Rundfunkandachten 2010
Andachten im AugustSWR 2 - Wort zum Tag vom 12.8.10 - Dr. Angela Rinn
Scham
Scham macht einsam.
Der Weg zur Hölle ist ganz einfach: ich muss mich nur schämen. Diese vernichtende Scham, die nicht das Private schützt, sondern es im Gegenteil verurteilt und preisgibt. Wie peinlich! Das kennen schon Kinder, schämst Du Dich nicht, diese schreckliche Frage, die Hölle kann früh beginnen. Sie öffnet ihre Pforten auch weit für Erwachsene. Wenn ich mich schäme, bin ich ganz allein. Die anderen Menschen rücken ab von mir, sie existieren nur als Fratzen, die mich auslachen. Ich versuche, die Reste meines Selbstbewusstseins zusammenzukratzen. Doch ich kann nur den Blick senken. Meine Seele blutet. Wer hilft aus dieser Hölle?
Jesus schien immun gegen jede Scham zu sein, die ihn klein machen wollte, die ihn zwingen wollte, den Blick zu senken. Ich glaube, das lag daran, dass er nie den Blickkontakt zu Gott aufgab. Bis zum Schluss gab es Leute, die über ihn spotteten. Und später gab es viele, die fanden seinen Weg nur lächerlich. Der Apostel Paulus wird schreiben, dass der Glaube an diesen Jesus Christus gerade den Gebildeten lachhaft war. Nicht ernstzunehmen. Peinlich, so ein Glaube. Allerdings wird sich Jesus nicht schämen. Er schlägt sich nicht die Hände vor´s Gesicht, er wird nicht schamrot. Denn nur so wird er wieder frei, der Weg aus der Hölle.
Jesus geht mitten hinein in das Reich der Scham. Lächerlicher kann niemand mehr sein. Wenn Christus sich so zum Gespött der Leute macht und sich nicht schämt, dann ist das der Weg aus der Hölle ins Paradies. Da wird die Scham von innen heraus zersetzt. Denn sie funktioniert nur, wenn man mitspielt und den Blick senkt, ihren Gesetzen gehorcht. Aber Gott hat sich in die Hölle der Scham begeben ohne ihren Gesetzen zu gehorchen. Erhobenen Hauptes.
Jesus geht diesen Weg. Jesus urteilt nicht. Er lacht nicht über uns. Für alle, die in der Hölle sitzen, weil sie sich zu Tode schämen, muss er seinen Weg gehen, damit sie ihren Heiland auf Augenhöhe erkennen können. Muss seinen Weg gehen um der Menschen willen, die sich sonst heillos in ihrer Scham verstricken würden - ohne jede Hoffnung auf Erlösung. Er will nicht über uns lachen sondern mit uns, ein befreites Lachen, ein Lachen über die Hölle. Richtig paradiesisch.
Schämst du dich denn nicht, wenn dein Musiklehrer mit dir schimpft, fragte ich einmal mein Kind. Nein, Mama, antwortete mein Sohn, schämen bringt´s nicht, ich mach es lieber das nächste Mal besser, da hab ich mehr von! Und dann hat er so gegrinst, und da hab ich mir gut vorstellen können, dass mir mindestens ein Engel einen Tritt in den Hintern versetzt für meine dämliche Frage: Schämst du dich denn nicht. Und dass mindestens zwei Engel meinem Kind kräftig applaudieren und drei andere dem Teufel die Zunge rausstrecken. Und mein Kind grinste noch immer, und da wusste ich: wir sind gar nicht weit entfernt vom Reich Gottes.
Pfarrerin Angela Rinn, Mainz, Evangelische Kirche SWR 2 -Wort zum Tag vom 13.8.2010 - Dr. Angela Rinn
Späte Liebe
Eine späte Liebe ist ein kostbares Gottesgeschenk
Wenn ein Mensch nach einer schmerzhaften Trennung oder nach dem Tod des Partners wieder die Liebe entdecken darf, dann ist das wie eine Auferstehung mitten im Leben. Das Grab, in dem die eigene Sehnsucht nach Zärtlichkeit, nach einem Kuss, nach einem liebevollen Blick vergraben war, öffnet sich. Zögerlich zunächst wagt er sich hinaus, tastet vorsichtig, ob er diesem Wunder trauen darf, am Anfang noch jederzeit bereit, sich wieder in die Dunkelheit zurückzuziehen. Lieber tot bleiben als noch einmal so leiden müssen. Die Wunden schmerzen noch, selbst die Erinnerung tut weh. Darf die Haut wirklich wieder diese aufregende Nähe einer streichelnden Hand spüren? Mag ich einen anderen Menschen so nah an mich heranlassen? Nicht immer wohnt dem Anfang einer späten Liebe ein Zauber inne. Da ist zuerst auch viel Angst davor, enttäuscht zu werden, Sorge darum, was andere wohl sagen mögen, ein Misstrauen dem eigenen Herzen gegenüber, das doch schon weiß, was sich der Kopf noch nicht eingestehen will: Dieser Mensch berührt mich im Innersten meiner Seele, erkennt mich tiefer, als ich mich selbst kenne. Aber - darf ich meinem Herzen trauen? Deshalb ist die erste Zeit einer späten Liebe oft genug eine Zeit des Wartens und Zurückweichens, manchmal auch der Trauer, bis endlich der Sprung aus der Gruft riskiert wird. Diese Liebe braucht viel Geduld, auf beiden Seiten. Wie bei der Auferstehung ist es keine einfache Wiederholung dessen, was vorher war, sondern etwas unbekannt Neues. Die neue Liebe ist anders als die, die vergangen ist, muss es auch sein, und zugleich muss sie die Vergangenheit achten. Wer meint, in der neuen Liebe eine Rückkehr der alten zu finden, der sitzt noch in der Grabkammer des Vergangenen. Maria Magdalena erkannte den auferstandenen Christus, als der sie beim Namen rief, und so erkennt der Geliebte, der eben noch gefesselt war in den Leichentüchern alten Kummers, die Wahrheit der neuen Liebe an diesem Klang, der nur entsteht, wenn ein Name liebevoll gerufen wird. Und noch etwas ist neu: Die erste Liebe wähnt sich oft unsterblich, die späte weiß darum, dass ihre Zeit begrenzt ist. Das macht sie in einer einzigartigen Weise kostbar. Menschen, die sie erfahren dürfen, sind zutiefst dankbar. Jeder Kuss ist keine Selbstveständlichkeit, sondern ein Gottesgeschenk, so wie der Mensch, der mir geholfen hat, aus dem Grab verlorener Träume zu springen, um das Leben neu zu wagen, ein Geschenk Gottes ist. Eine Kostbarkeit, ein Kleinod, funkelnd in der Sonne eines Sommermorgens: Späte Liebe.
