menschen zu helfen. Für sie soll er Zeit haben. Ihnen er zuhören, wenn sie über Schmerzen klagen, wenn sie ihre Beschwerden beschreiben. Und ihnen soll er helfen, vielleicht ein Medikament verschreiben, das wirkt, eine Behandlung empfehlen, die Linderung verschafft, Ratschläge geben für Ernährung und Lebensweise, die der Gesundheit förderlich sind ...

„Ein Arzt ist uns gegeben, der selber ist das Leben; Christus, für uns gestorben, der hat das Heil erworben.“ (EG 320, 4)

Ich denke, der Zöllner Matthäus, Petrus und wie sie alle heißen, die haben Jesu Ruf gehört und sind im gefolgt, auch darum: weil sie gemerkt haben: Er ist wie ein Arzt für uns, wie ein sehr gutes Medikament, da kommt etwas in Ordnung in uns, wenn wir bei ihm sind. Da liegt viel Heilsames drin, Ihn kennen zu lernen und auf Ihn zu hören.

Die Zöllner und Sünder haben es offensichtlich am schnellsten verstanden, als sie merkten: der setzt sich ja mit uns an einen Tisch, der meidet uns nicht wie die  anderen, er traut uns etwas zu, dem folgen wir nach.

Es ist schön, dass wir in diesem Gottesdienst auch das Abendmahl miteinander feiern. Gott zeigt uns,  dass wir alle an seinem Tisch willkommen sind – das wir „Berufene“ sind wie Matthäus.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle menschliche Vernunft, bewahre unsre Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.

3. Sonntag n. Epiphanias 21.1.07

Joh 4

 

Weil nun Jesus müde war von der Reise, setzte er sich am Brunnen nieder; es war um die sechste Stunde. Da kommt eine Frau aus Samarien, um Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken!

Denn seine Jünger waren in die Stadt gegangen, um Essen zu kaufen.

Da spricht die samaritische Frau zu ihm: Wie, du bittest mich um etwas zu trinken, der du ein Jude bist und ich eine samaritische Frau? Denn die Juden haben keine Gemeinschaft mit den Samaritern. - Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, du bätest ihn, und der gäbe dir lebendiges Wasser.

Spricht zu ihm die Frau: Herr, hast du doch nichts, womit du schöpfen könntest, und der Brunnen ist tief; woher hast du dann lebendiges Wasser?

Bist du mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat? Und er hat daraus getrunken und seine Kinder und sein Vieh.

Jesus antwortete und sprach zu ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, den wird wieder dürsten; wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt.

Spricht die Frau zu ihm: Herr, gib mir solches Wasser, damit mich nicht dürstet und ich nicht herkommen muß, um zu schöpfen!

Jesus spricht zu ihr: Geh hin, ruf deinen Mann und komm wieder her!

Die Frau antwortete und sprach zu ihm: Ich habe keinen Mann. Jesus spricht zu ihr: Du hast recht geantwortet: Ich habe keinen Mann.

Fünf Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann; das hast du recht gesagt.

Die Frau spricht zu ihm: Herr, ich sehe, daß du ein Prophet bist. Unsere Väter haben auf diesem Berge angebetet, und ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten soll.

Jesus spricht zu ihr: Glaube mir, Frau, es kommt die Zeit, daß ihr weder auf diesem Berge noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet.

Ihr wißt nicht, was ihr anbetet; wir wissen aber, was wir anbeten; denn das Heil kommt von den Juden.

Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt, in der die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn auch der Vater will solche Anbeter haben.

Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.

Spricht die Frau zu ihm: Ich weiß, daß der Messias kommt, der da Christus heißt. Wenn dieser kommt, wird er uns alles verkündigen.

Jesus spricht zu ihr: Ich bin's, der mit dir redet.

Unterdessen kamen seine Jünger, und sie wunderten sich, daß er mit einer Frau redete; doch sagte niemand: Was fragst du? Oder: Was redest du mit ihr?

Da ließ die Frau ihren Krug stehen und ging in die Stadt und spricht zu den Leuten:

Kommt, seht einen Menschen, der mir alles gesagt hat, was ich getan habe, ob er nicht der Christus sei!

Da gingen sie aus der Stadt heraus und kamen zu ihm.

Herr, segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde,

 

auch wenn es heute in unseren Breiten nur noch wenige Brunnen gibt, aus denen Menschen ihr Wasser schöpfen - die Menschen  haben ihre Brunnen bewahrt, ihre Straßen und Plätze danach benannt - in Mainz die Brunnenstraße, den Neubrunnenplatz. Keiner möchte auf Brunnen verzichten, auch wenn sie heute eher Erquickung für die Augen bieten und ihr Wasser meist nicht trinkbar ist.

Ich meine, das liegt daran, dass selbst noch ein künstlerisch gestalteter Brunnen an eine tiefere Wahrheit erinnert, an uralte Erfahrungen, von Menschen seit Anfang ihrer Erinnerung gesammelt. Auch zu unserem Erfahrungsschatz gehören Brunnengeschichten, wir haben sie schon als Kinder erzählt bekommen: Die vom Froschkönig, der den goldenen Ball der Prinzessin aus dem Brunnen rettet, die von der Goldmarie, die auf der Suche nach ihrer Spindel in den Brunnen steigt und Frau Holle trifft. Hans im Glück fallen seine Steine hinein und die Suche nach dem Wasser des Lebens führt ebenfalls durch den Brunnen. Allen diesen Märchen ist gemeinsam, dass es am Brunnen natürlich um mehr geht als um eine ummauerte Stelle, an der man Wasser schöpfen kann. Es ist eine mystische Stelle, ein Ort, an dem Wasser zu finden ist - und mehr: eben Lebenswasser. Zugleich sind es gefährliche Orte, das wissen auch die Märchen. Tief geht es in den Brunnen hinunter, dunkel ist es dort, Menschen können sich verlieren, können verschlungen werden, müssen Prüfungen bestehen. Wenn wir Menschen uns nicht an der Oberfläche verlieren wollen, dann geht es um viel: um uns, um Gott, um die Abgründe unserer Seele, unseres Lebens.

 

Eine Gruppe heute im Gottesdienst hat eine ganz natürliche Ahnung von dem, was das bedeutet. Es sind die Konfirmandinnen und Konfirmanden. Was Kinder noch nicht recht ahnen, was Erwachsene womöglich schon vergessen haben, damit müssen sich Jugendliche täglich auseinander setzten: Wo ist für mich Leben? Wo ist es für mich lebendig, fließend, und wo stockt es, schmeckt Leben fad, wie brackiges, abgestandenes Wasser. Euer Leben, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, ist - bildlich gesprochen, gerade wie eine Brunnengeschichte. Es geht um viel, weil es um euch geht. Es geht auch um viel, weil das Ergebnis der Brunnengeschichte offen ist. Nicht jeder, der in den Brunnen steigt, besteht auch die Prüfung. Die Goldmarie kommt über und über mit Gold bedeckt nach Hause, aber ihre Gegenspielerin, die nur egoistisch an sich denken und die anderen nicht wahrnehmen kann und will, die erntet von Frau Holle nur eine Ladung Pech. Was wird euch in eurem Leben wichtig? Wo schaut ihr hin, wo hört ihr hin? Das ist eure Brunnengeschichte, und damit es eine gute Brunnengeschichte wird, will euch eure Konfirmandenzeit Stoff zum Nachdenken und als Hilfestellung bieten, will euch eure Konfirmation stärken und segnen.

 

Die Erwachsenen, die vielleicht die Brunnen vergessen, die an den Brunnen vorbeigelebt haben, die suchen dann oft später, wenn sie durstig werden nach Leben, wenn es ihnen dämmert, dass da etwas fehlt, nach ihren Brunnen. Ich glaube sogar, dass das immer wieder im Leben so ist, dass der Brunnen neu gesucht werden muss. An Schnittstellen, an Höhepunkten, an Grenzen des Lebens.

 

So ist es auch keineswegs ein Zufall, dass die Frau, der Jesus begegnet am Höhepunkt des Tages, um die Mittagszeit, an den Brunnen kommt. Schon an diesem Punkt der biblischen Geschichte soll deutlich werden: es geht bei dieser Geschichte um mehr als um das tägliche Schöpfwasser. Kein Mensch in südlichen Gefilden geht in der heißesten Zeit des Tages an den Brunnen. Diese Frau sucht mehr als das tägliche Wasser. Auch wenn sie das selbst vielleicht erst ahnt.

Und auch der Ort, zwischen Grenzen, ist kein Zufall. Was gehört zusammen, wo gehöre ich hin, und wem gehöre ich, das sind die Fragen, die sich stellen. Wo bin ich so zuhause, dass ich bleiben darf?

 

Um echtes Wasser, um den leiblichen Durst, um den geht es auch. Denn Jesus ist tatsächlich durstig, und das ist wichtig. Die Quelle des Lebens, der Retter der Welt, der begegnet uns in Jesus als bedürftiger Mensch, so wie wir alle bedürftige Menschen sind, die nicht nur von Luft leben, sondern auch von Wasser und Brot, von Zärtlichkeit und Ermutigung, von Nähe und Liebe. Jesus hat Durst.

Der Weg zu Gott, den uns Jesus gezeigt hat, der ist eben nicht, wie viele gemeint haben, ein leibfeindlicher Weg. Gottes Sohn hat keinen Scheinleib, er ist kein Geist, sondern er hat Arme und Füße, Kopf und Bauch und eine Zunge, die ihm in der Mittagshitze am Gaumen klebt. Und er zaubert sich kein Wasser aus dem Brunnen oder hext seinen Durst weg, er findet den Weg, zu dem wir alle finden müssen, wenn unser Leben gelingen will: er bittet einen anderen Menschen. Wenn wir zum Leben finden wollen, dann brauchen wir andere Menschen. So wie die Samaritanerin einen anderen Menschen braucht, um zu sich zu finden. Deshalb ist ihr Weg zum Leben ein Gespräch, deshalb sind es immer Gespräche, von denen uns das Johannesevangelium erzählt, in denen Menschen zu sich finden oder zumindest zu einer Ahnung von dem, was der Himmel ist.

 

Jesus hat Durst, und er bittet die Frau um Wasser. Sie wundert sich, weil sich seine Bitte eigentlich nicht gehört. Ihr Volk wird von seinem Volk verachtet, außerdem ist sie eine Frau und er ein Mann. Es gehörte sich nicht, fremde Frauen anzusprechen. Doppelte Verwunderung.

Diese Verwunderung ist ebenfalls wichtig. So einfach ist das Gottesreich nicht zu finden, es geht nur, wenn Menschen staunen, sich verwundern, und dann, wenn sie das tun, auch weiterfragen! Die Frau hätte sich schließlich auch umdrehen und weggehen oder einfach fraglos Wasser schöpfen können. Sie aber staunt - und fragt und beschreitet damit den schwierigen Weg der Auseinandersetzung, des Gesprächs. Sie schaut hin, und auch darauf kommt es an, und ich wünsche es mir für alle Konfis, dass sie staunen und hinschauen und fragen und das Gespräch wagen. Und ich wünsche allen Erwachsenen, dass sie nicht träge und faul sind, sondern das Staunen wieder lernen, und den Mut haben, nachzufragen. Nur so gelingt die Brunnengeschichte. Nur so finden wir alle zu dem lebendigen Wasser.

 

Die Frau wagt es, nachzufragen, und damit überschreitet sie schon wieder eine Grenze, denn auch das gehört sich ja eigentlich nicht. Frauen haben den Mund zu halten. Sie tut das nicht. Sie fragt, hakt nach. Und Jesus läßt sich ein auf das Gespräch. Auch das ist nicht selbstverständlich. Menschen, die sich auf die Suche nach Gott machen, die erleben schon Zeiten, in denen sie - scheinbar vergeblich - auf Antwort warten, wenn Gott für sie stumm bleibt. Das Gespräch mit Gott gibt es nicht auf dem Präsentierteller. Es geschieht zur Zeit, die nicht wir bestimmen, auf die wir uns höchstens vorbereiten können, das schon, uns öffnen, bereit sind, auch bereit sind, Mühen auf uns zu nehmen. Es ist ein heißer Weg, in der Mittagshitze zum Brunnen zu gehen.

 

Jesus antwortet der Frau. Und das Wasser, das sich an der Oberfläche des Brunnens kräuselte, das wird klar, gibt plötzlich den Blick in die Tiefe frei. Hier ist fließendes Wasser, lebendiges Wasser zu finden. Die Frau wird jetzt richtig neugierig. Auch das ist gut so, weil anders geht es nicht, als neugierig zu sein auf den Himmel. Die Märchen bestätigen es: neugierig, staunend sind die Menschen - was gibt es in der Tiefe zu entdecken!

 

Und sie stellt Fragen, schon ahnend, dass der, dem sie an diesem Brunnen begegnet, ein ganz besonderer Mensch ist. Bist du mehr? Ja, er ist in der Tat mehr, mehr als wir Menschen, dieser wahre Mensch. „Geh, und ruf deinen Mann,“ sagt Jesus. Und zeigt damit dann der Frau, dass er sie genau kennt, die Geschichte ihres Lebens, ihre Vergangenheit und ihre Gegenwart. Viele Ausleger, Männer, haben an dieser Stelle besonders verweilt: 5 Männer hast du gehabt, und der, den du jetzt hast, der ist nicht dein Mann. Als kleines Luder wird sie da bezeichnet, es wird gemutmaßt, dass sie wegen ihres ungewöhnlichen Liebeslebens nur in der Mittagszeit zur Quelle gehen durfte. Die Ausleger übersehen, dass die Frau nach dem Gespräch mit Jesus in den Ort läuft und allen erzählt, was sie erfahren hat. Offensichtlich ist sie gerade nicht ausgestoßen, sondern ein Mensch, dem andere zuhören und glauben. Wie gut, dachte ich bei der Lektüre solcher Auslegungen, dass Jesus anders ist als diese Herren Ausleger. Er ist überhaupt nicht selbstgerecht oder moralisch, er zeigt der Frau, dass er sie kennt. Darum geht es. Nirgendwo steht, dass sie sich nach dem Gespräch mit Jesus sofort von ihrem Freund getrennt oder ihn geheiratet habe. Darum geht es ja auch nicht. Es geht darum, dass sie mit ihrem Leben, mit allem, was sie ist - auch mit ihrer Liebe - zur Quelle des Lebens findet.    

 

Das, was sie gehört hat: „es kommt der Christus“, das soll sie nun für sich begreifen: der, der ihr am Brunnen gegenübersitzt, der ist es.

 

Und sie begreift! Über alle Grenzen hinweg, über alles, was sie innerlich und äußerlich trennt, über die Geschichte ihres Volkes und die Geschichte ihres Lebens hinweg begreift sie: Er ist es!

Das ist ein sehr zarter, ja ein zärtlicher Moment. Die Jünger, die aus der Stadt zurückkommen, wundern sich, aber sie stören nicht, sie spüren, dieser Moment ist kostbar. Er gehört nur der Frau und Jesus.

 

In diesem Moment hat die Frau den Brunnenweg gemeistert. Gleich wird sie aufspringen und das, was sie begriffen hat, weitererzählen. Auch das gehört dazu. Aber erst einmal ist da ein kurzes Innehalten.

 

Ja, und dann läuft sie. Muss sie laufen, weil das Wasser des Lebens fließen will, strömen, sich verströmen will. Weil in dieser Frau eine Quelle aufgebrochen ist, die lebendig ist, die sie mit dem Heiligen verbindet, mit Gott. Diese Quelle will fließen, muss fließen. Sie will begeistern. Und sie begeistert!

 

Die Menschen, denen die Frau erzählt, die hören ihr zu, und die laufen selbst zum Brunnen. Und auch sie finden zum Glauben. Und erzählen, von einem Brunnen an der Grenze zwischen Völkern, zwischen Menschen, von einer Brunnengeschichte mit der Quelle des Lebens.

Heute ist diese Geschichte uns erzählt.

Wir leben aus dieser Brunnengeschichte. Das Wasser des Lebens, es will auch in uns, in jedem von uns zu einer lebendigen Quelle werden, übersprudelnd, lebendig, die Grenzen unseres Lebens, unserer Geschichte überwindend.

 

Amen.

Predigt am Totensonntag, 26.11.206 

 

Pfarrerin Dr. Angela Rinn-Maurer

 

Predigttext aus dem Buch des Propheten Jesaja, Kapitel 65

 

Verheißung eines neuen Himmels und einer neuen Erde

Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, daß man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.

Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich will Jerusalem zur Wonne machen und sein Volk zur Freude,

und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens.

Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht.

Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse. Denn die Tage meines Volks werden sein wie die Tage eines Baumes, und ihrer Hände Werk werden meine Auserwählten genießen.

Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des HERRN, und ihre Nachkommen sind bei ihnen.

 

Herr, segne unser Reden und Hören. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

 

wenn es dunkel ist, brauchen Menschen Bilder. Bilder, die das Licht beschreiben, während es außen oder innen finster ist, Geschichten, die von Wärme erzählen, wenn es innen drin kalt ist und die Welt außen klamm oder eisig. Deshalb erzählen sich Kinder unter der Bettdecke Geschichten, die trösten, deshalb lesen wir Märchen oder träumen uns in sie hinein, deshalb sind soaps im Fernsehen so erfolgreich und große Kinofilme auch, wenn sie Menschen helfen, zu träumen. Bilder zu träumen, von einer Welt, die anders ist, als die, in der sie gerade leben müssen.

Ich glaube, wenn Menschen keine Bilder mehr sehen, wenn sie nicht mehr träumen mögen, wenn Kinder unter der Bettdecke nur noch stumm bleiben und niemand mehr Märchen erzählt, dann ist da etwas ganz Wichtiges gestorben. Es ist wie ein Tod mitten im Leben, wenn ein Mensch keine Träume mehr findet, keine Bilder. Was soll ihn wärmen, was schenkt Licht?

Deshalb haben Menschen aller Zeiten ihre Träume, ihre Bilder gehütet wie einen Schatz, wie ein kostbares Geschenk. Ein Geschenk, das einem, gutgehütet, niemand rauben kann. Kein Feind, kein Exil, keine Fremde, kein Dieb in der Nacht. Es sind die Geschichten von Träumen, Bilder in warmen Farben, die Väter ihren Kindern, Großeltern ihren Enkeln erzählen, Bilder, die sich von Generation zu Generation vererben - als kostbarer Schatz. Die Bilder, von denen Jesaja erzählt, die sind auch solch ein kostbarer Schatz, es sind Juwelen, die er Menschen schenkt, die in ihrer Wirklichkeit - aber was ist das eigentlich - Wirklichkeit? - in alles andere als kostbaren Verhältnissen leben.

Gerade 50 Jahre ist es damals her, dass die Menschen, an die der Prophet sich wendet, eine große nationale Katastrophe erlebt haben. Ihre Regierung hatte politisch versagt, Tempel und Stadt Jerusalem waren durch feindliche Truppen zerstört, aus den Ruinen Jerusalems wurde die Oberschicht in die Gefangenschaft verschleppt. Und so saßen sie an den Ufern von Babylon und weinten, ihre Worte haben wir im Psalm gebetet. Doch was im Exil in Babylon noch Größe hatte (denn auch im Elend kann man eine Größe bewahren, eben die Größe des Traums), dieser Schatz wird nach der Rückkehr ins zerstörte Heimatland in sehr kleine Münze umgewechselt. Keine blühende Landschaften entstehen, da ist keine Energie des neuen Aufbruchs zu spüren, stattdessen mickrige, deprimierende Verhältnisse, mühsam alles, spirituelle Leere herrscht, die Priester und die Gläubigen versinken in kleingläubigigem Mief,  keiner hat Visionen, wieder pressen einige Wenige die große Mehrheit aus, die sich nicht wehren kann, die Regierung verwaltet nur den Mißstand, statt neue Wege zu suchen. Und so leben die Menschen in wirtschaftlicher und persönlicher Not, sie arbeiten und können nicht die Frucht ihrer Arbeit genießen, sie haben Zukunftsangst und wissen nicht, ob sie die Häuser, die sie bauen, auch tatsächlich bewohnen können, sie bekommen Kinder und wissen, dass nur wenige das Erwachsenenalter erreichen werden. Ihre Alten sterben nicht lebenssatt, sondern verbittert.

Es ist merkwürdig, wie viele Parallelen sich knapp 2500 Jahre später aufdrängen. 50 Jahre nach dem Ende der Hitlerdiktatur sind nur noch 50 Prozent der Deutschen mit der Demokratie zufrieden. Wo sind die Träume, wo die Bilder, die Energie schenken, wo ist spirituelle Kraft in verzagter Kleingläubigkeit, wo Leben in tödlicher Depression?

Sonderlich freundlich werden die Zeitgenossen Jesajas auf das erste Hören nicht reagiert haben. Sie waren wohl, mit gutem Grund, mißtrauisch geworden gegenüber schönen Bildern, die mitursächlich dafür waren, dass ihre Stadt in Trümmer gesunken, ihre Kultur zerstört worden war. Und auch wir sollten sehr mißtrauisch sein. Derjenige, der das Gesicht Deutschlands in 12 Jahren verwandeln wollte, der hat es in der Tat nachhaltig zerstört, noch die meisten Utopien, die Menschen selbstherrlich umsetzen wollten, haben ihre schreckliche, zerstörerische Fratze gezeigt. Das gilt für die Französische Revolution, das gilt für den Nationalsozialismus, das gilt für den Kommunismus.

Doch solche Utopien meint der Prophet nicht. Ihm geht es nicht um eine Utopie, die die Gegenwart umwälzt und dabei über die Menschen hinwegwalzt, die in ihr leben. Ihm geht es um eine komplette Neugestaltung, die jeden einzelnen Menschen in den Blick faßt. Und es ist sehr konkret, was er dabei im Blick hat. Kein abgehobenes Utopia, keine Fantasy-World, kein Neues Deutschland, es ist eine Welt, in der Menschen leben dürfen. Und lebenssatt sterben dürfen. Ja, für den Propheten hat in dieser Welt auch der Tod einen Platz. Eine Welt ohne Tod, davon träumt erst 500 Jahre später die Offenbarung - wir haben es in der Lesung gehört. Der Prophet sieht den Tod, doch er ist ein eingebundener Tod, ein Tod, der seinen guten Platz hat. Ein Tod, der als Freund kommt, nach einem langen, einem erfüllten Leben. Auch so kann ihm die Spitze gebrochen werden.

Bilder malt der Prophet: Bilder von Menschen, die ohne Angst leben und lieben, bauen und pflanzen, arbeiten und feiern können. Menschen, die sich entfalten dürfen, als wunderschöne Menschenblumen, vergängliche Wesen zwar, heute blühend, morgen verwelkend, doch auch in ihrem Vergehen liegt Segen, liegt Erfüllung. Das ist ein Traum, ein Bild, das ist eine große Hoffnung.

Die Menschen, die gewiß beim ersten Hören skeptisch waren, feindselig vielleicht: „Was soll das sein, ein neuer Himmel, eine neue Erde?“, die haben dann doch diese Worte bewahrt, aufgehoben wie einen kostbaren Edelstein, und sie haben sie vererbt und aufgeschrieben für ihre Kinder, für deren Kinder, für die Menschen aller Jahrhunderte bis heute. Warum?

Weil diese Worte keine leere Utopie sind, kein Menschen vernichtendes Gift. Weil es Träume sind, die ihre leere, dunkle, traurige Gegenwart verwandelten. Und das können nur Worte, die eine fremde, besondere Kraft haben. Ich sage: eine göttliche Kraft. Eine Kraft, die satt macht, wenn Menschen tatsächlich hungrig sind: nach Brot, und nach Leben, nach Liebe.

Diktatoren aller Zeiten sind begnadete Rethoriker gewesen, und sie hatten die Gabe, Menschen zu verführen. Ihre Worte klangen täuschend ähnlich, ihre Visionen hatten eine vordergründige Kraft, ihre Ideen waren scheinbar Lebensspendend. In Wirklichkeit jedoch tödlich, menschenverachtend.

So dass die, die ihren Worten glaubten, dass denen hinterher schlecht wurde, oder sie waren beschämt, betrogen.

Jesaja betrügt nicht. Er erzählt ja auch nicht von einer Menschenvision. Er erzählt von einem Bild, das Gott selbst seinen Menschen schenkt. Gott, der sich bei der Schöpfung nicht vorgestellt hat, dass seine Menschen in Freudlosigkeit verkommen, in Hoffnungslosigkeit ersticken, in Trauer verstummen. Gott, der seinen Menschen Leben schenken will, und Hoffnung, sattes, erfülltes, gutes Leben. Ein Leben, das man, ausgekostet, genossen, gelebt, auch gerne und getröstet in Gottes Hand zurücklegen mag.

Manche der Menschen, um die wir heute trauern, die sind wohl so gestorben: lebenssatt, nach einem gelebten, erfüllten Leben.

Andere hätten sich noch Jahre gewünscht, sie sind, für ihr eigenes Gefühl, für das der Menschen, die um sie trauern, viel zu früh gestorben. Oder ihre lange Leidenszeit wirft im Rückblick einen düsteren Schatten auf das gelebte Leben.

Sie ist noch nicht da, die Vision, das Bild, der Traum, den Jesaja uns verkündet hat, der uns erzählt wird, so wie sie noch nicht da war für alle Menschen, die seither gelebt haben, seitdem Jesaja gesprochen hat.

Trotzdem, trotzdem wird dieser Traum erzählt. Und er wird auch nach uns erzählt werden.

Weil es ein guter, ein gesegneter Traum ist. Ein gutes Bild, ein ehrliches, kein verlogenes. Ein Bild, dem ich trauen darf. Ein Bild, das jetzt schon die Wirklichkeit verwandelt.

Ein Bild, das einen Lichtschein malt in die dunkle Nacht. Da, wo wir heute stehen mögen, das muss für uns nicht das letzte Wort sein. Es gibt mehr als Trauer und Tränen, als schreckliche Leere und Verzweiflung. Es gibt mehr als bitteren Tod und nicht gelebtes Leben. Es gibt mehr, auf das wir hoffen dürfen. Schon heute.

Denn dieses Bild zeigt nicht nur ein Licht am Ende des Tunnels, es ist eine Vision, die in die kalte Gegenwart hinein Wärme schenken will. Und kann.

Denn es ist kein Bild, das wir uns selbst malen, keine Vision, die wir selbst leisten müssen. Es ist ein Geschenk, uns geschenkt wie ein Schatz, wie ein Diamant. Nicht wir müssen diesen neuen Himmel und diese neue Erde schaffen. Um Gottes willen sollten wir das nicht tun, das haben andere zu unserem Unheil genügend versucht. Es ist ein Traum, der in Gottes Hand liegt. Allerdings brauchen wir uns dank dieses Traums nicht mehr abfinden mit einer lebensfeindlichen Gegenwart, mit Kälte, die uns ins Herz kriecht, mit Angst, die uns die Lebensfreude abschnürt. Diese klägliche Gegenwart hat nicht das letzte Wort, das letzte Wort haben auch nicht die, die noch daraus ihre Profit ziehen oder ziehen wollen.

Jedem einzelnen ist Leben versprochen, und zwar nicht lediglich das Existenzminimum, sondern pralles, volles Leben, das satt macht. Freude, die unsere Trauer verwandelt - in Verzeihen, in Dankbarkeit, in Glück.

Mag sein, das wir noch ganz skeptisch sind, dass wir vor lauter Tränen nicht hinsehen wollen, dass unsere Ohren noch voller Jammer sind. Das Bild bleibt, und es ist ein Bild, das, ganz zärtlich, die Tränen wegwischt. Oder uns in den Arm nimmt, bis wir die Kraft haben, selbst zu träumen, selbst zu erzählen von einer Erde und einem Himmel, die ganz anders sind.

Nicht irgendwann jenseits der Zeiten. Sondern schon heute und hier. Für jeden von uns, auch für Sie und für mich.

 

Amen.

Predigt am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres 19.11.2006

Pfarrer Andreas Nose

Offenbarung des Johannes 2, 8-11

Und dem Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe: Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden:

Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut – du bist aber reich – und die Lästerung von denen, die sagen, sie seien Juden und sind’s nicht, sondern sind die Synagoge des Satans.

Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr versucht werdet, und ihr werdet in Bedrängnis sein zehn Tage.

Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Wer Ohren hat zu hören, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt! Wer überwindet, dem soll kein Leid geschehen von dem zweiten Tode.

Liebe Gemeinde,

1.

Sie und Ihr, habt den Predigttext gehört, der für heute vorgeschlagen ist und habt gemerkt: Das ist starker Stoff!

Am Montag habe ich mir das zum ersten Mal angeschaut – und gedacht: O nein! Das kannste nicht bringen. Da sitzen die neuen Konfirmanden – und Eltern – manche sind vielleicht das erste Mal bei uns im Gottesdienst. Und dann hören die solche Wörter: „Synagoge des Satans ... der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, aber seid treu bis zum Tod ... und vom zweiten Tod soll euch kein Leid geschehen ... und das sagt einer, der tot war und lebendig geworden ist ...“

Da fragen sich doch sicher viele: „Was geht hier ab! Sind das Spinner? Ist das jetzt eine Sekte? Hier soll mein Kind konfirmiert werden? Und ich denke: Das arme Mädchen, der arme Junge – weiß noch gar nicht, was im Konfirmandenunterricht so auf ihn zukommt – und fragt sich jetzt: Wenn ich da mitmache, muss ich dann an den Teufel glauben?

Das ging mir am Montag – und auch noch am Dienstag – durch den Kopf.

2.

Ich habe aber diese Woche nicht nur in der Bibel gelesen. Ich war auch in der Videothek. Wer mich ein bisschen kennt, weiß: Ich liebe das! Einen Arbeitsplatz zu haben, von dem aus ich nur 20 Schritte gehen muss und ich stehe in einer Videothek.

Im Regal mit den neu raus gekommenen Filmen steht einer – in 10 Kopien, ich habe trotzdem noch keine ergattern können – das ist auch „starker Stoff“!

„Walk the line“ ist die verfilmte Lebensgeschichte des Countryrock-Sängers Jonny Cash. Reese Witherspoon und Joaquin Phoenix haben für ihre Rollen als Jonny Cash und June Carter beide den Oscar bekommen.

Jonny Cash – für Euch junge Leute gehört der zur Generation Euerer Großväter, und Ihr könnt Euch wahrscheinlich gar nicht vorstellen, dass die mal richtig Lebenshunger hatten. Jonny Cash hat wie viele andere Rockmusiker ein Lebensmotto geteilt: „Live fast, die young!“ „Lebe schnell, stirb früh!“ Und er hat auch alles dafür getan, dass es so kommt. Er hat gesoffen, er war medikamentenabhängig, vor dem Auftritt hat er Tabletten genommen, um high zu sein und die Show machen zu können, nach dem Auftritt hat er Tabletten genommen, um ein paar Stunden schlafen zu können. Und das 300 mal im Jahr. Es gab Zeiten, da hat ein Arzt nicht gereicht, um die Menge Tabletten liefern zu können, mit der Cash sich voll pumpte.

Jonny Cash hat seine erste Ehe den Bach runter gehen lassen. Als seine Sucht schlimmer wurde, mussten reihenweise Konzerte abgesagt werden, weil er nicht mehr hochkam auf die Bühne. Er landete sieben mal im Gefängnis. Er gehörte zu den ersten Pop- und Rockstars, die nach Auftritten die Einrichtung ihres Hotelzimmer zerlegt haben und – was mir persönlich besonders weh tut – ihre wertvollen Gitarren zerstörten, indem sie damit auf Leute einschlugen.

Manche sagen - „Live fast, die young!“ – Mann, der hat gelebt. Ich sage, der ist gestorben – und zwar lange vor (!) seinem wirklichen Tod. So ein Leben ist ein Sterben auf Raten. Da geht immer mehr das Leben raus. Wenn eine Ehe oder Partnerschaft zerbricht und Kinder zurück bleiben. Wenn ein Mensch, das was er eigentlich liebt und gern tut, nicht mehr tun kann, wenn ein Mensch Mühe hat, sein alltägliches Leben zu bewältigen, wenn er nicht seine tägliche Dosis Droge bekommt ... wenn ein Mensch sich selber dabei zuschauen kann, wie er sein Leben zerstört ...

3.

So, jetzt wisst Ihr, jetzt wissen Sie, was die Bibel meint, wenn sie davon redet, dass es einen „zweiten Tod“ gibt.

„Es gibt ein Leben vor dem Tod“ – Ja, aber es gibt auch ein „Sterben vor dem Tod“.

Unser Predigttext spricht zu verfolgten Christen im 1. Jahrhundert, die wirklich mit dem Tod rechnen müssen, wenn sie den römischen Behörden in die Hände fallen. Der Brief, den sie bekommen - denn das ist die Offenbarung des Johannes, ein Brief an Christen in der Verfolgung - dieser Brief soll ihnen Mut machen: Haltet durch! Bleibt euren Idealen treu!

Der Tod kann etwas sehr Schlimmes sein. Aber es gibt noch einen anderen Tod, ein anderes Sterben, das ist viel schlimmer: Wenn Ihr Eure Ideale aufgebt, wenn Ihr Eure Überzeugung wechselt wie die Unterwäsche, wenn Ihr alles, was etwas wert ist, aufgebt, Euren Glauben, der Euch hat zu Menschen werden lassen, die lieben können und hoffen, den anderen sehen können und nicht nur sich selbst ...

In der Ewigkeit wird das sichtbar werden, ob ein Mensch als Mensch gelebt hat oder ob er sein Leben - vielleicht schon lange vor dem Tod -verloren hat, gar nicht richtig Mensch geworden ist, Mensch, so wie Gott sich das gedacht hat und ihm von Herzen gewünscht hat.

Es kann etwas zerbrechen. Es kann Leben raus gehen, wo vorher Leben drin war. Oder es kann sein, dass Leben sich gar nicht entfaltet, weil Angst da ist, weil Ermutigung fehlt und Unterstützung, weil Du immer nur auf’s Dach kriegst, weil sich keiner für dich interessiert, weil Deine Arbeitskraft nicht gebraucht wird oder weil Dir keiner beigebracht hat, wie man mit einem Menschen ordentlich umgeht und wie man eine Beziehung lebendig hält ... oder weil wir auf der Welt immer noch nicht gelernt haben, zu teilen, und dass, der anders spricht als ich, auch ein Mensch ist ...

Es gibt noch einen anderen, einen „zweiten“ Tod, und der findet mitten im Leben statt.

Ich glaube, dass Gott auch auf das "verlorene" Leben schaut, mit großer Liebe darauf schaut; und dass seine Liebe stärker ist als alles andere; und er auch am Ende noch zurecht bringen kann, was mir im Leben "verloren" gegangen oder misslungen ist.

4.

So, jetzt könnt sich einer von Ihnen, von Euch, fragen: Gut, aber was hat so ein braver Pfarrer, was hat so ein braver Konfirmand oder eine brave Konfirmandin, was hat so ein braver Gottesdienstbesucher mit Jonny Cash gemeinsam.

Da möchte ich Euch / Ihnen noch eine Geschichte erzählen.