Pfarrerin Angela Rinn, Mainz, Evangelische Kirche SWR 2 -Wort zum Tag vom 14.8.2010 - Dr. Angela Rinn
Lächeln und lieb haben
Lächeln macht schön - und jeder Mensch sehnt sich nach Liebe.
Ein befreundeter Pfarrer hat mir von einer Begegnung erzählt, die mir sehr ans Herz gegangen ist. Er hat mit einer Gruppe von Konfirmandinnen und Konfirmanden eine Behinderteneinrichtung besucht. Ein alter behinderter Mann kam mit schlackerndem Gang auf die Gruppe zu, er sah fast ein wenig wütend aus, und die Konfis bekamen ein bisschen Angst. Vor meinem Freund blieb der Mann stehen und brummelte etwas. Er musste genau hinhören, bis er verstand. „Lieb haben“, brummelte der Mann. „Lieb haben!“ Da hat mein Freund dem alten Mann spontan einige Male über den Kopf gestreichelt. „Gut?“ fragte er dann. „Ja,“ sagte der Mann und schlackerte zufrieden weiter.
Die Jugendlichen waren nachdenklich geworden. Der behinderte alte Mann - er braucht genauso viel Liebe wie sie, wie jeder Mensch. Nur dass wir in der Regel nicht rumlaufen und es einfach sagen. Weil wir uns davor fürchten, zurückgewiesen zu werden, lächerlich zu wirken. Dabei ist es gar nicht lächerlich, sich nach Liebe zu sehnen. Und auch nicht würdelos. Denn jeder Mensch ist würdig, geliebt zu werden. Auch im Alter.
Bei einem Gottesdienst im Altersheim habe ich gesagt, dass alte Menschen besonders schön sein können, wenn sie lächeln, wenn sie sich freuen, und habe erlebt, es war sehr bewegend, wie sich plötzlich ganz viele Gesichter öffneten, die Menschen lächelten, fast ein wenig erstaunt, auch ein bisschen stolz, es war wahrscheinlich lange her, dass sie jemand „schön“ genannt hatte. Und sie waren schön, in diesem Augenblick, das habe ich gesehen, und habe für einen Moment geahnt, wie Gott uns wohl ansieht, und was er in uns entdeckt, in jedem von uns, in den ganz jungen und in den alten. Schade, wenn ich Angst davor habe, vor dem Lieben und dem Schön sein. Angst kommt von Enge, und die Welt wird eng, wenn ich mich ängstige.
Doch Gott sieht seine Menschen liebevoll an, das weitet die Enge. So dass ganz alte Gesichter schön werden können, und ganz junge strahlen dürfen wie die Sonne an einem wunderschönen Somermorgen.
Vielleicht muss ich mich manchmal trauen, es einem Menschen zu sagen, dieses „lieb haben“. Vielleicht wartet jemand schon lange darauf. Und möglicherweise könnte ich mich trauen, mehr zu lächeln. Das macht schön, ich habe es ja selbst gesehen.
Pfarrerin Angela Rinn, Mainz, Evangelische Kirche
Andachten im JuniSWR 2 - Wort zum Sonntag vom 27.6.10 - Dr. Angela Rinn
Ein Buch, mindestens so beeindruckend wie die alte Familienbibel. Meine Großmutter hatte das Kontokorrentbuch auf dem Tisch ausgebreitet. Ich durfte es vorsichtig hochheben, schwer war es. Vorher musste ich die Hände waschen. Sorgfältig wurden Zahlen in mir unendlich erscheinende Tabellen eingetragen. Worte, rätselhaft wie Zaubersprüche benutzte meine Großmutter: Quittung und Bilanz, Inventar und Abschreibung, Zins und Zinseszins, die elektrische Rechenmaschine spuckte geräuschvoll Zahlenkolonnen aus. Wenn ich leise blieb, durfte ich ihr beim Arbeiten zuschauen. Meine Großmutter führte die Bücher für die Firma ihrer Cousine. Alles musste stimmen, bis auf den letzten Pfennig. Ich lernte: Jede Abrechnung muss genau sein. Und: man betrügt nicht und muss Rechenschaft ablegen. Dann kam die Cousine meiner Großmutter mit ihrem Mercedes schwungvoll vorgefahren, beide Frauen beugten sich stundenlang über das rätselhafte Buch und die gesammelten und geordneten Belege, dann sprang die Cousine noch schwungvoller als sie gekommen war die Treppe hinunter, auch meine Großmutter sah richtig zufrieden aus - alles war bezahlt, quittiert, das Jahr hatte wieder Gewinn gebracht.
Manchmal habe ich mir später gewünscht, mein Leben ließe sich auch so übersichtlich und sorgfältig ordnen und bilanzieren wie die Firmenunterlagen der Cousine, und ich könnte am Ende zufrieden abgehen. Ich habe gelernt: Es gibt Schulden, die kann ich aus eigener Kraft nicht tilgen. Und es gibt Menschen, die haben bei mir noch eine Rechnung offen. An manchen Tagen habe ich mir vorgeworfen, mit dem Kapital, das Gott mir mitgegeben hat, wenig gewirtschaftet zu haben. Talent ist doch ein Wort aus der antiken Finanzwelt, fast 40 Kilo Silber. Ich habe einiges versilbert, vieles verschleudert, manches einfach durchgebracht, anderes gut angelegt. Mag ich mit dem Buch meines Lebens selbstbewusst und fröhlich vor Gott treten? Würde ich mich so begeistert mit ihm darüber beugen, wie es meine Großmutter mit ihrer Cousine tat?
Bilanzen fälscht man nicht, meinte meine Großmutter. Wen sollte ich auch mit einer gefälschten Bilanz meines Lebens überzeugen? Mich, meinen Gott? Also: Bücher offen legen.
Da gibt es unter den Passiva diesen fiesen Geiz, eine Todsünde, so hieß es früher. Tödlich, in der Tat, vor allem für die, vor denen dieser Geiz die Augen verschließt und das Herz, weil er Angst hat, Angst, zu wenig für sich zu bekommen und deshalb nicht abgeben kann. Geiz ist tödlich aber auch für die Geizigen selbst. Denn niemand von uns lebt ganz für sich allein. Jeder Mensch ist darauf angewiesen, dass andere teilen: Geld, aber auch Liebe.
Auf demselben Tisch, auf dem sie das große Kontokorrentbuch aufschlug, füllte meine Großmutter einmal im Jahr die Spenden-Überweisungen aus. Das gehört dazu. Meinte sie. Wenn sie diese Arbeit getan hatte sah sie auch richtig fröhlich aus. Geben macht glücklich, habe ich da gelernt. Dass Menschen, die arbeitslos sind oder arm, kaum noch etwas geben können, nimmt ihnen viel! Freude auf jeden Fall, auch die Würde des Schenkenden.
„Herz, zerreiß des Mammons Kette“ heißt es in einer Bach-Kantate. So einfach ist das gar nicht. Ich habe es erst gelernt, als ich verstanden habe (und auch mein kleines, geiziges Herz es endlich verstanden hat), dass man das Kostbarste im Leben nicht kaufen kann: Die Liebe. Nur mit sehr viel Liebe kann auch unser Vater im Himmel uns hartherzige Menschen ertragen, und nur aus Liebe hat Jesus unser Leben geteilt. Die Liebe vertreibt den Geiz aus den Herzen, denn Liebe will sich verschenken, nur so bringt sie Zins und Zinseszins. Als ich das verstanden habe, da habe ich auch gespürt, wie glücklich es macht, wenn die Liebe die Ketten des Mammons zerspringen lässt. Ich ahne, dass sich damit gut leben lässt - und zuletzt auch sterben.
Dann werden die Bücher meines Lebens aufgetan. Und die Bilanz meines Lebens? Ich stelle mir vor, dass ich mich dann in die Arme meines göttlichen Bürgen schmiege, so wie jetzt in die Arme des Liebsten. Bezahlt, quittiert. Mein Leben: Ein Gewinn.
Pfarrerin Dr. Angela Rinn, Mainz, Evangelische Kirche SWR 2 - Wort zum Tag vom 28.6.10 - Dr. Angela Rinn
Buchstaben des Lebens
Menschen schreiben das Buch ihres Lebens. Auf seinen Seiten hat sich auch Gott eingetragen.
Wie buchstabiere ich mein Leben? Wenn ich auf den Anfang schaue erkenne ich ein Alphabet des Lebens, das mir vorgegeben ist. Buchstaben des Lebens: die Form meiner Nase und die Farbe meiner Augen, meine Zehennägel und das Muttermal - alles genau festgelegt. Wahrscheinlich ist es auch keine reine Erziehungssache, ob ich ein Draufgänger bin oder ein schüchternes Menschenpflänzchen. Buchstaben des Lebens. Die Familie fügt neue hinzu. Die Erfahrung, geliebt zu werden und umsorgt oder, schmerzlich, die Entbehrung dieser Erfahrung.
Aus Buchstaben formen sich Worte. Ich lerne, mit den vorgegebenen Buchstaben umzugehen, füge selbständig neue dazu. Es bilden sich Sätze, und von Seite zu Seite entsteht ein Buch. Das Buch des Lebens. Ich schreibe auf seinen Seiten, andere Menschen tragen sich ein - Ich glaube: auch Gott. Ein außerordentliches Buch. Es ist kein Buch, das ich im Griff habe. Weil: dieses Alphabet des Lebens, das bin ich auch selbst! Manchmal kann ich es nur stotternd buchstabieren, manchmal verschwimmen mir seine Zeilen vor den Augen - ich muss wohl geweint haben. Auf anderen Seiten leuchten die Buchstaben, so wie mein Lächeln strahlen kann. Mein Leben - ein lebendiges Buch. Lebendig, weil es sich austauscht mit anderen, von ihnen lernt, sich ihre Sprache zu eigen macht oder auch sich abgrenzt von ihnen.
In der Bibel gibt es im Buch der Sprüche das wunderbare Bild von den Tafeln des Herzens, auf die der Mensch die Gebote Gottes schreiben soll.