Jonny Cash macht etwas – und daran merkt man, dass er den Tod anfängt zu überwinden und er zum Leben findet, was er dann macht, kann er aber erst mit seinem neuen Produzenten machen, der alte hatte Angst, das würde das Geschäft schädigen – Jonny Cash geht in Gefängnisse und gibt dort Konzerte. Eines von den vielen ist besonders berühmt geworden. denn es wurde aufgenommen und hat sich als Platte über 3 Millionen mal verkauft, das Konzert im „Folsom Prison“.

Dort singt er als ein Mensch, der mit der Hilfe Gottes und der Hilfe seiner Frau sein Leben in den Griff bekommen hat. Und Jonny Cash spricht und singt zu Menschen, die dort sind, weil sie ihre Frau umgebracht haben, wegen Diebstahl oder auch, weil sie ständig besoffen Auto gefahren sind.

Zu ihnen spricht er, dessen Leben wieder auf eine gute Bahn gekommen ist, der eine Frau gefunden hat, mit der er bis zu seinem Tod zusammen bleiben wird, der keine Drogen mehr braucht, er spricht von dem Biest, von dem Tier, das in ihm (!), in Jonny Cash steckt - und was er sagen will ist, dass es im Grunde in jedem von uns steckt und das es manchmal ausbricht, gewalttätig, zerstörerisch ... Das steckt auch in mir.

Ich habe einmal einen älteren Herrn kennen gelernt, der in einer – auch wirklich nicht einfachen Lebenssituation – einen Zorn auf einige seiner nächsten Angehörigen entwickelt hat. Weil sie nie etwas einmal zu Ende sprechen und klären konnten, hat sich dieser Zorn in ihm immer weiter angesammelt. Der blieb drinnen. Man sagt: „Wenn du eine Katze verschluckst, dann wird sie zum Tiger.“ Ich persönlich denke, über die Jahre ist er daran (!) krank geworden und gestorben und nicht so sehr an seinem Alter.

Ihm hätte es – glaube ich - nicht geholfen, ein Hotelzimmer zu zerstören oder eine wertvolle Gitarre nach lieben Menschen zu schmeißen. Er – und die anderen mit ihm - hätten Hilfe gebraucht, die Dinge, so auszusprechen und Entscheidungen zu treffen, dass alle einen Schritt weiter kommen können.

Vielleicht hat ihnen auch einfach die Idee dafür gefehlt, dass es Frieden und Versöhnung unter Menschen wirklich gibt. Vielleicht hätte ihnen jemand noch etwas mehr von Jesus erzählen müssen, dass er der Anfang und das Ende ist und auch mittendrin ist, auch jetzt, hier ist, lebt und zur Versöhnung hilft und zum Leben.

Von diesem Tier, dem Biest auch in mir, davon ahne ich schon auch etwas. Und wenn Ihnen, wenn Euch, das auch so geht, dann versteht Ihr, was die Bibel meint, wenn sie vom Teufel spricht oder von Satan.

Um die Frage zu beantworten: Nein, Ihr müsst nicht an den Teufel glauben, um in der Kirche konfirmiert zu werden.

Aber es hilft, wenn Ihr eine Ahnung davon habt, dass es auch in mir etwas gibt, das nicht immer hilfreich ist. Jeder von uns hat auch eine dunkle Seite, die – wenn sie sich ungebremst ausleben darf - Leben verletzen, auch mein eigenes Leben schädigen kann. Ich muss das nicht den Teufel nennen oder das wilde Tier in mir, ich muss ihm keinen Namen geben.

Wenn ich zurück schaue, dann erschrecke ich über manches, was ich einmal gesagt oder getan habe.

5.

Hier könnt Ihr verstehen, was der Konfirmanden-Unterrricht und die Konfirmation eigentlich soll. Wir haben das – und das empfinde ich als ein Geschenk – wir haben das, damit wir noch einmal fest machen können, was in unserer Taufe geschehen ist – oder um uns auf die Taufe vorzubereiten, wenn sie noch vor uns liegt.

Viele wurden als Babys getauft. Ihr wurdet damals mit Wasser begossen nicht, weil die Mutti morgens vergessen hatte, Euch den Brei aus dem Gesicht zu waschen. Sondern weil das Wasser ein ganz starkes Zeichen ist für das, was Gott uns schenkt: Er vergibt uns alle unsere Schuld und was dunkel ist in unserem Leben, das lässt er hell werden. Er schaut uns an wie June Carter Jonny Cash angeschaut hat, mit Augen, die nicht den Junkie sehen, sondern den Menschen, der sich nach Liebe sehnt und der es wert ist, geliebt zu werden. Womit wir uns dreckig machen, das wischt Gott weg. Das trägt er uns nicht nach.

6.

Heute ist Volkstrauertag. Nachher werden sich noch Menschen am Mahnmal an der Martinusschule treffen und der Toten der Kriege gedenken.

Auch aus Gonsenheim haben viele Familien Söhne und Töchter, Brüder, Schwestern, Väter, Mütter verloren und sehr zu leiden gehabt. Ich finde es wichtig, daran zu denken.

Es ist aber auch wichtig, das andere zu sehen – dieser komische Predigttext heute morgen erinnert uns daran -:

Schon vor dem Tod kann im Menschen etwas sterben.

Wenn ich mich persönlich daran bereichere, dass ich das Geschäft des jüdischen Nachbarn billig übernehmen kann, weil die Nazis ihm sonst alles wegnehmen und weil er verschleppt wird, dann stirbt etwas in mir; wenn ich einem Führer folge, der offen das Leben anderer Menschen als unwert oder minderwertig bezeichnet, dann stirbt etwas in mir; wenn ich das Signal stelle für den Zug, in dem Juden nach Auschwitz transportiert werden, dann stirbt etwas in mir; und wenn ich bei all dem wegschaue, auch dann stirbt etwas in mir.

Wenn wir heute den Volkstrauertag feiern, dann verstehe ich das als einen Aufruf, dass uns heute die Menschlichkeit nicht wegstirbt und das Leben nicht stirbt, sondern erhalten bleibt und gepflegt wird. Denn darum geht es Gott: dass wir wirklich Mensch sein können; Mensch sein, so wie Gott es sich einmal gedacht hat.

Wir leben – Gott sei Dank! – heute nicht in einer Diktatur. Aber vor der Frage, ob wir menschlich miteinander umgehen steht jeder von uns jeden Tag.

7.

Ich hatte schon angedeutet, dass sich im Leben von Jonny Cash etwas sehr Grund legend verändert hat.

Ihm ist die große Liebe einer Frau begegnet, June Carter. Aber das allein hätte nicht ausgereicht. Ihm ist – vor allem in dieser Frau – auch der Glauben an Gott wieder begegnet, der Glauben dieser Frau, die für ihn gebetet hat, der Glauben, der auch ihn angesteckt hat, ihn erinnert hat an Dinge, die in seinem Leben lange verschüttet und fast verloren gegangen waren. Der Glauben an Gott war ihm als Kind nicht fremd gewesen.

Ein neuer Zugang zu Gott macht es für ihn möglich, endlich auch über einen ganz großen Schmerz seiner Kindheit, einige sehr schlimme Erfahrungen, zu sprechen, sie nicht mehr in sich zu verschließen und mit Drogen zu betäuben, sondern sich zu öffnen, damit in ihm wieder etwas heil werden kann, was zuvor zu sterben drohte.

Er erlebt Versöhnung, auch da, wo er selbst verletzt worden ist. Da kommt Frieden. Und er braucht kein Hotelzimmer mehr zu zertrümmern.

Wie es ein Leben nach dem Tod gibt, so gibt es auch ein Leben vor dem Tod. Das Leben zu suchen und Gott zu suchen – das ist das Gleiche. Gott finden heißt Leben.

8.

Und das können wir auch: Gott finden; wenn wir im Gottesdienst zusammen sind; wenn wir beten; wenn wir einen Menschen haben, der uns dazu helfen kann; den wir fragen können; wenn wir in unserem Leben wach dafür sind, wo Gott uns anspricht und wenn unser Gespür wächst, wo Gelegenheiten sind, ihn in unseren Alltag mit hinein zu nehmen.

Um das zu lernen und um sich gegenseitig darin zu unterstützen, dafür ist eine Gemeinde da.

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre uns mit Herzen und Sinnen in Jesus Christus. Amen.

Predigt Drittletzter So 2006 Hiob 14, 1-6

Pfr. Dr. Rinn-Maurer

 

Hiob 14,1-6

Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe,

geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.

Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, daß du mich vor dir ins Gericht ziehst. Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

 

Liebe Gemeinde,

 

eine uralte Klage dringt an unsere Ohren, uralt wie die Menschheit. Ein Mensch, niedergedrückt von einem Schmerz, den er kaum ertragen kann. Hiob, der zum Urbild des gequälten Menschen wurde, dem alles genommen wird, was er hat und liebt. Ja, dem auch sein ganzes Denkgebäude zerstört wird. Der Gerechte wird lange leben, lebenssatt wird er sterben, die Früchte seiner guten Taten wird er genießen - so hatte es Hiob als Kind gelernt, daran hatte er sich als Mann gehalten. Gutes lohnt sich, Böses rächt sich. Und er erfährt, am Boden zerstört, dass das nicht trägt, dass es nicht gilt. Seine Kinder sind tot, er selbst krank, ein Ekel den anderen Menschen. Sein Leben zerrinnt ihm zwischen den Fingern.

 

Hiob hat Freunde. Immerhin. Das ist nicht selbstverständlich. Viele Menschen scheuen den Kontakt zu Trauernden, möchten sich Klagen nicht anhören, ekeln sich vor Krankheit, haben Angst vor Ansteckung, halten den Schrecken nicht aus. Hiobs Freunde kommen zu ihm. Immerhin. Und immerhin sitzen sie Tage schweigend neben ihm. Ein guter, echter Freundschaftsdienst. Wer hält das schon aus - so lange schweigend da sein. Dann jedoch können die Freunde aus ihrer Haut nicht heraus und geben Ratschläge. Es gibt wohl nichts Schwierigeres als einen guten Ratschlag. Zumal die Freunde aus dem Gedankengebäude heraus Ratschläge geben, das bei Hiob gerade irreparabel zerbrochen ist. Sie sitzen noch in der heilen Welt derjenigen, die meinen, das das Gute stets belohnt und das Böse stets bestraft wird. Ihre Ratschläge sind sicher gut gemeint. Doch das Gegenteil von Gut - wir wissen es - ist gut gemeint.

 

Ich weiß nicht, was schlimmer ist: Allein sein, oder Freunde zu haben, die einem gute Ratschläge geben. Irgendwann hält es Hiob nicht mehr aus. Und klagt, klagt in einer Sprache, die sanft anmutet, poetisch, trotz des Schreckens, aus dem sie geboren ist. Aber vielleicht ist es ja auch gerade deshalb so. Hiob erlebt das Schwerste, das ein Mensch erleben kann: den Tod seiner Kinder, den Verlust seiner Gesundheit, sein Weltverständnis. Er hat nichts mehr, woran er sich festhalten kann. Und als er ganz am Boden ist, am Ende, als alles zerstört scheint, erblüht eine Sprache, eine zarte, verzweifelte, kluge Sprache aus seinem Herzen. Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. Ein merkwürdiges Geschehen: aus der Tiefe erblüht Schönheit. Vielleicht, weil zur Schönheit die Vergänglichkeit gehört, weil uns Schönheit erst, schmerzlich, in ihrer eigenen Gestalt die Endlichkeit vor Augen malt. Weil wir, wenn etwas zerbrochen ist, dann erst, sehnsüchtig, merken, wie schön es war.

Vergänglich, zerbrechlich ist der Mensch, ist alles, was der Mensch sich als Eigentum anrechnet, als Besitz hortet, als Wesentliches festhalten will. Staub, vergebliche Unruhe, kurze, verfliegende Zeit. Vergänglich - und doch auch schön. Schön, als Ebenbild Gottes, der Mensch als Geschöpf.

Schönheit, die sich im Gesicht Gottes erkennt und dort ihren Halt und Trost findet - so kann es sein. Hiob, der leidende Mensch, der erkennt jedoch im Angesicht Gottes nicht den liebevollen Blick seines Schöpfers. Er erkennt den, der ihm sein grausames Angesicht zuwendet, er erkennt den Heiligen, vor dem noch die frömmsten Menschen zurückschrecken, er erkennt den Urgrund des Universums, vor dem er zurückweicht, ja, den er anfleht, ihn doch nicht so anzuschauen. Er erkennt den gerechten HERRn der Welt, vor dem noch kein Mensch auf seine Gerechtigkeit pochen kann. Er erkennt die Reinheit, vor der kein Mensch auf seinen unbefleckten Lebenswandel verweisen kann.

Was ich anrührend, tief anrührend finde: Hiob wendet sich nicht von Gott ab.

Er bleibt vor und an diesem Gott, den er anfleht, ihn doch nicht mehr anzuschauen. Er bleibt in Kontakt, in Berührung. Und läuft nicht weg.

Es liegt vielleicht nahe, wegzulaufen. 

Gerade dann, wenn man ihn nicht spürt, diesen Gott.

Manchmal ist das, erschreckend, so, dass Menschen, die von großem Leid getroffen sind, nicht mehr beten können. Sie finden keine Worte mehr, finden keinen Zugang mehr zu Gott, obgleich sie es sich wünschen, obgleich sie sich danach sehnen.

Andere wenden sich im Zorn ab, weil sie Gott ihr Schicksal vorwerfen.

Es gibt eine Tradition in der Kirche, die spricht Gott von jeder Verantwortung frei, wenn etwas Schreckliches auf dieser Welt geschieht. Er ist nicht schuld, ihm hat es nicht gefallen, schuld, verantwortlich, sind Menschen, Naturkräfte. Gott ist auf der sicheren, guten Seite.

Ich weiß nicht, ob mit einem solchen Glauben Menschen nicht schlimmer im Stich gelassen werden, mit besten Motiven letztlich mehr von Gott getrennt werden als mit einem Glauben, der fragt und hadert, klagt und es aushält, dass da Leid ist, manchmal unfassbar großes Leid, und dieses Leid geschieht vor Gottes Augen, ist nicht getrennt von ihm.

Hiob hält sein Leid vor Gott aus. Nicht er wendet sich ab, er bittet Gott darum, dass der sich abwenden möge.

Die dunkle Seite Gottes - Menschen haben sich immer wieder mit ihr gequält, auseinandergesetzt, haben sie erlitten und sich vor ihr gefürchtet. Luther hat das den deus absconditus, den verhüllten Gott genannt.

Hiob sieht sich, ein kleines, vergängliches Menschlein im Angesicht dieses dunklen Gottes. Er ist nicht verhüllt, sondern zeigt sein Gesicht. Und Hiob wäre es lieber, dass er verhüllt wäre, dass ihm nicht vor dieser Gerechtigkeit seine Unvollkommenheit, vor dem Ewigen seine Vergänglichkeit in den Sinn gebrannt würde. So wenige Jahre sind dem Menschlein geschenkt, und Hiob bittet um Ruhe, um Verschonung. Er bittet nicht um Gottes Nähe, sondern um Gottes Ferne, und er freut sich, wie ein Tagelöhner sich nach härtester Fronarbeit auf seinen einzigen freien Tag freut, auf den Tag seines Todes, an dem die Qual seines Lebens ein Ende hat.

Ist das ein Thema nur für Erwachsene? Ich meine, auch Kinder haben eine Ahnung davon, verstehen vielleicht gerade dann, wenn sie - warum auch immer - Angst haben oder verzweifelt sind, Hiob besser als die Erwachsenen. Ein Kind, das in der Schule von anderen Kindern geschnitten oder bedrückt wird, ein Kind, das darunter leidet, dass seine Eltern nicht mehr miteinander klarkommen, das spürt die eigene Hilf- und Machtlosigkeit. Und Kinder haben auch ein Gespür für das, was Hiob quält. Denn meistens fühlen sich Kinder für ihr Unglück verantwortlich, auch wenn das, objektiv, gar nicht simmt.

Und so singen Menschen aller Zeiten, große und kleine Menschen, ihr ganz persönliches Klagelied, das Klagelied über ihr Leid, über ihre Vergänglichkeit, über die Grenzen unserer Existenz, über eigene Schuld und eigenes Versagen. Und manche singen es vor Gottes Angesicht, so dunkel und verborgen, so hart und bedrohlich Gott ihnen auch vorkommen mag.

Und manche entdecken dabei, dass dieser Gott sie liebevoll anschaut. Ja, mir scheint, dass die poetische Sprache Hiobs, dass die schon diesen liebevollen Blick Gottes widerspiegelt, ohne dass Hiob es weiß, vielleicht ahnt er es aber, wie einen zarten Lichtstrahl.

Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe,

geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.

Doch du tust deine Augen über einen solchen auf - wie Gott seine Augen auftut, das kann doch eigentlich nur liebevoll und zärtlich sein. Wenn Gott diesem Menschen seine Aufmerksamkeit schenkt, diesem unruhigen und schönen, vergänglichen Wesen, vom Weibe geboren, dessen Leben aus der Perspektive der Jahrtausende wie ein flüchtiger Schatten erscheint, dann muss das, so finde ich, ein liebevoller Blick sein. Gewiss sieht auch die Liebe die Schattenseiten, erkennt das, was unglücklich ist, zerbrochen oder verfehlt. Zur liebevollen Wahrnehmung gehört es dazu, sonst wäre der Blick ja verblendet. Er sieht uns, mit unseren Schattenseiten, ganz klar, und er liebt uns trotzdem. Anders könnte er uns wohl kaum aushalten, und er hält uns aus, seine Schöpfung, von Anfang an, durch die Jahrtausende.

Ja, mir scheint, wir leben nur aus und dank dieses liebevollen Blickes. Der uns umhüllt und bewahrt, auch wenn er uns verdunkelt scheint durch Schmerz und Leid, durch Trauer und Angst und wir seinen Blick nicht erwidern mögen, sondern die Augen schließen wollen, oder niederschlagen.

Sein liebevoller Blick bleibt. Und bewahrt uns, und läßt uns nicht im Staub der Jahrtausende versinken, auch wenn unser Leib längst zu Staub und Asche zerfallen ist.

Der Tag, auf den sich der Mensch wie ein Tagelöhner freut, den konnte sich Hiob nur als Vergessen, als Nichts vorstellen, als Ende seiner Qual. Manchem scheint es vielleicht heute noch so. Doch durch das Dunkel, durch die Rätselhaftigkeit unseres Lebens scheint ein Licht, ein zartes Licht, das sich spiegelt in der Poesie unserer Sprache, in jedem Gebet, in einer liebevollen Geste, auch in jeder Träne, die Menschen weinen. Und dieses Licht erzählt von einem Gott, der sich durch nichts von seinen Menschen trennen lassen wird, auch nicht durch Gewalt und Schmerz, auch nicht durch den Tod. Und es erzählt von einem Tag, an dem es kein Leid und keinen Schmerz mehr geben wird. Einem Tag, an dem wir Menschen, ohne Hindernisse, den liebevollen Blick Gottes erkennen dürfen.

Auf diesen Tag warten wir, mit Hiob, mit allen anderen Menschen, ja, mit der ganzen Schöpfung.

 

Amen.

Pfarrerin Dr. Angela Rinn-Maurer

Predigt am 23.7.06 6. Sonntag nach Trinitatis

Apg 8,26-39

Der Kämmerer aus Äthiopien

Aber der Engel des Herrn redete zu Philippus und sprach: Steh auf und geh nach Süden auf die Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt und öde ist.

Und er stand auf und ging hin. Und siehe, ein Mann aus Äthiopien, ein Kämmerer und Mächtiger am Hof der Kandake, der Königin von Äthiopien, welcher ihren ganzen Schatz verwaltete, der war nach Jerusalem gekommen, um anzubeten.

Nun zog er wieder heim und saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja.

Der Geist aber sprach zu Philippus: Geh hin und halte dich zu diesem Wagen!

Da lief Philippus hin und hörte, daß er den Propheten Jesaja las, und fragte: Verstehst du auch, was du liest?

Er aber sprach: Wie kann ich, wenn mich nicht jemand anleitet? Und er bat Philippus, aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen.

Der Inhalt aber der Schrift, die er las, war dieser (Jesaja 53,7-8): »Wie ein Schaf, das zur Schlachtung geführt wird, und wie ein Lamm, das vor seinem Scherer verstummt, so tut er seinen Mund nicht auf.

In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben. Wer kann seine Nachkommen aufzählen? Denn sein Leben wird von der Erde weggenommen.«

Da antwortete der Kämmerer dem Philippus und sprach: Ich bitte dich, von wem redet der Prophet das, von sich selber oder von jemand anderem?

Philippus aber tat seinen Mund auf und fing mit diesem Wort der Schrift an und predigte ihm das Evangelium von Jesus.

Und als sie auf der Straße dahinfuhren, kamen sie an ein Wasser. Da sprach der Kämmerer: Siehe, da ist Wasser; was hindert's, daß ich mich taufen lasse? »Philippus aber sprach: Wenn du von ganzem Herzen glaubst, so kann es geschehen. Er aber antwortete und sprach: Ich glaube, daß Jesus Christus Gottes Sohn ist.«

Und er ließ den Wagen halten, und beide stiegen in das Wasser hinab, Philippus und der Kämmerer, und er taufte ihn.

Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus, und der Kämmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich.

Herr, segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde,

im Religionsunterricht habe ich den Kindern erzählt, daß viele wichtige Menschen in der Bibel eine Behinderung haben. Die Kinder sind in einer Integrationsklasse, in der behinderte und nicht-Behinderte unterrichtet werden. "Was ist eine Behinderung?" fragen sie. "Also, gerade ihr müßtet doch wissen, was eine Behinderung ist, schließlich seid ihr doch in einer Integrationsklasse, in der Behinderte und Nichtbehinderte gemeinsam zur Schule gehen". "Aha, meinten die Kinder, aber wer unter uns ist denn behindert?"

Das hat mich sehr beeindruckt.

Und vom Sinn einer integrativen Grundschule überzeugt. Trotz aller Schwierigkeiten, die diese Erziehung gewiß auch mit sich bringt. Diese Antwort der Kinder, die kann man nicht über den Kopf beibringen. Diese Antwort kann nur durch gemeinsames Leben und Lernen entstehen. Verwundert fragen: Wer unter uns ist denn behindert?

Dieser Kämmerer aus Äthiopien hatte eine Behinderung. Eine im wahrsten Sinne des Wortes einschneidende Behinderung, offenbar für manche Ohren so peinlich, daß unsere deutsche Übersetzung sie stillschweigend übergeht. Doch der griechische Text verrät es mir: eunuchus, steht da,  dieser Mensch war ein Eunuch. Davon gab es damals viele, wahrscheinlich ermöglichte ihm erst diese Verstümmelung den hohen Dienst bei der Königin von Äthiopien. Eunuch sein und Macht haben - das schloß sich nicht aus. Doch anderes war dadurch nicht mehr möglich. Z.B. durfte er nicht zum Judentum konvertieren. Denn im Gesetz des Mose heißt es: Kein Entmannter oder Verschnittener soll in die Gemeinde des Herrn kommen. In den Augen der Juden war dieser Mensch, trotz aller Reichtümer, Machtbefugnisse, trotz aller Herzenssehnsucht nach Gott... ein Behinderter, der nicht durfte, was er sich wünschte: Jude sein. Und durch kein Gericht konnte er sich erklagen, was anderen möglicherweise als lästige Pflicht erschien, trotzdem aber auf jeden Fall immer ihr ererbtes Recht blieb: zur Gemeinde Gottes gehören.

Dieser Mann war behindert. Und seine Behinderung war unüberwindliches Hindernis. Noch nicht einmal heimlich einschleichen konnte er sich. Denn was bei anderen zu sehen ist, das war bei ihm zu hören. Er war ein Eunuch.

So sitzt er denn auf seinem Wagen, auf der Rückfahrt von Jerusalem, wo ihm wieder versagt geblieben ist, was er sich so erträumt. Ich stelle mir vor: wieder hat er sehnsüchtig vor den Toren des Tempels gestanden, hat sich nach der Nähe Gottes gesehnt, und wieder war esnicht möglich. Und mit dieser Sehnsucht im Herzen liest er in der Bibel, so wie ein Mensch, der von der Geliebten getrennt ist, zumindest ihre Briefe liest, aus den Zeilen die Liebe saugt, die er so schmerzlich vermißt.

Nur daß diesem Mann der Schlüssel zum Verständnis des Liebesbriefes fehlt. Er liest die Bibel, aber er versteht sie nicht. Das ist nun wirklich furchtbar: sich zu sehnen, und das einzige, was mich mit dem Geliebten verbindet, ist ein verschlüsselter Brief, dessen Code ich nicht entziffern kann. Zum Verrücktwerden ist das.

Zum Gotterbarmen. Und das tut Gott dann auch, er erbarmt sich seines Menschenkindes, das sich so nach ihm sehnt. Bei so viel Liebe erbarmt sich Gott.

Und schickt den Philippus zu Hilfe.

Er hat sich nun wirklich einen schwierigen Text ausgesucht, der Kämmerer aus Äthiopien. Einen der rätselhaftesten des Alten Testaments, er zählt zu den Bibelstellen, über die am Karfreitag gepredigt wird. Philippus legt ihn aus und erzählt von Jesus Christus. Erzählt die gute Botschaft von Jesus Christus. Erzählt von dem Gott der Mensch wurde, aus lauter Liebe zu seinen Geschöpfen. Erzählt von dieser Liebe, die allen Menschen gilt, den kleinsten und den größten, erzählt von einer Liebe, die sich auch den Kranken und Außenseitern zuwandte. Erzählt die gute Botschaft von dem, der alle einlädt, seine Brüder und Schwestern zu werden. Wirklich alle einlädt, ausnahmslos.

Für den Eunuchen kann es keine schönere Botschaft geben. Er, der Behinderte, darf dazugehören. Er darf zu Jesus Christus gehören, gerade er, auch er, ein Leben lang, und es braucht nicht viel, um dazuzugehören. Hier ist Wasser, was hindert´s, daß ich mich taufen lasse?

Damals muß es den Menschen in den Ohren gegellt haben. Daß so einer dazugehören darf! Anstößig! Hat der das Recht dazu?

Ja, das Recht hatte er. Weil es ein anderer für ihn eingeklagt hat. Mit seinem Leben eingeklagt hat. Unter Einsatz seines Lebens. Damit jeder Gott anbeten darf, zu ihm gehören darf. Jeder. Auch einer, der eine schwarze Hautfarbe hat (und er dürfte rabenschwarz gewesen sein, dieser Kämmerer der Königin), auch einer, den man zum Eunuchen gemacht hat.

Wer unter uns ist denn behindert? Fragten die Kinder in meiner Religionsklasse.

Für mich schimmert durch diese Frage Licht aus dem Paradies. Eine verwunderte Frage lang der Himmel auf Erden. Wer unter uns ist denn behindert? Für Jesus spielt das keine Rolle. Deshalb hindert auch nichts an der Taufe.

Wofür der Eunuch so viel vergebliche Anstrengungen unternommen hat, was sicherlich verkrampft und verzweifelt war, enttäuschend, demütigend, das vergebliche Werben um die Gemeinschaft der Gläubigen, das geschieht jetzt so selbstverständlich, einfach, schlicht, ohne große Worte. Beide steigen in das Wasser hinab, Philippus und der Eunuch, und er tauft ihn. Sofort danach entrückt der Geist den Philippus, und der Kämmerer zieht fröhlich weiter. Dieses "sich freuend" dürfte eine dezente Untertreibung sein. Ich höre ihn jauchzen, das Herz zum Himmel erheben. Oder ist es tatsächlich erst einmal Erleichterung, auch ein wenig die Erschöpfung, die sich einstellen mag, wenn nach jahrelangem Kampf das Ersehnte geschenkt wird? Ausgerechnet in einem Moment, in dem man schon gar nicht mehr damit rechnet? Eine ruhige Freude - auch das kann ich mir vorstellen. Ein inneres Glück, das alte Wunden heilt.

Seine Männlichkeit, die hat ihm die Taufe jedoch nicht zurückgegeben. Darum hat er wohl auch nicht gebeten. Es gibt eben Dinge, die wird erst ein neuer Himmel und eine neue Erde möglich machen, wenn ER wiederkommt und wirklich alle Tränen abwischen wird.

Bis dahin müssen wir leben mit unseren Behinderungen.

Den offensichtlichen und denen, die wir so gut versteckt haben, daß sie uns manchmal selbst nicht mehr auffallen. Unseren körperlichen und seelischen Eigenheiten, mit denen wir hadern. Doch keiner hat das Recht und die Macht, uns deshalb aus der Gemeinschaft der Christen auszuschließen. Jedem steht es frei, einfach, schlicht zu bitten: Siehe, da ist Wasser, nichts hindert die Taufe. Was durch die Taufe geschieht, ist dann allerdings alles andere als schlicht. Dieses Taufwasser verbindet die verschiedensten Menschen zu einer Gemeinde.

Wer unter uns ist denn behindert? Ich wußte, wenn das so bliebe, wenn diese Kinder immer so fragen würden, dann wäre es mehr als ein Schein des Himmels auf der Erde. Leider ist es auf der Erde nicht so. Auch die Kinder werden eines Tages sehr gut zu wissen meinen, was eine Behinderung ist. Sie werden allerdings - hoffentlich - besser damit umgehen können als andere. Es bleibt der Stachel, daß die Unterschiede eben doch zählen, daß es Eltern behinderter Kinder oft genug furchtbar schwer haben, es bleibt das Leiden unter sozialen Ungerechtigkeiten, die Kinder in ihrer schulischen Entwicklung behindern, es bleibt das Mißtrauen gegenüber dem, was fremd ist, anders. Sie wiegen schwer, diese Unterschiede.

Eines können diese Unterschiede jedoch nicht mehr: Menschen aus der Gemeinschaft Gottes ausstoßen. Selbst das schwerstbehinderte Kind und der ärmste Bettler haben das gleiche Recht auf Taufe wie die reiche Gattin, der klügste Professor oder der erfolgreiche Geschäftsmann. Hier, in der Gemeinschaft der Christen, im Leib Jesu Christi, haben sie auch den gleichen Rang. Der Stachel der Abgrenzung bleibt. Doch die Taufe ist auch ein Stachel, ein Stachel in der Selbstverständlichkeit, mit der Menschen diese Unterschiede hinnehmen. Und so spiegelt sich auch im Wasser der Taufe ein großes Stück vom Himmel.

Frau Rinn-Maurer, was ist denn eine Behinderung? Ja, also, äh, wenn einer etwas nicht kann, das die anderen können. Meldet sich ein Mädchen, stolz, ich habs kapiert! Also, der Alexander darf nicht so schnell rennen, und die Laura liest schlechter als alle anderen, und der Maximilian vergißt immer sein Frühstücksbrot... Sie meinen, eigentlich sind wir alle behindert! Alle Kinder schauen mich erwartungsvoll an.

Genau, habe ich gesagt, wir sind alle behindert. Ich z.B., ich sehe manchmal Sachen nicht, die ihr alle seht, oder ich sehe ´was, das ihr alle nicht seht. Und deshalb sind wir, wie diese Menschen in der Bibel, von denen ich euch erzählen will, wie Jakob und Mose und der Apostel Paulus und der Kämmerer aus dem Morgenland, deshalb sind wir wie alle diese Menschen ganz wichtig.

Amen.

Pfarrerin Dr. Angela Rinn-Maurer

Exaudi 2006

 

Jer 31,31-34

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloß, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, ein Bund, den sie nicht gehalten haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.

Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, klein und groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

 

 

Liebe Gemeinde,

 

wie buchstabiere ich mein Leben? Und - welche Buchstaben sind mir ins Herz gegeben?

Buchstabiere überhaupt ich mein Leben? Wenn ich auf den Anfang schaue, jetzt ist ja jedes Chromosom entschlüsselt, dann erkenne ich ein Alphabet des Lebens, das mir vorgegeben ist. Buchstaben des Lebens: die Form meiner Nase und die Farbe meiner Augen, meine Zehennägel und das Muttermal - alles genau festgelegt. Wahrscheinlich ist es auch keine Erziehungssache, ob ich ein Draufgänger bin oder eher ein schüchternes Menschenpflänzchen, eine mutige Kämpferin oder ein Hasenfuß. Buchstaben des Lebens, die mir vorgegeben sind. Die Familie fügt neue hinzu. Die Erfahrung, geliebt zu werden und umsorgt oder, schmerzlich, die Entbehrung dieser Erfahrung. Gemeinsames Spiel und das Interesse an dem, was jeden in der Familie bewegt, Menschen, die fördern und sagen, wenn ihnen etwas nicht paßt. Wie buchstabieren die Eltern ihr Leben, wie lieben, leiden, arbeiten und erholen sie sich - das lehrt, wie ein Mensch sein Leben lesen kann und hilft zu eigenen Leseversuchen - auf der gleichen Linie oder auf einer ganz anderen Seite.

Aus Buchstaben formen sich Worte, dann Sätze, und von Seite zu Seite entsteht ein Buch. Das Buch des Lebens.

Jedes Kind lernt heute hier in Deutschland Lesen. Ob die Kinder gerne lesen, kennenlernen, was der Zauber des Lesens sein kann, das steht auf einem anderen Blatt. Für mich als begeisterte Leserin begann mit der Eroberung der gedruckten Seiten der Einstieg in eine aufregende, neue Welt, das Ende jeder Langeweile. Bis heute kann ich mich in ein Buch so versenken, daß alles um mich herum versinkt. Von Verfilmungen war ich oft enttäuscht, denn nichts kann so spannend sein wie der Film, der im eigenen Kopf abläuft, wenn man sich in ein Buch vertieft. Getroffen hat mich vor kurzem das Gespräch mit einer älteren Dame, die mir sagte: Ich habe mich so auf die Zeit nach der Pensionierung gefreut, auf alle Bücher, die ich dann lesen wollte, aber dann begann ich zu erblinden. Entsetzlich, wenn die Augen nicht mehr in der Lage sind, das Geheimnis eines Buchs zu erkunden. Und es war eine Mahnung: das Alphabet des Lebens ist nichts, was du im Griff hast. Weil dieses Alphabet des Lebens, das bist auch du selbst! Die Buchstaben eines Buches, sie können Dir Gleichnis sein, Du bist selbst ein lebendes Buch, eine lebendige Geschichte. Und mit jeder Geschichte, die du dir lesend einverleibst, schreibst du auch  deine Lebensgeschichte weiter.

Es ist außerordentlich wichtig, wie ein Mensch sein Leben buchstabiert!

Das Judentum wußte das schon lange und hat die Bedeutung des Buchs immer ganz hochgehalten. Die Nationalsozialisten zerstörten mit den Torarollen nicht nur irgendwelches Altpapier. Sie zerstörten eine Kultur, gerade so, wie sie es mit den Bücherverbrennungen verfemter Autoren versuchten. Auf ihre groteske und verdrehte Weise wiesen sie dabei auf die tiefe Bedeutung der Bücher hin!