Buchstaben des Lebens: Manche sind von Gott geschrieben, auf die Tafeln des Herzens. Wahrscheinlich berühren uns die Lebensgeschichten anderer Menschen genau dann wenn wir spüren, dass das bei ihnen in besonderer Art und Weise gelungen ist. Manche Menschen sagen: Das sind Heilige. Ich finde, die Bibel ist voller Geschichten von Menschen die davon erzählen, wie sie ihr Leben mit Gott buchstabiert haben. Die Bibel ist deshalb für mich ein heiliges, ein außerordentliches Buch. In ihr finde ich Worte die mir helfen, mein Leben zu buchstabieren.
Manchmal verwandelt sich dadurch das holprige Lesen im Buch meines Lebens, mein Stottern, wenn ich nicht weiß, wie meine Geschichte wohl weitergehen wird. Dann stelle ich mir vor, dass Gott selbst auf den Seiten meines Lebens mit schreibt. Mag sein, ich weiß nicht, was ich auf der nächsten Seite meines Lebensbuches lesen werde. Mag sein, ich weiß nicht, warum mancher Satz geschrieben werden musste.
Doch im Rückblick scheint es mir, als ob gerade an den Tagen, an denen ich gerungen habe um Worte, gesucht nach den Buchstaben meines Lebens, mir Gott besonders nah war. Obgleich er so fern schien. Unlesbar. Im Rückblick scheint es mir: Ich kann die Schrift meines Lebens lesen, seinen Sinn verstehen.
Pfarrerin Dr. Angela Rinn, Mainz, Evangelische Kirche SWR 2 - Wort zum Tag vom 29.6.10 - Dr. Angela Rinn
Auf den Knien des Herzens
Schade, dass bei Evangelischen das Knien aus der Mode gekommen ist. Es ist eine wohltuende Hilfe beim Beten.
Ich finde: Gott ist zum in die Knie gehen.
Wir knien ja selten als evangelische Christen. Ich bin sehr gerne evangelisch, aber ich finde es schade, dass wir kaum Gelegenheit dazu schaffen in unseren Gotteshäusern und Gottesdiensten. Bei uns kniet man in der Regel nur bei der Konfirmation und der Hochzeit. In wenigen Gemeinden ist es üblich, beim Abendmahl zu knien.
Ich meine: Es gibt doch Situationen, die erfordern einfach einen Kniefall! Das hat Willy Brandt gespürt und damit die Welt berührt, 1970 in Warschau, als demütige Geste vor den Opfern des Nazi-Regimes, nach der Kranzniederlegung vor dem Warschauer Ghetto. Das angespannte Verhältnis zu Polen konnte sich danach verändern, vorsichtige Öffnung wurde möglich. „Ich hatte das Gefühl, stehen reicht nicht“ hat Willy Brandt später gesagt.
Wenn etwas wirklich wichtig ist, geht ein Mensch in die Knie. Auch wenn es um so private Dinge wie die Liebe geht: Kein Zufall, dass Brautpaare vor dem Altar knien.
Eine Liebe hat man nicht in der Hand - genauso wenig wie das eigene Leben. Und so gibt es im Grunde jeden Tag etwas, wofür ich Gott auf Knien danken kann - oder worum ich ihn bitten möchte. Mit meinen Konfirmandinnen und Konfirmanden habe ich daher Gebetsbänkchen gebastelt. Wir haben miteinander entdeckt, dass wir auf dem Bänkchen lange knien konnten - in einer Mischung aus Demut und Hochmut. Demut, die das eigene Leben in Gottes Hand weiß, und Hochmut, der es wagt, sich an den Schöpfer der Welt zu wenden. Auch körperlich drückt sich das aus: Meine Knie sind gebeugt, mein Kopf streckt sich zum Himmel aus. Klar, erst einmal fanden die Jugendlichen das komisch. Aber sie waren dann selbst verblüfft darüber was sich verändert, wenn sie in die Knie gehen. Sie konnten ruhig werden, gleichzeitig hatten sie viele Ideen und gute Gedanken. Sicher - einige haben sich nicht so richtig damit anfreunden können. Anderen dagegen wurde erst kniend klar, welcher Konfirmationsspruch der richtige für sie sein würde. Auf das Holz des Bänkchens haben dann alle ihren Konfirmationsspruch geschrieben. Und alle haben ihr Bänkchen stolz nach Hause getragen.
Mag sein, es ist verrückt, sich Gott so anzuvertrauen - auf Knien. Doch ich brauche immer wieder auch diese körperliche Erfahrung, dass ich mich Gott auf Knien anvertrauen kann. In meiner Familie gibt es Menschen, die an Arthrose leiden - ich fürchte, eines Tages werde ich es wohl einfach körperlich nicht mehr schaffen, mich kniend Gott anzuvertrauen. Doch ich habe einen Weg gefunden: Wenn meine Gelenke nicht mehr mitspielen, dann tue ich es halt auf den Knien meines Herzens.
Pfarrerin Dr. Angela Rinn, Mainz, Evangelische Kirche SWR 2 - Wort zum Tag vom 30.6.10 - Dr. Angela Rinn
Glaube auf den Sperrmüll?
Es ist wichtig, von Zeit zu Zeit zu überprüfen, ob der eigene Glaube noch zu mir passt oder ein Fall für den Flohmarkt ist.
Mit meinem Sohn war ich auf dem Flohmarkt. Es wurde aber auch Zeit: Kleider, aus denen er schon seit Jahren herausgewachsen ist, Kinderspiele, ausgelesene Krimis und nicht mehr getragene Schuhe verstopften das Haus. Ich mag es, Dinge auszusortieren, es hilft mir, den Kopf zu klären. Wir haben jedes Teil in die Hand genommen und abgewogen: Was brauchen wir, was ist überflüssig und kann auf den Flohmarkt oder auf den Müll.