Dieses Jahr war ich in Lissabon, und eines Morgens suchte ich in meinem Wohnviertel einen kleinen Laden, der Obst verkaufte. Ich fand erst nach langem Suchen ein solches Geschäft, auf dem Weg entdeckte ich aber mindestens 5 Buchhandlungen. Ich habe noch nie eine Stadt mit so viel Buchhandlungen gesehen wie Lissabon! Salazar, der langjährige Diktator Portugals, hatte auf der einen Seite die Alphabetisierung auf seine Fahnen geschrieben und ein Ständesystem aufgebaut, bei dem Analphabeten von der Wahl ausgeschlossen waren, auf der anderen Seite hatte er Andersdenkende brutal verfolgt. Gegen Ende seines Lebens war er verwirrt und erlebte nicht mehr, daß er gescheitert war. Man kann Menschen nicht das Lesen beibringen und sie gleichzeitig vom Denken abhalten wollen. Nach dem Ende der Diktatur, nach der Nelkenrevolution, haben die Portugiesen offenbar das Lesen mit noch größerer Leidenschaft für sich entdeckt - bis heute. Bücher sind eben mehr als bedrucktes Papier. Sie leben.

Lesen formt unser Leben. Und: mit dem Buchstaben wird zugleich unsere Seele beschrieben.

Für Juden ist die Schriftrolle, die Thorarolle, heilig. Jede Schriftrolle ist fehlerlos, weil sie beim kleinsten Schreibfehler vernichtet werden muß, jede Rolle daher das Ergebnis unglaublicher Mühe und Sorgfalt. Denn diese besonderen Worte, sie sollten das Leben der Menschen prägen, sich ihnen ins Herz senken. So wie die Gesetze nicht bloße Vorschriften sein sollten, sondern Alphabet des Lebens. 613 Gebote und Verbote, sie sollten aus dem Volk ein Volk Gottes formen, eine Anleitung zum gottgefälligen Leben bieten, in ihren Lettern sollten Menschen lernen, sich im Sinne Gottes zu buchstabieren. Deshalb sind diese Buchstaben, geschrieben oder - in alter Vorstellung - in die steinernen Tafeln gehauen, mehr als Tinte und Stein, sie sind auch Geist, der Geist, der sie inspiriert hat. Und deshalb kränkt jeder Gesetzesbruch auch den Geist, stört das Gleichgewicht der Welt, läßt die Sprache Gottes holprig erscheinen. Menschen stottern sich durch das Alphabet Gottes, radebrechen seine Botschaft, verlesen sich, erkennen nicht den Sinn der Worte. Das wußten schon die alten Israeliten. Zeichenhaft zerbricht Mose die ersten Tafeln des Gesetzes aus Zorn über das Goldene Kalb. Es ist Menschen noch nie gelungen, die Sprache Gottes für ihr Leben fehlerfrei zu lesen. Von Anfang an nicht.

Ein Buch, das schlecht vorgelesen wird, büßt seinen Zauber ein. Umgekehrt kann ein guter Schauspieler einen schweren Text in Faszination umsetzen und ihn zum Leben erwecken.

Doch selbst der beste Schauspieler hat eine Grenze. Das geschieht bei besonderen, ich möchte sagen: heiligen Texten, die eine eigene Qualität haben. Ich habe, ebenfalls in der letzten Zeit, eine interessante wahre Geschichte gehört. Auf einer Tagung von Pfarrerinnen und Pfarrern in der Rundfunkarbeit wurde ein Schauspieler aufgefordert, Psalm 23 zu lesen. Es war beeindruckend, alle applaudierten spontan. Dann forderte der Schauspieler einen zunächst sich sträubenden älteren Pfarrer auf, ebenfalls den Psalm zu lesen. Der tat das dann auch, mit geübter Stimme, hörbar nicht so kunstvoll wie der Schauspieler, aber doch sorgfältig, man spürte, wieviel ihm die Worte bedeuteten. Danach war es einen Augenblick still im Raum. Sehen Sie, sagte der Schauspieler, ich habe den Psalm gesprochen, er lebt ihn.

Psalm 23, ins Herz eines Menschen geschrieben, in die Herzhaut geritzt. Dann kann es geschehen, daß ein Wort, auch dann, wenn es zunächst zögernd, fragend vorgetragen wird, einen ganz eigenen Zauber gewinnt, weil es Herzenssprache, Herzensbuchstaben sind, die zu Gehör kommen.

Exaudi - höre. Höre auf Worte, die so gesprochen sind, daß sie uns eine Ahnung schenken von der Vision des Propheten Jeremia: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben, spricht Gott. Worte, die dann zwischen Gott und den Menschen wie selbstverständlich fließen, weil Menschen aus Worten Gottes ihr Leben buchstabieren, weil sie sich Gott ins Herz geschrieben haben, in die Herzhaut geritzt. Auf lebendige Tafeln, in lebendige Bücher.

Wenn es so lebendig und selbstverständlich fließt zwischen Gott und den Menschen, wenn Gott selbst die Buchstaben einritzt und das Leben buchstabiert, dann verwandelt sich alles Stottern, alles holprige Buchstabieren. Dann spielt alles, was Gott und Mensch trennen will, keine Rolle mehr. Selbstverständlich ist es dann auch nicht mehr nötig, daß ein Mensch dem anderen das Lesen beibringt. Miteinander buchstabieren die Menschen ihr Leben aus dem, was Gott ihnen selbst ins Herz geschrieben hat.

 

Amen.

Predigt am Himmelfahrtstag, Donnerstag, 25. Mai 2006

Gottesdienst mit Taufe an der 14-Nothelfer-Kapelle

Pfarrer Andreas Nose

Apostelgeschichte 1, 1-12<o:p></o:p>

 

Liebe Gemeinde,

1.

Lukas ist der einzige Zeuge im Neuen Testament, der eine Himmelfahrtsgeschichte überliefert. Sich das beschriebene Geschehen real vorzustellen, fällt schwer.

Und doch gehört, was Lukas in dieser Geschichte weitergeben will, zum Kern unseres Glaubens.

Gott hat Jesus von den Toten auferweckt. Das Bild vom Sitz zur Rechten des Höchsten ist aus den Palästen bekannt gewesen: Gott der Vater hat Jesus Macht gegeben und Autorität – wie ein König oder Kaiser das mit seinem nächsten Vertrauten tut.

Wenn in einem Reich ein neuer Herrscher den Thron besteigt, dann kann er noch so weise, klug und gerecht sein, die Verhältnisse im Land werden sich nicht von einem auf den anderen Tag ändern. Auch im Land des edelsten Regenten gibt es einen Haufen Dummköpfe und Schlimmeres: Menschen, die den Willen des Königs missachten, die Menschenwürde mit Füssen treten und das gute Recht übertreten ohne Rücksicht auf den Nächsten.

Jesus ist der Herr dieser Welt. Seine Macht aber ist noch verborgen wie hinter einer Wolke – erzählt Lukas -, denn er hat noch Geduld mit den Menschen, die ihn verfehlen. Unserer Welt und unserem Leben ist noch eine Frist gegeben, dass wir lernen können, wer unser König ist und was uns zum Leben hilft.

2.

Mehr als die Wolke hat mich bei Lukas fasziniert, wie die Jünger zum Himmel starren.

Die „Angeloi“, die Boten in der  Szene, fragen die Jünger: „Was schaut ihr in den Himmel?“

Vielleicht ist das aber etwas ganz menschliches? Der Blick in den Himmel? Mir kommt es so vor, als ob die Millionen Leser von Dan Brown, und dann noch einmal die Millionen Menschen, die sich die Verfilmung seines Romans „Sakrileg / The Da Vinci Code“ anschauen werden, als ob viele von ihnen auch solche „Himmelsschauer“ sind  - und eine Wahrheit zu entdecken suchen, die die Kirche hinter den Nebelwolken der offiziellen Lehre verbirgt. In Dan Browns Geschichten suchen Menschen ein Geheimnis, das die Kirche vertuscht. Denn es könnte die Macht der Kirche ins Wanken bringen, wenn die Wahrheit über Jesus und Maria Magdalena ans Licht käme.

Der Held des neuen Romans ist ein Experte für Symbole und Zeichen. Das scheint einer Sehnsucht zu entsprechen; der Sehnsucht, dass in der sichtbaren Welt Hinweise versteckt sind auf ein dahinter liegendes Geheimnis. Der  Experte kann die Zeichen entschlüsseln. Er kommt der Wahrheit auf die Spur. Zum Helden wird er, weil der Leser glaubt, mit ihm zusammen die Wolke zu durchdringen, dahinter zu schauen und endlich durchzublicken.

3.

Wen wir zurückschauen auf die Lukas-Erzählung, so scheinen Gottes  Boten von dieser Blickrichtung des neugierigen oder sehnsüchtigen Menschen nicht viel zu halten. „Was steht ihr da und schaut in den Himmel?“, fragen sie die Jünger.

Es gibt ein Geheimnis, das geschützt werden muss, das Geheimnis, dass Christus, unseren Blicken entzogen doch in dieser Welt gegenwärtig ist.

Und es gibt eine  Aufgabe, und die ist wichtiger als der Blick auf die Wolken.

Wenn ich im Kino – weil ich zu spät bin oder weil ich zwei Euro sparen wollten – einen Platz vor der Leinwand habe – Reihe 1 bis 6 – und dann lange so nach oben schaue, dann brauche ich hinterher erst einmal ein paar Momente, bis ich wieder entspannt geradeaus gucken kann.

Der Bote Gottes steht hier, damit die Jünger keinen steifen Hals bekommen. Und wenn es heute kein Engel ist, dann tritt mir vielleicht der Arbeitskollege gegen das Schienenbein, der Nachbar regt mich furchtbar auf, ich habe Stress, weil es mit den Kindern nicht läuft – es geschieht etwas, das uns – so sagen wir das ja auch – „auf den Boden der Tatsachen zurückholt“, das verhindert, dass ich mich jetzt schon in den Himmel hineinträume oder mich im Nebulösen meiner Sehnsucht verliere.

Was mich auf den „Boden der Tatsachen“ holt, das können sehr schwere Dinge sein. Ich möchte das auch nicht schön malen. Es gibt Manches, dem möchte auch ich lieber heute als morgen entfliehen.

Aber aus der Geschichte des Lukas und der Botschaft der Engel höre ich heraus, dass ich hierhin gesandt bin, an den Ort, an dem ich lebe; dahin, wo es irdisch, weltlich, menschlich zugeht. Wo noch (!) nicht der Himmel auf Erden ist. Als ob Gott uns – auch da, wo wir an Lasten tragen und Schmerzen leiden – als ob Gott uns sagt: Hierher habe ich dich gesandt. Ich weise dich an die Menschen und die Welt, sie brauchen dich noch. Es ist wichtig, dass Menschen da sind, die sich nicht herausträumen, sondern standhalten.

Es ist wichtig, dass Menschen sich im Namen Gottes in den Riss stellen, der unsere Welt durchzieht; und darum bei den Menschen bleiben.

Die Himmelfahrtsgeschichte ist eine Geschichte von der Liebe zur Welt.

Und hier hat es dann doch einen guten Sinn, dass der Blick der Jünger noch eine Weile gen Himmel gerichtet ist. Und die Engel selbst bestätigen das.

Dieser Jesus – sage sie – so wie Ihr ihn jetzt gesehen habt – so wird er einmal für alle Menschen sichtbar wieder kommen. Er wird diese Welt nicht sich selbst überlassen. Er wird sie nicht auf immer der eigenen Ungerechtigkeit und dem Unglauben der Menschen überlassen.

Heute sagen wir noch: „Gott wohnt, wo man ihn einlässt.“ Dann – und davon können wir nur noch in Bildern sprechen – wird es kein Dunkel mehr geben und keine Nacht, weil Gott unser Licht, alles (!) durchdringen wird.

„Dein Reich komme, Dein Wille geschehe ... !“ Was wir jetzt anfänglich und immer im Bruchstück erleben, das wird einmal diese ganze Erde umfangen.

Es ist wichtig, dass der Blick der Jünger eine Weile noch zum Himmel gerichtet war. Gerade wenn wir der Erde und den Menschen treu bleiben wollen und dem Platz, an den Gott uns gestellt hat, dann brauchen wir diesen Blick – ein  Bild, das sich unseren Augen, unserem Glauben, unserem ganzen Menschen einprägt.

 

Wenn meine Kinder mich ärgern, wenn ich Streit mit meiner Frau habe, wenn ich meines Lebens und seiner Anforderungen überdrüssig bin, wenn ich Nachrichten schaue und die Welt nicht mehr verstehe – dann hilft es mir, mich zu erinnern:

Gott hat mich an diesen Platz auf der Erde gewiesen. Ich will mich nicht hinwegträumen an einen Ort, der im Nebel liegt: Mit einem anderen Partner könnte ich den Himmel auf Erden haben, warum habe ich solche Kinder und nicht das scheinbar pflegeleichte wie meine Freunde, ach, und wenn ich selbst ein anderer Mensch wäre, dann wäre auch vieles einfacher ...

Die Botschaft der Engel weist uns an die Erde, an den Platz, an den Gott uns gestellt hat.  Aber wir hatten Zeit zu schauen und das  Bild begleitet uns. Wir wissen, dass die Zukunft Gott gehört; dass er die Welt nicht sich selbst überlässt, sondern in großer Geduld alle Dinge zu ihrem Ziel führt. Und auch wir werden ankommen.

Gott braucht uns hier. Und die Welt braucht Menschen, die die Hoffnung wach halten, die Glauben und Vertrauen gerade dahin tragen, wo noch kein Licht ist, die einen Weg gehen können, weil sie vom Ziel wissen.

Darum stellt uns der Himmelfahrtstag das Bild Christi vor Augen, der uns nicht verlässt, sondern als Erhöhter uns noch um so vieles näher ist – nicht nur hier oder dort, sondern über allem – der Herr.

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen.

Predigt am Sonntag, 21. Mai 2006

Pfarrer Andreas Nose

Kolosser 4, 2-4 (5+6)

 

Seid beharrlich im Gebet und wacht in ihm mit Danksagung!

Betet zugleich auch für uns, dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir das Geheimnis Christi sagen können, um dessentwillen ich auch in Fesseln bin, damit ich es offenbar mache, wie ich es sagen muss.

Verhaltet euch auch weise gegenüber denen, die draußen sind, und kauft eure Zeit aus. Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt, dass ihr wisst, wie ihr einem jeden antworten sollt.

 

Liebe Gemeinde,

1.

am Ende seines Briefes ermutigt der Schreiber die Christen in Kolossae, denen der Brief überbracht wird, den Glauben an Christus weiterzusagen.

In wenigen, einfachen, aber sehr schönen Worten spricht er an, was später „Mission“ genannt werden wird.

Was damit gemeint ist, zieht sich durch die Geschichte der Christenheit. Ja, ohne Mission gäbe es keine christliche Kirche in der Welt.

Durch die Zeiten hat die Mission der Christen sehr verschiedene Gesichter gehabt. Manchmal sind es hässliche Fratzen gewesen, manches Mal hat sie sich mit Herrschsucht, Profitgier und Grausamkeit verbunden, mit Ignoranz für den Wert fremder Kulturen und Missachtung für Menschen, die anders lebten und anders aussahen, aber doch nicht weniger Gottes geliebte Geschöpfe sind als wir selbst.

Aber auch das andere ist immer wieder wahr geworden: Die Mission der Christen hat Menschen befreit. Hier in Germanien von einem Götter- und  Dämonenglauben, der die Menschen zuvor in tiefer Lebensangst gehalten hatte. Aber auch, dass wir heute mit Messer und Gabel essen, haben wir Christen zu verdanken, die unseren Vorfahren zusammen mit dem Glauben auch Bildung und Kultur brachten, uns lehrten, Krankheiten nicht nur mit Magie, sondern mit Gebet und (!) moderner Medizin zu begegnen. Nicht nur „Klosterfrau Melissengeist“, nein ein großer Teil der Naturheilverfahren, des Wissens um die Wirkung von Kräutern und Pflanzen, ist durch Klöster und Kirchen überliefert worden. Und dahinter steht der  Glauben, dass Gott ein guter Gott und Vater ist, der schenkt, was wir zum Leben brauchen.

Der Glauben hat sich in unserem Land über die Jahrhunderte ganz eng mit dem Leben verbunden. Er ist kein Fremdkörper geblieben, sondern zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Ich glaube kaum, dass es auch nur einen Ort in Deutschland gibt, an dem ein Touristenführer nicht an irgendeiner Stelle über die Christen und die Kirche sprechen muss – weil wir überall auf ihre Spuren stoßen und sie – nicht nur mit ihren eigenen Bauten - das Bild unserer Städte und Dörfer prägen.

Dass die meisten von uns sonntags nicht arbeiten müssen – die Schülerinnen und Schüler eingeschlossen – ist uns so selbstverständlich, dass vielen gar nicht bewusst ist, dass der Glaube der Christen zu diesem freien Tag geführt hat.

 

Aber etwas hat sich verändert. Und das geschah in kaum mehr als einer Generation, in den  Städten früher als auf dem Land. 

Wenn noch in den 50er Jahren in einem Dorf ein Mensch sonntags nicht zur Kirche ging, dann fiel das auf. Das war eine Ausnahme, die von allen bemerkt wurde und dieser Mensch galt als Außenseiter. Das ist heute anders. Umgekehrt fällt es unserer Umgebung heute auf, wenn wir sonntags zur Kirche gehen. Was früher fast allen gemeinsam war, heute unterscheiden wir uns dadurch.

Ich fürchte, dass wir diesen Wandel wohl schon wahrgenommen, aber noch nicht wirklich verarbeitet haben.

Darum lohnt sich ein Blick auf die ganz frühen Christen, wie der Kolosserbrief ihn uns erlaubt. Wir sehen Christen in einer Minderheit.  Wir fragen, was war der Grund, was hat sie motiviert, dass ihr Glauben nicht nur in der Gemeinde und in ihren Familien weiter getragen wurde, sondern diese große Welt verändernde Kraft hatte?

2.

Unsere Kirchen bedienen sich heute modernster Mittel und Methoden, um den eigenen Weg zu bedenken, Ziele für die Zukunft zu formulieren und zu guten Entscheidungen zu kommen ... statistische Erhebungen, Mitgliederbefragungen, soziologische Analysen. An seinem Platz ist das alles auch interessant und hilfreich.

Aus der Weihnachtsgeschichte wissen wir, dass auch die Zeit Jesu schon das Instrument der Volkszählung kannte. So weit ist das alles nicht auseinander.

Um so mehr überrascht, worauf der Kolosserbrief im Zusammenhang der Mission der Christen unser Augenmerk lenkt: auf das Gebet.

Andererseits kann das so überraschend eigentlich nicht sein.

Nur wenn ein Feuer brennt, kann auch ein Funke überspringen. Ein Glauben, der aus Tradition und Pflichtgefühl lebt, wird niemand begeistern. Wenn Menschen aber spüren können, wofür mein Herz schlägt, wo ich lebendig werde, was  mich begeistert und in Schwung hält, dann macht das neugierig und steckt an.

Das Gebet ist der Herzschlag des Glaubens.

Es ist der Atem eines Menschen, der Gott als ein lebendiges Gegenüber, als einen Weggefährten schon kennen und lieben gelernt hat. Das ist eines der schönsten Dinge, die ein Mensch erfahren kann. Es ist überhaupt der Schlüssel zum Glauben.

Einer der schönsten Sätze der Bibel –von Mose wird das einmal gesagt – lautet: „Und er redete mit Gott wie mit einem Freund“.

Manchmal möchte ich mit Gott sprechen wie mit einem väterlichen Freund, vielleicht möchtet ihr manchmal mit ihm reden wie mit einem guten Kumpel, mancher vielleicht wie mit einem Streit- und Diskussionspartner, mancherl vielleicht, wie  mit einem Chef, von dem wir uns ungerecht behandelt fühlen, manchmal wie mit einem Sandsack, auf den ich einschlage um mich von Ärger, Zorn und Wut zu befreien und dann wieder wie mit einem Geliebten ...

In Beziehungen werden wir lebendige Menschen und am meisten stimmt das für unsere Beziehung zu Gott. Darin werden wir lebendig, starke, aufrechte Männer und Frauen, die kein Übel, die Krankheit, Tod und Teufel nicht fürchten müssen.

3.

„Manchmal betet man nicht mehr, ...  Dann erscheint einem jede Aktion und sei sie noch so langwierig und schwierig, einfacher als ein Gebet.

In der  „Aufrichtigen Erzählung eines russischen Pilgers“, einem klassischen Text christlicher Spiritualität, deutet der Pilger das so, er schreibt: „Das ist es ja eben, dass wir uns selbst ferne sind und es kaum wünschen, uns näher zu kommen: vielmehr entfliehen wir uns selber, um uns nicht zu begegnen, und vertauschen die Wahrheit gegen gleichgültige Kleinigkeiten und denken: wir wollten uns ja schon mit geistlichen Dingen abgeben oder mit Beten, aber wir haben keine Zeit dazu: die Geschäfte und die Sorgen des Lebens lassen uns keine Zeit für selbiges Tun“.

Eine Seelsorgerin, bei der ich diese Zeilen gefunden habe, berichtet: „Vor rund zehn Jahren hörte ich von einer Frau, die aus schwersten Depressionen und erschütternden Lebensverhältnissen durch das Herzensgebet, das auch Jesus-Gebet genannt wird, von Gott Schritt um Schritt in ein neues Leben hineingeführt wurde. Sie lernte, sich in jeder Alltagslage an ihn zu wenden, ohne viele Worte: „Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner!“ (das Herzensgebet der Ostkirchen).

Und die Seelsorgerin schreibt dazu weiter: „Es ist ja keine Schande, sondern Realismus und eine klare Sicht der Dinge, wenn man sich – auch gerade als Seelsorger – eingestehen kann: Ich weiß keinen Rat, keinen Ausweg, keinen Trost – weder für mich, noch für andere -, der helfen könnte, die tiefen Schäden zu heilen, einen verkümmerten Charakter wieder aufzubauen. Es ist Realismus, neu beten zu lernen.

4.

Das Gebet – so schreibt es der Kolosserbrief – kann „eine Tür auftun“.

Wer von Ihnen oder Euch auch am vergangenen Sonntag im Gottesdienst war, erinnert sich an die Predigt von Frau Dr. Rinn-Maurer über Paulus und Silas, die im Gefängnis, übel misshandelt doch nicht versäumen, zu mitternächtlicher Stunde ihr Gebet zu sprechen und Gott in Liedern und Gebeten zu loben. In ihrem Tun erweisen sie sich als freie Menschen, freier sogar als ihre nur vermeintlich freien  Wärter. Aber tatsächlich öffnet sich ihnen in der Folge auch und ganz real die Tür ihres Gefängnisses.

Das Gebet öffnet eine Tür. Auch der Schreiber des Kolosserbriefes sitzt – als er diese Zeilen an seine Mitchristen schreibt – im Gefängnis. Das geschah den Christen im römischen Reich immer wieder. Zu dem sie gebetet haben, von dem haben sie auch gesprochen – und das haben sie sich nicht verbieten lassen! Manchmal brachte sie das ins Gefängnis! Und trotzdem – das spürt man ihnen und ihren Worten ab, sind diese Menschen um vieles freier als ich es manchmal bin zwischen Medienflut und Konsumrausch, Arbeitshetze oder Freizeitstress, in dem ich manchmal kurz davor bin, meine Seele zu verlieren.

5.

Als Pfarrer macht man ja manchmal witzige Dinger mit. Gestern war ich zusammen mit dem katholischen Kollegen eingeladen vom Verein „Schöneres Gonsenheim“, den neuen Brunnen am Ortsausgang an der Koblenzer Straße zu segnen.

 

Dem Verein wird kaum bewusst gewesen sein, dass er mit der Wahl des Ortes ein klein wenig auch in der Tradition des Zisterzienserordens steht – es ist auch kein Zufall, dass die Nonnenwiese dort ganz in der Nähe liegt.

Die Zisterzienser haben bei der Standortwahl für ihre Klöster unter anderem auf zwei Dinge geachtet. Es musste Wasser in der Nähe sein, die Möglichkeit, einen Brunnen anzulegen. Die Brunnen der Zisterzienser sind oft architektonische Kunstwerke. Schon äußerlich sollte sichtbar sein, wie wertvoll das Wasser ist und wie viel es den Menschen bedeutet. Es war den Klöstern Grundlage für ein hocheffizientes Wirtschaften, das nicht nur die eigene Lebensgrundlage sicherte, sondern auch zur wirtschaftlichen Blüte einer ganzen Region und ihrer Menschen beitragen konnte.

Zum anderen haben sie – auch daran erinnert mich der Standort des Gonsenheimer Brunnens – ihre Klöster in der Nähe von Verkehrswegen gebaut und haben so – bei aller Zurückgezogenheit – in ganz hohem Maß Beziehungen hergestellt, Verbindungen gepflegt, ein Netz über Europa gezogen.

In ihren besten Zeiten ging Leben aus von diesen Orten wie von kaum einem anderen Ort der Gesellschaft.

Der Herzschlag aber dieser besonderen Orte waren ihre Gebete. Diese Gemeinschaften sind in bestimmter Zeit ein Beispiel für das Leben, von dem der Kolosserbrief spricht, für das Zusammenspiel einer tiefen Konzentration im Innern und einer großen, lange segensreichen Wirkung in die Welt.

6.

Einen Gedanken zum Brunnen möchte ich heute noch hinzufügen:

Dieser Gedanke hat Menschen –auch inder Geschichte er christlichen Spiritualität – immer wieder fasziniert – wie überhaupt der Brunnen zu einem starken Symbol für die Lebensquellen des Menschen geworden ist und für das, was ihn im tiefsten lebendig hält.

 Wenn ich vor einem Brunnen stehe, dann schaue ich auf eine Wasserfläche. Wenn das Wasser in Unruhe ist, dann kann ich nichts erkennen. Wenn es aber zur Ruhe kommt, dann erkenne ich mich selbst wie in einem Spiegel.

Das ist das Leben der Christen und seine Mitte ist das Gebet. Wenn ich an einem Ort zur Ruhe komme, kann ich auch mit Freuden arbeiten und aktiv sein. Wenn ich an einem Ort zu mir selbst finde, dann kann ich mich von ganzem Herzen auch anderen Menschen zuwenden.

Es ist ein schönes Wort und es stimmt: Das Gebet tut eine Tür auf – zu Gott, zu mir selbst, zu den Menschen, zum Leben.

Der Friede Gottes ... Amen.

Pfarrerin Dr. Angela Rinn-Maurer

Kantate 2006

 

Apg 16

Lukas berichtet in der Apostelgeschichte:

Es geschah aber, als wir zum Gebet gingen, da begegnete uns eine Magd, die hatte einen Wahrsagegeist und brachte ihren Herren viel Gewinn ein mit ihrem Wahrsagen. Die folgte Paulus und uns überall hin und schrie: Diese Menschen sind Knechte des allerhöchsten Gottes, die euch den Weg des Heils verkündigen. Das tat sie viele Tage lang. Paulus war darüber so aufgebracht, daß er sich umwandte und zu dem Geist sprach: Ich gebiete dir im Namen Jesu Christi, daß du von ihr ausfährst. Und er fuhr aus zu derselben Stunde. Als aber ihre Herren sahen, daß damit ihre Hoffnung auf Gewinn ausgefahren war, ergriffen sie Paulus und Silas, schleppten sie auf den Markt vor die Oberen und führten sie den Stadtrichtern vor und sprachen: Diese Menschen bringen unsre Stadt in Aufruhr; sie sind Juden und verkünden Ordnungen, die wir weder annehmen noch einhalten dürfen, weil wir Römer sind. Und das Volk wandte sich gegen sie; und die Stadtrichter ließen ihnen die Kleider herunterreißen und befahlen, sie mit Stöcken zu schlagen.

Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen. Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block.

Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie. Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, so daß die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen, und von allen fielen die Fesseln ab. Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offenstehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen. Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier! Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muß ich tun, daß ich gerettet werde?

Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!

Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren.

Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen

und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, daß er zum Glauben an Gott gekommen war.

Als es aber Tag geworden war, sandten die Stadtrichter die Amtsdiener und ließen sagen: Laß diese Männer frei!

Und der Aufseher überbrachte Paulus diese Botschaft: Die Stadtrichter haben hergesandt, daß ihr frei sein sollt. Nun kommt heraus und geht hin in Frieden!

Paulus aber sprach zu ihnen: Sie haben uns ohne Recht und Urteil öffentlich geschlagen, die wir doch römische Bürger sind, und in das Gefängnis geworfen, und sollten uns nun heimlich fortschicken? Nein! Sie sollen selbst kommen und uns hinausführen!

Die Amtsdiener berichteten diese Worte den Stadtrichtern. Da fürchteten sie sich, als sie hörten, daß sie römische Bürger seien, und kamen und redeten ihnen zu, führten sie heraus und baten sie, die Stadt zu verlassen.

 

Herr, segne unser Reden und Hören. Amen.

Liebe Gemeinde,

 

was muß ich tun, daß ich gerettet werde? Das ist die Kernfrage unseres Predigttextes. Es ist die zentrale Frage überhaupt - für alle, die gefangen sind. Und in unserem Predigttext sind eine Menge Leute gefangen - aus den unterschiedlichsten Gründen. Und manchmal, aber das wird zu erzählen sein, sind die, die scheinbar am härtesten eingekerkert sind, die freiesten Menschen. Und umgekehrt.

 

Doch zunächst: was ist der Zusammenhang unserer Geschichte? Paulus befindet sich auf der zweiten Missionsreise. Mit seinem Mitstreiter Silas bringt er die gute Botschaft nach Europa, nach einem Zwischenaufenthalt in Neapel kommt er nach Philippi. Hier, in Philippi, geschieht die folgenschwere Begegnung mit einer Sklavin, die durch ihren Wahrsagegeist ihren Herren viel Geld einbringt. Als Paulus diesen Geist im Namen Jesu Christi austreibt, zerren die um ihre Geldquelle Gebrachten die Apostel unter offensichtlich vorgeschobenen Gründen vor Gericht. Paulus und Silas werden gequält und unter strengsten Bedingungen eingekerkert. Das hindert sie nicht daran, um Mitternacht zu Gott zu beten und ihn zu loben. Ein plötzliches Erdbeben erschüttert das Gefängnis, der verantwortliche Aufseher, der eingeschlafen war, verzweifelt über seine Pflichtvergessenheit und will sich das Leben nehmen. Daran hindert ihn Paulus. Daraufhin stellt der Aufseher die entscheidende Frage: Was muß ich tun, daß ich gerettet werde? Die Apostel verkünden ihm den HERRn Jesus Christus, und er bringt sie in sein Haus, lindert ihre Schmerzen, indem er ihre Wunden wäscht und läßt sich noch in der Nacht mit den Menschen, die in seinem Haus leben, taufen. Am nächsten Tag wollen die Verantwortlichen der Stadt die unliebsamen Gefangenen unauffällig abschieben. Paulus aber beharrt auf seinem römischen Bürgerrecht. Die Stadtrichter bemühen sich daraufhin persönlich um die beiden, entschuldigen sich und bitten sie, die Stadt zu verlassen.

 

Wer ist gefangen, wer ist frei? Und: Was muß ich tun, daß ich gerettet werde?

 

Die, die ganz offensichtlich gefangen sind, scheinen sich am wenigsten aus ihrer Gefangenschaft zu machen. Sicher haben Paulus und Silas Schmerzen, sicher ist ihnen jede Bewegungsfreiheit genommen, sie aber tun das, was sie auch sonst tun. Singend beten sie zu Gott. Und zwar nicht klammheimlich, sondern laut, so laut, daß es alle hören können. Paulus und Silas sind frei. Sie leben aus und in einer Freiheit, der auch Block und Schläge nichts anhaben können. Jesus ist kommen, Grund ewiger Freuden, Stricke des Todes, die reißen entzwei jubelt ein Kirchenlied. Das leben Paulus und Silas. Und tatsächlich geschieht dann ja auch ein Erdbeben, das die Gefängnismauern erschüttert. Doch dies Beben ist wie eine Dreingabe, die eigentlich nicht nötig gewesen wäre. Das Beben ist eher wie ein äußerer Nachhall einer Erschütterung, die Menschen auslösen, die so frei sind wie Paulus und Silas.

 

Palus und Silas sind wie im Epizentrum eines Bebens, das sie selbst auslösen. Um sie herum sind lauter Menschen, die zwar scheinbar freier sind als sie, in Wahrheit aber in verschiedensten Gefängnissen leben.

 

Zunächst die Sklavin, die von einem Wahrsagegeist beherrscht wird. Sie ist ein schönes Beispiel dafür, daß nicht jede Wahrheit frei macht. Eine solche zwanghafte Wahrheit brauchen die Botschafter Jesu Christi nicht. Zur befreienden guten Nachricht paßt das nicht. Die arme Sklavin ist ja nicht Herrin ihrer selbst oder dieses Geistes, sie wird von ihm gezwungen und dank ihm von ihren Besitzern ausgebeutet.

 

Dann die Stadtrichter: sie sind offensichtlich nicht frei in ihrem Urteil und der Wahrheit verpflichtet, sondern handeln nach dem Geschmack der Masse. Ohne Prozeß und Urteil, wie Paulus zu Recht anmahnt. Vielleicht haben die wütenden Besitzer der Sklavin mit einem Geldbetrag dem Urteil nachgeholfen. Ohne Zweifel: diese Richter sind korrupt. Ihre ganze Unfreiheit zeigt sich auch in ihrem feigen Versuch, die Gefangenen am nächsten Tag heimlich abzuschieben. Geht in Frieden, sagt der Aufseher. Er meint es vielleicht gut, jetzt, als bekehrter Christ, aber einen Friedhofsfrieden, wie die Stadtrichter es sich vorstellen, der paßt nicht zu Paulus, der paßt nicht zu Jesus Christus. Das Druckmittel des römischen Bürgerrechts greift, die Richter geben klein bei, bemühen sich nun selbst zum Gefängnis, schmeicheln, voller Angst, ihr ungerechtes Urteil könne auf sie zurückschlagen.

 

Ihr Untergebener, der Aufseher im Gefängnis, ist mit solchen Vorgesetzten wirklich nicht zu beneiden. Als ich mich während meiner Doktorarbeit mit dem Thema Herzinfarkt beschäftigt habe, lernte ich, daß Arbeitnehmer in Zwischenpositionen besonders betroffen sind, also Menschen, die von oben und von unten Druck bekommen. Ein solcher Mensch scheint mir der Aufseher zu sein. Dazu paßt eine Zwanghaftigkeit, die ihn dazu bringt, über eine Pflichtvergessenheit so zu verzweifeln, daß er nur den Ausweg Selbstmord sieht. Gefangen in Vorschriften, verdreht in fremde Ansprüche, erscheint der Tod perverserweise attraktiver als das Leben.

 

Ja, und dann sind da noch die vielen Gefangenen im Gefängnis, die den Gesang der Apostel, ihre Gebete, ihre Loblieder, hören und von denen offenbar keiner flieht, als das Erdbeben die Grundmauern des Gefängnisses erschüttert. Es bleibt offen, ob sie bleiben, weil sie sich so an ihr Gefängnis gewöhnt haben, oder bleiben, weil sie plötzlich eine andere Freiheit entdeckt haben, die ihnen das Loblied der Apostel eröffnet hat.