Natürlich kann man auch Nicht-Materielles aussortieren. Die wenigsten Leute haben mit 40 noch dieselbe Einstellung wie mit 14, und mit 70 wird es wieder anders aussehen - hoffentlich jedenfalls! Es spricht für die eigene Beweglichkeit, auch innerlich ab und an einiges auf den Müll der Geschichte zu werfen, wenn man nicht wie in einem Sperrmülllager leben will.
Da liegt es nahe, den eigenen Glauben auszusortieren, zumal, wenn er unbequem geworden ist wie ein zu enges Kleidungsstück. Unbequem ist für viele Christen auf der Welt ihr Glaube. Für Christen in China, in Somalia, in Indien ist es riskant, oft lebensgefährlich, zu glauben. Merkwürdigerweise haben die Kirchen dort trotzdem einen großen Zulauf, möglicherweise, weil die Menschen in dieser bedrängten Situation eher spüren, was sie an ihrem Glauben haben: eine große innere Freiheit in einer äußerlich unfreien Situation, eine Unabhängigkeit, die ihnen keine Diktatur nehmen kann. Ich merke: Nicht alles, was unbequem ist, muss auf den Müll. Vielleicht passt es gerade deshalb noch zu mir. Bequem bin ich schließlich auch nicht.
Aus anderem bin ich tatsächlich herausgewachsen, zB aus meinem Kinderglauben. Manchen Menschen geht das auch so, aber sie nehmen dann gleich ihren ganzen Glauben wie eine alte Lampe in die Hand und entscheiden sich: Ab damit auf den Müll.
Ich kann das verstehen, schließlich erinnere ich mich noch gut an eine Zeit meines Lebens, in der ich mit meinem Glauben schon an der Sperrmüllstation angekommen war, ja, ihn dort schon abgegeben hatte. Erst kam ich mir richtig befreit vor, aber dann drehte sich das Gefühl. Ich habe gemerkt, dass ich ohne meinen Glauben nicht gut leben kann und will. Ich habe dann lange gesucht, und glücklicherweise konnte ich ihn wiederfinden. Heute weiß ich, dass dieser Glaube das Kostbarste ist, was ich habe.
Es ist gar nicht so einfach den Glauben wiederzufinden, wenn er erst einmal auf der Müllhalde entsorgter Denk- und Glaubensmodelle liegt. Trotzdem plädiere ich dafür, den Glauben immer wieder kritisch in die Hand zu nehmen und abzuwägen: Brauche ich ihn noch? Ist er mir wertvoll? Möglicherweise merke ich erst ja beim Abstauben für den Flohmarktverkauf, dass er einen eigenen neuen Glanz für mich gewinnt.
Pfarrerin Dr. Angela Rinn, Mainz, Evangelische Kirche
Andachten im AprilSWR 2 - Wort zum Sonntag vom 4.4.10 - Dr. Angela Rinn
Karfreitag, auf einem kleinen Friedhof oberhalb des Rheins. Ich beobachte eine junge Frau, die schwungvoll mit ihrem Sportwagen vorfährt. Sie sieht so ganz anders aus als die alten Frauen, die an diesem Feiertagnachmittag die Gräber pflegen: Weiße Jeans, blonde, hochgesteckte Haare. Die Frau greift sich eine Gießkanne und eilt zielgerichtet zu einem Grab. Sie gießt und zupft vertrocknete Blüten ab. Dann braust sie wieder davon. Merkwürdig sieht das Grab aus, das sie gepflegt hat, schon von weitem. Neugierig trete ich näher: „Ein unbekannter Mensch“ steht auf dem Kreuz. Ein unbekannter Mensch - was soll das bedeuten? Drei Frauen stehen zusammen und schwatzen ein wenig. Ich wende mich an sie. „Ach das, ja, das ist eine merkwürdige Geschichte. Ein unbekannter Mann, er wurde in einem Wald gefunden, niemand wusste, wer er war, obwohl, es gab Vermutungen, aber nie wurde wirklich nachgeforscht. Zuletzt haben sie ihn hier beerdigt.“ - „Und die junge Frau?“- „Ach, die hat gar nichts damit zu tun. Aber, ihr tat es leid, keiner weiß warum, und so ließ sie ihn beerdigen, und jetzt kommt sie regelmäßig und pflegt das Grab.“
Ich blicke in die Richtung, in die der Sportwagen davongefahren ist. Sie hatte nichts mit dem Toten zu tun, wenn doch, dann hätten es diese drei älteren Frauen bestimmt gewusst. Nein, diese junge Frau handelt - aus Mitleid. Das wissen die Frauen - und sind fast ein wenig erstaunt darüber.
Auch im ältesten Osterbericht der Bibel sind drei Frauen beteiligt. Und ein Engel. Der sagt: Er ist auferstanden.
Ein Engel in weißen Kleidern. Zur Rechten des Grabs. Das verheißt Glück, aber wer kann das schon wahrnehmen, wenn die Gesetze der Welt gerade aus den Angeln gehoben werden, wenn man sich selbst auf den Tod nicht mehr verlassen kann. Und so fliehen die Frauen vom Friedhof, vom leeren Grab, in dem kein Leichnam mehr ist.
Friedhöfe, sie haben etwas ungemein Verlässliches. Wer hier liegt, kommt nicht mehr weg. Für die drei Frauen, die auf dem kleinen Friedhof beim Rheinsteig ihre Gräber harken und sich dabei unterhalten, wer in der letzten Zeit neu in dieses Planquadrat umgezogen ist, ist auch klar: Hier bleibt, wer hier liegt. Wenn ihnen ein Engel begegnete - ich glaube, sie würden ebenfalls schreiend davonlaufen.
Merkwürdig nur diese junge Frau im Sportwagen.
Er ist auferstanden?
Glaube ich daran? Oder glaube ich an den Tod, der Erde schaufelt auf das Leben?
Geheimnisvoll, dass das Grab leer ist. Und erschreckend. Die Frauen fliehen. So endet das Evangelium nach Markus.
Ein sonniger Karfreitag-Nachmittag. Ein Friedhof, nahe des Rheinsteigs. Eine junge Frau im Sportwagen. Mit weißen Jeans. Möglicherweise haben Engel heute andere Kleidervorschriften. Ist das Grab leer, das sie versorgt?
Nein, unter diesem Stein liegt noch ein Leichnam, den die Polizei nicht identifizieren konnte. Ein unbekannter Mensch.
Es gibt den, der diesen Menschen mit Namen kennt, dessen Knochen unter dem Kreuz nahe des Rheins liegen. Ich finde, es ist, auch für diesen unbekannten Menschen ganz wichtig, dass damals, vor 2000 Jahren, der Stein weggerückt war. Denn sonst wäre sein Kreuz, verwitternd, ein Zeichen der Hoffnungslosigkeit. So aber ist es ein Zeichen des Lebens. Du bist mein Bruder, sagt Christus. Dank mir hast du die Würde eines Königskindes. Du wirst auferstehen. Ohne diese Hoffnung wäre der Glaube nichts.
Manchmal tragen Engel weiße Jeans. Und sie pflegen Königsgräber. Eins gibt’s, nahe St. Goarshausen. Ich habe es am Karfreitag gesehen.
Pfarrerin Dr. Angela Rinn, Mainz, Evangelische Kirche SWR 2 - Wort zum Tag vom 6.4.10 - Dr. Angela Rinn
Alltag
Nach dem Feiern geht´s mit dem Alltag weiter.
Das Leben geht weiter, nach Ostern. Die Jünger surfen nach den aufregenden Ereignissen in Jerusalem allerdings nicht auf einer heiligen Erfolgswelle durchs Leben. Im Gegenteil, es scheint vielmehr, als ob ihnen das Wasser bis zum Hals steht. Den Jüngern geht’s nicht anders als mir heute: Nach Ostern geht der Alltag weiter. Ein Alltag, der hart ist, manchmal frustrierend. Die Jünger werfen die Netze aus, am See Genezareth. Und sie fangen: nichts.
So richtig frisch sieht die österliche Kirche nicht aus. Zum ersten Arbeitstreffen sind noch nicht einmal alle gekommen. Im Johannesevangelium wird erzählt, dass sich nur sieben der elf Jünger zusammenfanden.
Der Alltag ist mühsam, manchmal ist gar kein Erfolg zu sehen, trotz aller Anstrengungen. Manchmal könnte ich vergessen, dass Ostern war, dass uns gutes, erfülltes Leben versprochen ist - auch für den Alltag. Im Johannesevangelium werden die Jünger gefragt: „Was habt ihr erreicht?“ Eine unbequeme Frage, worauf kann ich verweisen - auf zerrissene Netze und Hoffnungen, enttäuschte Träume, langweiliges Einerlei? Manchmal bleibt nur eine ehrliche Antwort: „Nichts,“ antworten die Jünger. Ein Offenbarungseid. Doch Gott hat geschworen, dass wir leben dürfen. Das macht Mut, gegen alle Hoffnungslosigkeit: Das Leben soll nicht vom grauen Alltag aufgefressen werden. Ostern ereignet sich, manchmal in unscheinbaren kleinen Mutmachern, die verhindern, dass ich aufgebe. Schon oft ist es mir, gerade in den erschöpften Momenten meines Lebens so gegangen, daß ich ganz unerwartet eine Atempause geschenkt bekam, ein erfreuliches Erlebnis, ein Lächeln. Nichts ist so profan, als dass Gottes Zuwendung nicht darin erkannt werden könnte. „Wagt es,“ sagt Jesus, „werft das Netz aus“. Versuch´s noch mal, es gibt Hoffnung. Und: Du musst nicht alles alleine schaffen. Nach dem Fischzug lädt Jesus seine Jünger ein, er selbst hat den Tisch gedeckt. Selbst wenn du nichts gefangen hast: Der Tisch ist auch für dich gedeckt. An diesem Tisch haben alle Platz.
Sieben Jünger waren es damals, sechs kennen wir mit Namen. Und der siebte... Ich meine, es ist kein Zufall, dass offen bleibt, wie er heißt. Jeder kann hier seinen Namen einsetzen. Und erfahren, wie freundlich Gott ist.
Pfarrerin Dr. Angela Rinn, Mainz, Evangelische Kirche SWR 2 - Wort zum Tag vom 7.4.10 - Dr. Angela Rinn
Sauber bleiben?
Die ersten Christen trugen ihr Taufkleid eine Woche lang.
Als Zeichen des Neuanfangs haben sich die ersten Christen nach ihrer Taufe weiße Kleider angezogen, die sie eine Woche lang getragen haben. Ich finde es eine schöne Symbolik, dass sie diese Kleider eine Woche lang getragen haben. Denn nach meiner eigenen Erfahrung mit weißen Blusen und Hosen und den Versuchen, sie nur halbwegs sauber über einen Tag zu retten, weiß ich: diese weißen Kleider der Täuflinge dürften nach sieben Tagen nicht mehr ganz weiß gewesen sein. Sich wie neugeboren fühlen durch die Taufe heißt offensichtlich nicht, von nun an unbefleckt durchs Leben gehen zu können. Störfälle wird es immer geben. Darüber kann ich mich ärgern, ich kann es aber auch tröstlich finden. Sie zeigen mir, dass ich es nicht alleine schaffe, es aber auch nicht alleine schaffen muss. Denn die Flecken auf den weißen Kleidern der Täuflinge machen die Taufe nicht ungültig. Sicher, auch die frischgetauften Christen hätten sich lieber eine Woche lang rein weiß gezeigt. Scheiternd entdeckten sie:
Auch nach der Taufe wird sich Gott von keinem Fleck, von keinem Schatten, von keinem Schmutz abhalten lassen, seine Menschen zu lieben.