 

Was muß ich tun, daß ich gerettet werde? Und - aus welchen Gefängnissen muß ich gerettet werden? Bin ich gefangen in meinen Gewohnheiten, gefangen in dem Vorurteil, es müßte eben so sein? Zwingt mich meine wirtschaftliche Situation oder empfinde ich meine Familie, meine Ehe als Block, in den ich eingesperrt bin? Bin ich in meinem Beruf gefangen? Oder bin ich eine Gefangene meiner Mutlosigkeit, meiner alltäglichen Abhängigkeiten, Gefangener meiner Freundschaften und meiner Feinde? Gefangener meines Lebenssystems, meiner Traurigkeit oder meines Aktivismus?

Was muß ich tun, daß ich gerettet werde?

 

Mir scheint, der erste Weg zur Rettung ist der, zu hören. Der zwingende Geist hört die mächtigere Stimme des Paulus und wird vertrieben, die Gefangenen hören das Lied der Apostel, der Aufseher hört die Botschaft von Jesus Christus.

Was muß ich tun, daß ich gerettet werde? Hören, und: dem Hören Raum schaffen. Diese Woche erzählte mir eine sehr kluge Frau, die aramäische Form des Vater Unser meine mit „Geheiligt werde dein Name“: Gott Raum schaffen. Raum schaffen, damit sein Name gehört werden kann, seine Stimme einen Klangraum findet - auch in mir. Und ich hören kann, was er mir Befreiendes zu sagen hat. Denn es ist ja eine befreiende Botschaft, und keine knechtende. Zur Freiheit hat uns Christus befreit!

Was muß ich tun, daß ich gerettet werde?

Es gibt einen Weg aus dem Gefängnis.

Hören. In der Stille: hören. So daß, aus dem, was mir zugesprochen ist, was jedem von uns zugesprochen ist, ein Lied erwachsen kann, mag sein, es ist zunächst ein Klagelied, ein leises Lied, es wird ein Lied sein, das aus meiner Seele erwächst, aus dem Raum, für ihn geschaffen, und es wird ein Lied sein, das sein Loblied singt und dann, wie ein zartes Erdbeben, die Mauern zerbersten und die Gitter zerbrechen läßt.

 

Amen.

Sonntag Jubilate am 7. Mai 2006

in der Evangelischen Kirche Mainz-Gonsenheim

 

Predigt von Pfarrer  Andreas Nose

2. Korinther 4, 16-18

 

Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert.

Denn unsere Bedrängnis, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare.

Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.

 

Liebe Gemeinde,

1.

in einer Zeit, in der man sich noch die Mühe gemacht hat, der Kirche etwas vorzuwerfen – und es offensichtlich noch lohnend fand, mit ihr zu streiten – da wurde oft der Vorwurf laut, die Kirche vertröste nur auf das Jenseits und darum sei die Religion – so Karl Marx – „Opium für das Volk“, - Ecstasy gab es damals noch nicht - der christliche Glaube also ein Rauschgift, das bestenfalls schöne Träume verursacht, dadurch aber nur verhindert, dass Menschen für eine Veränderung dieser Welt kämpfen, sich für gerechte Verhältnisse noch in diesem Leben endlich tatkräftig einsetzen.

Da wird auf den Himmel verwiesen und die Erde überlässt man sich selbst.

2.

Das kann schon ein bisschen so klingen, wenn Paulus hier vom Unsichtbaren schreibt, vom Ewigen, von der Hoffnung, ja auf eine Herrlichkeit, die noch auf uns wartet,... ach und vom Inneren ...

Ich bekenne mich zu dieser Hoffnung. Ich stehe dazu. Auch wenn andere sagen, „billige Vertröstung aufs Jenseits“, auch wenn das kritisiert wird und wenn es bezweifelt wird – auch von den Stimmen, die in mir selbst laut werden, wenn ich mich frage: setzt du da nicht auf das falsche Pferd? Kommt wirklich noch etwas nach dem Tod? Trotz allem: Ich werde mir diese Hoffnung nicht nehmen lassen.

Denn ich habe auch das kennen gelernt: Menschen, die – gerade weil sie eine Hoffnung haben, die sich auf Gott und das ewige Leben richtet – mutig, fröhlich, tatkräftig, den Menschen zugewandt, leben.

Meine  Großmutter hatte mich in Hannover als Kind häufig in den Zoo mitgenommen. Am meisten beeindruckt hat mich immer da Affengehege: Die haben das drauf, mit einer Hand oder einem Fuß immer an einem festen Punkt Halt zu haben dann zwei oder sogar drei Hände/Füße frei. Das ist für mich Glauben. Das heißt für mich, eine Hoffnung haben. Ein Halt an einem Punkt, bei Gott – und dazu gehört die Zuversicht auch auf das ewige Leben – und ich muss hier nicht an allem festhalten, wie das kleine Baby noch nach allem greifen, ich muss nicht alles in den Mund stecken, ich muss meine Zeit nicht „auf Teufel komm raus“ überfüllen, um ja nichts verpasst zu haben, ich habe auch mal die Hände frei, kann sie öffnen, etwas hergeben, loslassen, sie auch einmal einem Menschen entgegenstrecken ...

3.

Auf meiner ersten Pfarrstelle auf dem Land bin ich bei einem Besuch einmal einer älteren Frau begegnet. Körperlich ging es ihr noch relativ gut, geistig aber hatte sie sehr abgebaut. Sie war altersverwirrt und fand sich oft im eigenen Haus nicht mehr zurecht. Wenn man ihr aber in die Augen schaute, dann sah man etwas – das man auch ihren Gesten und selbst unzusammenhängenden Sätzen abspürte – da leuchtete etwas Fröhliches heraus, eine Heiterkeit, ein verschmitzter Ausdruck – das hat mich damals sehr beeindruckt. Ich dachte, ja, das ist auch ein Stückchen vom Himmel.

„Der äußere Mensch zerfällt ...“ – aber da ist noch etwas anderes ... da ist etwas in uns – und das hat mit unserer Taufe und mit unserem Glauben zu tun, das altert nicht. Das muss auch nicht kindlich bleiben, nein, es kann sich erneuern, „von Tag zu Tag erneuern“, sagt Paulus.

Sie haben, Ihr habt das auch schon gesehen: Im Blick, in der Heiterkeit eines zerbrechlichen Menschen, in der Zuversicht, in der jemand eine Aufgabe anpackt, in der Tapferkeit, in der ein Mensch eine schwere Last trägt und genau so in der Freiheit, in der jemand seinen Zorn und seine Wut ausdrückt über zugefügten Schmerz , in der Kraft, mit der ein Mensch der Resignation widersteht ... und wenn einer in einer Umgebung von Jammern und Meckern sich seiner Freude nicht schämt ...

Manchmal merkt man doch etwas vom „Himmel auf Erden“ und davon, dass der Mensch „zu Höherem geboren“, zu mehr fähig ist als zu Essen und Trinken, Schlafen und Arbeiten ...

4.

Eine Bank hat auf Werbeplakaten einmal versprochen „Wir machen den Weg frei!“

Das Foto hat eine ganz klare Perspektive, sie führt den Blick des Betrachters einem Weg folgend zum Horizont, zu dem Punkt, an dem Himmel und Erde sich berühren.

„Wir machen den Weg frei“ ist ein Versprechen, das eine Bank nicht halten kann. Aber  das Bild stimmt.

Wir alle wissen das: Wenn ich nur auf das starre, was direkt vor meinen Augen liegt, was direkt vor meiner Nase ist, was mir direkt vor den Füssen liegt – dann wird aus mir ein krummer und gebückter, ein niedergedrückter Mensch.

Einige von Ihnen sind bestimmt gern und viel gewandert – und manche tuns vielleicht heute noch. Sie wissen: Wenn ich mich  mal orientieren muss auf einem Weg, in einer Landschaft, dann schaue ich nicht auf meine Füße, nur die nächsten paar Meter, nein! Dann suche ich mir einen Punkt möglichst am Horizont und den behalte ich im Blick.

Wer die Augen aufhebt, wer den  Blick richtet ein wenig hinaus über den eigenen kleinen Umkreis, wer auf ein Ziel schauen kann – mit dem geschieht etwas; der Mensch richtet sich unwillkürlich auf. Dass der Mensch sich aufrichten kann - innerlich, das ist etwas wunderschönes. Das unterschiedet uns vom Tier – der aufrechte Gang.

Wenn ich auf ein Ziel schauen kann, dann schaffe ich auch die schweren Wegstrecken besser. Dann komme ich weiter, auch wenn die Füße über steinigen, schweren Boden gehen, vielleicht über Scherben, über wirklich schmerzhaftes Gelände – wie Sie alle es schon erlebt haben.

Es ist etwas  Gutes, dieser Blick auf den Horizont; auf den Ort, wo der Himmel und die Erde sich berühren, wo Zeit und  Ewigkeit sich treffen, das Sichtbare und das  Unsichtbare, das Vergängliche und das Unvergängliche, der Punkt, wo Gott und Mensch zusammenkommen ...

... und den Moment, wo das für einen Autor und Theaterregisseur geschieht, möchte ich Ihnen gern noch schildern.

 

5.

Seit kurzem ist Patrick Roth – geboren in Freiburg, schon lange in Los Angeles lebend – Stadtschreiber in Mainz.

Patrick Roth hat einmal notiert, dass ein Leben, das sich nicht auf Unendliches bezieht, seine Bestimmung verfehlt. Das könnte er bei Paulus abgeschrieben haben. Als ob er unseren Predigttext kennt.

Über seine Arbeit als Schriftsteller sagt Roth etwas Spannendes: diese Arbeit sei wie ein Aufsuchen der Gräber und ein Mühen um dieses Geschehen, in dem das Tote, in dem Vergangenes, ganz tief Verborgenes, zum Leben erweckt wird; eine Suche nach dem, was tief in mir schlummert, aber mir selbst noch unbekannt.

Vor einer Woche hat Roth im Mainzer Dom nach einer Einführung durch Kardinal Lehmann seinen Text „Magdalena am Grab“ gelesen.

In Ich-Form schildert er, wie ein Regisseur mit Schauspielern aus seiner Klasse plant, an einem Wettbewerb teilzunehmen. Er will dort mit ihnen diese Szene spielen, „Magdalena am Grab“ nach dem Text aus der Bibel, aus dem Johannes-Evangelium, Kapitel 20 (Herr Zimmermann hat ihn vorhin für uns gelesen).

Sie verabreden sich zur Probe in dem großen, leer stehenden Haus eines Freundes. Durch einen merkwürdigen Umstand trifft der Regisseur dort aber einzig auf die junge Schauspielschülerin, die erst seit kurzem an seiner Klasse teilnimmt.

Bedingt durch die rätselhafte Vorgeschichte und die nicht weniger rätselhafte Umgebung des Probenortes kommt es über der Arbeit an dieser Erzählung zu einer ganz eigentümlichen Begegnung zwischen dem Regisseur – er möchte die Szene erst einmal nur technisch durchgehen - der jungen Schauspielerin – sie fühlt sich dagegen vom ersten Moment ganz und gar in die Geschichte ein, ja und der Geschichte selbst - Maria am Grab Jesu.

Und da stimmt etwas nicht. Die junge Schauspielschülerin merkt es und besteht darauf, bis es endlich auch dem Regisseur auffällt.

Maria war zum Grab Jesu gekommen, sah, dass der Stein weggerollt und das Grab geöffnet war. Sie geht hinein, einige Stufen hinter in die dunkle Kammer. Jetzt sieht sie, dass der Leichnam nicht mehr da liegt. Zwei weiß gekleidete  Gestalten sind dort und sprechen sie an:  „Frau, warum weinst du?“ Und sie antwortet: „Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.“ Dann dreht sie sich um und sieht einen, den sie für den  Gärtner hält. Jesus, denn er ist es, spricht sie an und fragt: „Frau, was weinst du? Wen suchst du?“ und sie, die ihn nicht erkennt, sagt noch einmal: „Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du hin hingelegt hast, dann will ich ihn holen.“

Und an dieser Stelle nennt Jesus sie bei ihrem Namen: „Maria“. Und dann – so erzählt das Evangelium und genau hier stockt die junge Schauspielerin – denn auf einmal heißt es, als ihr Name gefallen ist: „Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt Meister!“

Warum muss sie sich hier umdrehen? Sie hatte sich doch schon einmal von der Grabstelle weggedreht und die Gestalt des Mannes gesehen, mit dem sie spricht. Warum muss sie sich jetzt noch einmal umdrehen?

Es ist, als ob die Schauspielschülerin im Spiel eins wird mit Maria und begreift: Hier ist etwas geschehen, was das Evangelium nicht überliefert hat. Da fehlt ein Stück. Und sie spielt diese Stelle weiter, damit sie Sinn macht, wie sie anders nicht denkbar ist. Maria läuft – als sie sagt: „Herr, hast du ihn weggetragen ... ich will ihn holen“ an Jesus, den sie noch nicht erkannt hat, vorbei, um ihn zu suchen, dessen Leichnam sie noch im Sinn hat ...

Und weil sie auf ihrer Suche weiterläuft, darum müssen beide sich umdrehen, als Jesus sie beim Namen ruft: „Maria“ und sie ihn endlich erkennt und antwortet: „Rabbuni, mein Meister“.

6.

In diesem Moment – der Autor nennt ihn die „Magdalenen-Sekunde“ – erkennt erst die Schauspielerin, dann der Regisseur, begreift der Schriftsteller Patrick Roth und vielleicht auch der Leser und Hörer:

Das bin ja ich. Da spiegelt sich meine Situation. Ich bin ein Suchender. Dem Ort des Todes, dem Verlust, dem Schmerz, den Rücken kehrend, suche ich nach etwas, das mir genommen wurde. In meinem Suchen, in meinen Schritten, in  meinem Laufen, gehe ich an Christus, gehe ich an Gott vorbei. Ich verfehle ihn und gehe immer noch weiter auf einer Suche, die mich nirgendwo hin führen kann.

Ich erkenne mich darin wieder. Aber noch faszinierender finde ich - die Schauspielerin deckt es auf, der Regisseur und Autor erkennt es – wie Gott hier begegnet.

Gerade mein Verfehlen, mein Vorbeigehen oder Weglaufen ist es, dass Gott dazu bringt, selbst umzukehren. Wir sind hier mitten in einer Geschichte, in der Gott sich bekehrt. Gott bekehrt sich zum Menschen und ruft ihn bei seinem Namen, damit er/sie sich zu Gott bekehren und erkennen kann: Er lebt.

Am Ort der Endlichkeit kann ich dem Unendlichen, dem Ewigen begegnen, im Sichtbaren kann ich das Unsichtbare erkennen, am Ort des Schmerzes kann Hoffung werden, in der  Trauer kann Freude werden.

7.

Zu Ostern gehört das Lachen. Wenn wir in unserer Gemeinde zum Osterfrühstück zusammen kommen, dann muss unbedingt auch gelacht werden.

Da war jetzt ein bisschen mehr von Schmerz und Tod die Rede, als sich vielleicht mancher – gerade an einem solchen Tag – zumuten möchte. Darum erzähle ich jetzt zum Schluss noch einen Witz. Wer dieses Jahr bei uns zum Osterfrühstück war, kennt ihn schon.

Sagt einer zum anderen: „Du, in unserer Gemeinde, da ist im Moment überhaupt nichts los. Da läufts nicht rund.“ „Wie kommt das denn?“, fragt der andere. „Ja weißt du, das liegt am Islam.“ „Nee, am Islam?“ „Doch, sicher! Der Frauenkreis is lahm, der Jugendkreis is lahm, der Seniorenkreis is lahm ...“

MARTIN LUTHER hat gesagt, „wenn der Teufel dich bedrängt - das Beste, was du tun kannst, ist, ihn auszulachen.“

Dieses Lachen hat mit Ostern zu tun. Es steckt auch im Ha- Ha- Ha- alleluja. Und es kommt aus dem Erkennen, dass Jesus Christus Hölle, Tod und Teufel besiegt hat, ein für alle mal, für uns, für Sie und für mich.

Ich bin überzeugt: Ein Mensch bewahrt sich das Lachen  und die Freude, wenn er eine Hoffnung hat, die über das Sichtbare hinausreicht, einen Blick, der an den Horizont reicht, einen  Sinn für die Momente, wo Gott und Mensch zusammen finden.

Etwas – nein ganz viel - von dieser Freude wünsche ich Ihnen für diesen Sonntag und die neue Woche.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre  Sie mit Herz und Sinnen in Jesus Christus,  unserm Herrn. Amen.

Pfarrerin Dr. Angela Rinn-Maurer

Misericordias Domini 2006

 

Ps 23

Ein Psalm Davids. Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.

Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

 

Liebe Gemeinde,

 

manchmal begegnen sie mir beim Joggen im Lennebergwald: Schafe mit ihrem Hirten. Es kann auch sein, daß ich warten muß, bis sie den Weg überquert haben, unbeirrt, sie haben Vorgang sozusagen, sie wissen, wo es lang geht, jedenfalls hat einer den Überblick: der Hirte. Bis heute haben sie einen Stab in der Hand, die Hirten. So gefährlich wie zu altbiblischen Zeiten, als Löwen und Räuber die Herde gefährdeten, ist es heute nicht mehr, ihr Stab ist auch keine eisenbeschagene Keule mehr, so wie sie die Hirten damals hatten. Aber Gefahren sind schon da, die in Form von Autos, Steinbruchgelände, freilaufenden Hunden, die die Schafe bedrohen. Ohne den Hirten geht es nicht - bis heute. Weil er aber da ist, drängen die Schafe friedlich auf die Weide, die er ihnen zuweist. Bei meiner letzten Begegnung habe ich zu meiner großen Freude ein kleines schwarzes Schaf entdeckt, mitten in heller Wolle ein dunkler Fleck, lebendig, ein richtig schönes kleines schwarzes Schaf.

Im Frühling, also in dieser Zeit, werden die Lämmer geboren, und unter den neugeborenen Lämmern ist hoffentlich wieder ein kleines schwarzes Schaf. Ein Sprichwort sagt: Unruhig wie ein Lämmerschwänzchen. Und in der Tat sind die Lämmerschwänzchen nie ruhig zu kriegen, vor lauter Lebensfreude. Wer es einmal gesehen hat weiß: Es gibt kaum ein schöneres Bild für ausgelassene Lebensfreude als kleine Lämmer auf einer Weide.

Viel Idylle findet sich also beim Nachdenken über Schafe und Hirten. Und vielleicht, bei der einen oder dem anderen, auch ein kleines Schmunzeln, denn da gibt es ja noch das andere Sprichwort vom Schäferstündchen oder, für die Kunstbeflissenen im Mozartjahr: die Oper Bastien und Bastienne, die von der Schäferin und dem Hirten erzählt, die sich schwerpunktmäßig weniger mit ihrer Herde als mit anderen Dingen beschäftigen. Die so schmunzeln liegen gar nicht falsch. Denn unser Psalm ist ein ganz sinnenfroher Psalm, regelrecht sinnlich. Es gibt etwas zu sehen, zu riechen, zu fühlen und zu schmecken, gewiß auch zu hören, denn zu einem Hirten gehört die Hirtenmusik, wie Mozart schon im zarten Alter von 10 Jahren zutreffend erkannt hat, auf jeden Fall hat das Blöken der Schafe eine ganz eigene Melodie. Also, ein sinnlicher Psalm, ein Augen-, Ohren und und Gaumenschmaus.

Dabei durchaus nicht banal oder kitschig flach, wie man vermuten könnte. Im Gegenteil. Durch das sinnenfrohe und lebendige Bild schimmern dunkle Töne, grollt Donner, droht Gefahr. Der Tisch ist gedeckt im Angesicht der Feinde, die rechte Straße führt mitten durch Unglück. Durch das harmonische Bild ziehen sich Risse, das Glück findet am Abgrund statt. Gerade dadurch gewinnt unser Psalm eine Tiefe, gewinnt Gewicht. Er ist schön und gefährlich, sanft und hart, unglücklich und reich wie das Leben. Er ist tastächlich ein Lebenspsalm.

Deshalb finde ich es auch ganz wichtig, daß die Konfirmandinnen und Konfirmanden diesen Psalm auswendig lernen. Ich weiß, daß die Konfis jetzt bestimmt aufstöhnen und meinen, daß sie persönlich ganz gut ohne den 23. Psalm auskommen könnten. Als ich selbst Konfirmandin war, ging mir das nicht viel anders. Und doch ist mir dieser Psalm nicht wieder aus dem Kopf entschwunden, während anderes, das ich auswendiglernen mußte, verloren gegangen ist. Dieser Psalm 23 gewinnt nämlich, je länger man sich mit ihm auseinandersetzt.

Viele Psalmen sind tief und kunstvoll, bewegend und schön. Der 23. Psalm hat über sie hinaus eine ganz eigene, besondere Qualität. Er trägt und bewegt Menschen, auch in schwierigsten Situationen ihres Lebens. Das habe ich mit 13 vielleicht nicht ganz so gesehen, kurz darauf, ich war 14 Jahre alt, bei einem Kirchentag in Berlin aber geahnt. Da haben wir mit diesem Psalm einen liturgischen Gottesdienst gefeiert, er ist mir unvergeßlich geblieben. Wir deckten uns einen Tisch, teilten Brot und Saft und Wein, salbten uns die Hände mit Öl, sangen und feierten miteinander. Bei diesem Gottesdienst habe ich gefühlt, was ich im Lauf meines Lebens immer deutlicher begriffen habe: dieser Psalm erzählt vom Leben, begleitet das Leben, feiert das Leben, trägt es manchmal sogar.

Später habe ich diesen Psalm gebetet, wenn ich am Sterbe- oder Totenbett eines Menschen stand, ich habe ihn gebetet, wenn mir selbst ängstlich und furchtsam zu Mute war. Und ich habe gehört und erlebt, daß Menschen ihn so gebetet haben, daß sie ihn zu den letzten Worten ihres Lebens werden ließen. Sie fanden zu diesen Worten, weil es eben so besondere, tiefe Worte sind, Worte, die tragen, auch vor dem dunkelsten Tal, das Menschen durchwandern müssen. Und daß sie tragen, das haben diese Menschen nicht erst am Ende ihres Lebens erfahren, daß zeigt sich schon mitten im Leben selbst.

Ganz besonders bewegt haben mich die verwirrten Menschen im Altersheim, die während der Gottesdienste kaum noch etwas zu erreichen schien - aber wer weiß das schon genau... Wenn wir gesungen haben, dann waren sie ganz da, ganz präsent, kannten die Liedstrophen und die Melodie. Und einen Psalm, den kannten die meisten auswendig und beteten ihn laut mit. Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Ihr Geist war schon weit entfernt, in Regionen, in die andere Menschen nicht vordringen konnten. Dieser Psalm schon. Der Hirte erreichte sie, erreichte ihre Stimmen, die sonst wie verstummt waren. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.

Der Herr ist mein Hirte - dieser Psalm ist ein Psalm, der uns das wichtigste lehrt, was Menschen wissen müssen: Vertrauen haben zu dürfen. Vertrauen zu diesem guten Hirten, und damit auch Vertrauen zu sich selbst, zum eigenen Lebensweg, der immer - auch dann, wenn wir es vielleicht nicht spüren, von Gott als gutem Hirten begleitet ist.

Diese Woche fragte mich eine kleine Schülerin aus der 4. Klasse: Sagen Sie mal, das darf man doch gar nicht, so mit Gott reden. Oder? Dieses kleine Persönchen hatte eine sehr gute Intuition. In der Tat, es ist gar nicht selbstverständlich, so von Gott zu reden, als dem Hirten, der uns führt und begleitet und - im Evangelium des Johannes haben wir es gehört - sogar für seine Herde sein Leben läßt. Das darf man doch gar nicht! Doch, man darf es, habe ich ihr gesagt. Gott selbst hat es uns erlaubt, so von ihm zu denken und so über ihn zu reden. „Aber das ist ja ganz menschlich“ hat sie gesagt, fast ein wenig empört. In der Tat, die kleine Dame hat es begriffen. So nah kommt Gott uns, menschennah, empörend nah für manche. Er erlaubt uns Menschenkindern, ihn, den Schöpfer der Welt, so zu sehen: als treuen, verläßlichen Hirten, der uns ein sinnenfrohes, erfülltes, reiches Leben schenkt - auch angesichts des drohenden Unglücks, angesichts des Todes, und der uns behütet, wie ein guter Hirte seine Schafherde behütet. Wer seine Empörung überwindet darüber, daß Gott so anders ist, als ich mir das vom HERRN der Welt vielleicht vorstelle, der lernt Vertrauen.

Vertrauen darauf, daß er mir einen Tisch deckt, reichlich deckt, und daß mir im Angesicht meiner Feinde nicht der Appetit vergehen muß. Auch dann nicht, wenn ich mir selbst der ärgste Feind bin, wenn ich mir selbst den Appetit am Leben verderben will, mir selbst nichts gönne von der grünen Aue und dem frischen Wasser. Auch dann, wenn ich voller Mißtrauen in die falsche Richtung renne. Ich darf ja wieder zurückkehren, und wenn ich das allein nicht schaffe, dann macht sich dieser Hirte gewiß auf die Suche nach mir. Vertrauen haben dürfen heißt: daß er mir voll einschenkt, nicht knauserig bis knapp unter den Eichstrich, sondern so voll, daß das Glas fast überfließt. Vertrauen darauf, daß ich genug zum Leben finde und keinen Mangel habe, daß ich frisches Wasser finde und köstliche Speise, frisches Grün, das nicht nur den Magen der Schafe erfreut, sondern auch das Auge. Ich spüre jetzt im Frühling, daß mir dieses Grün in der Seele guttut, daß es meinem ganzen Menschen guttut, ins Grüne zu gehen.

Wenn es dunkel am Horizont aufzieht, wenn mir ängstlich ums Herz ist, dann vertraue ich darauf, daß dieser Hirte schon einen Weg für mich weiß. Es tut gut, zu wissen, daß nicht ich immer den Überblick behalten muß, sondern daß der Hirte mich führt, auch dann, wenn ich meine, meinen eigenen Weg finden zu müssen und ratlos bin, wie es weitergehen soll. Er zeigt mir auch, daß ich nicht allein bin, auch wenn ich mir so vorkommen mag. Ich gehöre zu einer Herde, gehöre mit vielen anderen zu diesem Hirten. Und bin ihm soviel wert, daß er mich salbt, meine Wunden verbindet, die ich mir im Leben geschlagen habe, die mir zugefügt wurden. Er verbindet mich, salbt mich mit heilender, heiligender Salbe, ist mir fühlbar, spürbar nahe.

Ich weiß, daß auch die schwarzen Schafe einen Platz in dieser Herde finden. Auch die ganz ungebärdigen, auch die, die erst einmal in die falsche Richtung laufen und mit denen er, der Hirte, seine liebe Mühe hat. Auch die ängstlichen, die sich in die Ecken drücken und die verträumten, die stets den Anschluß verpassen.

Sie alle gehören zur Herde, für sie alle ist der Tisch gedeckt.

 

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.

Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

 

Amen.

Prof. Dr. Ernstpeter Maurer

Predigt am Karfreitag 2006

 

Gnade sei mit Euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen.

 

Christus aber ist gekommen als ein Hohepriester der zukünftigen Güter durch die größere und vollkommenere Stiftshütte, die nicht mit Händen gemacht ist, das ist: die nicht von dieser Schöpfung ist. Er ist auch nicht durch das Blut von Böcken oder Kälbern, sondern durch sein eigenes Blut ein für allemal in das Heiligtum eingegangen und hat eine ewige Erlösung erworben. Denn wenn schon das Blut von Böcken und Stieren und die Asche von der Kuh durch Besprengung die Unreinen heiligt, so daß sie äußerlich rein sind, um wieviel mehr wird dann auch das Blut Christi, der sich selbst als Opfer ohne Fehl durch den ewigen Geist Gott dargebracht hat, unser Gewissen reinigen von den toten Werken, zu dienen dem lebendigen Gott. Und darum ist er auch der Mittler des neuen Bundes, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen. ... Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein für allemal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben. Und wie dem Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht, so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweitenmal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil. [Hebr 9,11-15.26b-28]

 

 

Liebe Gemeinde,

 

es gibt eine oberflächliche und weit verbreitete, aber dennoch unzutreffende Kritik am christlichen Glauben, die sagt: Was ist das für ein Gott, der Blut sehen muß, um vergeben zu können? Ein blutdürstiger und rachsüchtiger Gott? Diese Kritik trifft nicht, aber der Predigttext erklärt, wie man auf einen solchen Verdacht kommen konnte. Auf den ersten Blick paßt der Text ja zum Opferkult des Alten Testaments. Sehen wir genauer zu, so wird die alttestamentliche Vorstellung vom Opfer gesprengt. Mehr noch: in überraschender Weise treten die scheinbar alten, „archaischen“ Vorstellungen hervor und werden durchsichtig für eine Tiefenschicht, die so leicht nicht abzutun ist, die immer wieder gegenwärtig wird und aufbricht.

 

(1) Ein Opfer tilgt die Schuld. Es ist zunächst eine Ersatzleistung. Das ist sinnvoll, wenn die Schuld getilgt werden kann. Dazu muß die Schuld gleichsam eine greifbare und meßbare Größe sein. Das ist der Fall bei Schulden, die bekanntlich anwachsen und - hoffentlich - dereinst abzutragen sind. Auch eine Ehr- oder Körperverletzung kann durch einen Ersatz entschädigt werden, allerdings hat das Grenzen. Mit Naturalien oder Geld läßt sich nicht alles regeln. Und doch ist das Bild recht anschaulich. Es steht „etwas“ zwischen mir und demjenigen, den ich beleidigt habe. Die Verletzung der Ehre vergiftet die Atmosphäre. So kann ein Vergehen wie ein Giftstoff die Gemeinschaft durchdringen. Die Luft ist dick geworden, geladen wie vor einem Gewitter, sie muß gereinigt werden durch eine vielleicht gewaltsame Entladung. Das Gift muß sich an einer Stelle so konzentrieren, daß es sich hinwegnehmen läßt. Dann sind wir es los.

 

Nun reden wir auch heute noch - und nicht selten gedankenlos - von Opfern. Um nur die „Verkehrsopfer“ zu nehmen: Fordert unsere wahnhaft gesteigerte Mobilität möglicherweise ihre Opfer? Und ist solche Molbilität nicht auch „gesellschaftlich gefordert“? Wer fordert da etwas von uns - sind wir das am Ende selber? Wem liefern wir uns da aus? Sind wir nicht sogar bereit, der Mobilität die Opfer auch zu bringen? Wir sind tiefer verstrickt in solche Zwänge, als unserem Gewissen lieb sein kann. Das Wort „Opfer“ ist kein Relikt aus dem Altertum. Gerade an dieser Stelle verrät der Gebrauch des Wortes eine Einsicht, die uns nicht paßt und der wir doch nicht einfach ausweichen können. Ist am Ende Leben nur möglich, wenn Opfer gebracht werden? Gibt es nur Leben auf Kosten anderen Lebens? Das wäre eine harte Einsicht, und die Bibel ist realistisch genug, diese Sichtweise nachdrücklich zu unterstützen. Diese harte Sichtweise gilt jedenfalls von der Schöpfung unter dem Zorn Gottes.

 

Wie realistisch diese Sicht ist, zeigt ein anderes Beispiel: der Wunsch nach Vergeltung. Der sitzt tief in allen Personen, denen Unrecht angetan wird. Ein solch tiefes Bedürfnis muß nicht immer bis zur Blutrache gesteigert werden. Aber wir müssen doch eingestehen, daß es eine zutiefst menschliche Tendenz ist, die sich in Rachehandlungen nach außen Bahn bricht. Eine tiefgreifende Verletzung des gemeinschaftlichen Lebens kann offenbar - jedenfalls instinktiv - nur durch anderes Leben gesühnt werden. Das zeigt freilich auch, daß schon der Übergang zu einem Tieropfer ein Fortschritt ist.

 

(2) Im Bund Gottes mit Israel spielt das Opfer eine bedeutsame Rolle. Im wahrsten Sinne des Wortes kultiviert das Opfer die Vergeltungsinstinkte, es überformt sie und läßt sie fruchtbar werden. Die Vergeltung ist ein tiefer Instinkt und macht deutlich, daß Schuld nicht nur eine moralische Angelegenheit ist, sondern einen heiligen Zusammenhang angreift: das Leben selbst. Damit ist nicht gesagt, daß Vergeltung für sich genommen in Ordnung wäre. Es darf aber auch nicht verschwiegen werden, daß eine bloß moralische Betrachtung zu simpel und zu harmlos ist. Die moralische Betrachtung ist überzeugt davon, daß wir im Prinzip das Schlechte vermeiden könnten. Ein solcher Optimismus wird in ernsthaften Konflikten schal und brüchig, spätestens dann, wenn es um Leben gegen Leben geht. Die moralische Betrachtung löst vor allem nicht das Problem, wie die Schuld zu bewältigen ist, wenn wir sie nicht rückgängig machen können. Wird Leben zerstört, dann gibt es kein Zurück. Aber schon eine Beziehung ist weitaus schwerer zu heilen als zu stören. Gestörte Beziehungen lassen sich nicht so leicht entkrampfen wie Schulden zurückgezahlt und Schäden kompensiert werden. Daran erinnert die Vergeltung, und auch das Opfer hält diese schmerzhafte Einsicht wach.

 

Wo menschliche Personen miteinander und gemeinsam leben und in diesem gemeinsamen Leben von Gott getragen werden, da macht sich eine stärkere, aber eben deshalb gefährlichere Verbundenheit bemerkbar. So wie verletzte Liebe auch gefährlich werden kann, als Eifersucht vor allem, die in Haß umschlägt. Auch hier geht es um Leben, und das Opfer hält auch diese Einsicht wach. Daher ist das geschlachtete Tier nicht einfach nur eine Ersatzleistung, es dient dazu, der eigenen Schuld zu begegnen. Das zeigt besonders deutlich der Bock, dem einmal im Jahr am großen Versöhnungstag die Sünde Israels vom Priester auf den Kopf gelegt wird, damit das Tier sie in die Wüste trägt. Das Volk wird sehr ernsthaft konfrontiert mit der eigenen Schuld, die es aus eigener Kraft nicht rückgängig machen kann. Die Schuld wird damit keineswegs abgehakt, solange ein jedes Glied der Gemeinde sich sagt: „Das hätte mich treffen müssen!“ Doch wird zugleich der Vergeltungszwang unterbrochen. Der Teufelskreis von Schuld, Strafe und Neuverschuldung muß nicht weiter eskalieren, es gibt einen Neuanfang, Gott eröffnet Zukunft für sein Volk. So ist das Opfer des Alten Bundes ein Zeichen dafür, daß Gott vergeben will - mehr noch: Es ist ein Einblick ins göttliche Wesen, wo die Gnade den Zorn überwiegt, ohne den Zorn einfach auszulöschen. Und dieser Einblick verändert auch die Kinder Israels.

 

Das Opfer ist im Alten Bund eine Konfrontation Gottes mit seinem Volk, vermittelt durch den Priester. Es konfrontiert das Volk mit dem göttlichen Zorn und zugleich mit dem Vergebungswillen Gottes. Gott kann seine Gerechtigkeit noch ganz anders durchsetzen als dadurch, daß er seinem Zorn freien Lauf läßt. Gott kann vergeben, und Vergebung ist eine schöpferische Kraft. Vergebung ist nicht verrechenbar mit irgendeiner strafenden Gerechtigkeit, aber Vergebung kann menschliche Personen so verwandeln, daß sie auf ganz andere Weise gerecht werden. „Vergebung“ bedeutet nicht „Schwamm drüber“ - es geht um Leben und Tod. Daher sprengt Vergebung auch die moralische Betrachtung. Vergebung kann nie eine moralische Pflicht sein, ebensowenig wie Dankbarkeit. Vergebung hat zu tun mit der Hingabe an den Feind. Solche Hingabe kann tödlich sein. Und doch liegt darin die Kraft, die den Teufelskreis sprengt, wo aus der Schuld immer wieder nur neue Gewalt entsteht. Wer vergibt, muß dazu Kraft empfangen haben, ermächtigt worden sein dazu, dem eigenen Drang nach Vergeltung zu widerstehen - oder auch nur dem Bedürfnis, das eigene Recht durchzusetzen.

 

(3) So gerät das Opfer im Alten Bund gleichsam in die Schwebe zwischen archaischen oder auch instinktiven Vergeltungstrieben und der schöpferischen Gerechtigkeit Gottes. Die bricht endgültig in Jesus Christus hervor und beleuchtet den Alten Bund mit seinem Opferkult. Im Neuen Bund opfert Gott sich selbst. Darin verwandelt, ja verdichtet sich das Opfer: Wo zuvor ein Priester zwischen Volk und Gott vermitteln mußte durch ein Opfer, sind nun Opfer und Priester eines. Darin wird die Vermittlung aufgehoben, und zwischen Gott und uns kommt es zum unmittelbaren Kontakt. Ich könnte auch sagen: Hier ereignet sich ein Kurzschluß, oder gar: das alttestamentliche Opfer implodiert. Gott schafft eine Steigerung, die nicht mehr zu überbieten ist. Sie ist nicht zurückzunehmen, und der Hebräerbrief vergleicht das mit dem Tod, der auch nicht zurückzunehmen ist. Hier zeigt Gott definitiv und unwiderruflich, daß der Vergebungswille den Zorn durchdringt und verwandelt. Das ist die Offenbarung des Wesens Gottes, ein tiefer Durchblick wird uns geschenkt, wir sehen Gott ins Herz und werden konfrontiert mit einem dramatischen Konflikt in Gott selbst. Gott trägt diesen Konflikt zwischen Zorn und Vergebung selbst aus. Es gibt keinen Zorn Gottes mehr, der nicht umgriffen ist von der vergebenden Liebe Gottes.

 

Das verändert auch uns. Eine solche Einsicht und Durchsicht in den Konflikt Gottes mit sich selbst zeigt, daß wir viel stärker gefangen waren als wir dachten. Die Sünde hat uns gefangen genommen - Sünde hat nichts mit moralischen Verfehlungen zu tun, sie ist vielmehr das Dickicht, das aus unzähligen gestörten Beziehungen zusammenwächst und wuchert. Gestört sind die zwischenmenschlichen Beziehungen ebenso wie die Beziehung zu Gott, und das eine greift ins andere. Solche Störungen und Verzerrungen können eskalieren, das ist nicht einfach zurückzunehmen und wird zunehmend krampfhaft. Es kann die Gemeinschaft vergiften und ersticken. Aus dieser Gefangenschaft müssen wir gelöst werden. Hier tritt Jesus Christus als Erlöser auf - wie jemand, der sich zur Verfügung stellt beim Austausch von Geiseln, der sein Leben dafür gibt, die Geiseln auszulösen. Natürlich: Wir sind zugleich Gefangene und Geiselnehmer. Aber das ändert nichts daran, daß wir uns selbst nicht befreien können, solange nicht von außen die Verhaftung gebrochen wird. Die Verstrickung wurzelt darin, daß wir Gott zutiefst mißtrauen und uns einfach nicht darauf einlassen wollen, daß Gott sich uns liebevoll zuwendet. Gott mußte diese Zuwendung so auf die Spitze treiben, daß es zur gewaltsamen Entladung der Aggression gegen Gott kam. Und gerade darin ist die Luft zwischen Gott und seinem Volk rein geworden. Dafür mußte Jesus Christus sterben: So ernst war es um uns bestellt.

 

Nun aber stehen wir unmittelbar dem lebendigen Willen Gottes gegenüber, einem wahrhaft lebendigen Willen, der den Konflikt von Zorn und Liebe bewältigen kann und zu unseren Gunsten bewältigt hat. Hier reißt der Himmel auf und gibt den Durchblick ins göttliche Wesen frei. So werden unsere Gewissen gereinigt zum Dienst des lebendigen Gottes. Die Gewissen werden auf Jesus Christus ausgerichtet und damit begabt zu einem Leben in der Hingabe an Gott. Wir dürfen an einem Gottesdienst teilnehmen, der die Zeiten durchdringt. Man kann sagen: „Zum Raum wird hier die Zeit.“ Denn die ganze Geschichte Israels, die auf das Opfer Jesu Christi hinausläuft, mitsamt der Auferstehung und Himmelfahrt - diese ganze Geschichte staut sich auf, alle ihre Phasen schieben sich übereinander und werden gleichsam gekippt in die Vertikale. Karfreitag und Himmelfahrt fallen auf einen Tag. Jesus Christus ist ein für allemal erschienen als der endgültige Hohepriester und hat das Kreuz von Golgatha in die himmlische Stiftshütte verwandelt. Zum Raum wird die Zeit, wir schauen den himmlischen Gottesdienst, und der ist in Ewigkeit nicht denkbar ohne die Passion. Aber „Passion“ heißt auch „Leidenschaft“. Wie der auferweckte Jesus Christus an den Wundmalen erkennbar ist als der Gekreuzigte, so ist der Tod des Hohepriesters aus der himmlischen Liturgie nicht wegzudenken. Das himmlische Opfer wird in Ewigkeit vollzogen, das heißt: die Leidenschaft gehört zum göttlichen Wesen. Es wird nicht etwa ewig wiederholt. Es ist ganz einfach die unerschöpfliche Quelle der Hoffnung, daß nichts uns scheiden kann von der Liebe Gottes in Christus (vgl. Röm 8,39).

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als eine jede Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Orgelvorspiel

 

Eingangslied

 

Also hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben. (Joh 3,16) Mit diesem Spruch grüße ich sie zum Gottesdienst am Karfreitag.

 

Im Namen ...

 

Wir wollen beten mit Versen aus Ps 22, dem Gebet, das Jesus selbst in seiner Todesstunde gesprochen hat.

 

eg 709

 

Sündenbekenntnis

 

Barmherziger Gott,

du hast uns deine Liebe spüren lassen und unsere Feindschaft damit erst recht geweckt. Du hast unseren Gotteshaß ertragen bis ans Kreuz und uns davon befreit, so daß wir uns nun von deiner Liebe anstecken lassen. Aber unsere Herzen werden immer wieder dunkel und hart, und immer wieder will unser Eigensinn sich deinem Geist entgegenstellen. Wären wir allein auf uns gestellt, so könnten wir an deiner Liebe nur verzweifeln. Herr, erbarme dich ...

 

Kyrie

 

Gnadenspruch (Röm 8,32.33a.34)

 

Gott hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern hat ihn für uns alle dahingegeben. Wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, welcher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns. Kommt, laßt uns anbeten ...

 

Gloria

 

Der Herr sei mit euch

 

Kollekte

 

Herr, unser Herrscher, dessen Ruhm in allen Landen herrlich ist,

zeig uns durch deine Passion,

daß du, der wahre Gottessohn,

zu aller Zeit,

auch in der größten Niedrigkeit,

verherrlicht worden bist.

Amen.

 

Schriftlesung - Glaubensbekenntnis

 

 

Abkündigungen

 

Fürbitte

 

Ewiger und barmherziger Gott,

du hast uns das tiefste Geheimnis deines Lebens offenbart und uns die Augen dafür geöffnet, dass deine Schwachheit stärker ist als die menschliche Stärke und deine Torheit weiser ist als menschliche Weisheit. Wir bitten dich: Gib uns in unserem Leben die Einsicht und den Mut, uns an deinem Maßstab zu orientieren, auch wenn wir uns und anderen damit schwach und töricht erscheinen.

 

Wir bitten dich für deine Kirche: Bleibe bei ihr und erhalte sie durch deinen tröstenden Geist, gib ihr den Mut, das Wort von deinem Kreuz zu verkünden, auch wo es als ärgerlich und sinnlos gilt, und bewahre sie davor, sich den Mächten der Welt anzupassen.

 

Wir bitten dich für unser Land: Erneuere unsere müde und schlaff gewordene politische Kultur durch deinen erfrischenden Geist, der die Polemik von den Argumenten scheidet, die Ohren für Gegenargumente öffnet, die festgefahrenen Gegensätze aufweicht.

 

Wir bitten dich für unsere Menschenwelt: Verbirg dein Angesicht nicht vor ihr, damit das Recht des Stärkeren sich nicht noch länger unbarmherzig durchsetzt, und sende deinen befreienden Geist, damit Vergeltung und Haß nicht länger die Lebensluft vergiften.

 

Wir bitten heute besonders …

 

Barmherziger Gott, dir sei Ehre, Preis und Anbetung, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

 

Abendmahlslied

 

Beichte

 

Herr Jesus Christus, du hast unsere Schuld ans Kreuz getragen und uns mit dir versöhnt. Wir beten in der Stille und bringen vor dich, was ein jeder persönlich zu bekennen hat und was ihn von dir trennen könnte.

 

Nuin frage ich euch: Wollt ihr Freiheit von eurer Schuld, so antwortet: Ja.

 

Im Auftrag Jesu Christi spreche ich euch frei. Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Herr sei mit euch - Die Herzen in die Höhe - Lasset uns Dank sagen

 

Präfation

 

Wahrhaft würdig und recht ist es, dass wir dir, ewiger und barmherziger Gott, allezeit Dank sagen durch Jesus Christus, unseren Herrn. Denn in ihm hast du die Feindschaft deiner menschlichen Geschöpfe erlitten und durchlitten bis in den Tod. In deinem Leiden hast du die tiefsten Abgründe deiner Liebe aufgeschlossen, so daß wir niemals wieder deinen Zorn für stärker halten können als deine Vergebung. Wir sehen, daß deine Leidenschaft für deine Geschöpfe in Ewigkeit nicht vergeht. So wird unser Dankgebet aufgenommen und eingefügt in den himmlischen Gottesdienst, und zusammen mit allen himmlischen Heerscharen rufen wir dich an, preisen dich und rufen: Heilig - heilig - heilig! 

 

Vaterunser

 

Vater unser im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sonderm erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

 

Einsetzungsworte - Christe du Lamm Gottes - Austeilung

 

Dankgebet

 

Allgegenwärtiger Gott,

wir danken dir, dass du uns durch die Gabe deines Abendmahls belebt hast, und wir bitten dich: Bereite durch diese himmlische Gabe unsere Herzen zu einem Ort, wo du wohnen kannst, dass wir in deiner Gemeinschaft dich allezeit fröhlich rühmen und preisen. Amen.

 

Danklied

 

Segen

 

Orgelnachspiel

Pfarrerin Dr. Angela Rinn-Maurer

Predigt am Sonntag Sexagismä, 19.2.06

 

2.Kor 12,1-10

 

Wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn.

2 Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren - ist er im Leib gewesen? ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? ich weiß es auch nicht; Gott weiß es -, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel.

3 Und ich kenne denselben Menschen - ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es - 4 der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann.

5 Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit.

6 Und wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört.

7 Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe.

8 Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, daß er von mir weiche.

9 Und er hat zu mir gesagt: Laß dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne.

10 Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Mißhandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten, um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.

 

HERR, segne unser Reden und Hören.

 

Liebe Gemeinde,

 

so flehentlich redet nur ein Mensch, der verzweifelt um seine Liebe kämpft. Wenn der andere schon in der Tür steht, bereit, sie endgültig zuzuschlagen. Wenn du spürst: du hast verloren, da hat sich ein Herz verhärtet, hat sich von dir abgewandt, und doch kannst du nicht aufhören zu kämpfen. Du redest dich um Kopf und Kragen: Bleib doch bei mir. Sieh doch, daß ich es bin, der dich wirklich liebt. Doch die Worte, die sonst mit einem zärtlichen Blick beantwortet wurden, die Schwüre, die einst zwei Herzen in Einklang brachten, sie verhallen, bringen keine Verbindung mehr zustande. Und dann kann es geschehen, daß ein Mensch, verzweifelt, sein Innerstes nach außen kehrt, seine Seele entblößt. Von schönsten Erfahrungen spricht und von tiefsten Kränkungen. Alles erzählt, was sonst noch nie  jemandem erzählt wurde. Das Kostbarste und das Schwerste, die Schätze seiner Seele. Und dann ganz nackt dasteht. Ohne Maske, ohne Schutz. Und ohne etwas zurückbehalten zu haben. Er hat ja alles weggeschenkt, alle Schatzkisten geöffnet. Und ist so ganz offen. Und so verletzlich. Wird der andere diese Kostbarkeiten achten? Oder wird er die Perlen zu Staub zertreten, das, was man selbst so sorgsam gehütet hat, verächtlich oder - noch schlimmer - gleichgültig zur Seite schieben. Und die Türe schließen... Und man steht da, mit offener Seele, mit dem Herz in der Hand. Und hat alles verloren. Wirklich alles verloren?

Er liebt seine Gemeinde in Korinth, der Apostel Paulus. Er liebt sie so sehr, daß er es nicht ertragen kann, sie zu verlieren. Und er redet sich in Rage, um Kopf und Kragen. Und redend, schreibend, spürt er doch, wie sie ihm entgleiten, wie sie weder aus alter Verbundenheit noch aus Achtung vor dem, was er für sie geleistet hat, bei ihm bleiben. Und - was heißt bei ihm - das ist ihm wohl gleichgültig, ob sie bei ihm, dem Menschen Paulus bleiben, es geht ihm darum, daß sie bei dem bleiben, für den er mit seinem Leben, mit seiner Liebe steht. Bei Jesus Christus. Sie entgleiten ihm, da hilft alles Rechten nicht: schaut doch, ich bin euer Apostel, da hilft kein Beharren auf alten Rechten: ich habe euch zuerst geliebt. Und so geht er den Weg, den verzweifelt Liebende gehen und öffnet sein Herz und holt seine Schätze hervor, die er darin verschlossen, verwahrt hatte, so gut verwahrt, daß er selbst ganz verwundert, fast staunend vor ihrem Glanz steht: ich kannte einen Menschen, der wurde in den dritten Himmel, ja ins Paradies entrückt. Er erzählt so distanziert, weil er selbst ganz vorsichtig ist diesem einzigartigen, überwältigendem Ereignis gegenüber. Ein Kleinod, war er, Paulus, wirklich der, der das erlebt hat? Haben seine Ohren tatsächlich unaussprechliche Worte gehört, von denen er selbst jetzt, in diesem verzweifelten Moment, nichts zu sagen vermag, weil sie so intim sind, daß sie nie, niemals, ausgesprochen werden können? War er wirklich mit Hand und Fuß, Augen und Händen im Himmel, oder war es ein Traum. Es war mehr, er weiß es, und ringt zugleich um Worte, wie läßt sich das beschreiben, wie läßt sich diese Perle fassen, um sie den Korinthern zu überreichen. Schaut, so liebe ich euch, daß ich euch dies anvertraue.

Und auch das andere anvertraue. Das, wovon er bestimmt zuvor auch nicht sprach, aus Stolz, stelle ich mir vor, zugleich aus Demut. Das ist sein Schmerz, der ihn quält, klein macht, ihn schlägt und mit dem Gesicht in den Staub drückt. Da ist dann gar kein Himmel mehr, kein Paradies, Staub und Erde, fast keine Luft zum Atmen.

Wenn ein Mensch sein Herz öffnet und von seinem größten Schmerz erzählt, dann ist das auch eine Perle, eine schwarze Perle zwar, aber doch eine Perle, eine Kostbarkeit.

Intim, so privat, daß niemand ein Recht hat, es zu erfahren, ist das, was Paulus erzählt. Seine zwei Perlen sind: seine Himmelfahrtund die Hölle seines Schmerzes. Gerade weil niemand ein Recht hat, davon zu erfahren, ist es das größte Geschenk, das er überreichen kann. Ein sehr verzweifeltes Geschenk. Ein vornehmes Geschenk. Ein Geschenk der Liebe. Zugleich irrsinnig, so wie die Liebe irr macht, wie man verrückt vor Liebe sein kann.

Es ist verrückt, so alles wegzugeben. Doch gerade so kann etwas Außerordentliches geschehen.

Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig, sagt Gott. So ganz am Boden, daß ein anderer treten, zertreten kann, geschieht etwas Merkwürdiges: auch Märchen erzählen davon. Das Märchen von Sterntaler z.B. Als das kleine Mädchen alles weggeschenkt hat, was es besitzt, fallen ihm die Sterne vom Himmel als Schatz in den Schoß.

Wenn nichts mehr da ist, worauf ich mich verlassen kann, was mich schützt, wohinter ich mich verstecken kann, dann eröffnet sich, merkwürdigerweise, kein Vakuum, keine Ödnis, keine Wüste. Dann geschieht es, daß leere Hände gefüllt werden. Auch Paulus, der wirklich alles weggeschenkt hat, werden die Hände gefüllt: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Später haben andere Ähnliches erlebt. Entmachtet, am Boden zerstört, gefesselt von einer Kranheit oder gefangen, festgesetzt  in ihrem Leben, erfahren sie, ausgerechnet dann, wenn sie sich auf gar nichts mehr verlassen können, diese fremde Macht Gottes. Wenn sie nicht mehr mächtig sind, nur noch schwach, erfüllt sie die Kraft Gottes.

Es gibt Menschen, die aus freien Stücken versucht haben, alles hinter sich zu lassen, um diese Erfahrung machen zu dürfen. Und doch läßt sie sich, so einfach sie klingt, nicht erzwingen. Man kann nicht einfach alles weggeben. Und selbst wenn ich das letzte Hab und Gut wegschenkte, wäre da noch so vieles, was ich an mich raffe: meine Lebensgeschichten, meine Erfolge, meine Arroganz und meine schüchternen Augenblicke, einen überwältigenden Moment des Glücks. Das wegzuschenken, das kann ich mir nicht vornehmen, das geschieht, oder es geschieht nicht, so wie ein Mensch es sich nicht vornehmen kann, in den dritten Himmel entrückt zu werden oder gar ins Paradies. Und so wie kein Mensch es sich vornehmen kann, zu lieben.

Auch das kann niemand erzwingen.

Auch das ist ein Geschenk Gottes. So wie der Glaube ein Geschenk ist.

Ich meine, daß beides ganz eng zusammenhängt, und daß man sowohl von der Liebe als auch vom Glauben erst dann etwas ahnt, wenn man sich verschenken kann, rücksichtslos, ohne etwas in der Hinterhand zu bewahren - und sei es nur in einem Augenblick des Lebens.

Eine Garantie gibt es nicht. Selbst wenn wir uns vollkommen verschenken, unsere Seele einem anderen Menschen vor die Füße legen, haben wir kein Recht auf seine Liebe. So wie wir Gott nicht zwingen können, uns mit Glauben, mit seiner Kraft zu erfüllen.

Es bleibt offen, ob Paulus die Herzen der Menschen in Korinth gewonnen hat. Ich glaube es, nach allem, was wir darüber erahnen können, eigentlich nicht. Die Tür schlägt zu für ihn, die Perlen liegen auf dem Boden, die weiße, himmlische, die schwarze auch. Vielleicht haben sich sogar einige Leute lustig gemacht über den merkwürdigen Heiligen, der ihnen diese seltsamen Sachen schreibt. Liebe sieht, von außen betrachtet, meistens ziemlich lächerlich aus.

Kann sein, daß einige auf die Perlen getreten sind.

Irgendjemand hat sie aufgehoben. So daß sie nicht im Papierkorb der Geschichte verschwunden, nicht im Staub der Jahrhunderte versunken sind. Irgendjemand spürte, welche Kostbarkeiten da vor ihm lagen. Und hat sie aufgehoben. Und ihnen im Kanon des Neuen Testaments eine würdige Fassung gegeben, in der sie ihren Glanz zeigen können. So daß das, was Paulus weggeschenkt hat, heute uns geschenkt ist:

die weiße Perle:

Ich kenne einen Menschen ist er im Leib gewesen? ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? ich weiß es auch nicht; Gott weiß es -, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel.

Und ich kenne denselben Menschen - der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann.

und die schwarze Perle:

Dreimal habe ich zum Herrn gefleht, daß der Pfahl im Fleisch von mir weiche.

Und er hat zu mir gesagt: Laß dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. 

 

Beide Perlen für uns. Als Geschenk.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Predigt zum 3. Sonntag nach Epiphanias am 22.01.2006

2. Könige 5, (1-8) 9-15 (16-18) 19a

Pfarrer Andreas Nose

 

Liebe Gemeinde,

1.

Den Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Alten Testament, im 2. Buch der Könige. Sie wissen schon, welche Geschichte dort steht. Den Text lese ich jetzt nicht vor. Lieber möchte ich diese Geschichte erzählen.

Es ist eine Geschichte, die man erzählen muss. Sie handelt von König und Soldat, von starken Männern und klugen Frauen, viel Geld spielt eine Rolle - und dann doch eigentlich keine Rolle.

Über Gott wird in der Geschichte nicht viel gesprochen. Gottes Name fällt erst, als alles schon vorbei ist. Aber wer die Ohren richtig aufstellt, wer mit Herz und Verstand den Ereignissen folgt, der hat ihn zu diesem Zeitpunkt schon längst erkannt. In fast jedem Satz der Geschichte ist seine Handschrift lesbar. Aber von Anfang an ...

2.

Alles beginnt damit, dass ein Mensch schwer krank wird.

Sie trifft nicht irgendjemanden, sondern einen der bekanntesten Männer im Staat. Gleich nach dem nach dem König ist er der mächtigste Mann. Er schaut zurück auf eine Karriere ohne Gleichen. Bis hierher war sein Weg nur von Erfolg gekrönt.

Als militärischer Oberbefehlshaber hat er entscheidende Kriege geführt und gewonnen. Als rechte Hand des Königs genießt er dessen ganzes Vertrauen. Er gehört zum innersten Zirkel der Macht.

Dann wird er krank.

Seine Haut beginnt sich zu verändern. Zuerst sind es nur einige gerötete Stellen, ein immer stärker werdender Juckreiz kommt dazu, dann Ausschläge, die sich über fast den ganzen Körper verbreiten – vermutlich wie eine sehr starke Schuppenflechte.

Wie alt wird der Mann da gewesen sein? Mit Sicherheit jünger als ich es heute bin.

Wenn ich krank werde, wenn ich merke, das ist mehr als eine Erkältung, dann gehe ich zum Arzt. Ich erwarte, dass er die Krankheit diagnostiziert, mir die notwendigen Medikamente verschreibt. Schlimmstenfalls – wenn ein Antibiotikum nicht anschlägt – muss ich noch mal hin. Dann ist aber auch gut.

Und wenn nicht?

3.

Eine ernste Krankheit führt meist zu einer schweren Krise.

Ich werde mich nicht gleich von der Brücke stürzen, wenn ich erfahre, dass ich Neurodermitis habe.

Andererseits – wenn ich – dem Juckreiz hilflos ausgeliefert, mich nachts von einer Seite auf die andere wälze und keinen Schlaf finde; wenn ich alle Medikamente eingenommen, alle Salben aufgetragen, schon lange Ernährung und Lebensweise umgestellt habe – und ich immer noch krank bin? Wenn ich immer wieder angestarrt werde wegen meines zernarbten Gesichts und ich in den Gedanken der Menschen lese: „Na ob der eine Frau abkriegt mit seinem Gesicht?“

Für den Oberbefehlshaber des aramäischen Heeres, Naeman, kommt hinzu: Wer in seinem Kulturkreis sichtbar und auf Dauer so erkrankte, der wurde isoliert. Er musste in kleinen Elendssiedlungen draußen vor der Stadt leben – durch Almosen versorgt am Rande der Wüste.

Mit dieser Krankheit steht alles auf dem Spiel. Und irgendwann geht es um Leben und Tod.

4.

Aber noch ist es nicht so weit.

Seinen Job hat er noch – und alle Möglichkeiten, die damit zusammenhängen. Und die nutzt er.

Die Tür dazu aber ist noch verschlossen. Den Schlüssel hat ein junges Mädchen. Eine Jüdin. Auf einer Militärexpedition an der Grenze zu Israel wurde sie aufgegriffen und kurzerhand entführt. Sie hatte Glück im Unglück. Sie überlebt, wenn auch als Sklavin in den Händen des Feindes.

Nun lebt sie im Haus des Hauptmanns. Und sie weiß etwas, das dem mächtigen Mann weiterhelfen kann.

Aber wie kommt ein General und Vizekanzler dazu, auf seine jüngste Hausangestellte zu hören?

Stellen wir uns einen Moment vor, wie sich das Leben hier abspielt. Ein großer Politiker und Soldat, seine Frau, Kinder, wahrscheinlich weitere Verwandte auf einem großen Anwesen, viele Bedienstete. Naeman selbst wird kaum zu Hause gewesen sein und wenn – die Zeit mit dem Empfang hochgestellter Gäste verbracht haben – bis er krank wurde.

Die junge Ausländerin wird er vielleicht kurz gesehen haben, als sie zur Sklavin gemacht in sein Haus gebracht wurde. Aber dann hat ihrer beider Leben keine gemeinsamen Schnittpunkte mehr. Was haben die beiden miteinander zu tun? Welten trennen sie voneinander.

Wer schon einmal eine wirklich ernste, vielleicht lebensbedrohende Diagnose bekommen hat weiß, dass man viele Dinge plötzlich in einem ganz anderen Licht sieht. Scheinbar ganz Wichtiges wird auf einmal völlig nebensächlich – „Warum verplempere ich damit meine Zeit?“ Vorher kaum Wahrgenommenes wird plötzlich wichtig. Was vorher ein Schattendasein fristete und kaum vorkam, wird wertvoll.

Manche sagen: In jeder Krise liegt auch eine Chance.

Der mächtige Mann hört auf die Worte eines Hausmädchens.

5.

Das können wir uns vorstellen, dass mancher schwer erkrankter Mensch nach jedem Strohhalm greift, verschiedene Ärzte konsultiert, sich auch mit abseitigen Heilmethoden beschäftigt, vielleicht sogar ein neues noch nicht erprobtes Medikament an sich testen lässt.

Doch für Naeman, den General, kommt noch etwas hinzu.

Der General muss sich – vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben – fragen, ob er bereit ist, fremde Hilfe anzunehmen; auch von einem Menschen, dem er sich „im normalen Leben“ haushoch überlegen fühlt, den er im Getriebe seines Hauses kaum wahrnehmen würde.

Denken Sie, denkt Ihr: Das ist doch nicht so schwer? Bitte! Eine der häufigsten Antworten von Menschen, befragt, wie sie sich ihr Alter vorstellen, lautet: Auf keinen Fall möchte ich jemandem zur Last fallen. Ich möchte nicht auf einen anderen Menschen angewiesen sein. Ich möchte – so lange es irgend geht – mir selbst helfen können. Und nicht um die einfachsten Dinge bitten müssen.

Und denken Sie, wen wir hier vor uns haben:

Große militärische Erfolge in sehr kriegerischen Zeiten, das zweitmächtigste Amt im Staat – das erreicht man nicht durch gutes Zuhören und indem man „die kleinen Leute“ achtet, gar die Kinder verfeindeter Völker. Dass der Mann so weit gekommen ist, hat gute Gründe. Die sind nicht: Freundliches Wesen,  Sensibilität und Toleranz; sondern die Fähigkeit, Härte zu zeigen, auch schmerzhafte Entscheidungen treffen zu  können, ein Einzelschicksal nicht zu nahe an mich herankommen zu lassen und dazu als ständiger Begleiter das Wissen,  dass ich – auf dieser Stufe der Karriereleiter – nicht vorsichtig genug sein kann, welchem Menschen ich Vertrauen schenke.

So ist das - als dieser Mann krank wird - als ob die harte Schale einer Nuss, die nur schwer  zu knacken war, plötzlich einen leichten Riss bekommt.

Das kennt Ihr vielleicht auch aus der Schule: Dass der gegelte, durchgestylte Goldkettchen-Macho plötzlich durch ein Ereignis innerlich so getroffen wird, dass ihm eine  Träne im Auge steht und es für einen Moment nicht mehr wichtig ist, cool zu sein.

Uns kann vieles treffen. Eine Krankheit kann einen Menschen verändern.

6.

Wir wissen heute, dass es oft Verbindungen gibt zwischen Erkrankungen des Körpers und der Befindlichkeit der  Seele.

Wenn ich in die Rolle des Psychotherapeuten schlüpfe, würde ich Naeman fragen: Können Sie sich vorstellen, dass die Krankheit ihnen etwas sagen will. Kann es sein, dass der Ausschlag, der Sie von anderen Menschen isoliert und menschliche Nähe unmöglich macht, eine Entsprechung hat, in Ihrem Leben, in Ihren Beziehungen?

Ein Ausleger hat zu dieser Geschichte gesagt,

Naeman erscheine ihm wie ein Vater, der alles richtig macht, der sehr erhöht ist und deshalb wenig Nähe zulässt. Er ist beruflich ausgezeichnet, in hohen Kreisen angesehen, ohne Tadel und erfolgreich. Aber man kann ihn nicht berühren. Vor lauter Gut-Sein hat er wenig Wärme. Man kann ihn ehren, aber nicht umarmen.

Was kann seine Krankheit heilen?

7.

Vielleicht können Sie, könnt Ihr hier spüren, warum diese Geschichte schon 2500 Jahre lang immer wieder weitergegeben und erzählt wird. Sie ist kostbar. Sie lehrt uns etwas – über den Umgang mit Krankheit und Krisen; sie ermutigt uns, nicht nur Abstand zu halten, sondern auch Nähe zuzulassen. Sie sagt, es ist okay, cool zu sein, aber es ist auch wichtig, einmal eine Träne zeigen zu können (ich muss ja nicht gleich die “Heulsuse“ bei DSDS sein). Die Geschichte zeigt, dass es schön ist, Erfolg zu haben, aber dass es trotzdem keinen Menschen gibt, der ohne die Hilfe anderer leben kann. Sie will uns beibringen, die Unterschiede zwischen Menschen nicht zu wichtig zu nehmen: ein Mensch, der in den Augen anderer nicht viel bringt, vielleicht selbst glaubt, nicht viel wert zu sein, sich jedenfalls niemals messen zu können mit den Schönen und Erfolgreichen – er, sie hat etwas zu geben, ist wichtig, hat oft den Schlüssel in der Hand für eine Tür, die selbst einem König verschlossen bliebe.

 

Was kann die Krankheit Naemans heilen?

Den ersten Schlüssel hat ein junges Mädchen, das sicher niemand gefragt hätte.

Das junge Mädchen selbst aber, das keinen Grund hätte, einem Feind ihres Volkes zu helfen – es ist anders. Es denkt nicht in solchen Schemata. Es teilt nicht auf in Herr und Knecht, in Freund und Feind. Es sieht, dass ein Mensch leidet und nach Hilfe sucht. Das Mädchen weiß, wo Hilfe zu finden ist. Und über die Ehefrau des Generals gibt sie weiter, was sie weiß.

In Israel gibt es einen Propheten, der heilen kann.

8.

Und auf einmal ist der General wieder ganz in seinem Element, auf altvertrautem Terrain: Ausland, diplomatische Beziehungen? Da kennt er sich aus! Und hat er gegen Israel nicht gerade Krieg geführt? So bekommt er wieder Oberwasser. Da weiß er wieder, was zu tun ist – auf seine Art, eben in dem Stil, den er sich zugelegt, der ihn so weit gebracht hat – na mal seh`n!

Von seinem König lässt er sich ein Schreiben geben – offizielles Briefpapier mit Siegel. An den König Israels. Der ist militärisch unterlegen - also abhängig - und wird tun, was verlangt wird.

Der Prophet wird dann beauftragt, wahrscheinlich ist der sowieso ein Angestellter, ein Hofprophet, das gab es damals tatsächlich am Königshof. So einer wird schon verfügbar sein. Er ist nicht der erste Ansprechpartner. Denn solche Dinge regelt man besser gleich auf höchster Ebene.

Ach so – und genug Geld braucht es. Geld bewegt die Geld. Wer das Geld hat, hat die Macht. Mit Geld kann man viel bewegen.

Um hier noch einmal einen Psychologen sprechen zu lassen: In einem Buch von Paul Watzlawick würden wir diese Geschichte finden unter der Überschrift „Wenn die Lösung das Problem ist“ oder „Mehr desselben!“

Naeman hat mit einer Strategie Karriere gemacht, leben und überleben gelernt, die ihn mehr und mehr von Menschen isoliert und menschliche Nähe verhindert hat. Für seinen Erfolg hat er einen hohen Preis zahlen müssen.

Der Aussatz ist vielleicht nicht die Folge, mindestesns aber ein äußeres Zeichen für seine innere Befindlichkeit, wie es in ihm aussieht.

Jetzt könnten Sie fragen: Woher weiß das ? Nun, man sieht es an allem, was er tut und wie er es tut.

Zwei Könige werden in Bewegung gesetzt, zentnerweise Silber, sechstausend Goldgulden, Festgewänder, diplomatische Drohungen und Verwicklungen. Und dann soll ein „Gottes-Guru“ erscheinen und alles richten. Nicht irgendein Priester oder Prophet, der beste muss es sein. Und wenn der im Ausland lebt, dann fahren wir dahin. Mit Geld und Beziehungen regeln wir das. „Da machen wir was.“

9.

Als er Naeman empfängt und ihm sein Anliegen vorgetragen wird, bekommt der König Israels einen Riesenschrecken. Er weiß, wen er vor sich hat. Seine Alarmglocken schlagen an. Er wittert sämtliche Fallen feindlicher Diplomatie.

Naeman muss doch wissen, denkt er sich: Der König Israels wird kaum einen Aussätzigen heilen können. Warum fragt er dann? Da kann nur ein perfider Plan dahinter stecken. Eine Verweigerung der Bitte durch Israel oder auch nur ein Scheitern wird als Feindseligkeit ausgelegt und soll den Vorwand liefern für einen neuen Krieg, der Israel endgültig in die Hände der Aramäer gibt.

Nun gibt es tatsächlich einen Mann Gottes in Israel, einen starken Propheten, in dem sich ein lebendiger Glaube verkörpert, eine Liebe zu Gott und eine Achtsamkeit für Gottes Gegenwart und seinen Willen. Nur findet sich dieser Mann Gottes nicht unter den königlichen Hofpropheten. Ein Mensch, der Gott fürchtet und liebt, ist für eine Regierung immer suspekt. Denn er sucht die Wahrheit und spricht sie aus, auch wenn sie unbequem ist, und er lässt sich nicht bestechen. Er zieht sich nicht zurück in eine fromme Ecke. Wo er Unrecht sieht, da nennt er es beim Namen. Nicht jedem König gefällt das. Nicht jeder Machthaber möchte das fördern.

So denkt der König Israels nicht an den einen Propheten, der heilen kann.

10.