Wenn ich mich gräme über das, was mein Lebenskleid verdreckt, dann kann ich mir das manchmal gar nicht vorstellen, das Gott mich liebevoll ansieht. Am liebsten möchte ich schrubben und waschen bis nichts mehr zu sehen ist. Das funktioniert schon bei manchen Flecken auf meiner Bluse nicht, erst recht dann nicht, wenn ich meine, ich könnte aus eigener Kraft klinisch rein mit meinem Lebenskleid vor Gott dastehen. Ich kann es versuchen - schon größere Geister als ich sind daran gescheitert.
Wir Menschen mit unseren Taufkleidern voller Flecken und Schmutz, wir sind darauf angewiesen, dass er uns erträgt mit unserem Dreck und unserem Leben, das tatsächlich keinem Reinheitstest standhält. Was mich tröstet ist: Auch im schmutzigsten Taufkleid findet sich noch ein Rest Weiß. Und selbst wenn wir es nicht so wahrnehmen können wird es Gott für uns entdecken, mit seinem Blick der Liebe. Wo ich nur grau und dreckig sehen kann, wo ich mich schäme über jeden Fleck, da sieht er den winzigsten weißen Rest. Und manchmal wird mir, im Rückblick, klar, dass dank Gott selbst die Flecken auf meinem Lebenskleid durch seinen liebevollen Blick einen Sinn gewinnen können. So mancher dunkle Schatten hilft mir andere Menschen zu verstehen, die gerade unter solch einer Dunkelheit leiden. Und jeder Dreckspritzer ist eine Lebensversicherung gegen Arroganz.
Mein Taufkleid, nach vielen Jahren ist es nicht mehr weiß. Doch ich trage es mit Stolz und Freude, denn es ist lebendiges Zeichen dafür, dass nichts mich trennen kann von der Liebe Gottes.
Pfarrerin Dr. Angela Rinn, Mainz, Evangelische Kirche
Andachten im FebruarSWR 2- Wort zum Tag vom 25.2.10 - Dr. Angela Rinn
Du kannst dich nicht verstecken
Darf der Staat Gott spielen und die Daten seiner Bürger auf Vorrat speichern?
In der nächsten Woche entscheidet das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, ob Menschen Gott spielen dürfen. Dann stellt sich heraus, ob Menschen alles über jeden wissen dürfen. Ein Grundsatzurteil wird erwartet: Inwiefern ist die Vorrats-Speicherung von Daten aus Internet- und Telefonverbindungen zulässig?
„Warum sollte man Daten nicht speichern dürfen?“ fragen die Befürworter. „Der unbescholtene Bürger hat nichts zu befürchten. Zumal die Inhalte nicht angezapft werden.“ Stimmt - aber das ist auch gar nicht nötig. Unglaublich, aber wahr, schöne neue Welt: Unsere reinen Verbindungsdaten allein genügen, um unser Leben zu durchschauen, zu wissen, wem wir vetrauen, was für Probleme wir haben, wo wir uns bewegen. So wenig wie Adam sich im Paradies hinter den Büschen verstecken konnte, so wenig gelingt dies vor dem - leider anonymen - Auge der digitalen Überwachung. Ohne eine einzige e-mail oder ein einziges Telefonat direkt abgehört zu haben erschließt sich aus den reinen Daten das soziale Netzwerk und die Stellung eines Menschen in der Gesellschaft. Wer so viel weiß, hat Macht - gottähnliche Macht, wie ich finde, nur dass für mich das Auge Gottes zu einem liebevollen Schöpfer gehört, während ich nicht weiß, welche Augen meine digitalen Kommunikationsdaten erforschen. Mag sein, heute gehören sie zu einem demokratischen Staat, morgen könnten diese digitalen Möglichkeiten einer menschenfeindlichen Diktatur zur Verfügung stehen. Im übrigen meine ich, dass meine Kommunikationsdaten meine Privatsache sind und niemanden etwas angehen.
Von Anbeginn der Schöpfung haben Menschen - siehe Adam - sich gegen Gott aufgelehnt, haben mit ihm um ihre Selbstbestimmung gekämpft, auf ihrer Unabhängigkeit beharrt. Eine lebendige, spannungsreiche Geschichte zwischen Mensch und Gott ist daraus entstanden, in der beide Seiten gelitten und geliebt haben. Solch ein lebendiges Miteinander kann ich mir mit den Herren der Vorratsdatenspeicherung nicht vorstellen. Zumal sie wohl auch - im Gegensatz zu Gott - kein Interesse haben, mit mir über meine Wege zu diskutieren - sie wollen sie nur kennen. So dass ich mich nicht verstecken kann, so gern ich es auch möchte, es sei denn, ich verzichte auf e-mails, sms und Telefon. Wer kann das schon. Ich nicht.
In der nächsten Woche entscheidet es sich, ob wir ab sofort eine zweite Instanz haben, vor der wir uns nicht verstecken können. Gott bewahre uns und schenke den Richtern seine göttliche Weisheit.
Pfarrerin Dr. Angela Rinn, Mainz, Evangelische Kirche SWR 2 - Wort zum Tag vom 26.2.10 - Dr. Angela Rinn
Nackt
Von Blöße, Scham und menschlichem und göttlichem Richten.