Diesem Propheten, Elisa, bleibt die kritische Situation am Königshaus nicht verborgen. Er schickt eine Nachricht: „Lasst den Mann zu mir kommen, dass einer wenigstens merkt, dass es einen Propheten in Israel gibt!“

Naeman disponiert um. Mit seinem ganzen Gefolge – und den Geldkoffern - legt er noch einmal einen Weg zurück, bis er mit Pferden und Wagen vor dem Haus Elisas ankommt.

Doch Elisa hält es nicht für nötig, den Mann im Range eines Vizekanzlers persönlich zu empfangen. Er schickt nur einen Boten vor die Tür, der Naeman ausrichtet, was er tun soll, um gesund zu werden.

„Geh an den Jordan und wasch dich dort siebenmal, dann wird dein Körper wieder gesund sein!“

Solch eine Behandlung ist Naeman nicht gewohnt. Noch niemand hat sich getraut, so mit ihm umzugehen. Er kann verstehen, warum der König Israels diesen Propheten nicht in seiner Nähe haben will. Aber es ist nicht nur die Abfertigung durch den Boten, die ihn maßlos aufregt. Auch den Ratschlag zur Heilung empfindet er als bloße Beleidigung, als einen Hohn.

Der Jordan ist doch kein Fluss. Das ist ein Rinnsal. Ein wenig größer als der Gonsbach, aber auch nicht viel mehr. Und außerdem noch einmal 40 km entfernt.

„Ich habe erwartet“, schreit er dem Boten und der Fassade des Prophetenhauses entgegen, „dass der Prophet mal selbst heraus kommt, sich hier hinstellt, den Namen seines Gottes anruft, in die Richtung des Tempels schaut, die Hände erhebt und mich mit einem würdigen Ritus von meiner Krankheit befreit! Was soll ich mit Jordanwasser? In Syrien, in Abana und Parpar, ja selbst in der Heimat gibt es richtige (!) Flüsse, Wasser mit weit besserer Qualität als alles, was hier durch Israel rinnt.“

Er lässt seine Wagen drehen und zieht davon.

11.

Ein guter Arzt behandelt nicht eine Krankheit, sondern den Menschen. In der Konfrontation mit Elisa kommt noch einmal die persönliche Wahrheit Naemans auf den  Tisch. Hier – vor der Tür des Propheten – wird so deutlich, was für ein Mensch er ist. Woran er krankt und wo er Heilung braucht. Der glaubt, mit Geld, Beziehungen und starkem Auftritt alles regeln zu können, der läuft in eine Sackgasse. Was er für eine Lösung hielt, ist Teil seines Problems. „Mehr desselben“ läuft sich irgendwann tot.

 

Manchmal muss ein Mensch gegen eine Wand laufen, um zu merken, dass ein anderer Weg weiter führt. Und dass in ihm selbst etwas auf Veränderung hofft, ja sehnsüchtig auf Verwandlung wartet.

In Woody Allens Film „Der Stadtneurotiker“ gibt es eine herrliche, entlarvende Szene im Badezimmer. Er öffnet sein Medikamentenschränkchen. Es ist bis obenhin voll gestopft über und über mit Tabletten. All´ dies Zeug hilft ihm, in einem falschen Leben so zu funktionieren, dass er an diesem Leben nichts ändern zu muss!

Unsere Medizin wird die Tablette noch erfinden – ich habe gelesen, daran würde schon geforscht – eine Tablette, die uns erlaubt, zu essen so viel und was wir wollen, ohne dass es einen negativen Einfluss auf unseren Körper hat – „Schöne neue Welt!“

Aber Gott will uns mehr schenken als eine gute Haut. Er will uns helfen, dass unser Leben in Ordnung kommt. Dass wir mit unseren Beziehungen zurecht kommen. Dass wir mit unseren Konflikten umgehen lernen; dass wir dies Leben, das er uns geschenkt hat, auch in seiner ganzen Fülle ergreifen können. Gott will, dass wir Menschen werden, die anderen zur Hilfe werden, weil uns selbst geholfen wurde.

Gott ist es, der Naeman hier gegen die Wand laufen lässt und ihm zeigt: So nicht! Nicht weil er diesen armen reichen Mann strafen will; sondern um ihm wirkliche Hilfe zukommen zu lassen. Und ihm heraus zu helfen aus einer Haltung, die ihn auf Dauer isoliert und einsam macht. Um ihm zum Leben zu helfen.

Gott ist hier wie ein „Geburtshelfer“ für Naemann. Und wieder gebraucht er dafür die „kleinen Leute“ und – wie in der Taufe! – das Wasser.

12.

Es sind die sogenannten „kleinen Leute“, die gar nicht so klein sind, sondern sich als großartige Menschen erweisen. Die Diener sind es. Sie sehen, wie ihr Herr leidet, und wie er sich und seiner Heilung selbst im Weg steht. Und das ist schon wieder etwas Wunderbares in dieser Geschichte. Sie können da nicht tatenlos zuschauen. Sie lassen ihn nicht einfach fahren. Sie haben den Mut und sprechen ihn an.

„Lieber Vater“, sagen sie, „wenn der Prophet Dir etwas ganz Großes geboten hätte, das hättest Du doch sofort getan?“ Wenn er dir jetzt so etwas Schlichtes, wenig Aufsehen Erregendes gebietet, warum machst du es nicht einfach?“

So freundlich und liebevoll angesprochen, bekommt die „harte Nussschale“ erneut einen Riss. Der mächtige Mann hört auf das Bitten seiner Diener. Etwas an ihm verändert sich, wird offener.

Am Jordan taucht er siebenmal unter wie Elisa ihm geboten hat. Er steigt aus dem Fluss und ist geheilt. Als gesunder Mensch kann er nach Hause fahren. Tatsächlich berührt das Untertauchen im Jordanwasser mehr als seine Haut.

Manchmal sagen wir, wenn wir aus der Dusche steigen oder der Badewanne, aus dem Schwimmbad oder der Sauna kommen: „Ich fühle mich wie neu geboren.“ Das Wasser hat nicht nur den Staub des Tages abgewaschen, den Schweiß mancher Anstrengung; manchmal nimmt es uns auch eine innere Müdigkeit ab, löst eine Verspannung, beruhigt und belebt zugleich.

Mehr als eine gründliche Wäsche ist das siebenmalige Untertauchen im Wasser für Naeman. Mit Kleidern, Schmuck und Waffen lege ich meine Macht und meine Mittel, mein Ansehen und meine Geltung vor den Menschen ab.

Wenn ich ins Wasser steige, vertraue ich mich einer Macht an, die stärker ist als ich. Sie kann mich verschlingen. Aber nur, wenn ich dieses Risiko eingehe, kann ich die Erfahrung machen, dass ich getragen werde. Um erfrischt und gereinigt wieder aufzutauchen., muss ich zuvor untertauchen.

Hier wendet sich nicht nur die Geschichte einer Krankheit. Hier wendet sich auch ein Leben und gewinnt eine neue Qualität. Der „hohe Herr“ taucht unter, er macht die Erfahrung, dass er sich selbst loslassen darf und wird – fast wie ein Kind – neu geboren.

Dass bei Naeman dem äußeren Tun tatsächlich auch ein solches inneres Erleben entspricht, sieht man daran, dass er noch einmal zum Mann Gottes, zu Elisa, geht und sagt: „Siehe, nun weiß ich, dass kein Gott ist in allen Landen, außer in Israel“ (2. Könige 5, 15).

Naeman hat erkannt, dass in allem, was ihm widerfahren ist, Gott da war und einen Weg mit ihm gegangen ist; durch Tiefen und Höhen, durch Erfolg und Einsamkeit, durch die Begegnungen mit Königen, aber mehr noch die Begegnung mit einem jungen Mädchen und einigen Dienern.

13.

Das ist Naemans Geschichte.

Auch wir haben solch eine Geschichte mit Gott. Schon in der Taufe – ja gerade dort! – hat sie begonnen. Hier hat Gott angefangen, heilend an uns zu handeln; hat einen Anfang gesetzt, dass unser Leben an Weite gewinnt, Glauben und Vertrauen in uns ankern können; dass wir Menschen werden, deren Leben sich nicht verengt, sondern entfaltet – und auch durch Krisen hindurch und alle Gebrochenheit schön wird.

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Durch die Taufe gehören wir ihm. Amen.

Ev. Sonntagszeitung 2006

Pfarrerin Dr. Angela Rinn-Maurer

1.Kor 2,7 (aus dem Predigttext zum 2. Sonntag nach Epiphanias)

 

Wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit

 

Jeder Mensch ist ein Geheimnis. Und jeder Mensch ist - bewußt oder unbewußt - auf der Suche nach dem Geheimnis Gottes und dem Geheimnis seines Lebens. Beides hängt zusammen.

Jeder Mensch, der sich auf den Weg macht, um diesem Geheimnis nachzugehen, wird einen langen Weg zurücklegen. Wer das Mysterium des Lebens erkunden will, der braucht Zeit. Denn ein Geheimnis ist kein Rätsel. Rätsel können aufgelöst werden und sind fortan keine Rätsel mehr. Rätsel erschöpfen sich, wenn die Lösung gefunden ist, sie werden dann langweilig. Wer löst schon gerne zweimal das selbe Kreuzworträtsel? So sind Menschen nicht. Für uns Menschen gibt es keine einfachen Lösungen, auch keine komplizierten. Wir sind Menschen mit unserem Geheimnis, wir bleiben geheimnisvoll.

Jesus Christus ist das Geheimnis Gottes. Ich ahne, daß wir mit der Suche nach ihm uns selbst auf der Spur sind und zugleich dem Geheimnis der Welt, dem Ursprung des Lebens. Sein Geheimnis ist ebenfalls kein Rätsel mit Auflösung. Es ist viel größer und wird lebenslang nicht aufgelöst oder gelöst werden können. Auch nicht abgehakt. Sondern es will im Herzen bewegt werden, entdeckt werden, und es will, daß wir darüber miteinander reden. Es geht ja nicht um Geheimniskrämerei, um eine Geheimsekte. Das Geheimnis Gottes will sich verschenken, will besprochen werden, will Menschen gewinnen, so daß sie neugierig werden. Diese Neugier, die Sehnsucht, mehr zu erfahren, näher vorzudringen, ist ein Zeichen dafür, daß wir vom Geheimnis ergriffen sind. Dieses Geheimnis antwortet auf die menschliche Sehnsucht, die jeder kennt, der sich schon einmal nach einem Ohr gesehnt hat, dem man die Geheimnisse, auch die düsteren Geheimnisse, des eigenen Lebens anvertrauen darf, nach einer warmen Stimme, die einem nichts vorlügt, sondern Klartext spricht, nach warmer Haut, die die Kälte vertreibt, nach tiefen, ungeschützten Gesprächen, in denen man einen anderen Menschen einen Blick in die eigene verletzliche und kostbare und verwundete Seele werfen läßt. Und zittert, daß dieser Blick ein heilender Blick ist, der das Geheimnis meines Lebens achtet und es zart bewahrt. Die Bibel erzählt davon, daß Jesus Christus Menschen so begegnet. Als Geheimnis, das ihr Geheimnis achtet und gleichzeitig durchschaut, der dunkle Schattengeheimnisse aufdeckt, manchmal sanft, manchmal mit harten Worten, doch immer so, daß die Narben der Seele heilen dürfen. 

Das Geheimnis der Welt begegnet uns Menschen mit unserer begrenzten Welt- und Himmelssicht, unseren schwachen Seelen und Körpern, unseren vergeblichen Versuchen, andere Geheimnisse zu erfinden oder sogar dem Zauber dieses Geheimnisses zu entkommen. Es bleibt - auch für die, die sich angeschaut und erkannt fühlen, getragen und gehalten - immer ein Geheimnis.

Wer sich aber auf den Weg macht, entdeckt einen Schimmer des göttlichen Mysteriums, entdeckt Licht - auch in der dunklen Nacht.

Silvester 2005

 

2.Mose 13,20-22

So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.

Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.

Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

 

HERR, segne unser Reden und Hören. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

 

Ägypten liegt hinter ihnen, doch das rote Meer ist noch nicht durschritten. Zwischen der Sklaverei mit ihren Fleischtöpfen und der Freiheit einer gefährlichen Wüstenwanderung mit trockenem Manna und zähen Wachteln sind diese Verse angesiedelt. Das Volk Israel lagert sich, ein Augenblick der Ruhe, eine Zwischenzeit. Noch ist die Erinnerung an das, was vergangen ist, ganz lebendig. Und genauso vital ist die Angst vor dem, was kommt, auch die Neugier auf das Abenteuer, das sie erwartet.

 

Hören wir noch einmal auf die Verse aus dem Buch Exodus:

So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste.

Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten.

Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

 

Ein Augenblick der Ruhe, eine Zwischenzeit, eine Atempause. Unser Gottesdienst an diesem beginnenden Silvesterabend, in den letzten Stunden des Jahres 2005 ist ebenfalls eine Atempause, eine Zwischenzeit. Zwischen den Jahren nennen wir ja auch die Zeit, die heute zu Ende geht, die wenigen Tage zwischen Weihnachten und dem Neuen Jahr. Eine Atempause nach dem, was das vergangene Jahr uns zugemutet hat und ein Atemholen vor dem, was das Neue Jahr für uns bereithalten wird. Eine Atempause im Zwischenland. Die ersten vom Volk Israel werden sich bereits an dieser Stelle zurückgesehnt haben. Später werden die Rufe noch lauter werden nach den Fleischtöpfen in Ägypten. Überstandene Schrecken haben manchmal die merkwürdige Eigenschaft, im Rückblick erträglicher zu erscheinen als die Angst vor einer unbekannten Zukunft. Man weiß ja: dies ist geschafft, mit wieviel Wunden auch immer. Es kostet immer ein wenig Mut, sich aufs neue aufzumachen. Vor dem Aufbruch gilt es jedoch, zurückzublicken. Auch dafür gönnt uns die Zwischenpause Zeit - wir müssen schließlich unsere Wunden lecken. Dafür muß man aber erst einmal wahrnehmen, was in der Vergangenheit geschehen ist. Und zwar realistisch wahrnehmen, in der ganzen Breite. Denn die Rufer nach den Fleischtöpfen Ägyptens, die sehen nur einen kleinen Ausschnitt. Die sehen das eine, die gesicherte Versorgung und setzten sich in Sachen Unterdrückung Scheuklappen auf und vergessen, wie gedemütigt sie waren in der ägyptischen Sklaverei. Zum Rückblick gehört beides. Das Schlechte zu sehen, und auch das Gute. Es wird sich nämlich auch rächen, wenn man das Gute vergißt. Denn es hat im Volk Israel bestimmt auch die gegeben, die die Vergangenheit in Bausch und Bogen verdammt haben. Das sind dann die, die von der Zukunft bitter enttäuscht werden.

Es ist gut, in Zwischenzeiten beides wahrzunehmen - das Gelungene und das Mißlungene, um von beidem würdig Abschied nehmen zu können. Sonst kann es geschehen, daß die Vergangenheit ihre Schatten in die Gegenwart wirft. Während das Volk Israel lagert, rüsten die Ägypter schon zum Angriff, um ihre Sklaven zurückzuholen. Auch deshalb gilt es, realistisch zurückzublicken - was wird mich im kommenden Jahr einholen wollen? Welche Kämpfe könnten mir bevorstehen? Bin ich gerüstet für die Begegnung an meinem persönlichen Roten Meer, habe ich schon genug Mut, durch die Wellen zu gehen? Wage ich es, meine Vergangenheit zurückzulassen, das vergangene Jahr zu lassen, wie es ist?

Es ist gar nicht so einfach, zurückzublicken. Im Rahmen meiner Ausbildung in Geistlicher Begleitung haben wir ein Gebet gelernt, das den Tag beschließt. In der Stille blicken wir vor Gott auf den Tag zurück. Mir ist dabei aufgefallen, wie schwierig es ist, einen einzigen Tag mit all seinen Ereignissen zu erinnern. Ein einziger, kurzer Tag enthält so viel. Wie viel erst recht ein Jahr! Ich habe mir den Jahresrückblick im Fernsehen angeschaut, auch er ist ja nur eine Auswahl, und ich stellte, leicht erschrocken, fest: Tatsächlich, auch das ist ja in diesem Jahr geschehen, und du hast es fast vergessen. So viel ist geschehen, in unserem Land, in der Welt. So viel auch in unserem privaten Leben. Ein wichtiger Punkt des Gebetes zum Tagesabschluß ist es, sich vorzustellen, daß Gott auf mich und den Tag schaut. Und daß sein Blick kein strafender, sondern ein liebevoller Blick ist. Manchmal ist es gar nicht so einfach, mir diesen liebevollen Blick vorzustellen. Manchmal möchte ich Gott das, was ich an einem Tag so zustande gebracht habe, lieber gar nicht präsentieren. Und spüre dann, wohltuend, wie gut es tut, ihm den ganzen Tag anzuvertrauen, das, worüber ich sehr glücklich bin, aber auch alles andere. Mag sein, es erscheint zunächst einfacher, die Augen zu verschließen, wegzusperren, was mir im vergangenen Jahr weh getan hat, was schwierig war. Doch die schmerzlichen Ereignisse lauern dann erst recht wie die Ägypter in den Startlöchern, um mich einzuholen und wieder gefangenzunehmen. Was für einen Tag gilt, gilt auch für ein Jahr. Auch ein Jahr, auch dieses Jahr 2005 möchte in der Gegenwart Gottes, in seiner liebevollen Gegenwart bedacht sein. Mit seinen zauberhaften Stunden, mit seinem Glück, mit seiner Trauer und seiner Angst. Dann können die Ägypter ruhig kommen, Gott wird mich sicher durch das rote Meer geleiten. Wenn ich den ehrlichen Rückblick wage, dann erkenne ich auch meine Feuer- und Wolkensäule. Die Gegenwart Gottes auf dem Weg des Lebens.

 

Stille zum Bedenken des Jahres

 

Etwas neidisch habe ich erst gedacht: die hatten es gut, die Israeliten, so eine klare Feuer- und Wolkensäule, die den Weg weist. Wie schön wäre es doch, wenn es für mich auch so klar wäre. Doch ganz offensichtlich war es auch für die Israeliten nicht immer so klar und deutlich. Offenbar war Mose, war das Volk Israel immer wieder gefordert, nach der Richtung Ausschau zu halten, zu entdecken, wo denn die Feuer- und die Wolkensäule sich gerade befindet. Im Rückblick kann es ganz klar und einfach scheinen - natürlich war der rechte Weg da - das erscheint in der Situation selbst durchaus nicht immer so einfach. Sich Gott anzuvertrauen entbindet einen nicht davon, nach dem Weg zu suchen, den er mit mir gehen möchte. Sonst kann es passieren, daß man Feuersäulen hinterherrennt, die mit Gott überhaupt nichts zu tun haben oder Wolkensäulen vertraut, die sich nur als göttlich gesandt tarnen oder Ergebnisse eines Strohfeuers sind.

Auch dafür braucht es die Ruhepause auf der Reise: um genau hinzuschauen, wo sich Gottes Fingerzeige finden. Denn sie sind da, die Feuer- und Wolkensäulen für unser Leben. Gott weicht nicht, weder bei Tag noch bei Nacht. Er wird auch in diesem Neuen Jahr 2006 nicht von uns weichen und bei uns sein - im Roten Meer und in der Wüste, beim Festschmaus mit Wachteln und Manna und auch dann, wenn uns die Sehnsucht nach den Fleischtöpfen des Jahres 2005 überfallen sollte. Auch dann. Obwohl es Besseres für uns gibt und er Besseres für uns vorgesehen hat. Denn er hält, auf dem Weg unseres Lebens, sich selbst als Wegzehrung für uns bereit. Im Mahl, das ebenfalls eine Atempause ist, ein Innehalten im Jahr, eine wohltuende Rast auf unserem Lebensweg. Für uns ist alles bereit, schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist.

 

Amen.

Dr. Angela Rinn-Maurer

Predigt am 4. Advent 2005, 18.12.05

 

Lukas 1,39-56

39 Marias Besuch bei Elisabeth

Maria aber machte sich auf in diesen Tagen und ging eilends in das Gebirge zu einer Stadt in Juda und kam in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabeth.

Und es begab sich, als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leibe. Und Elisabeth wurde vom heiligen Geist erfüllt

und rief laut und sprach: Gepriesen bist du unter den Frauen, und gepriesen ist die Frucht deines Leibes!

Und wie geschieht mir das, daß die Mutter meines Herrn zu mir kommt?

Denn siehe, als ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leibe.

Und selig bist du, die du geglaubt hast! Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn.

Und Maria sprach: Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes; denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder. Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.

Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten. Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.

Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und läßt die Reichen leer ausgehen. Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf, wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.

Und Maria blieb bei ihr etwa drei Monate; danach kehrte sie wieder heim.

 

 

Liebe Gemeinde,

 

das erste, was ein Kind im Mutterleib vermag, ist: Hören. Am Anfang steht das Hören. Deshalb haben die Mütter aller Zeiten gesungen, haben die Kinder in ihrem Leib gestreichelt mit dem Klang ihrer Stimme. Denn Stimmen setzen ja in Bewegung, lösen Schwingungen aus, die sich im Fruchtwasser fortsetzen. Das Kind hört und fühlt die Stimme seiner Mutter, auch die Stimme des Vaters, wenn er am Bauch der Mutter mit seinem Kind spricht. Und wenn das Kind auf die Welt kommt, sind diese Stimmen erster Halt und Trost in einer fremden, unbekannten Umgebung. Was im Bauch gut getan hat, das verheißt auch jetzt Liebe und Geborgenheit. Und deshalb haben die Mütter aller Zeiten Schlaflieder gesungen, die ihre kleinen Kinder beruhigen sollten.

Mütter singen. Hoffentlich singen sie. Denn ich finde, dass dieses Glück über ein Kind wie ein Lied gesungen werden will. Es ist wie ein Jubel, der mitten im Leib entsteht und nach außen dringen will, über das Herz auf die Zunge und die Lippen.

Die Konfirmanden können bestätigen, dass es mit dem Singen nicht so einfach ist. Bei den Jungs krächzt der Stimmbruch, anderen ist es vielleicht peinlich, peinlich auch, dass die anderen merken könnten, dass Singen mir Spaß macht. Aber auch viele Erwachsene reden sich raus: Ich kann nicht singen. Das sind oft übrigens die selben, die auf dem Konzert ihrer Lieblingsgruppe oder auf einer Ü-30-Party begeistert jeden Text mitsingen können, so wie die Konfis auch die Texte und Melodien ihrer Lieblingsgruppen mitsingen können. Auf einem Konzert ist das ja auch nicht so peinlich, da singen ja alle mit.

Ich finde, Hauptsache, man singt überhaupt. Denn Singen ist etwas so Ursprüngliches, ein Geschehen, das mich ganz in Schwingung versetzt, meinen Leib und meine Seele ausspannt, in Richtung Himmel.

Letzte Woche habe ich einen wunderschönen Film gesehen, der nicht zufällig hieß: Wie im Himmel. Ein weltberühmter Dirigent kehrt nach einem Herzinfarkt in sein Heimatdorf zurück, dort hat er die alte Dorfschule gekauft. Er möchte, so sagt er es jedem, der ihn anspricht: er möchte HÖREN lernen. Der umtriebige Chef des Kirchenchors drängt ihn, doch einmal bei einer Probe vorbeizukommen. Das tut der Dirigent tatsächlich. Man sieht und hört eine etwas merkwürdige Truppe, die sich redlich Mühe gibt, aber doch fast peinlich wirkt. Der Dirigent flüchtet unter halbherzigen Lobessprüchen. Aber dann entschließt er sich: Ich übernehme den Chor. Die Sängerinnen und Sänger müssen sich umstellen. Der Dirigent macht mit ihnen merkwürdige Übungen. Sie sollen schreien, jauchzen, tönen. Sein Ziel ist: Jeder soll seinen eigenen, ganz persönlichen Ton finden. Und das Wunder geschieht: Die Menschen finden zu ihren Tönen, und sie verändern sich dadurch, verwandeln sich, entdecken mit ihrem eigenen Klang ihre Persönlichkeit. So verändert sich auch das Dorf, es verändert sich aber auch der Dirigent, auch ihn erfaßt die Bewegung. Er entdeckt die Liebe, und das ist auch kein Wunder, denn der Ton, der unser eigener Ton ist, ist immer ein Ton der Liebe. Nicht jedem ist diese Entwicklung recht, einigen ist es regelrecht unheimlich.

Wenn Menschen zu ihrem Lied finden, zu ihrem Lebensklang, dann verwandelt sie diese Entdeckung. Ihr Ton führt sie zurück zu ihrem Ursprung und zugleich zu ihrem Ziel, spannt sie aus zwischen Geburt und Tod in den Himmel, wagt den Blick in die Dunkelheit, die, das wissen wir alle, mit einem Lied viel mutiger zu ertragen ist und die auch durch Töne verwandelt, erhellt wird.

Wenn Maria singt, dann geschieht das mit ihr. Und weil das Kind, das sie erwartet, zugleich der Urklang der Welt ist, gewinnt ihr triumphierendes, ihr jubelndes Lied, einen ganz besonderen Klang. Dieses Kind wird die Welt verändern, es wird die scheinbar festgemauerten Gefüge der Welt umstürzen. Und so spannt sich das Lied der Maria tatsächlich vom Moment vor der Schöpfung bis zum Paradies. Und weil sie es ist, keine Prinzessin, keine reiche Dame, sondern ein unscheinbares, armes Mädchen aus Nazareth, aus einem verstaubten Städtchen am Ende der Welt, deshalb vollzieht sich schon an ihr, mit ihr, dieses umstürzende Handeln. Sie singt, und in ihr schwingt das Geheimnis der Welt, findet Gott seinen menschlichen Ton. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen, anderes kann es gar nicht sein, weil Gott seinen eigenen Blick hat, einen zärtlichen Blick auf alle, die sich öffnen für sein Lied, für seine Liebe. Gott lässt sich nicht blenden von dem, was unsere Augen verführt: Reichtum und Macht. Deshalb stößt er die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Auch das wird nicht jedem gefallen, kein Wunder, dass das Kind, kaum geboren, schon bedroht wird und fliehen muss, mit seiner Mutter, mit ihrem Mann.

Doch das kommt noch. Erst einmal ist das Kind noch geborgen in ihrem Leib. In Schwingung setzt es schon jetzt, zuerst Elisabeth, die selbst schwanger ist, und das Kind in ihrem Leib. Elisabeth gehört zu denen, die sich bewegen lassen von Gott, die sich mitfreuen können am Geheimnis der Welt, die es aushalten, das Gott die Welt verwandelt - und damit sie selbst. Ihr Kind wird Johannes der Täufer sein, Und Ziel seines Lebens wird es sein, die Menschen vorzubereiten auf den, der in Marias Bauch wächst. Auch sein Leben wird bedroht sein, er wird sterben, weil die Mächtigen seine Worte nicht aushalten wollen. Wer hört das schon gern: Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen. Das ist ein garstiges, ein misstönendes Lied für die, die ihr Herz verschließen für die Bedürftigen und Armen, die sich verhärten und nicht barmherzig sein können. Doch weder der Mord an Johannes noch der Mord an Jesus Christus bringen das Lied zum Schweigen. Ich weiß, eines Tages wird sein Klang die ganze Welt erfüllen, wird es die Welt einschwingen lassen auf die Liebe Gottes. Das ist dann der Himmel auf Erden. Ein klingendes Paradies.

So wird es sein, weil letztlich jedes Herz von diesem jubelnden Lied bewegt wird, das Maria zuerst gesungen hat. Denn hier findet sich ja der Ton, nach dem jeder Mensch sucht, der Ton seines Lebens.

Jeder Mensch wird davon bewegt werden, weil dieses Lied nicht für sich allein gesungen werden will. Schon Maria singt es nicht für sich allein, sondern für ihr Kind, und angerührt von dem Lied, das Elisabeth für sie gesungen hat. Und sie behält es nicht für sich, sondern kehrt, nach drei Monaten, zurück nach Hause. Und dort wird sie es für Josef angestimmt haben, und sein Herz bewegt und erfüllt haben.

Drei Monate hat sie sich Zeit gelassen, bevor sie zurück ging, Zeit, sich mit Elisabeth zu freuen, mit ihr zu singen. Das, so finde ich, war der Ursprung des Advents, des Wartens, des singenden, jubelnden Wartens auf das Kind, das unsere Welt verändert, des Wartens auf das Geheimnis der Welt.

Ich weiß jetzt, was Liebe ist, sagt der Dirigent am Ende des Films. Ich wünsche uns allen, dass wir uns in diesem Advent auf den Weg machen, unseren Ton zu entdecken, und darin das Geheimnis unseres Lebens und das Geheimnis der Welt. So dass jeder von uns schließlich auch sagen kann: Ich weiß jetzt, was Liebe ist.

 

Amen.

 

 

 

 

 

 

 

Predigt am 1. Advent 2005

Offb 5,1

5 1 Das Buch mit den sieben Siegeln

Und ich sah in der rechten Hand dessen, der auf dem Thron saß, ein Buch, beschrieben innen und außen, versiegelt mit sieben Siegeln.

2 Und ich sah einen starken Engel, der rief mit großer Stimme: Wer ist würdig, das Buch aufzutun und seine Siegel zu brechen?

3 Und niemand, weder im Himmel noch auf Erden noch unter der Erde, konnte das Buch auftun und hineinsehen.

4 Und ich weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen.

5 Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel.

 

Herr, segne unser Reden und Hören. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

 

Bücher sind dazu da, gelesen zu werden. Dafür gibt es Bibliotheken und Buchmessen und Buchhandlungen. Lies mich! Ruft jedes Buch. Und es gibt nichts Traurigeres als ein Buch, das nicht gelesen wird. Ich erinnere mich bis heute, es ist schon lange her, als ich in Paris studierte, da lieh ich mir ein Buch aus der Bibliothek aus, das Buch war damals schon fast 100 Jahre alt, und ich war die erste, die seine Seiten aufschnitt. Das kennt man hier in Deutschland kaum mehr, aber in Frankreich war es üblich, die Seiten eines Buchs aufzuschneiden. So wurden die Bücher verkauft. Mir kam es vor, als ob das Buch aufatmete, als ich es aufschnitt. 100 Jahre lang, seit seinem Druck, hatte es niemand in der Hand gehabt, außer um es abzustauben, gelesen hatte es kein Mensch. Bis ich seine Seiten aufschnitt. Man braucht ein scharfes Messer dazu, damit die Seiten nicht einreißen, damit das Buch nicht verletzt wird.

Vielleicht hat die eine oder der andere unter Ihnen den Film „Der Name der Rose“ gesehen. Eine Bibliothek spielt darin eine Hauptrolle, und in der Bibliothek gibt es ein Buch, das keiner lesen darf. Ein Mensch geht über Leichen, damit dieses Buch nicht gelesen wird, er zerstört es schließlich und mit dem Buch sich selbst, damit sein gefährlicher Inhalt verborgen bleibt.

Das ist so schrecklich, weil dieser Mensch dem Buch seinen Lebenszweck entzieht. Es will ja gelesen, wahrgenommen, weitergereicht werden. So wie jedes Buch.

Besonders die verbotenen Bücher. Mit einem Augenzwinkern haben wir zuhause immer gesagt: es kann einem Autor eigentlich nichts Besseres passieren, als auf dem päpstlichen Index, also der Liste unerwünschter Bücher, zu landen. Das ist praktisch die Garantie für weltweiten Bestsellerverkauf. Aber lustig ist es natürlich für den Autor nicht, früher war es lebensgefährlich. Manchmal ist das heute noch so, allerdings nicht mehr im christlichen Raum. Heute sind es eher Christen, die bedroht werden. Ich weiß noch genau, wie es mich berührt hat, als mir eine Frau aus unserer Gemeinde ihr handgeschriebenes Gesangbuch zeigte, es war in der UdSSR, in der ehemaligen Sowjetunion, ja gefährlich, Christ zu sein, gefährlich, christliche Bücher zu besitzen. Kaufen konnte man sie schon gar nicht. So schrieben die Menschen ihre Lieder ab, per Hand, mühselig, so viele Seiten. Diese Bücher fanden sich nicht damit ab, verboten zu sein. Und die Menschen schrieben sie per Hand ab und verbreiteten sie, den Herrschern zum Trotz.

Lest Ihr gerne, Ihr Konfirmanden? Habt Ihr schon den neuen Harry Potter durchgelesen? Irgendwie haben Bücher bis heute ihre Faszination nicht verloren. Und dieser Moment, in dem man ein Buch zum ersten Mal aufschlägt, zumal ein selbst geschriebenes, das kenne ich auch, der bleibt in der Erinnerung. Deshalb stehen Kinder und Erwachsene mitten in der Nacht an, um den neuesten „Harry Potter“Band zu kaufen und gleich zu lesen. Sie tun sich und dem Buch einen Gefallen.

Bücher wollen gelesen werden.

Deshalb ist es zum Weinen, wenn eines nicht gelesen werden kann. „Ich weinte weinte sehr, weil niemand für würdig befunden wurde, das Buch aufzutun und hineinzusehen. Sieben Siegel schützen das Buch, von dem unser Predigttext erzählt, eigentlich sind Siegel etwas sehr zerbrechliches, zeigen einen Mißbrauch an. Heute versiegeln Menschen Liebesbriefe, auch Urkunden werden gesiegelt. Vielleicht habt Ihr, haben Sie ein Tagebuch versiegelt. Nur der, der es darf, der das Recht dazu hat, darf das Siegel erbrechen. Aber dieses merkwürdige Buch mit den sieben Siegeln findet zunächst niemanden, der es öffnen darf.

Und so kann dieses Buch nicht gelesen werden. Das ist schlimm für das Buch. Aber ist es auch schlimm für die Menschen?

Denn es ist ein gefährliches Buch, das da liegt. Es ist ein Buch, das nicht umsonst mit sieben Siegeln geschützt wird. Die Siegel schützen eher die Menschen als das Buch.

Was ist ein gefährliches Buch? Als ich so alt war wie die neuen Konfirmanden, da durfte ich alle Bücher lesen, die in - so schien es mir - unzähliger Menge bei uns im Wohnzimmer standen. Ich fraß mich durch Shakespeare und Bertholt Brecht, ich las Goethe und versuchte es auch einmal mit Musil, allerdings ohne viel Erfolg. Meine Eltern fanden das toll. Nur einmal nahmen sie mir ein Buch aus der Hand. „Das ist nichts für dich“. Charles Bukowski hieß der Autor, und eigentlich habe ich auch nicht so ganz kapiert, wovon der schrieb, als meine Eltern mir das Buch wegnahmen. War das ein gefährliches Buch?

In Deutschland sind Bücher verboten, die Volksverhetzung betreiben. Diese Bücher sind dumm, aber sie sind gefährlich, weil sie Menschen verführen könnten, andere Menschen für minderwertig oder ausrottbar zu halten. Aber das Buch, von dem unser Predigttext erzählt, das ist anders gefährlich als solche dummen Bücher. Ich glaube sogar, es ist tödlich. Deshalb darf es nicht jeder öffnen.

Ich stelle mir vor, in diesem Buch wird die Welt erzählt. In diesem Buch wird von jedem Menschen erzählt, der je gelebt hat, und zwar detailgenau, bis in die letzte Kleinigkeit. In diesem Buch wird von allen Menschen erzählt, ob sie nun König oder Sklave, Bäuerin oder Minister, Prinz oder Angestellter bei der VR-Bank sind oder waren. Auch Sie, Du, Ihr und ich kommen vor. Und zwar mit allem, was wir getan haben, gedacht haben, erlebt, erliebt, gelitten, erlitten haben. So wie wir sind sind wir in diesem Buch verzeichnet. Das ist nicht zum Aushalten, das ist tödlich.

„Was soll schlimm daran sein“ könnte man vielleicht auf den ersten Blick denken. Das Buch würde ich doch gerne lesen! Spannend, meine eigene Geschichte, spannend, was meine Eltern so auf dem Kerbholz haben! Vielleicht führt der eine oder die andere unter uns ein Tagebuch und ist es gewohnt, über sich zu lesen, die eigenen Gedanken nach Jahren nachzulesen.

Wehe uns, wenn wir es lesen könnten. Wir würden vor Scham sterben, vor Entsetzen, vielleicht auch vor Verzweiflung - über uns, über die Menschen, die wir lieben. Denn den ungeschminkten Blick auf uns, den unverfälschten Blick selbst auf die Menschen, die wir sehr lieben und die vieles von uns wissen, denen wir vertrauen, er wäre nicht zu ertragen. Ehrlichkeit pur ist schrecklich. Ganz schrecklich. Tödlich ist sie.

Deshalb dürfen wir das Buch nicht öffnen, um unseretwillen. Wir sind nicht würdig dazu, weil wir es nicht lesen können, ohne zu urteilen, über uns, über andere Menschen. Und wir würden es in einer Weise tun, die wiederum tödliche Auswirkungen hätte für andere, für uns. Wir würden urteilen, ohne wirklich zu verstehen. Denn das machen wir ja auch sonst so. Wir maßen uns Urteile an, ohne tatsächlich den Überblick zu haben, wir schieben in Kasten und Kästchen, wir sortieren und sortieren aus. Das würden wir so weitermachen, wenn wir das Buch öffnen und lesen könnten. Doch so darf es nicht gelesen werden - um unseretwillen.

Und doch will dieses Buch gelesen werden! Auch um unseretwillen. Denn wir sehnen uns, jeder von uns, danach, verstanden, erkannt zu werden. Mit unserer Sehnsucht nach Leben, mit unserer Suche nach dem Sinn des Lebens, mit unserer Suche nach Liebe und Verständnis. Wer das Buch öffnen und lesen könnte, würde jeden von uns verstehen - und dann...?

Nur einer kann und darf die Siegel lösen. Nur einer löst die Siegel und erlöst uns damit.

Es ist das Lamm, das Opferlamm im Zentrum der Macht. Allein das Lamm, so hören wir, ist würdig, das Buch mit den sieben Siegeln z öffnen. Das Lamm ist ein Symbol für Jesus Christus.

Er ist würdig, weil er allein die Spannung aushält, das Buch mit all seinen schönen und schrecklichen Seiten zu lesen und uns trotzdem auszuhalten, ja zu lieben!

Er ist die Liebe, die nicht selbstsüchtig ist. Er ist die Liebe, die wunderbar groß, vollkommen ist, aber trotzdem niemals zu stolz, sich zu Menschen herabzubücken und zu helfen. Diese Liebe steht im Zentrum der göttlichen Allmacht, ja, diese Liebe ist selbst der Kern der ewigen Macht.

Diese Liebe, sie kann die Siegel öffnen, ja sie hat sie schon, zerbrechend an uns, zerbrochen.

So darf er das Buch öffnen, das sich danach sehnt, gelesen zu werden. Und indem er es öffnet, verwandelt sich das, wovon das Buch erzählt. Ja, es hat sich schon verwandelt. Seit er vor 2000 Jahren gesagt hat: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, liebe deine Feinde, ist viel geschehen. Längst noch nicht geschieht dies überall, und doch, die Spuren, die Folgen dieser Sätze, die er selbst gelebt hat, die lassen sich nicht mehr ausradieren, die verwandeln, langsam, die Seiten dieses Buches.

An der Macht der Liebe, da werden am Ende auch die Panzer zerbrechen, werden den Menschen, die jetzt noch leiden, die Tränen abgewischt werden. Dank dieser Liebe wird auch alles, was uns verletzt, verwandelt werden. So wird es sein, noch ist es nicht so. Wir leben erst im Advent. Noch ist nicht die letzte Seite des Buches gelesen. Aber was es bedeutet, daß das Lamm, daß Jesus Christus das Buch aufgeschlagen hat und seine Siegel gebrochen hat, das können wir heute schon erahnen. Immer dann, wenn wir lieben oder geliebt werden.

Wenn Menschen lieben, dann gewinnt Leben Sinn, wird sinnvoll, so sinnvoll, daß es gar nicht mehr nach dem Sinn des Lebens fragen muß.

So liebt Jesus Christus uns Menschen. Und so kann es geschehen, daß aus uns unvollkommenen Menschen mit unserern häßlichen Gedanken und schwärenden Ängsten, aus uns krummen Wesen in den Augen seiner Liebe schöne, aufrechte Menschen werden. Wir werden verwandelt durch seine Liebe, verwandelt zu wunderbaren Menschenwesen.

Die Siegel sind geöffnet, und sein Blick fällt auf uns, auf unsere Geschichte, auf die Geschichte der Welt, die in dem Buch verzeichnet ist.

 

Eines Tages, darauf warten wir im Advent, wird er das Buch ausgelesen haben. Dann wird die Welt neu entstehen. Und gibt es im großen Tagebuch der Welt nur eine einzige Zeile der Liebe, in unserem Leben nur ein einziges kleines Wort der Liebe, einen zärtlichen Augen-Blick, das Lamm wird es bewahren und mit diesen Worten, diesen Augenblicken, diesen Gesten uns selbst. So schreibt sich die Welt neu, so wird, zuletzt, das Buch erlöst, das gelesen werden will, und mit dem Buch wir Menschen.

 

Amen.

Predigt am 16.10.05

Mt 10,34-39

34 Entzweiungen um Jesu willen

Ihr sollt nicht meinen, daß ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.

35 Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter.

Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.

Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert. Wer sein Leben findet, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird's finden.

 

Herr, segne unser Reden und Hören. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

 

manchmal muß man einen Bibeltext vorsichtig hin und her wenden, ihn sorgfältig anschauen, dann wieder weiter von sich weghalten, ihn umdrehen, umwenden, von innen und außen betrachten, um ihn zu begreifen. Erst recht ein Jesuswort wie es uns heute zugemutet wird. Zwei fröhliche Tauffamilien in den ersten Reihen, viele Familien im Gottesdienst und dann das: Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Das ist dann nicht unbedingt das, was man sich als Pfarrerin bei dieser Gelegenheit zum Predigttext wünscht. Doch erfahrungsgemäß sind es die Predigttexte, die uns nicht gleich eingehen, die haken und klemmen und stören, die uns am meisten fordern und faszinieren können. Sie helfen uns, Jesus näherzukommen. Denn er war auch nicht eingängig und leicht zu konsumieren - er wäre sonst nicht am Kreuz gelandet.

Schauen wir uns also vorsichtig, aber auch genau an, was unser HERR uns heute zumutet. Was er seinen Hörern schon damals zugemutet hat. Denn er strapaziert auch ihre Hörgewohnheiten. Sie kennen nämlich diese Worte, nur aus einem ganz anderen Zusammenhang. Sie, so wie auch die sehr guten Bibelkenner unter uns, kennen diese Worte aus dem Buch des Propheten Micha. Jesus zitiert also, aber zitierend bürstet er die Worte gegen den Strich. Denn was Micha schildert, das sind die Auswirkungen des Bösen, die Auswüchse einer korruppten Gesellschaft, die sich im Niedergang befindet. Seine Gesellschaft bricht auseinander, man kann sich auf nichts mehr verlassen, nicht einmal mehr auf die eigenen Familienangehörigen, nicht einmal mehr auf die Liebste, den Liebsten. Es wird kaum mehr hundert Jahre dauern, bis die Babylonier dieser heruntergekommenen Gemeinschaft ein Ende setzen. Jerusalem wird zerstört.

Jesus dagegen schildert die Auswirkungen des Christseins - aber können denn das Böse und die Verbindung mit Gott die selben Auswirkungen haben? Oder gibt es haarfeine Unterschiede?

Ich lese Ihnen einmal vor, was Micha seinen Zeitgenossen um die Ohren schlug:

Niemand glaube seinem Nächsten, warnt Micha, niemand verlasse sich auf einen Freund! Bewahre die Tür deines Mundes vor der, die in deinen Armen schläft!

Denn der Sohn verachtet den Vater, die Tochter widersetzt sich der Mutter, die Schwiegertochter ist wider die Schwiegermutter; und des Menschen Feinde sind seine eigenen Hausgenossen. Soweit der Prophet Micha.

Jesus zitiert. Lediglich eines läßt Jesus aus, die Warnung: Und bewahre die Tür deines Mundes vor der, die in deinen Armen schläft. Das wollen wir uns merken.

Und er setzt eine neue Einleitung: Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Und er setzt einen neuen Schluß: Wer sein Leben findet, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird's finden.

Jetzt gab es zu Zeiten des frühen Christentums sicher die Situation, daß Familien auseinanderbrachen, weil ein Mitglied sich taufen ließ und den gewohnten heidnischen Kult verließ. Menschen riskierten bekanntermaßen ihr Leben für das Christentum. Heute ist es im Sudan lebensgefährlich, sich zu Christus zu bekennen. In unseren Breitegraden führen religiöse Fragen kaum zum Zusammenbruch von Familien. Wer würde sich schon, um Jesu willen, mit seiner Schwiegermutter entzweien. Um unliebsamer Einmischung ins Eheleben willen - das gewiß - doch um Jesu willen? Oder wo ist der Vater, der sich mit seiner Tochter entzweit, weil die nicht an Jesus glaubt oder umgekehrt. Mag sein, daß es schmerzt, wenn das eigene Kind nicht an das glauben will oder kann, was für einen selbst so wichtig ist, aber deshalb den Kontakt abbrechen - wer würde das tun. Mich würde es tief verletzen, wenn mein Sohn später einmal der Kirche den Rücken kehrt, die meine innere und äußere Heimat ist, aber ihn deshalb verstoßen, das käme selbst mir als Pfarrerin nicht in den Sinn. Dazu liebe ich ihn doch viel zu sehr. Bei der Konfi-Übernachtung in der Kirche haben wir uns einen ziemlich amerikanischen Film angesehen, in dem sich ein Priester und ein Rabbi in das selbe Mädchen verlieben, nach einigen Verwicklungen in Familie und Gemeinde fassen sich am Ende alle bei den Händen, Friede, Freude, Eierkuchen. Wir glauben doch alle an den selben Gott. Das war so ziemlich das Kontrastprogramm zu unserem Predigttext. Vielleicht fand ich deshalb den Film so langweilig. Gewiß entspricht er aber eher der Vorstellung der meisten Bundesbürger von dem, was die Botschaft Jesu bedeutet, als unser Predigttext.

Ich bin gekommen, das Schwert zu bringen... Während beim Film alles so süßlich pappte, daß ich richtig klebrige Augen beim Zuschauen bekam, wird hier, haarfein, aber deutlich, getrennt. Ich ahne, daß das letztlich wohltuender ist als die Popcornähnliche Gehirnmutierung, die dieser Film anstrebt.

Ich habe in diesem Jahr eine Exerzitienausbildung begonnen. Das bedeutet, daß ich lerne, meinen Tag geistlich zu gestalten, mit regelmäßigen Gebetszeiten. Einer meiner Lehrer ist ein Jesuit, die Jesuiten haben ja eine jahrhunderte alte Erfahrung in der Kunst der Exerzitien. Auch vor dieser Ausbildung habe ich natürlich gebetet. Jetzt habe ich gemerkt, daß es gar nicht so einfach ist, eine lange Zeit der Stille und des Gebets in den Tag einzuplanen. Ich entdeckte: mein Tag ist so gefüllt, mit lauter wichtigen Vorhaben, daß es mir sehr schwer gefallen ist, die passende Zeit zu finden. Eine Zeit lang habe ich deshalb sogar überlegt, die Ausbildung abzubrechen. Ich wollte mich einfach von nichts trennen. Und noch früher aufstehen als ich sowieso schon aufstehe, das schien mir auch keine dauerhafte Lösung zu sein. Langsam wurde mir klar: ich fürchtete mich vor dem, was mir in diesen Schweige- und Gebetszeiten begegnen könnte. Am Ende könnte mir hier der Spiegel vorgehalten werden, könnte ich mich und mein Leben aus einer Perspektive entdecken, die manches durcheinanderwirbelt. Und ich habe mich doch so gut eingerichtet! Im Grunde hatte ich Angst, mein Leben vor Gott zu präsentieren. Ich wollte mich an mich raffen und war nicht bereit, mich auszusetzen. Das ist das Schwert. Und es zeigt, wo ich noch nicht frei bin, wo ich klebe und festhalte. Das ist jedoch nicht Liebe, das ist Angst.

Woran man klebt, das kann man nicht lieben. Lieben heißt nicht, zu verschmelzen, sondern sich als Gegenüber zu erkennen. Deshalb bringt Jesus das Schwert, damit wir nicht kleben müssen, sondern uns gegenüberstehen können. Uns, und den Menschen, die wir lieben, uns, und unseren Lebensentwürfen. Von Angesicht zu Angesicht erkennen wir das Schöne, aber auch das Veränderungswürdige. Da blitzt es auf, dieses Schwert - denn es trennt das, was uns so lieb und wert ist, von unserer Persönlichkeit.

Das ist nicht nur eine Privatangelegenheit, so wie Christsein keine Privatangelegenheit ist. Einer, der das verstanden hat, ist unser ehemaliger Bundespräsident Roman Herzog. Er hat einmal gesagt, er erwarte von den Kirchen die Konfrontation mit einer ganz anderen Perspektive. Keine Angleichung an die Gesellschaft. Herzog meinte, wir würden uns sonst selbst überflüssig machen, ja es schon sein, bevor andere es merken. Christen haben eine andere Perspektive. Und die sollte man auch hören. Dabei sind es nicht lediglich taktische Erwägungen, die uns dazu zwingen, quer zu stehn. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als so zu reden, zu predigen, wenn wir diesem Jesus treu bleiben wollen. Und uns selbst als Christen. Das Schwert, es liegt zwischen und und jeder Ideologie, jeder Gesellschaftsordnung, jeder Mode. Wir können zwar vernünftig dieser oder jener Gesellschaftsordnung zustimmen, diese Mode schön finden, aber wir können nie, niemals in dieser Mode, dieser Ideologie aufgehen. Das Schwert, das eine Kreuzform hat, Griff und Schneide, es durchkreuzt. Und trennt.

Überlegts euch gut, sagt Jesus zu seinen Freunden. Dies wird kein Sonntagsspaziergang, keine Tournee mit jubelnden Fans im Parkett. Die Leute wollen nicht hören, daß Gott sie so liebt, wie ichs euch vorlebe. Sie finden das mehr als irritierend, daß Gott ihnen so nah rückt und sie trennt, von sich, vom Gewohnten.

Also überlegts euch gut. Ihr werdet euch dem entfremden, was andere wichtig und für den letzten Schrei halten. Doch, ihr könnt Häuser bauen, lieben, Kinder kriegen, erfolgreich im Beruf sein. Doch mit mir werdet ihr nie mehr das Gefühl haben, das wäre die letzte Sicherheit, die letzte Wahrheit. Ihr habt die Wahl.

Haben wir nicht, antwortet Petrus in einem seiner klaren Momente an einer anderen Stelle. Wohin sollen wir gehen ohne dich. Du hast Worte des ewigen Lebens.

Wirklichen Halt kann kein Haus bieten, kein beruflicher Erfolg, auch die Famlie nicht. Christus befreit uns von der Illusion, über unser eigenes Leben herrschen zu können, die Illusion, unser Leben frei in der Hand zu halten. Sein Schwert trennt, und befreit. Das gilt auch für meine Familie. Auch hier hinterläßt das Schwert seine Spur, einen hauchzarten Schnitt. Es ist ein Schnitt der befreit, der erkennen läßt, daß auch die Familie kein ewiges Betonfundament ist, in das ich eingegossen bin. Die Familie hat nicht das letzte Wort, das hat Gott. Das schenkt jedem Christen die Freiheit, sich gegen die Werte der eigenen Familie zu entscheiden, wenn sie im Widerspruch zur Botschaft Jesu stehen, jedoch auch die Freiheit, sich dafür zu entscheiden, selbst wenn alle anderen dies total unmodern oder out finden. Es ist ein hauchzarter Schnitt. Im Grunde ermöglicht er es uns, die eigenen Eltern und Kinder, manchmal trotz ihrer Verdreht- und Verrücktheiten, zu lieben und zu achten. Wir brauchen uns nicht trotzig-krampfhaft von ihnen unterscheiden, wir kleben ja nicht mehr an ihnen, dem Schwert sei dank, sind wir ja schon getrennt, wenn auch zart, subtil. Doch dieser kleine Schnitt reicht aus. Wir dürfen sie lieben, gerade mit dieser heilvollen Distanz, die uns ermöglicht, ihnen zugewandt zu sein. Wer klebt, verschweißt ist, kann dem anderen nicht ins Auge sehen. Das Schwert zerstört nicht die Liebe, es ermöglicht sie. Da schneidet es einen zarten Schnitt, und befreit zur Liebe, oder zur Geduld, im schlimmsten Fall zur freundlichen Distanz.

Weil das Schwert, das Jesus bringt, zur Liebe befreit, wird auch abschließend klar, warum er diesen einen Satz aus Micha nicht zitiert. „Bewahre die Tür deines Mundes vor der, die in deinen Armen schläft...“ Wer so seinen Mund halten muß, der lebt in einem Stasi-Szenario, das aus Liebe Mißtrauen werden läßt. Mit Jesus Christus hat so etwas nichts zu tun. Die Liebste oder den Liebsten sollte man genießen, und der hauchzarte Schnitt des Schwertes stört da nicht, sondern bewahrt das Geheimnisvolle, das die Liebe so spannend sein läßt.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Predigt am 17. Sonntag nach Trinitatis

18.9.05

Dr. Angela Rinn-Maurer 

 

Mk 9,14-29

Die Heilung eines besessenen Knaben

Und sie kamen zu den Jüngern und sahen eine große Menge um sie herum und Schriftgelehrte, die mit ihnen stritten. Und sobald die Menge ihn sah, entsetzten sich alle, liefen herbei und grüßten ihn. Und er fragte sie: Was streitet ihr mit ihnen?

Einer aber aus der Menge antwortete: Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu dir, der hat einen sprachlosen Geist. Und wo er ihn erwischt, reißt er ihn; und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich habe mit deinen Jüngern geredet, daß sie ihn austreiben sollen, und sie konnten's nicht.

Er aber antwortete ihnen und sprach: O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Bringt ihn her zu mir!

Und sie brachten ihn zu ihm. Und sogleich, als ihn der Geist sah, riß er ihn. Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund.

Und Jesus fragte seinen Vater: Wie lange ist's, daß ihm das widerfährt? Er sprach: Von Kind auf.

Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, daß er ihn umbrächte. Wenn du aber etwas kannst, so erbarme dich unser und hilf uns!

Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn du kannst - alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.

Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube; hilf meinem Unglauben!

Als nun Jesus sah, daß das Volk herbeilief, bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete dir: Fahre von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein!

Da schrie er und riß ihn sehr und fuhr aus. Und der Knabe lag da wie tot, so daß die Menge sagte: Er ist tot.

Jesus aber ergriff ihn bei der Hand und richtete ihn auf, und er stand auf.

Und als er heimkam, fragten ihn seine Jünger für sich allein: Warum konnten wir ihn nicht austreiben?

Und er sprach: Diese Art kann durch nichts ausfahren als durch Beten.

 

Herr, segne unser Reden und Hören. Amen.

 

Liebe Gemeinde,

 

dies ist eine Geschichte über die Ohnmacht. In dieser Geschichte sind alle ohnmächtig, auch Jesus. Die Ohnmacht wird durch viel Bewegung überspielt, ja vertuscht. Wir wollen uns nicht täuschen lassen und hinschauen, sie aushalten, sie vor Jesus bringen und dann darum beten, dass er uns bei der Hand ergreift und uns aufrichtet.

Wer ist ohnmächtig? Zunächst die Jünger. Sie sind wie Karikaturen des Zauberlehrlings im berühmten Goethegedicht. Der Meister ist aus dem Haus und die Schüler überschätzen sich. Beim Zauberlehrling gerät der Besen außer Kontrolle, bei den Jüngern der bösartige Geist. Hilflos müssen sie zusehen, wie der Dämon das Kind hin und her reißt. Ihre Kräfte reichen nicht aus, die böse Macht zu bändigen. Sie werden einiges versucht haben, ich stelle mir vor, sie sind immer hektischer dabei geworden. Auf der einen Seite das Kind, sein Vater, zunächst hoffnungsvoll, dann immer enttäuschter, auf der anderen Seite die Schriftgelehrten und die Menge. Bringen es die Jünger Jesu oder versagen sie? Alle schauen sie an. Das kann jeden unter Druck setzen. Sie werden angespannt und aufgeregt gehandelt haben - und bleiben machtlos. Sie versuchen alles - und scheitern. Ohnmächtig sind sie, die Jünger.

Dann sind da die Schriftgelehrten. Sie streiten sich, weil auch sie keinen Ausweg aus der Misere wissen. Ihre lauten Stimmen vermögen nicht die Stimme zu übertönen, die höhnisch spricht: Ihr könnt nichts ausrichten! Ihr seid hilflos und schwach! Die Machtlosigkeit wird nicht erträglicher dadurch, dass sie über die diskutiert, die ebenfalls schwach sind. Wer keinen Ausweg weiß, ist nicht besser als der, der nicht weiß, wie es weitergehen soll. Schwach sind sie, die Schriftgelehrten. Sie haben viel gelesen und sind die Theoretiker, die in der Praxis versagen. Da hilft es nichts, dass sie lauter werden. „Wer schreit, hat Unrecht“ lautet das Sprichwort. „Wer schreit, weiß keinen Ausweg“, könnte man ergänzen. Das hindert die, die schreien, nicht daran, die Stimme zu erheben. Ohnmächtig sind sie, die Schriftgelehrten.

Da ist die Menge. Sie läuft stets zusammen, wenn es etwas zu schauen gibt. Ein größeres Symbol der Kraftlosigkeit gibt es nicht. Denn diese Menschen tragen überhaupt nichts zum Fortschritt bei. Sie haben ja noch nicht einmal den Impuls zum Helfen. Sie wollen nur schauen, ohne von sich etwas beizutragen. Sie nehmen am Unglück teil, ohne selbst leiden zu wollen. Sie schauen beim Heilen zu, ohne selbst heilen zu wollen. Im Grunde stehen sie nur im Weg. Ohnmächtig ist die Menge.

Da ist das Kind. Ein böser Geist reißt es hin und her. Es hat Anfälle, würden wir heute sagen. Wenn es diese Anfälle hat, ist es völlig hilflos. So kann es in Situationen geraten, die sein Leben gefährden. Es spürt dann sogar nicht, wenn es verbrennt oder zu ertrinken droht. Dieses Kind droht mehr an seiner Ohnmacht als an dem Anfall des Dämonen selbst zu sterben. Seine Bewußtlosigkeit während des Anfalls ist das eigentlich Lebensbedrohliche.

Da ist der Vater. Er ist aktiv, er versucht etwas. Er hat schon vorher bestimmt alles versucht, um seinem Sohn zu helfen, hat noch nach jedem Strohhalm gegriffen. Ich stelle mir vor: der Weg zu Jesus ist der letzte Weg. Und dann - er ist nicht da. Der Vater trifft auf die Jünger, die versagen. Er streitet mit ihnen. Kein Wunder. Da bricht sich die enttäuschte Hoffnung Bahn, da bekommen die Jünger alle Trauer, alle Wut ab, die dieser Vater angesammelt hat. Hätten sie es doch erst gar nicht versucht! Denn jeder vergebliche Heilungsversuch ist wieder eine Anstrengung für Vater und Kind, erschöpft die Reserven. Alle Hoffnung lenkt sich auf einen Punkt, wird enttäuscht - das kostet Kräfte. Kräfte, die diese beiden nicht mehr haben.

Im letzten Jahr habe ich von der Mutter eines kranken Kindes gelernt, wie erschöpfend die Vorschläge Außenstehender sind. Jeder hat einen Tip, wie die Krankheit zu meistern sei. Doch was diese Ratgeber nicht wissen: es kostet Kraft, einen Hinweis auch nur anzuhören. Es kostet noch mehr, ihm nachzugehen. Und es erfordert ein Vielfaches, die Enttäuschung auszuhalten, wenn der vorgeblich so wundervolle Tip ein Fehlschlag ist. Der Vater trägt die Verantwortung für sein Kind. Er darf seinen Sohn nicht unzähligen Heilungsversuchen aussetzen, wenn er nicht seine Psyche gefährden will. Deshalb ist er so bitter enttäuscht von den Jüngern Jesu. Wäre er doch nicht gekommen. Er hat so viel auf sich genommen, und ist doch: ohnmächtig.

Und zuletzt: Jesus. Auch er ist erst einmal ohnmächtig. Er, wirklicher Mensch, spürt und erleidet die Ohnmacht, die die Szene beherrscht. Und sein erster Ausruf ist Ausdruck dieser Empfindung: O du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch ertragen? Wie lange - er weiß es selbst nicht, ist diesem Unglauben, dieser verdeckten Machtlosigkeit ausgeliefert. Allerdings: Er läßt sich nicht hinters Licht führen durch die hektische Betriebsamkeit, durch die lauten Stimmen. Jesus entlarvt die Ohnmacht als das, was sie ist: als Unglauben. Und während alle anderen ihrer Hilflosigkeit ausweichen oder sie nicht anschauen können, sieht Jesus sie direkt an. Und wird zornig. Sein Zorn ist ein ganz anderer als der Zorn der Schriftgelehrten. Er überdeckt nicht die Hilflosigkeit, er stellt sich ihr. Und sein Zorn ist nicht destruktiv und führt in die Leere. Er vernebelt nicht Jesu Blick.

Er sieht sie sehr genau: seine Jünger, die Schriftgelehrten, die Menge, den Sohn, den Vater. Er sieht, was sie alle gemeinsam haben. Und: ER LIEBT SIE TROTZDEM. Trotzdem er zornig wird, trotzdem sie alle auf der ganzen Linie scheitern. Er liebt sie so, dass er bald darauf für sie sterben wird. „Hilf dir nun selbst und steig herab vom Kreuz,“ werden sie ihn bald verhöhnen und nicht begreifen, dass es gerade diese Ohnmacht, die er aushält, für sie aushält, ist, die sie, die uns alle befreit. Befreit zum Leben. Und zur Freiheit.

Wir alle werden in unserem Leben einmal lernen, was es heißt, ohnmächtig zu sein. Ich finde, zur Liebe gehört die Ohnmacht dazu. Deshalb ist es nicht zufällig sondern ganz bewußt, daß ein Vater mit seinem Sohn im Zentrum des Geschehens steht. Die Liebe, die - wenn es gut geht - zwischen Eltern und Kindern entsteht, die hat etwas Bedingungsloses, das selbst die Liebe zwischen Mann und Frau so nicht kennt. Erwachsene verlieben sich, weil sie ihre Eigenschaften schätzen, sich attraktiv finden, interessant. Ein Kind wird geliebt, einfach weil es existiert. Was bedingungslose Liebe bedeutet, das lernen wir mit Kindern kennen. Und deshalb ist es die extremste Form von Ohnmacht, hilflos zusehen zu müssen, wie ein so uneingeschränkt geliebter Mensch leiden muß. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie es einem in einer solchen Situation gut tut, wenigstens noch etwas tun zu dürfen, organisieren, handeln zu können. Der Vater in unserer Geschichte stößt auch hier an seine Grenzen. Er kann gar nichts mehr tun. Sein leiser Zweifel an Jesu Macht ist der letzte Rest Spielraum, den er für sich reserviert. Er will sich nicht verlieren, wenn auch Jesus versagt.

Darauf läßt sich Jesus nicht ein. Denn dieser Rest angeblichen Spielraums ist wieder nur verschleierte Ohnmacht. Und erst, wenn sich der Vater seine Ohnmacht ganz eingesteht, kann sie sich verwandeln - in eine neue Form, in eine von Gott gestaltete. „Ich glaube, hilf meinem Unglauben.“ Mit diesen Worten verläßt der Vater alle gewohnten Sicherheiten und liefert sich Jesus ganz aus

„Diese Art kann durch nichts ausfahren als durch Beten“ heißt es am Ende. Beten ist für mich die gottgeschenkte Form gestalteter Ohnmacht. Ich falte meine Hände, ähnlich einem gefesselten Menschen, dem die Hände gebunden sind. Meine gefalteten Hände sind Symbol dafür, dass ich nichts mehr tun kann. Und wenn ich mich verabschieden kann von dem Wahn, alles selbst organisieren zu können und zu müssen, wenn ich mich einfinden kann in diese Haltung der gefalteten, gefesselten Hände, dann entsteht eine ungeheure Freiheit. Deshalb, nur deshalb, sind alle Dinge dem möglich, der da glaubt. Und wenn ich meine, durch meinen Glauben klammheimlich meine eigenen Ziele wieder ins Spiel bringen zu können, dann habe ich nicht begriffen, worum es geht: um eine bewußt angenommene Ohnmacht, die mich freimacht. Auf der Gegenseite steht eine scheinbare Freiheit, die mich ohnmächtig macht.

Wenn ich einen Menschen liebe und am liebsten alles tun würde, um sein Leben zu retten, dann bin ich an der Schnittstelle, der Grenzerfahrung dieser Kontroverse. Halte ich es aus, meine Hände zu falten, oder will ich bis zuletzt das Heft (zumindest scheinbar) in der Hand behalten?

Es ist zum Schreien, wenn ich an dieser Schnittstelle stehe, an dieser Grenze bin. Er schreit dann auch, dieser Vater. Ich glaube, hilf meinen Unglauben. Und seine Worte beschreiben diese Grenzerfahrung.

Sein Satz ist wie ein Falten der Hände. Ich glaube, hilf meinem Unglauben. Dann fährt der Geist aus, der böse, lähmende Geist, der alle in dieser Geschichte in seinen Bann gezogen hatte. Der Junge liegt da wie tot. Alle halten ihn für tot. Es ist aber die Pause, die überleitet zum Leben. So wie in der Musik Atem geholt wird vor dem furiosen Finale. Dann reicht Jesus dem Kind die Hand und richtet es auf.

 

 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Dr. Angela Rinn-Maurer

Predigt zum 15. Sonntag nach Trinitatis

Lk 18,28-30

 

Da sprach Petrus: Siehe, wir haben, was wir hatten, verlassen und sind dir nachgefolgt. Er aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Es ist niemand, der Haus oder Frau oder Brüder oder Eltern oder Kinder verläßt um des Reiches Gottes willen, der es nicht vielfach wieder empfange in dieser Zeit und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.

Amen.

 

Liebe Gemeinde,

 

ein merkwürdiger Satz, wie in der Schwebe hängend: „Siehe, wir haben, was wir hatten, verlassen und sind dir nachgefolgt“. Eben ist der reiche Jüngling traurig davongegangen. „Verkaufe alles, was du hast und gib´s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben und folge mir nach“, das hat er nicht übers Herz gebracht, reich wie er war. Seine Schritte hallen noch nach. In das Schweigen, das diesem Abgang folgt, hinein spricht Petrus den Satz: Siehe, wir haben, was wir hatten, verlassen und sind dir nachgefolgt. Formal ist es eine Feststellung. Aber in dieser Aussage schwingt mehr mit.

Sätze, die als Aussage formuliert werden und eigentlich mehr sind, sie sind eigenartig. Viele mögen sie nicht, etwa im Alltag, wo sie ständig verwendet werden. „Der Mülleimer ist voll“, das ist z.B. solch ein Satz. Eine Angabe, die eine verdeckte Aufforderung ist. Wer das nicht versteht und darauf beispielsweise antwortet: „Interessante Information, wieviel Fassungsvermögen hat denn unser Mülleimer?“ wird schnell spüren, dass er die eigentliche Botschaft nicht verstanden hat. Es gibt Menschen, die mögen solche Sätze überhaupt nicht. Sie wollen lieber eine direkte Aufforderung hören: „Bring den Mülleimer raus, häng die Wäsche auf, kauf Milch und Butter ein.“ Sie wollen nicht rätseln, was gemeint ist. Der an und für sich verständliche Wunsch nach Klarheit scheitert aber an dem menschlichen Hang zu diesen verdeckten Aussagesätzen. Es kann sein, wir hängen an ihnen, weil es uns nicht gefällt, unseren Alltag im Kommandoton zu erledigen: „Tu dies, mach das“. Eine Mitteilung klingt gefälliger. Aber es steckt auch ein bißchen Scheu und ein Wunsch darin: man scheut ein klares Nein des Gesprächspartneres als Antwort: „Nein, ich habe keine Lust, die Spülmaschine auszuräumen“. Und der Wunsch: der andere möge selbst darauf kommen, was anliegt, möge von sich aus seine Hilfe anbieten. „Ich könnte doch den Mülleimer rausbringen.“

Bereits im Alltag sind verdeckte Aussagesätze also kompliziert. Wenn das schon so ist, wenn es um Mülleimer und Getränkekästen geht, wie erst recht, wenn es ums Leben geht und um den Himmel. Und Petrus geht es ums Leben und um den Himmel. Denn er hat alles, wörtlich im Griechischen heißt es, sein Eigenes, aufgegeben. Sein Eigenes, das klingt nach mehr als dem Besitz eines Menschen, es greift weiter auf seine Identität, seine Persönlichkeit: Wir haben unser Eigenes verlassen, uns selbst aufgegeben. 

Triumph höre ich in Petrus´Satz, auch eine Frage, oder besser mehrere Fragen. Darunter eine sehr bange Frage.

Zunächst zum Triumph und der ersten Frage. Der Triumph liegt nahe: Was dem reichen Jüngling nicht gelungen ist, das ist uns gelungen. Er hat es nicht geschafft, alles aufzugeben. Wir haben das getan, haben alles aufgegeben. Und die Frage, die sich an diesen Triumph anschließt, auch die liegt nahe: Deine Verheißung an ihn, die muß doch dann auch für uns zutreffen, oder? Du hast ihm einen Schatz im Himmel versprochen, dann muß das doch auch für uns gelten! Doch der Triumph ist ein zaghafter Triumph. In der Tat, sie haben alles verlassen, haben das geschafft, was dem reichen Jüngling nicht gelungen ist. Dennoch: dürfen sie sich so vergleichen? Denn: was Jesus von dem reichen Jüngling fordert, das ist ja wie maßgeschneidert für ihn, paßt auf das, woran sein Herz am meisten hängt, was sein „Eigenes“ ist: er ist reich, er hängt am Reichtum, es gelingt ihm nicht, sich von diesem Reichtum zu trennen. Petrus und sein Bruder Andreas waren nicht reich, sie waren Fischer. Beim Zöllner Levi könnte das Eigene schon der Reichtum gewesen sein, andere Jünger liebten ihre Frau, ihre Kinder. Bei jedem war es anders. Auch deshalb die umfassende Formulierung: Wir haben unser Eigenes verlassen - was auch jedem der Jünger am liebsten und wichtigsten war, am eigensten, besondersten, am liebsten, das haben sie zurückgelassen. Aber reicht das, das Liebste zu aufzugeben? Reicht das für den Schatz im Himmel? Sie haben ja kein Recht, um diesen Preis zu feilschen. Wem steht es zu, das Himmelreich zu fordern? Zumal: hat er ihnen je etwas versprochen? Folge mir nach, hatte er bei jedem von ihnen gesagt, und gar nichts versprochen. Keinen Schatz im Himmel und keinen Schatz auf der Erde. Sie haben ihn gesehen und gehört und sind mitgegangen. Da war etwas an dem, was dieser Jesus gesagt hat, gelebt hat, das diese Menschen fasziniert, begeistert hat. Sie waren ja nicht unter Drogen gesetzt oder von Sinnen. Sie spürten, hier ist jemand, der uns zum Leben verlockt. Bei ihm finden wir etwas, das kostbarer ist als alles, was wir jemals kennengelernt haben, kostbarer als wir selbst. Kostbarer als unser Eigenstes. So folgten sie ihm. Fraglos.