Nackt sind wir vor Gott, so heißt es wörtlich in der Bibel. Das ist, erst einmal, keine angenehme Vorstellung. Sauna hin, FKK-Strand her, die meisten Menschen mögen es nicht, wenn sie nackt fremden Augen und deren Urteil ausgeliefert sind. Wenn andere genau sehen, was die Kleidung barmherzig verbirgt: Ein Fettpolster, eine Narbe, eine Warze.... Eine Scham, uralt wie die Vertreibung aus dem Paradies, als die erste Menschen ihre Nacktheit verbargen, denn sie hatten gelernt, zu unterscheiden. „Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist“, hatte die Schlange versprochen. Nur wer unterscheiden kann, kann auch richten. Die Menschen, die vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten und gelernt hatten, zu unterscheiden, zwischen Gut und Böse, die konnten dann auch richten. Andere Menschen. Und ihr eigenes Herz...
Die Schlange hatte allerdings nur die halbe Wahrheit erzählt. Denn die Menschen hatten zwar gelernt, zu unterscheiden, messerscharf, verletzend, zerstörerisch, manchmal auch heilsam, versöhnlich, doch sie waren nicht wie Gott geworden. Und so blieb ihr Richten bei allem Mühen merkwürdig unscharf, immer vorläufig. Unsere Rechtssprechung bewahrt die Ahnung dieser Unschärfe: In dubio pro reo, das Eingeständnis des Zweifels. Im Zweifel für den Angeklagten, weil der Richter eben nicht Gott ist. Schrecklich daher ein Rechtssystem, das auch noch meint, vom Baum des Lebens gegessen zu haben und sich anmaßt, über Leben und Tod zu richten, Leben nimmt, das doch nur Gott schenken kann. Jedes Todesurteil ist daher eine Gotteslästerung.
Gott richtet anders als die Menschen. Rechenschaft müssen wir schon ablegen für unser Leben. Das glauben Christen. Und möglicherweise wird das schmerzhaft sein, weil gerade das, worauf ich so stolz bin, worauf ich mir so viel einbilde, nichts gilt vor ihm. Schmerzhaft, weil meine Eitelkeit entlarvt wird, meine aufgeblähte Wichtigtuerei. Und erstaunlich, weil das bewahrt werden könnte, was ich eigentlich gering achtete.
Vielleicht wäre all dies nicht auszuhalten, wenn ich nicht wüsste und daran glauben dürfte, dass er uns Menschen liebevoll richtet. Denn der Mensch schämt sich einzig vor einem liebenden Auge nicht seiner Nacktheit. So dass ich mich, vor ihm, offen zeigen darf, frei, vor aller menschlichen Unterscheidung, und gerade so - im Paradies.
Pfarrerin Dr. Angela Rinn, Mainz, Evangelische Kirche SWR 2 - Wort zum Tag vom 27.2.10 - Dr. Angela Rinn
Leben ist zerbrechlich
Liebe und Leben kann man nicht absichern, nur leben.
Diese Woche in der Uni-Klinik, nach einem Besuch stehe ich noch ein wenig im Flur, genug, um viel zu sehen. Eine Frau kommt aus dem Arztzimmer, der fragende Blick ihres Partners, Tränen, eine unbeholfene Umarmung. Menschen mit Gehhilfen schleppen sich mühsam durch den Gang. Patienten warten bang auf ihren Termin.
Wie sehr wir daran leiden können, wenn es uns trifft, oder plötzlich das Liebste. Wenn der nächste Mensch krank wird, bedroht ist in seiner zerbrechlichen Schönheit, so wie jeder Mensch, ausnahmslos, es ist. Alles ist zerbrechlich, jede Sicherheit, jeder Schatz, jede Liebe...
„Hätte Gott das nicht anders machen können“, fragt mein Sohn. Ich sehe ihn an. „Nein, mein Schatz“, sage ich, „er wollte es wohl so. So zerbrechlich. So fragil. Und so schön.“
Und vielleicht spüren wir etwas von Gottes Liebe zu uns Menschen, wenn wir jemanden lieben, gerade so, wie er uns entgegentritt, zerbrechlich, gefährdet, und uns ängstigen um sein Leben.
Hätte er das nicht anders machen können? Ja, manchmal frage ich das auch, hätte er sich nicht bessere Werkzeuge auswählen können, perfekt und stark. Nicht so - schwach... nicht so - menschlich... Und ist seine Schöpferkraft nicht verschwendet in Wesen, die eine Krankheit verunstalten und töten, eine Enttäuschung niederdrücken kann? Manchmal denke ich: Ich möchte den Zauber bewahren, den Augenblick halten, das Glück bewahren, das Wunder einkasteln für mich. Doch das Wunder ist nicht für ewig. Es ist für den Moment, es ist für die Gegenwart. Leben geschieht: Jetzt!
Jetzt ist die Zeit der Gnade. Jetzt. Wann auch sonst?
Plötzlich entsteht gerade so eine ungeheute Stärke. Ich ahne, woran das liegen kann. Wenn ich nicht sichern, sondern die Zerbrechlichkeit zu leben wage, wenn ich mich nicht um das Glück sorgen, sondern es ausstrahlen mag, dann verwandelt sich meine Angst in Zuversicht. Wenn ich es wage, nicht perfekt, sondern arm, bedürftig, verwundet, und trotzdem gerade so lebendig zu sein, wenn ich es wage, im Jetzt zu leben trotz einer lähmenden Vergangenheit und einer beängstigenden Zukunft, dann verwandelt sich meine Schwäche in Stärke.
Hätte Gott das nicht anders machen können? Hätte er, wahrscheinlich schon, was sollte ihm unmöglich sein? Mag sein ich wäre, ohne Risse und unzerbrechlich, ohne Angst und Leid. Doch ich ahne: Ich wäre auch sehr starr. Und einsam. Doch wenn ich mit den Fingern die Zerbrechlichkeit meines Lebens nachziehe, dann führen mich diese Linien stets weiter zu anderen Menschen und zu Gott.
Pfarrerin Dr. Angela Rinn, Mainz, Evangelische Kirche |