Bis zu dieser Begegnung mit dem reichen Jüngling. Der nicht nachfolgt, sondern weggeht. Und da gewinnt ein Satz einen bangen Unterton. In dem die Frage mitschwingt: Hat sich das denn gelohnt, dir nachzufolgen? Denn der Weg zurück, der ist versperrt, für jeden von ihnen. Keiner kann mehr zurück. Der Posten des Levi wird sofort neu besetzt worden sein, und die Frauen und Kinder würden ihren Männern und Vätern zumindest ganz neu begegnen, wenn sie zurückkämen. Wenn sie denn gewartet hatten. „Wir haben unser Eigenes verlassen, um dir nachzufolgen.“ Hat sich das gelohnt? Liegt die Waagschale auf der Seite der Nachfolge tiefer? Oder war das, was sie getan hatten, der größte Fehler ihres Lebens?

Im Schwung der Leidenschaft, der Begeisterung, da werden keine Fragen gestellt. Wenn es Menschen hinreißt, dann ist alles fraglos klar und richtig. Lange war das bei Petrus der Fall. Dann hat sich der Zweifel wie ein Haarriß in die strahlende Sicherheit gezogen. Plötzlich glänzt gar nichts mehr. Vielleicht war es dieser reiche Jüngling, der das Angebot ablehnt, der den Schatz im Himmel nicht will, der seinen Reichtum vorzieht. Hatte dieser junge Mann die richtige Entscheidung getroffen, waren sie diejenigen, die einen Fehler, einen schrecklich-folgenschweren Fehler begangen hatten? Siehe, wir haben, was wir hatten, verlassen und sind dir nachgefolgt. War das verkehrt?

Ich kenne Situationen in meinem Leben, in denen ich mich ähnlich bang gefragt habe: War es richtig? Hast du den guten Weg gewählt? Wenn eine Entscheidung wichtig war dann klingt auch die Frage ängstlich. Viele Entscheidungen unseres Lebens haben Konsequenzen, die irreversibel sind. Ich kann sie nicht zurücknehmen. Ich weiß, ich kann nicht mehr zurück, es wird, wenn ich einen neuen Weg einschlage, kein Weg zurück zu einem unschuldigen Anfang sein können. Hat es sich gelohnt? War es richtig? Ich habe in meinem Leben gelernt, daß niemand außer mir selbst die Antwort geben kann, ob es richtig war. Man kann die Frage mit anderen Menschen erwägen, die Last der Antwort darf man keinem anderen Menschen aufbürden. Die Jünger haben alles verlassen. Sie allerdings haben jemanden, von dem sie eine Antwort erwarten. Den einzigen, von dem man - wirklich - eine Antwort erwarten kann. Sie fragen Jesus.

„Na, da bin ich mal gespannt, was du deinen reichen Gonsenheimern zu diesem Text predigst“, sagte mir ein Freund. „Verlaßt eure Villa und folgt ihm nach, oder was?“ Das werde ich nicht sagen. Ich habe schon immer viel Verständnis für den reichen Jüngling und seine Entscheidung gehabt. Richtig war sie nicht. Denn während es keine von außen eindeutige Antwort auf die Frage gibt, ob man an wichtigen Punkten des Lebens die beste Entscheidung getroffen, den passenden Beruf gewählt, den idealen Partner geheiratet und die richtige Anzahl Kinder bekommen hat, so ist für mich die Antwort auf diese eine Frage klar. Es gibt keinen Weg an Jesus Christus vorbei.

Und alles, was mir lieb und teuer ist, kann kein Ersatz für die Beziehung zu Jesus Christus sein. Jetzt werde ich mich nicht aufmachen und meinen Mann, mein Kind, Gonsenheim und alles, was mir sonst wertvoll ist, zurücklassen. Das würde ich auch von keinem anderen Menschen verlangen. Doch ich weiß, daß alles, was mir so lieb und teuer ist, mir nur auf Zeit geschenkt ist. Der reiche Jüngling entscheidet sich für ein sehr vergängliches Gut. Drastisch gesprochen: in dem Schatz, für den er das Himmelreich aufgegeben hat, wühlen schon die Maden. Wenn ich mein Leben von meinen liebsten Menschen oder von meinem Eigentum abhängig mache, dann muß ich wissen, daß ich damit alles andere als Sicherheit wähle. Ich brauche nur nach New Orleans schauen, wo Menschen innerhalb von Stunden all ihren Besitz, oft genug noch ihre Angehörigen, ihr eigenes Leben verloren haben und sich auf keinerlei soziale Konventionen mehr verlassen konnten, es wurde geplündert, gemordet, vergewaltigt, schell wird der Mensch zu des Menschen Wolf.

Ich brauche jedoch gar nicht so weit schauen: Wieviele Menschen sind heute auch hier in Gonsenheim von Arbeitslosigkeit bedroht! Eine Krankheit, die zur Berufsunfähigkeit führt, kann jeden von uns oder unsere Angehörigen treffen. Nicht jeder Mensch wird 90 Jahre alt, immer wieder müssen mein Kollege und ich auch jüngere Menschen beerdigen, sogar Kinder. Es gibt Menschen, die daran zerbrechen und ihren Glauben verlieren. Mich hat eine Frau beeindruckt, die nach einem furchtbaren Schicksalsschlag sagte: wenn ich meinen Glauben nicht hätte, dann wäre ich daran zerbrochen. Mein Glaube ist mein einziger Halt. Worauf verlassen wir uns, wenn es wirklich drauf ankommt: auf unsere eigenen Kräfte, auf das soziale Netz?

Menschen und Dinge und berufliche Erfolge können wunderbar sein - feste Sicherheit sind sie nicht. Und sie schaffen mir auch keine Identität, sie machen mich nicht wirklich aus - auch, wenn ich mir das gerne einbilden möchte. Worauf kann ich mich verlassen?

„Wir haben unser Eigenes aufgegeben, um dir nachzufolgen.“ Was die Jünger aufgegeben haben, das war nur scheinbar ihr Eigenes. Erst als sie Jesus nachfolgten, fanden sie sich selbst. Die Begegnung mit ihm gab ihnen den Mut, vertraute Sicherheiten aufzugeben, faszinierte sie so, dass sie ihre eigenen Familien zurückließen. Und sie fanden eine neue Familie, nämlich die Gemeinschaft der Menschen, die zu Jesus gehörten. Jesus hat es genauso gehalten. Das Lukasevangelium erzählt davon, daß die Mutter und die Brüder Jesu zu ihm kommen und wegen der Menge nicht vordringen können. Vor zwei Sonntagen war das der vorgeschriebene Predigttext. Jesus gibt seinen Verwandten keine Sonderrechte. Er schaut sich um. Wer sind meine Mutter und meine Brüder? Ihr seid es. Die Familie, die Jesus gründet, ist anders als die, die die Jünger hinter sich gelassen haben. Zu ihr gehören Menschen, die ich mir nicht ausgesucht habe, die mir vielleicht fremd sind. So wie ich manchen möglicherweise noch nicht einmal sympathisch bin hier in unserer Gemeinde, in der Kirche. Trotzdem gehöre ich dazu, gehören die anderen dazu, finden wir zusammen, halten gemeinsam das Mahl des Herrn. Und niemand hat das Recht, einem anderen Christen den Platz am Tisch des Herrn zu verweigern. Dieser Platz ist sicher, ist wahre Sicherheit. Alles andere ist vorläufige, vorletzte Sicherheit.

Petrus ist dann zurückgegangen zu seiner Frau und seiner Familie. Es wird in der Tat anders gewesen sein als zuvor. Nicht unverbindlicher, das gewiß nicht. Aber eine Gemeinschaft, die weiß, daß sie vorletzte Gemeinschaft ist, eben auf Zeit gewährt, ein kostbares Geschenk. Menschen, die das spüren, können anders miteinander umgehen. Achtungsvoller, dankbarer auch. Die anderen als Geschenk begreifen: das ist eine große Bereicherung! Ich muß sie nicht klammern und zwingen, ich darf ihnen Raum lassen. Wer von den Jüngern zu seinem Reichtum zurückgekehrt ist, wird wohl auch anders mit ihm umgegangen sein. Man kann nicht zur Familie des HERRn gehören und abstumpfen gegenüber dem Leid in der Nähe und in der Ferne. Keiner der Jünger, der zu seinem Reichtum zurückkehrte, wird Sklave seines Besitzes gewesen sein. Und das ist eine große Leistung! Manchmal fällt es schwerer, sich von seinem Besitz zu befreien als von Menschen. Das verpaßt der Reiche Jüngling. Zu besitzen, als besäße man nicht - das ist eine wunderbare Freiheit. Auch hier erhalten die Jünger hundertfach zurück.

So wie ich immer wieder beglückt erfahren habe, daß Gott mir sehr viel überraschende Begegnungen und neue Lebensperspektiven schenkt, wenn ich meinen Lebenseg ihm anvertraue und nicht meinen Weg bis an die letzte Kehre plane und absichere und organisiere, so wie es Menschen gerne tun, die zuerst auf ihre eigenen Kräfte vertrauen. Wenn ich mein Vertrauen zuerst in meinen HERRn und Gott setze, dann spüre ich, wie ich neue Ideen bekomme, wie frische Kräfte wachseen, wie mir von außen, von ihm her, ein Fingerzeig kommt: schau in eine neue Richtung, entdecke, was ich dir schenken will!

Es hat auch immer wieder die gegeben, die nicht zurückgekehrt sind. Sie haben sehr häufig der Gemeinschaft der Christen wertvolle Impulse gegeben. Nicht zuletzt sind sie ein wichtiger und schmerzender Stachel für alle Christen, die sich zu schnell wieder in den alten Sicherheiten einrichten möchten. Alleine sind auch sie nicht geblieben, sie haben Gemeinschaften gegründet oder sind als Missionare ausgezogen, um an den verschiedensten Orten neue Gemeinden zu gründen oder alte zu stärken. Weil sie den Mut haben, auf alles Eigentum zu verzichten, werden sie, da bin ich mir sicher, eine sehr große innere Freiheit gefunden haben.

ER aber will uns befreien und beschenken. Nicht erst im Himmel, sondern schon hier auf Erden. Wir dürfen das, auf den so unterschiedlichen Wegen, auf denen wir ihm nachfolgen, auch entdecken. Wer sich selbst verläßt, darf sich verlassen. Auf IHN.

 

Amen.

Pfarrerin Dr. Angela Rinn-Maurer

11 Sonntag nach Trinitatis

 

Mt 21

Und als Jesus in den Tempel kam und lehrte, traten die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes zu ihm und fragten: Aus welcher Vollmacht tust du das, und wer hat dir diese Vollmacht gegeben?

Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Ich will euch auch eine Sache fragen; wenn ihr mir die sagt, will ich euch auch sagen, aus welcher Vollmacht ich das tue.

Woher war die Taufe des Johannes? War sie vom Himmel oder von den Menschen? Da bedachten sie's bei sich selbst und sprachen: Sagen wir, sie war vom Himmel, so wird er zu uns sagen: Warum habt ihr ihm dann nicht geglaubt?

Sagen wir aber, sie war von Menschen, so müssen wir uns vor dem Volk fürchten, denn sie halten alle Johannes für einen Propheten.

Und sie antworteten Jesus und sprachen: Wir wissen's nicht. Da sprach er zu ihnen: So sage ich euch auch nicht, aus welcher Vollmacht ich das tue.

Was meint ihr aber? Es hatte ein Mann zwei Söhne und ging zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh hin und arbeite heute im Weinberg.

Er antwortete aber und sprach: Nein, ich will nicht. Danach reute es ihn, und er ging hin.

Und der Vater ging zum zweiten Sohn und sagte dasselbe. Der aber antwortete und sprach: Ja, Herr! und ging nicht hin.

Wer von den beiden hat des Vaters Willen getan? Sie antworteten: Der erste. Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr.

Denn Johannes kam zu euch und lehrte euch den rechten Weg, und ihr glaubtet ihm nicht; aber die Zöllner und Huren glaubten ihm. Und obwohl ihr's saht, tatet ihr dennoch nicht Buße, so daß ihr ihm dann auch geglaubt hättet.

 

Herr, segne unser Reden und Hören.

 

Liebe Gemeinde,

 

ein bißchen schwanger gibt es nicht. Ja oder nein. Entweder - oder. Auch wenn es uns nicht paßt - es gibt Situationen im Leben, in denen müssen wir uns entscheiden und können uns nicht der Stimme enthalten. Am liebsten würden wir kneifen, uns aus dem Staub machen, Augen zu, aber einer reißt uns die Augen auf: schau hin, und entscheide dich! Du mußt! Wer dann noch die Augen zukneift und sich windet und nicht ja oder nein sagen will, der wird erleben, daß seine Enthaltung ihn in ein Ja oder in ein Nein zwingt, und daß, wenn er beim einen oder anderen ankommt, er womöglich feststellen muß, daß es nicht die Station seiner Wahl ist.

Im Kirchenvorstand haben wir bei manchen Entscheidungen gespürt, wie schwer es ist, sich zwischen Ja und Nein zu entscheiden und wie liebend gern man sich auf einer Enthaltung ausruhen würde und wie wenig das möglich ist. Ein Beispiel war die Entscheidung, ob wir in den Konfirmationsgottesdiensten Abendmahl feiern wollen oder nicht. Gute Gründe sprechen dafür, gute dagegen. Erschrocken waren wir dann, als bei der Abstimmung die vielen Enthaltungen eben keine Enthahltungen bedeuteten, sondern die Ablehnung des Antrags. Danach waren wir klüger. Jetzt sind Enthaltungen die seltene Ausnahme, in der Regel sind wir uns klar darüber: entweder Ja oder Nein, auch wenn es weh tut.

Es gibt eben Situationen im Leben, da müssen Menschen sich entscheiden: dafür, oder dagegen. Sie riskieren sonst, bei einem Nein zu landen, das sie nicht wollten, oder bei einem Ja, das ihnen erst recht nicht in den Kram paßt.

Für unsere Geschichte sieht das so aus: Jesus zeigt seine Macht: er treibt die Händler aus dem Tempel, läßt Blinde, Lahme und Kinder hinein, lehrt im Heiligtum. Die Frage der Verantwortungsträger ist berechtigt: Auf welcher Machtbasis tust du das. Was befugt dich? Jesus antwortet mit einer Gegenfrage. Was legitimierte die Taufe des Johannes? Der Himmel oder die Menschen? Und das bringt die Verantwortlichen ins Schleudern. Denn ihnen hatte diese Johannestaufe schließlich gar nicht ins Konzept gepaßt. Sagen sie nun, daß es der Himmel war, setzen sie sich selbst ins Unrecht, denn sie haben Johannes nicht geglaubt. Sagen sie: von den Menschen, haben sie das Volk gegen sich, das Johannes für einen Propheten hält. So lautet ihre Antwort an Jesus so, wie auch heutige Antworten lauten, wenn Menschen nicht weiterwissen: Kein Kommentar, Enthaltung. Daraufhin setzt Jesus mit seinem Gleichnis von den zwei Söhnen nach nach und entläßt die Verantwortlichen nicht in die Unverbindlichkeit. Er zwingt sie zur Entscheidung. Ja - oder nein.

 

Wer von den beiden Söhnen erfüllt des Vaters Willen? Der eine, dem das gefällige Ja problemlos über die Lippen geht? Oder der andere, der sich - warum auch immer - dem geforderten Ja entzieht, sich dann aber eines Besseren besinnt?

 

Die Gesprächspartner Jesu antworten schnell, und das sollten wir nicht tun. Bevor wir das Fingerchen heben und brav die angeblich richtige Antwort geben, sollten wir nachdenken. Das wäre auch den Verantwortungsträgern nicht verboten gewesen, das ist auch im Kirchenvorstand geboten. Nachdenken. Wie ist das denn mit den zwei Söhnen. Ein Tip: wenn die Antwort so leicht scheint, sollte man - zumindest bei Geschichten, die Jesus erzählt - besonders aufmerken. Haben wir die Geschichte wirklich verstanden, ergriffen, mit dem Herzen bewegt?

 

Geht es darum, daß man mit guten Taten böse Worte wettmachen kann. Taten zählen, nicht das Wort - ist es das, was uns Jesus klarmachen will? Lassen sich Tat und Wort wirklich so gegeneinander ausspielen? Tun die Brüder nicht auch etwas, indem sie JA und NEIN sagen? Oder andersherum: Ist ihr gehorsames Tun und ihr ungehorsames Verweigern nicht auch ein sehr beredtes Handeln? Worte können doch viel bewirken, können Herzen öffnen und verhärten, allein durch ihren Klang.

 

Vorsicht daher, wenn ich zu schnell dem bekehrten Neinsager Recht gebe.

Vielleicht ist der Jasager ja im Recht. Vielleicht trägt er mehr zum Bestand des Gemeinwesens bei, als eine gängige Auslegung vermuten läßt. Jeder gesellschaftliche Konsens basiert letztlich auf dem grundlegenden Ja, ich will, mit dem sich die Beteiligten zueinander und zu der Ordnung bekennen, die sie verbindet. Wir sagen Ja vor dem Traualtar oder dem Standesamt und Ja zu unserer Freiheitlich-Demokratischen-Grundordnung und Ja zu den 10 Geboten. Ohne solch ein Ja, das von allen ausgesprochen oder unausgesprochen verlangt wird, würde unser Staat´, würde unsere Gesellschaft sehr schnell auseinanderfliegen. Ein Grundkonsens ist lebensnotwendig, wir leben aus dem Ja. So gesehen: Dem Vater gebührt das „Ja Herr, ich will.“ Was immer praktisch daraus folgen mag. Das Problem des Neinsagers besteht darin, daß er sich diesem Konsens verweigert. Da nützt es ihm - und der Familie wenig - wenn er sich klammheimlich dennoch in den Weinberg schleicht.

Der andere Sohn - ein Spielverderber, zu dumm vielleicht, um das Spiel zu begreifen. Nicht begeisterungsfähig, nicht flexibel genug, um zu erkennen, was jetzt dran ist. Ohne kommunikative Kompetenz: Ich will nicht. Unfähigkeit - schlimmer - Verweigerung. Was nutzt da noch der Gang in den Weinberg. Ist er doch dem Vater das Entscheidende schuldig geblieben: das bereitwillige, gehorsame Bekenntnis. Kein braver Sohn, dieser zweite. Kein freudiges, politisch wie religiös korrektes Ja. Und sein Nein verletzt den Vater ohne Zeifel.

 

Ja - oder Nein. Wenn Wort und Tat nicht so einfach zu trennen sind, wenn wir mit  unseren Worten handeln und mit unseren Taten reden, dann ist die Lage unheimlicher, als wir das vielleicht gedacht hätten. Wenn Worte so schwer wie Taten wiegen, dann findet unser Reden nicht in einem Niemandsland statt, jenseits dessen es ernst würde. Dann geht es schon jetzt bei unseren Worten ums Ganze, und keiner der beiden Brüder weiß im voraus, was aus seinem Nein oder seinem Ja wird, ob sich das Ja bewähren oder das Nein in bittere Reue münden wird. Am Nein oder Ja allein kann das Leben zersplittern.

Und keiner der beiden Brüder verkörpert eine echte Lebensalternative, denn beide halten ihr Wort nicht ein. Ein Sohn nach dem Willen des Vaters wäre erst jemand, der sein Ja in Wort und Tat unauflöslich einhielte. So aber ist keiner von beiden.

Doch wer kann solche Konsequenz schon von sich behaupten. Wer es von sich verlangt, landet in der Trostlosigkeit. Wie schrecklich ist es, wenn wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen, uns selbst auf unser Nein und unser JA erbarmungslos festlegen. Wie furchtbar, wenn wir unsere Gegenwart und unsere Zukunft, den Sinn unseres Lebens und unsere Identität mit eigener Kraft schaffen wollen.

 

An dieser Stelle bricht Jesus die Verzweiflung auf und bringt die Huren und Zöllner ins Spiel. Sie werden mit den reuigen Neinsagern identifiziert und ihnen wird das Reich Gottes zugesprochen. Zweifellos wird das Reich Gottes ihnen nicht deshalb zugesprochen, weil sie eben Huren oder Zöllner sind. An beiden Berufsgruppen ist wenig Attraktives zu finden, vielmehr sehr viel Verletzung von Menschenwürde, Menschen-Achtung. Sie werden gerettet, weil sie von sich selbst mit Recht nichts mehr erwarten. Sie wissen, daß sie radikal auf Vergebung angewiesen sind, sie haben nichts mehr, das sie vorweisen können. Sie wissen sehr genau, daß sie Nein gesagt haben und verleugnen dieses Nein auch nicht. Sie schlagen sich auf die Brust: „Herr, sei mir Sünder gnädig.“ Weil sie von sich selbst nichts mehr erwarten, wird ihnen die Zukunft geschenkt. Weil sie nicht mehr bei sich suchen, sondern sich Gott ganz öffnen, sich ihm ausliefern, wird ihnen alles geschenkt, Vergebung, erfülltes Leben.

 

Auf der anderen Seite sind nun die Ja-sager-Menschen, die ihr eigenes Bekenntnis verleugnen. Sie bekennen Gott, doch nichts von ihrem Bekenntnis bestimmt ihr Leben. Klammheimlich sind sie doch der Überzeugung, daß sie sich selbst gerecht sprechen können. Sie meinen, ihr Leben selbst in der Hand zu haben. Sie halten sich selbst für die Herren ihres Lebens. Sie werden an sich selbst verzweifeln müssen. Niemandem wird es gelingen, sein Leben aus sich zu begründen. Noch jeder Mensch ist daran gescheitert.

 

Doch: nach wie vor sind beide eingeladen: die Jasager und die Neinsager. Noch steht die Bitte im Raum: geh hin in den Weinberg.

 

Geh hin, das bedeutet, umzudenken, Buße zu tun - für den, der Nein sagt und für den, der Ja sagt. Der eine muß über sein Nein hinweg, hinter dem er sich versteckt, das ihn scheinbar schützt vor den Zumutungen Gottes und der Menschen. „HERR, sei mir Sünder gnädig“, das ist das Wort, das der Neinsager spricht. Und der andere muß begreifen, daß sein Ja Konsequenzen in seinem Leben haben will, daß erst ein radikales JA zu Gott ein Ja zum Menschen ermöglicht.

 

Auf dem Spiel steht das Leben. Unser Leben. Und da ist die Bitte, das Gleichnis. Wenn wir es hören - und nicht überhören - wenn wir uns verwickeln lassen in seine Geschichte, dann bleibt uns gar nichts anderes übrig, als neue Wege zu versuchen. Unsere inneren Widersprüche, unsere Verstecke und Ausflüchte - Jesus zwingt uns aus ihnen heraus zur Entscheidung. Wer tut den Willen des Vaters? Gleichgültig, wie unsere Antwort lauten mag: wir haben mit ihr das Urteil über uns gesprochen. Und damit die Chance gewonnen, eine neue Richtung einzuschlagen.

Beide werden gebraucht, die reuigen Nein-Sager genauso wie die reuigen JA-Sager.

Bei jedem mag der Weg zum Weinberg anders aussehen, die Arbeit drängt, wir alle sind gebraucht.

 

Mag sein, daß es zunächst schwierig, ja unmöglich scheint, das Unbekannte zu wagen: die neue Richtung. Doch einmal geschehen, wird es wunderbar klar, fast einfach. Die Schere im Kopf ist vergessen, der Ballast alter Denkstrukturen abgeworfen. Unser Leben - nicht mehr gefangen in den Zwängen des Neins, nicht mehr gefangen in der korrekten Antwort des Ja, nicht mehr verstrickt in Selbstgerechtigkeit, sondern frei, frei für unseren HERRN, frei, ihm zu vertrauen: er ruft uns, er braucht uns, er wartet auf uns.

 

Amen.

Predigt

Pfarrerin Dr. Angela Rinn-Maurer

Predigt am 10.7.05,  7.Sonntag nach Trinitatis

 

Joh 6,32-35

Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. Denn Gottes Brot ist das, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben. Da sprachen sie zu ihm: Herr, gib uns allezeit solches Brot.

Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.

 

HERR, segne unser Reden und Hören. Amen

 

 

Das, liebe Gemeinde, sind Worte für Lebenshungrige. Angesprochen sind alle, die den großen und unersättlichen Hunger nach Leben kennen. Und es ist gut, daß sie ihn kennen, es ist gut, wenn wir ihn kennen. Denn wer Hunger hat, Lebenshunger, der wird nicht achtlos an dem Brot vorbeigehen, das ihm hier angeboten wird.

Worte für Lebenshungrige, das sind auch heilsame Worte für alle, die von ihrem Hunger nach Leben schier verzehrt werden. Wer nach Leben hungert, der steht in der Gefahr, sich selbst zu verzehren. Und dabei nie satt zu werden. Da kann es vorkommen, daß man sich - um wenigstens vorübergehend satt zu werden, Steine statt Brot andrehen läßt, edle Steine können das sein, sehr wertvolle auch, die sich erst nach und nach als beschwerende, daß Leben erdrückende Steine zeigen.

Manchmal können einem andere Menschen wie Steine vorkommen, die schwer im Magen liegen. Es kann vorkommen, daß man andere Menschen mißbraucht, um den eigenen Lebenshunger zu betäuben.

Manche betäuben ihren Lebenshunger und trinken sich um den Verstand. Es gibt unzählige Arten, vor dem Lebenshunger zu fliehen. Wohin man auch gehen mag: Der Hunger bleibt.

Diesen, die ihren Lebenshunger auf verheerende Weise zu stillen versuchen und doch nicht zu stillen vermögen, jenen, die nie satt werden, denen, die ernsthaft auf der Suche sind: allen wird Brot angeboten. Das Brot des Lebens. Jesus bietet sich selbst an: Ich bin das Brot des Lebens.

Es ist ein himmlisches Brot. Schon einmal war Brot vom Himmel gekommen, als die Israeliten in der Wüste ihr Manna hatten. Doch dieses Manna war eine vergängliche Speise. Man sollte und konnte es nicht länger als einen Tag aufbewahren. Man konnte nur für einen Tag satt davon werden, am nächsten Tag war der Wurm drin.

Viel Weisheit lag darin: wer meint, er könnte vorsorgen, dem zeigt das Leben die Maden. Denke daran, daß du sterblich bist, daß dein Leben Geschenk ist. Danke für diesen Tag: Unser tägliches Brot gib uns heute, jeden Tag gilt es, dies nachzubuchstabieren. Und ich bin dankbar für alles, was DIESER Tag mir schenkt.

 

Jesus ist das Brot des Lebens, das einzige Brot, das nicht nur verübergehen sättigt. Wer an ihn glaubt, dessen Seele wird nie mehr hungern, gar verhungern. Er will unseren Hunger nach Leben stillen.

Glauben heißt in der Bibel oft nichts anderes als satt werden, an Leib und Seele satt werden. Christus verspricht, daß wir ganz und gar gesättigt werden.

Doch damit beginnen für uns Westeuropäer schon Mißverständnisse. Wenn wir unseren Hunger stillen, dann dann machen wir das oft so, daß uns mit dem Hunger auch der Appetit vergeht. Man kann auch den Hunger nach Leben so zu stillen versuchen, daß einem der Appetit dabei gründlich vergeht. Lebenssatt heißt dann: lebensüberdrüssig. Oder auch nur: lebensmatt und lebensmüde. Doch wo der Lebenshunger so gestillt wird, da wird mit dem Hunger nach Leben zugleich die Freude am Leben abgeschafft.

 

Christus verheißt allen, die nach Leben hungern: Wer zu mir kommt, wird nicht mehr hungern, und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten. Und er denkt nicht daran, unseren Lebenshunger durch Appetitlosigkeit zu ersetzenDas Brot des Lebens im Johannesevangelium ist kein religiöser Appetitzügler.

 

Für Brot gibt es in unserer Weltgegegend keine Alternative. Wir brauchen es zum Leben, wir brauchen es täglich. Es ist nicht nur ein Lebensmittel unter anderen, sondern - ebenso wie das Wasser - das elementare Mittel zum Leben. Solange man reichlich oder gar im Überfluß davon hat, fällt das zwar kaum auf. Aber wenn es fehlt, wenn die Bitte um das tägliche Brot mit hungrigem Magen gebetet wird, dann weiß man, was Brot bedeutet.

 

Freunde von uns, ein älteres Ehepaar, die essen im Restaurant immer den Teller ganz leer, einfach, weil sie es nicht ertragen können, Lebensmittel wegzuwerfen. Sie haben im Krieg hungern müssen. Und sich nach Brot gesehnt. Viele können wohl bestätigen: wer einmal hungern mußte, der wirft kein Brot mehr weg.

 

Armut und Hunger ergreifen den ganzen Menschen. Wo die Versorgung mit dem täglichen Brot in Frage gestellt ist, da ist so gut wie alles in Frage gestellt. Und jede Bitte: gib mir Brot, ist gleichzeitig die Forderung: ich will leben, sinnvoll leben. Wir brauchen Brot, um zu leben, und wenn von Brot die Rede ist, dann ist immer schon vom Leben die Rede, einfach weil wir angewiesen sind auf Nahrung, auf unser tägliches Brot. Jesus wußte, was ein Mensch braucht, als er uns zu beten lehrte: Unser tägliches Brot gib uns heute.

 

Das Brot ist schmeckbarer, faßbarer Ausdruck für alles, was wir zum Leben benötigen. Martin Luther fragt in seinem kleinen Katechismus, der hinten in unseren Gesangbüchern abgedruckt ist: Was heißt denn täglich Brot? Und antwortet: Alles, was zur Leibesnahrung gehört als Essen, Trinken, Kleider, Schuhe, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, gutes Wetter, Friede, Gesundheit gute Freunde, getreue Nachbarn, usw. All das gehört also zu unserem täglich Brot. Mag sein, daß wir im Moment mehr gutes Wetter wünschen, daß der Kranke mehr um Gesundheit betet als der Einsame um gute Freunde. Doch wie auch immer die Liste unserer persönlichen Bedürfnisse aussehen mag: unser Leben ist ein Angewiesensein auf diese wichtigen Bedürfnisse.

Nichts wäre daher verkehrter, als wenn wir an diesen ganz irdischen, erdverbundenen Bedürfnissen vorbei von einem himmlischen Brot reden würden, jenseits unserer realen Welt. Jesus kennt unseren irdischen Lebenshunger. Der auch wichtig ist, um ihn zu verstehen. Denn wer hungrig iar nach Brot, wer gute Freunde und treue Nachbarn vermisst, wer sich nach einem Menschen sehnt, der einen von Herzen lieb hat, der wird auch dieses Brot, das vom Himmel kommt, richtig zu schätzen wissen. Wer keine irdischen Bedürfnisse mehr zu haben meint, der verharmlost wohl auch das Brot des Lebens zu einer Art religiöser Götterspeise, die dann je nach Geschmack gefärbt werden mag.

Doch das Brot des Lebens, das ist Brot für die Welt, für eine lebenshungrige Welt. Es ist Gottes Brot für die Welt.

 

Dabei unterscheidet sich Gottes Brot sehr wohl von unserem täglichen Brot. Es ist mehr als ein irdisches Lebensmittel. Denn in ihm ist das Leben selbst. In Jesus Christus ist es da. Das Brot aus Weizen und Roggen ist das Mittel, durch das wir unser irdisches Leben erhalten können. Aber Lebensmittel und Leben selbst, das ist zweierlei. So wie der Mensch, um überhaupt essen und trinken zu können, erst einmal geboren werden, zur Welt kommen, also ins Leben eintreten muß, und sein Leben lang auf das Leben angewiesen bleibt. Das weiß jeder, der zwar Lebensmittel in Hülle und Fülle hat und doch am eigenen Leib erfahren muß, wie das Leben erstirbt.

Lebensmittel und Leben, ein großer Unterschied.

Dennoch will er selbst, Christus, unser Leben, wie ein Stück Brot verstanden und genossen werden, er, das Leben selbst, wie ein Lebensmittel erfahren sein. Und verheißt in unser endliches Leben hinein neues, ewiges Leben. Ja, er verheißt es nicht nur, sondern teilt es schon jetzt unwiderruflich aus. In jedem rechten Gottesdienst als Wort, das zum Leben hilft, im Wasser der Taufe, in Wein und Brot des Abendmahls, aber auch in vielen, nach außen hin vielleicht unscheinbaren menschlichen Zuwendungen, teilt sich uns Gottes Leben mit. Jesus Christus teilt es aus - so wie man irdisches Brot austeilt und miteinander teilt. In der eigenen Familie, in der Gemeinde - und hoffentlich darüber hinaus. Brot für die Welt, das irdische Brot für die hungrige Welt, ist das beste Gleichnis für das Brot des Lebens, das Jesus Christus heißt. Das himmlische Brot zu genießen treibt geradezu dahin, auch das irdische zu teilen. Und wie von dem himmlischen Brot des Lebens, so kann man auch von dem irdischen Brot für die Welt gar nicht genug verteilen.

 

Brot will geteilt und verteilt, verzehrt und gegessen werden. Auch in dieser Hinsicht will Jesus Christus mit dem Brot, aus Korn gebacken, verglichen werden, das nur dann satt macht, wenn es gebrochen und gegessen wird. Nur so kann das Brot ja beweisen, was es wirklich ist, eben Mittel zum Leben.

 

Auch uns konnte erst aufgehen, wer Gott ist, indem er sich für uns hingegeben hat, konnten Menschen erst nach der Kreuzigung bekennen: Ja, das war Gottes Sohn, das Brot des Lebens. Der uns so liebt, so sehr unser Leben will, daß er sein Leben dafür aufs Spiel setzte. Und so zum Sieg des Lebens kam.

Ja, wer an diesen Gott glaubt, dessen Lebenshunger wird gestillt, der wird wenn er nach Leben hungert, satt werden. Ein großes Wunder. Doch ein Wunder kommt selten allein. Jesus Christus stillt den Hunger nach Leben so, daß nun erst recht der Appetit auf Leben erwacht. Dem nachzuspüren und nachzuschmecken, das - das weiß ich ganz genau - erfüllt ein ganzes Leben.

 

Amen.

Infos:


Aktuell: